Auf ein Wort…..

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Mensch, wo bist du?“ – Ich kann mir gut vorstellen,
wie jemand diesen Satz in sein Handy spricht. Ungeduldig steht er
am vereinbarten Treffpunkt, doch der, auf den er wartet, lässt sich
nicht blicken. Schließlich greift er zum Telefon und ruft an: „Mensch,
wo bist du denn?“

„Mensch, wo bist du?“ – Diese Frage steht
als Losung über dem Evangelischen Kirchentag, der im Mai in Bremen
gefeiert wird. Hier ist es Gott, der den Menschen anruft. Wer so
angesprochen wird, der ist gerade nicht da. Er stellt sich nicht
der Verantwortung, entzieht sich, versteckt sich. So wie die beiden
ersten Menschen, Adam und Eva im Paradiesgarten. Wenn Sie die Geschichte
im 1. Buch Mose nachlesen, werden Sie feststellen, dass es dort
heißt: „Adam, wo bist du?“ Aber das hebräische Wort Adam bedeutet
übersetzt nichts anderes als „Mensch“. Die Geschichte vom „Sündenfall“,
wie sie in der Bibel überschrieben ist, ist also eine Geschichte
über das Menschsein, über die Möglichkeiten und Grenzen des Lebens,
unsere Wünsche und Versuchungen, Ziele und Herausforderungen.

Gott, so wird erzählt, hat mitten in der Wüste
einen Garten angelegt. Die ersten Menschen sollen ihn bebauen und
bewahren. Sie haben alles, was sie brauchen und müssen sich nur
an eine Regel halten: Von dem einen Baum, dem Baum der Erkenntnis
von Gut und Böse, dürfen sie nicht essen. Aber sie tun es natürlich
doch, verführt von der Schlange und getrieben von ihrer eigenen
Neugier, von dem Wunsch, Grenzen zu überschreiten. Da, so heißt
es, wurden ihnen die Augen aufgetan. Und was sehen sie? Nicht, dass
sie wie Gott sind, wie die Schlange es ihnen versprochen hat, sondern
dass sie nackt sind. Nackt waren sie von Anfang an, doch sie schämten
sich nicht. Nun aber haben sie ihre Unbefangenheit verloren. Sie
schämen sich voreinander und flechten sich Schurze aus Feigenblättern.
Und sie schämen sich auch vor Gott und verstecken sich im Gebüsch.

Gott lässt die Sache nicht einfach auf sich
beruhen. Gegen Abend geht er durch seinen Garten und sucht die Menschen:
„Mensch, wo bist du?“, ruft er. Gott ruft den Menschen zur Verantwortung.
Denn seit der Mensch weiß, was gut und böse ist, trägt er selbst
die Verantwortung für sein Tun und Lassen und dann eben auch die
Konsequenzen.

„Mensch, wo bist du?“ – Unter diesem Motto
geht es beim Kirchentag um die Suche nach Menschlichkeit in unserer
Gesellschaft. Die Losung soll nachdenklich stimmen und fragt: Mensch,
wofür stehst du im Leben? Wo schlägt dein Herz? Wo ist dein Standpunkt?
Mensch, wo bist du, wenn Wälder, Flüsse und das Klima zerstört werden?
Wo bist du, wenn Menschen im Elend leben und an Hunger sterben?
Mensch, wo bist du in der Einsamkeit der Hochhäuser und im Leid
der Slums? Mensch, wo bist du, wenn Kinder vernachlässigt und Alte
abgeschoben werden? Wo bist du, wenn Menschen wieder einmal die
Grenzen überschreiten, die im Leben heilsam sind? Mensch, wo bist
du?

Gott helfe uns, dass wir auf seine Frage antworten
können: Hier bin ich, Herr!

Ihre Pastorin
Almuth Schwichow

Neues aus der Gemeinde und Presbyterium

Neues aus Gemeinde und Presbyterium

von Peter – Christian Rose
und Jutta Winchenbach

  • Glückwünsche zum Jubiläum

Die neuen Medien
haben viele Vorteile, aber auch so ihre Tücken. Das bemerkten wir
beim Durchblättern der letzten Ausgabe von „Gemeinde jetzt“. Und
auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wird aufgefallen sein, dass
der Kurzbericht „Zurückblicken und gratulieren“ unten auf Seite
24 plötzlich mitten in einem Wort endete. Irgendwo zwischen Layout
und Druckerei muss der zweite Teil des Berichtes verloren gegangen
sein: Am 9. März konnte Pfr. Harald Mühlbach (in Klafeld tätig vom
1. November 1968 – 31. Dezember 1992) nun sein 40-jähriges Ordinationsjubiläum
begehen, leider nicht mehr im Beisein seiner Ehefrau Barbara Susanne,
die am 14. November letzten Jahres nach langer, schwerer Krankheit
heimgegangen ist. Pfr. Albert Fricke (in unserer Kirchengemeinde
von 1960 – 1962 und von 1977 – 1989 tätig und inzwischen 80 Jahre
alt) konnte am 18. Januar sogar sein 50-jähriges Ordinationsjubiläum
feiern. Er wohnt mit seiner Ehefrau Helga in Niederschelderhütte.
Wir gratulieren beiden Theologen ganz herzlich und wünschen ihnen
für ihren weiteren Lebensweg viel Kraft und Gottes reichen Segen!
 

  • Verzicht
    auf Ausflug

Die Mitglieder
des Kirchenchores trafen sich Anfang März zu ihrer turnusmäßigen
Jahreshauptversammlung. Nach der Begrüßung und der Verlesung von
Jahresbericht und Kassenbericht standen die Vorstandswahlen an.
Mit sehr großer Mehrheit wurden Edith Groos als 1. Vorsitzende,
Paul-Heinrich Groos als 1. Kassenwart, Anette Weber als 1. Schriftführerin,
Rosemarie Völkel als 1. Notenwartin und Inge Bäcker als Beisitzerin
wiedergewählt und für zwei weitere Jahre in ihren Ämtern bestätigt.
Ein deutliches Zeichen für die gute, von allen geschätzte Arbeit
der Vorstandsmitglieder! Chorleiterin Andrea Stötzel freut sich
für das laufende Jahr auf das regelmäßige Singen in den Gottesdiensten
sowie natürlich auf den Gottesdienst zur Einweihung der Orgel. Gespannt
blickt sie auch auf das für Anfang Oktober geplante Konzert für
Orgel und Chor; auf alle Dienste wird sie die Sängerinnen und Sänger
bestens vorbereiten. Aus Termingründen wird der Kirchenchor in diesem
Jahr auf einen Ausflug verzichten, dafür soll es 2010 aber wieder
einmal einen Zweitagesausflug geben.
 

  • Zeugnis
    gegen Gleichschaltung

Am 31. Mai feiert
die Evangelische Kirche ein besonderes Jubiläum: Die Barmer Theologische
Erklärung wird 75 Jahre alt. Sie entstand in der Zeit der nationalsozialistischen
Diktatur und war das erste gemeinsame Glaubenszeugnis der ev. Christinnen
und Christen in Deutschland nach der Reformationszeit. Die Erklärung
der Bekenntnissynode von Barmen, einem Stadtteil von Wuppertal,
richtete sich gegen den absoluten Anspruch des totalitären Weltanschauungsstaates
und war somit ein mutiges Zeugnis gegen die damalige Gleichschaltung
der Kirche mit dem NS-Staat und gegen die Vermischung der christlichen
Botschaft mit der NS-Ideologie. In sechs Thesen wurden „evangelische
Wahrheiten“ herausgestellt und die falschen Lehren der „Deutschen
Christen“ verworfen. Mit der Erklärung entstand die Bekennende Kirche
und mit ihr ein beständiger Störfaktor im Inneren des Dritten Reiches.
Auch in unserer Kirchengemeinde kam es zwischen 1934 und 1945 zu
großen Spannungen zwischen den „Deutschen Christen“ und der Bekennenden
Kirche, ja, die Jahre waren sogar „gekennzeichnet von schwersten
Kämpfen und Erschütterungen“ (siehe Festschrift zum 100-jährigen
Bestehen der Ev.-Ref. Kirchengemeinde Klafeld, S. 21 – 26). Die
Barmer Theologische Erklärung „gilt bis heute als schriftgemäße,
für den Dienst der Kirche verbindliche Bezeugung des Evangeliums.
In der Evangelisch-reformierten Kirche hat sie den Rang einer Bekenntnisschrift“.
Übrigens: Im Ev. Gesangbuch lässt sie sich leicht nachlesen; sie
ist dort unter der Nr. 858 auf den Seiten 1377 ff zu finden.
 

  • Hilfe
    durch Spenden

Ein aufrichtiges
Dankeschön sagen wir für alle Spenden, die in den letzten Wochen
bei uns eingegangen sind. Für das Projekt „Brot für die Welt – Nachhaltige
Landwirtschaft in Burkina Faso“ erhielten wir bis zum 19. März exakt
3.601,46 €. Für das Projekt „Trompete für die Jungbläser“ erreichten
uns seit 27. Januar noch einmal 530,00 €, so dass hier ein Endstand
von 790,00 € vermeldet werden kann. Und auch für die Kibiwo (Kinderbibelwoche)
wurden schon erste Überweisungen und Einzahlungen getätigt; Christine
Albertin und Brigitte Veltzke im Gemeindebüro hinter der Talkirche
konnten hier in 19 Tagen bereits 460,00 € auf der Habenseite verbuchen.
Ihre Spenden, liebe Leserinnen und Leser, werden selbstverständlich
den von Ihnen gewünschten Zwecken zugeführt, und sie helfen uns,
unsere Aufgaben zu erfüllen. Nochmals herzlichen Dank!
 

  • Hungermarsch
    für Straßenkinder

300 Kinder, Jugendliche
und Erwachsene, darunter auch der Redakteur mit seiner Ehefrau,
nahmen am 29. März am 12. Hungermarsch des Pastoralverbundes Hüttental-Freudenberg
teil. Die Veranstaltung stand wieder unter dem Motto „Solidarität
geht – Wandern für die Andern!“ Die Schirmherrschaft hatte diesmal
Prälat Prof. Josef Sayer aus Aachen übernommen, die Organisation
lag in den Händen des Pfarrgemeinderates und des Eine-Welt-Kreises.
Es konnten unterschiedliche Strecken von fünf, zehn und fünfzehn
Kilometern Richtung Charlottental, Tiergarten und Panzerstraße ausgewählt
werden. Der Start erfolgte um 12.45 Uhr von St. Joseph aus. An den
verschiedenen Kontrollpunkten gab es für die Wanderer Mineralwasser
und Tee; das Wetter war recht durchwachsen: Mal Sonne, mal Regen-
und Graupelschauer. Gut, dass wir Schirme mithatten! Der Hungermarsch
sollte erneut eine Solidaritätsaktion zugunsten der Dritten Welt
sein, wobei Bewusstseinsbildung und gemeinsames Handeln im Vordergrund
standen. Insgesamt erwanderten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
über 8.107 €, aber es werden noch einige Überweisungen erwartet.
Der Erlös kommt wieder dem Projekt „Hoffnung für Straßenkinder in
Accra (Ghana)“ und der Arbeit von Pater Victor Lotola im Kongo (Gemeindeentwicklung
im Urwald) zugute. Übrigens: Die Wanderer erwartete nach ihrer Rückkehr
ein reichhaltiges Buffet mit Kuchen und belegten Brötchen, und Urkunden
gab es auch! Am späten Nachmittag klang das gemütliche Beisammensein
im Pfarrheim aus.
 

  • Empfang
    mit Grußworten

Annette Mehlmann
ist die neue Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle
(EFL) des Kirchenkreises siegen. Am 15. März wurde sie im Gottesdienst
in der Weidenauer Christuskirche in ihr neues Amt eingeführt. Seit
acht Jahren hatte die Diplom-Sozialpädagogin die stellvertretende
Leitung der Einrichtung inne. Sie ist ausgebildete Familien- und
Systemtherapeutin und auch approbierte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin.
Superintendentin Annette Kurschus trug der neuen Leiterin auf, ihren
Dienst treu, gewissenhaft, zur Ehre Gottes und zum Besten der Menschen
zu tun. Nach dem Gottesdienst gab der Kirchenkreis einen Empfang
im ev. Gemeindehaus Dautenbach. In vielen Grußworten wurde deutlich,
dass die neue Leiterin sehr geschätzt wird, und dass die Beratungsstelle
in der hiesigen Region einen hohen Stellenwert besitzt. Annette
Mehlmann bedankte sich für alle guten Wünsche. Abschließend führte
sie aus, dass es ihr wichtig sein, auch künftig zu sehen, was die
Menschen in der Stadt, im Kreis und im Kirchenkreis bräuchten.
 

  • Taufsprüche
    auf Englisch

„Wenn wir in jedem
Monat so viele Taufen hätten, brauchten wir uns um den zahlenmäßigen
Bestand keine Sorgen machen“, so Pfr. Dr. Martin Klein am 22. März
im Gottesdienst in der Wenschtkirche. Und tatsächlich: 3 Taufen
am 1. März, 5 Taufen am 15. März und eine Woche später noch einmal
deren fünf, d. h. 13 neue Gemeindeglieder in einem Monat! Auf den
letzten Taufsonntag soll etwas näher eingegangen werden: Viele Gottesdienstbesucher,
frohe Taufgesellschaften, schöne Lieder, fünf individuell gestaltete
Taufkerzen und eine tolle Ansprache. Getauft wurden ein Kleinkind,
ein 10-jähriges Mädchen, eine Konfirmandin und ein in Teheran (Iran)
geborenes Ehepaar, dass bei uns ein neues und sicheres Zuhause gefunden
und dem Islam nun endgültig den Rücken gekehrt hat. Pfarrer Martin
Klein sagte die beiden letzten Taufsprüche auf Deutsch und auf Englisch,
für die beiden neuen Gemeindeglieder war es „ein sehr großer, bewegender
und sehr wichtiger Moment“ in ihrem Leben! Wir heißen alle Getauften
in unserer Gemeinschaft herzlich willkommen! Möge Gott sie segnen
und sie beschützen und behüten!
 

  • Verabschiedung
    im Juni

Seit  September
2006 arbeitet Katharina Pokrzywa als Gemeindeassistentin im hiesigen
Pastoralverbund Hüttental-Freudenberg, also auch in unseren beiden
Schwestergemeinden St. Joseph und St. Marien. Nach drei Jahren geht
diese Phase nun zum 30. Juni zu Ende. Wie im Pfarrbrief für den
Monat Februar von Pfr. Karl-Hans Köhle berichtet wurde, möchte Katharina
Pokrzywa  auf eigenen Wunsch nicht in den Dienst das Erzbistums
Paderborn übernommen werden. „Sie wird somit Ende Juni aus dem Dienst
in unseren Gemeinden ausscheiden.“ Ihre Verabschiedung soll beim
Pfarrfest von St. Joseph am 28. Juni erfolgen. Wir bedanken uns
bei Katharina Pokrzywa für ihre offene Art und die engagierte Zusammenarbeit
im Bereich der Ökumene, zuletzt beim Aussendungsgottesdienst der
Sternsinger. Wir wünschen ihr für den weiteren Lebensweg alles erdenklich
Gute und Gesundheit und Gottes gutes Geleit!
 

  • Neues
    aus Bielefeld

Die Evangelische
Kirche von Westfalen hat eine positive Zwischenbilanz der 2006 eingeführten
Vorruhestandregelung für Theologinnen und Theologen ab 58 Jahren
gezogen. Mehr als 100 Pfarrerinnen und Pfarrer, unter ihnen Pfr.
Burkhard Schäfer, haben inzwischen von dieser Regelung Gebrauch
gemacht. Wie Oberkirchenrat Martin Kleingünther einräumte, sei die
Einführung der Ruhestandsregelung anfangs umstritten gewesen. Sie
habe jedoch Einsparungen und Bewegung in den „fast völlig erstarrten
Pfarrstellenmarkt“ gebracht. Und noch eine weiter interessante Mitteilung
aus Bielefeld: Die Differenz zwischen Aus- und Eintritten hat sich
deutlich verringert. Im Jahr 1996 kamen auf einen Eintritt fast
vier Austritte (5.774 zu 18.721). Im letzten Jahr betrug das Verhältnis
nun 5.238 zu 9.095: Die Zahl der Eintritte in die Evangelische Kirche
von Westfalen ist also nahezu gleich geblieben, die Zahl der Austritte
hingegen konnte fast halbiert werden.

Predigt für das Osterfest

GOTTESDIENST FÜR DAS OSTERFEST

Talkirche, 13.4. 2009
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Lk 24,13-35

Es ist Ostern
in Siegen, morgens um neun. Ein schöner, lauer Frühlingstag hat
begonnen, wie man ihn sich zu Ostern wünscht. Deshalb hat Herr Hinz,
Bankangestellter und Presbyter in einer evangelischen Kirchengemeinde,
beschlossen, heute mal zu Fuß zum Gottesdienst zu gehen. Als er
das Haus verlässt, hört er vom Dach eine Amsel singen, und aus dem
Vorgarten leuchten ihm die Osterglocken entgegen. Frohgelaunt macht
er sich auf den Weg zur Kirche.

An der nächsten
Ecke trifft er Frau Kunze. Er kennt sie gut aus dem Gottesdienst,
denn die alt gediente Frauenhilfsfrau ist sie fast jeden Sonntag
da. „Frohe Ostern, Frau Kunze!“ begrüßt er sie. „Na, ist das nicht
ein herrlicher Frühlingsmorgen?“ – „Ach, Herr Hinz, ich kann mich
da heute gar nicht so richtig drüber freuen.“ Erst jetzt sieht Herr
Hinz, dass Frau Kunze tatsächlich ziemlich bedrückt aussieht. „Gerade
wenn ich sehe, wie jetzt wieder alles zu blühen anfängt, muss ich
an meinen Mann denken. Sie wissen ja, dass unser Garten sein Ein
und Alles war. Er hatte sich so auf die Gartenarbeit gefreut, als
er letztes Jahr in den Ruhestand ging, aber dann bekam er diesen
Herzinfarkt, und nun ist er schon drei Monate tot. Jetzt sitze ich
ganz allein in dem großen Haus, und ich weiß gar nicht, ob ich es
mir auf Dauer noch leisten kann, wo ich doch jetzt weniger Rente
kriege. Mein Sohn kann mir auch nicht helfen: Seiner Firma sind
die Aufträge weg gebrochen, und er rechnet jeden Tag mit der Kündigung.
Und meine älteste Enkelin kommt im Sommer aus der Schule. Sie müsste
sich mal langsam um eine Lehrstelle kümmern, aber sie hängt nur
rum und weiß überhaupt nicht, was sie will. Und wenn ich sie drauf
anspreche sagt sie: Ach, Oma, was hab ich denn in dieser Welt noch
für eine Zukunft! Ist das nicht bitter? Ich hab immer geglaubt,
mit Ehrlichkeit, Fleiß und Gottvertrauen kommt man gut durchs Leben.
Aber jetzt kommt es mir manchmal so vor, als ob Gott uns im Stich
gelassen hätte, und ich frage mich, womit wir das verdient haben.“

Dass Frau Kunze
ihm auf einen harmlosen Gruß so rückhaltlos ihr Leid klagen würde,
darauf war Herr Hinz nicht gefasst. Als sie fertig ist, hat sich
seine gute Osterlaune verflüchtigt. Er muss an letzten Montag denken.
Da hatte er als zuständiger Sachbearbeiter einem ortsansässigen
Betrieb weitere Kredite verweigern müssen. Sicher, er kannte die
Argumente dafür: miserable Bilanzen, viel zu hohe Betriebskosten,
kaum Entwicklungspotential und dann noch die schlechte Lage auf
dem Finanzmarkt. Aber trotzdem hatte er sich dabei ziemlich mies
gefühlt. Die Firma würde pleite gehen und schon wieder zwanzig Leute
ihre Arbeit verlieren. Und dann fällt ihm noch die letzte Presbyteriumssitzung
ein: Wieder 3 % weniger Gemeindeglieder als im letzten Jahr, und
der Haushalt nur noch mit Rücklagen zu decken. Für dringende Investitionen,
auch um Energie zu sparen und das Klima zu schonen, fehlt das Geld.
Es sei denn eins der beiden Gemeindehäuser wird geschlossen und
verkauft – aber was das dann für einen Aufstand gibt! Herr Hinz
ertappt sich einmal mehr bei dem Gedanken, warum er sich eigentlich
immer noch für eine Kirche abrackert, die nur noch Löcher stopft,
sich ständig unglaubwürdig macht, und deshalb gerade bei jungen
Menschen auf kein Interesse mehr stößt. Weil ihm das so durch den
Kopf geht, versucht er gar nicht mehr, Frau Kunze aufzumuntern.
Er sagt nur: „Ich kann Sie gut verstehen, Frau Kunze, mir geht es
oft ganz genauso.“ Und so setzen sie ihren Weg zur Kirche fort,
nun beide in dunkles Grübeln versunken.

Plötzlich hören
sie, wie sie von der Seite jemand anspricht: „Guten Morgen und frohe
Ostern! Warum machen Sie denn so traurige Gesichter?“ Da sehen sie
erst, dass noch jemand neben ihnen hergeht. Sie waren so in ihre
trüben Gedanken vertieft, dass sie gar nicht mitbekommen haben,
wie er zu ihnen gestoßen ist. Sie haben ihn beide noch nie gesehen,
aber er hat ein freundliches Gesicht, das Vertrauen erweckt.

„Na, Sie scheinen
ja wenig davon mitzubekommen, was zur Zeit los ist, wenn Sie noch
so fröhlich sind“, sagt Herr Hinz. Seine eigene gute Laune von vorhin
hat er bereits gründlich vergessen. „Die Wirtschaftskrise. Die Klimakatastrophe.
Überall Krieg, Terror und Elend. Und keiner weiß ein Mittel dagegen,
auch die Kirche nicht – die wird immer kleiner und geht pleite.
Manchmal frage ich mich, warum ich eigentlich noch an einen Gott
glaube, der anscheinend auch nichts dagegen tun kann und von dem
deshalb niemand mehr etwas wissen will.“ Und Frau Kunze fügt hinzu:
„Ich mache mir große Sorgen um die Zukunft meiner Enkel. Und ich
vermisse meinen Mann so sehr. Manchmal habe ich das Gefühl, dass
mein Glaube mit ihm gestorben ist.“

„Ganz so ahnungslos,
wie Sie denken, bin ich nicht“, sagt der Fremde. „Aber haben Sie
denn ganz vergessen, dass heute Ostern ist?“

„Dass Ostern ist,
wissen wir selbst“, sagt Herr Hinz. „Wir sind ja schließlich auf
dem Weg zur Kirche. Aber das ändert auch nichts an der Lage.“

„Vielleicht doch“,
entgegnet der Fremde. „Erinnern Sie sich doch mal, wie es den Jüngern
Jesu ging, nachdem er gekreuzigt worden war: Die waren wahrhaftig
auch in keiner angenehmen Lage. Jesus hatte gesagt, dass mit ihm
Gottes neue Welt anbrechen würde, also Friede und Gerechtigkeit
für alle und Leben in Fülle. Zum Zeichnen dafür hatte er Kranke
geheilt und sich mit Armen und Rechtlosen an einen Tisch gesetzt.
Das hatte seine Anhänger überzeugt. Sie hatten ihm bedingungslos
vertraut und darauf gewartet, dass Wirklichkeit werden würde, was
Jesus sagte. Aber jetzt war plötzlich alles vorbei. Der Hohe Rat
hatte Jesus verhaftet, die Römer hatten ihn wie einen Verbrecher
hingerichtet – und nichts war geschehen. Keine Legion Engel war
ihm vom Himmel zu Hilfe geeilt, und die Erde hatte sich nicht aufgetan,
um seine Widersacher zu verschlingen. Selbst seine Freunde hatten
seine Sache verloren gegeben und sich in alle Winde verstreut. Aus
der Traum von Gottes neuer Welt!

Aber dann geschah
das Wunder von Ostern: Nichts hatte sich äußerlich seit Jesu Kreuzigung
verändert. Und trotzdem stellten sich dieselben Leute, die sich
eben noch enttäuscht verkrochen hatten, in aller Öffentlichkeit
hin und behaupteten: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Nichts
konnte sie von der Überzeugung abbringen, dass ihnen tatsächlich
der lebendige Jesus erschienen war. Vorher hatten sie es nicht zusammenbringen
können: die Hoffnungen, die Jesus geweckt hatte, und seinem schmachvollen
Tod. Aber jetzt ging ihnen der Zusammenhang auf: Wenn es wirklich
Jesus war, der erschienen war – und davon waren sie überzeugt –,
dann musste Gott Jesus von den Toten auferweckt haben. Und das hieß:
Gott steht zu dem, was Jesus gesagt und vorgelebt hat. An ihm, seinem
Reden und Wirken, lässt sich tatsächlich erkennen, wie Gott ist.
Wenn sich aber Gott so zu Jesus bekannt hatte, dann galt das auch
für seinen Tod. Den Jüngern wurde bewusst: Auch an seinem Ende,
als er machtlos war gegen Verrat, Spott, und Misshandlung, war er
so wie Gott. Als Jesus starb, verzichtete Gott auf seine Allmacht
und wurde genauso macht- und hilflos gegen Unrecht, Leiden und Tod
wie wir Menschen. Und als Jesus auferstand, da zeigte sich: Gerade
dadurch, dass Gott sich in Unrecht, Leiden und Tod hineinbegab,
hat er sie überwunden. Mit dieser Gewissheit konnten Christen zu
allen Zeiten die Welt so ertragen, wie sie ist. Und sie gab ihnen
zugleich die Kraft, sich gegen den Tod und für das Leben einzusetzen,
damit die Welt nicht so bleibt, wie sie ist.

Ich denke, dass
gilt auch für Sie beide: Äußerlich ändert die Osterbotschaft nichts
an Ihrer Lage, das ist wahr. Aber ich glaube, dass darin eine große
Kraft liegt, die vieles ändern kann, wenn man sich ernsthaft darauf
einlässt. Wäre das nicht auch für Sie eine Aussicht für die Zukunft?“

Nach dieser langen
Rede des Fremden herrscht eine Zeitlang nachdenkliches Schweigen.
Dann sagt Frau Kunze: „Ich weiß nicht, ob ich das alles verstanden
habe. Aber mir fallen manche Momente ein, wo ich mich besonders
traurig und einsam gefühlt habe. Oft hat mich dann ein Bibelwort,
ein Gesangbuchvers oder auch der Besuch einer guten Freundin getröstet.
Vielleicht war mir Gott in solchen Momentan tatsächlich besonders
nahe.“ Und Herr Hinz meint: „Doch, das kenne ich auch. Wenn ich
nach einer anstrengenden Arbeitswoche besonders niedergeschlagen
bin, dann wird mir der Gottesdienst als Ruhepol besonders wichtig,
und ich spüre, wie er mir Kraft gibt für das, was in der kommenden
Woche ansteht.“

Während sie so
noch eine Weile weiterreden, kommen sie schließlich bei der Kirche
an. „Es hat gut getan, sich mit Ihnen zu unterhalten“, sagt Herr
Hinz. „Kommen Sie doch mit zum Gottesdienst, dann können wir nachher
noch weiterreden!“

„Danke“, sagt
der Fremde, „ich muss weiter. Aber vielleicht begegnen wir uns trotzdem
im Gottesdienst wieder. Leben Sie wohl!“ Und bevor sich Frau Kunze
und Herr Hinz noch richtig von ihm verabschieden können, ist der
Fremde genauso plötzlich wieder verschwunden, wie er gekommen ist.

„Seltsam“, sagt
Frau Kunze. „Wo ist er so plötzlich hin? Und wie hat er das wohl
gemeint, dass wir uns im Gottesdienst wieder treffen?“

„Keine Ahnung“,
sagt Herr Hinz. „Aber kommen Sie, wir sind spät dran – ich höre
schon die Orgel!“

Von der Predigt
bekommt Herr Hinz diesmal wenig mit. Er muss immer noch an die seltsame
Begegnung von vorhin denken. Beim Abendmahl fällt sein Blick auf
die bunten Fenster im Chorraum, die heute besonders schön in der
Sonne leuchten. Eines der Bilder zeigt den auferstandenen Christus.
Für einen Moment hat er das Gefühl, dass die Christusfigur den Kopf
zu ihm hinwendet und ihm zulächelt – mit dem freundlichen Lächeln
des Fremden von vorhin. Er stutzt. „Jetzt habe ich schon Halluzinationen“,
denkt er. Aber dann reicht ihm Frau Kunze, die neben ihm steht,
den Teller mit dem Brot. „Christi Leib, für dich gegeben“, sagt
sie und lächelt. Da versteht er endlich, was geschehen ist. „Amen“,
sagt er, bricht sich ein Stück Brot ab und lächelt zurück. Als zum
Ausgang das „Christ ist erstanden“ gesungen wird, singt er so fröhlich
mit wie schon lange nicht mehr.

Und siehe,
zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von
Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus.
Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschickten. Und es
geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da
nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden
gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen:
„Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?“
Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas,
antwortete und sprach zu ihm: „Bist du der einzige unter den Fremden
in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen
ist?“ Und er sprach zu ihnen: „Was denn?“ Sie aber sprachen zu ihm:
„Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten
und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester
und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir
aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das
alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben
uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei
dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen,
sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.
Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die
Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.“ Und er sprach zu ihnen:
„O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten
geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine
Herrlichkeit eingehen?“ Und er fing an bei Mose und allen Propheten
und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.

Und sie kamen
nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte
er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns;
denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er
ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen
zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.
Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand
vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: „Brannte nicht unser
Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift
öffnete?“

Und sie standen
auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden
die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: „Der Herr
ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.“ Und sie erzählten
ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt
wurde, als er das Brot brach.

Predigt für den Karfreitag

GOTTESDIENST FÜR DEN KARFREITAG

Wenschtkirche, 10.4. 2009
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Joh 19,16-30

Sie nahmen
nun Jesus, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die
da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten
sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in
der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf
das Kreuz; und es war geschrieben: „Jesus von Nazareth, der König
der Juden.“ Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte,
wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben
in hebräischer, lateinischer und griechischer Spreche. Da sprachen
die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: „Schreib nicht: Der König
der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.“
Pilatus antwortete: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“

Als aber die
Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten
vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand.
Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen
sie untereinander: „Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum
losen, wem es gehören soll.“ So sollte die Schrift erfüllt werden,
die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben
über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Es standen
aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter, seiner Mutter Schwester, Maria,
die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine
Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er
zu seiner Mutter: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ Danach spricht
er zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“ Und von der Stunde
an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als
Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit
die Schrift erfüllt würde: „Mich dürstet.“ Da stand ein Gefäß voll
Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn
auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den
Essig genommen hatte, sprach er: „Es ist vollbracht!“ und neigte
das Haupt und verschied.

Ich muss gestehen:
Ich habe mich lange Zeit darüber geärgert, wie das Johannesevangelium
von der Kreuzigung Jesu berichtet. Die anderen Evangelien, vor allem
Markus, schienen mir mit ihrer Darstellung des Geschehens viel näher
an der Wirklichkeit zu sein: Jesus, der auf dem Weg nach Golgatha
unter seinem Kreuzbalken zusammenbricht, von Misshandlungen geschwächt.
Jesus, der zwischen Himmel und Erde hängt und von allen verlassen
ist: von den Gaffern und Spöttern sowieso, aber auch von seinen
Leidensgenossen links und rechts, von seinen Freunden, die sich
alle verkrochen haben, und sogar von seinem Vater im Himmel. Jesus,
dessen letzter Laut auf Erden kein wohlgesetztes Psalmwort ist,
sondern ein wortloser Schrei. – Ja, so kann ich ihn mir vorstellen,
den grausamen Tod des Jesus von Nazareth.

Bei Johannes dagegen
verliert Jesus fast alle menschlichen Züge. Hier trägt er sein Kreuz
selbst bis zur Hinrichtungsstätte. Hier muss Jesus keinen Spott
und keine groben Späße auf seine Kosten erdulden. Stattdessen bleibt
er bis zum Schluss Herr des Geschehens: Er trifft noch eine letztwillige
Verfügung für seine Mutter und den Jünger, den er lieb hat. Er sagt
nicht etwa „Mich dürstet“, weil er Durst hat, sondern nur, „damit
die Schrift erfüllt wird“. Seine letzten Worte sind nicht „Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ sondern: „Es ist
vollbracht“, Auftrag ausgeführt. Und er stirbt auch nicht einfach,
sondern „neigt sein Haupt und übergibt seinen Geist“, wie es wörtlich
heißt. Hier ist der Tod also ein bewusster Akt, mit dem Jesus sein
irdisches Leben zurück in Gottes Hände legt. Eine Liedstrophe, die
Johann Sebastian Bach in seine Johannes-Passion aufgenommen hat,
fasst das gut zusammen und macht es uns allen zum Vorbild: „Er nahm
alles wohl in Acht / in der letzten Stunde: / seine Mutter noch
bedacht, / setzt ihr ein’ Vormunde. / O Mensch, mache Richtigkeit,
/ Gott und Menschen liebe. / Stirb darauf ohn’ alles Leid / und
dich nicht betrübe.“ Als Ideal für die christliche Hospizbewegung
geht das vielleicht in Ordnung. Aber kann ein brutal gequälter Gekreuzigter
so in den Tod gehen? So souverän und unangefochten, scheinbar „ohn’
alles Leid“? Wohl kaum!

Inzwischen allerdings
denke ich anders über das Johannesevangeliums. Zwar glaube ich immer
noch, dass eine Video-Aufnahme der Kreuzigung Jesu uns ein völlig
anderes Geschehen zeigen würde, wenn es sie denn gäbe. Aber der
Wahrheit hinter dem, was da geschieht, würde uns eine solche Aufnahme
nicht näher bringen. Wir wissen ja heute, wo aus jedem Krieg und
von jeder Katastrophe live berichtet wird, wie wenig man den Kamera-Bildern
trauen darf. Wie hätten sie da die Wahrheit eines Geschehens erfassen
können, das nach christlicher Überzeugung Gott und die Welt umspannt.
Wenn also die Kreuzigung Jesu tatsächlich mehr war als nur die Hinrichtung
eines potentiellen Aufrührers – eine von vielen in der Amtszeit
des Pontius Pilatus – dann erfahren wir es eher in den Evangelien
als durch so genannte unabhängige Zeugen, selbst wenn wir sie hätten.

Und inzwischen
ist mir auch deutlicher geworden, dass Johannes sich höchstens graduell
von den anderen Evangelien unterscheidet. Auch sie berichten nicht
objektiv über den Tod Jesu, sondern deuten ihn im Sinne ihres Glaubens.
Johannes konnte dabei noch einen Schritt weiter gehen, weil seine
Leser die anderen Evangelien wohl schon kannten. Und erst recht
wussten sie, anders als wir, aus eigener Anschauung, wie es zuging
bei einer Kreuzigung. Die Römer sorgten schon dafür, dass jeder
mit ansehen konnte, was ihm blühte, wenn er sich gegen ihre Herrschaft
auflehnte. Die kurze Bemerkung „und sie kreuzigten ihn“ reichte
den Lesern des Evangeliums also völlig, um die ganze Grausamkeit
der Szenerie vor Augen zu haben: die gleichgültige Brutalität der
Henkersknechte, die Nägel, die sie durch Hand- und Fußwurzeln schlugen,
die entwürdigende Zurschaustellung, die nackten, verkrümmten Körper,
schutzlos der Hitze oder Kälte ausgeliefert, die entsetzlichen Qualen,
die sich über Tage hinziehen konnten, bevor die Gekreuzigten endlich
an völliger Entkräftung krepierten. Wenn Jesus gekreuzigt worden
war, dann war es auch ihm so und nicht anders ergangen – das wusste
in den ersten drei Jahrhunderten jeder Christ zwischen Atlantik
und Euphrat.

Trotzdem ist der
Evangelist überzeugt: hinter diesem brutalen Geschehen lief etwas
ganz Anderes ab, ja sogar etwas völlig Entgegengesetztes. Anscheinend
machten die Römer mit Jesus, was sie wollten, aber in Wahrheit war
er selber der Handelnde, der am Ende sagen konnte: „Es ist vollbracht!“
Anscheinend bekamen die Hohenpriester, die Jesus verklagten, ihren
Willen, aber in Wahrheit erfüllte sich hier der Wille Gottes, das,
wozu Jesus überhaupt in die Welt gekommen war. Hier starb kein Verbrecher,
der sich den Titel „Körnig der Juden“ nur angemaßt hatte, sondern
gerade indem er starb, erwies sich Jesus tatsächlich als der König
der Juden, der Messias Israels. Seine Dornenkrone wurde zum Siegeskranz,
seine tiefste Niedrigkeit zur Verherrlichung, sein Tod zum ewigen
Leben für alle, die an ihn glauben.

Und darauf kommt
es nun an: dass wir das glauben können, was Johannes uns sagt. Dass
wir den Karfreitag noch feiern, macht nur Sinn, wenn er für uns
nicht nur der Todestag des Menschen Jesus von Nazareth ist. Es macht
nur Sinn, wenn wir glauben, dass Gott den Tod Jesu mit gestorben
ist, um die Macht des Todes ein- für allemal zu brechen. Denn wenn
Menschen sterben, hat der Tod gewonnen – egal ob sie jung oder alt
sind, egal, ob sie ihren letzten Atemzug in weißen Kissen tun oder
in Dreck und Blut nach einem Bombenangriff. Wenn aber Gott stirbt,
und zwar nicht, weil die Menschen ihn für tot erklären, sondern
weil er die Menschen so sehr liebt, dass er sein Leben für sie lässt,
dann geht das nicht für Gott böse aus, sondern für den Tod – und
für alle, die sein Geschäft betreiben. Nichts anderes ist die Überzeugung
des Johannesevangeliums: als Jesus starb, starb Gott mit ihm, denn
er und der Vater sind eins.

Diese Sätze sind
für uns nur schwer auszuhalten. Denn wir sind es ja gewohnt, Gott
für unsterblich zu halten. Gott und der Tod – das geht für uns nicht
zusammen. Aber wir glauben auch, und daran liegt uns sehr viel,
dass Gott die Liebe ist. Und ich denke, wir geben Johannes Recht,
wenn er Jesus zu seinen Jüngern sagen lässt: „Niemand hat größere
Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Das
gilt schon unter Menschen, und es gilt erst recht für Gott. Wir
sind Gottes Freunde: er will, dass wir auf ewig zu ihm gehören.
Und wenn der Tod, der uns dabei im Weg steht, nicht anders zu besiegen
ist, als dass er ihn selber auf sich nimmt, dann geht er diesen
Weg, wird in Jesus Christus Mensch und akzeptiert die Folgen, bis
„alles vollbracht“ ist. Es liegt schon ein Stück Ostern in diesem
letzten Wort Jesu am Kreuz, eine Siegesbotschaft mitten in der tiefsten
Niederlage. Menschlich gesehen ist das absurd, aber wenn es wirklich
der Sohn Gottes ist, der hier „es ist vollbracht“ sagt, dann ist
das wahrer als alles, was wir sonst über den Tod Jesu wissen könnten.

Dass es so ist,
kann ich Ihnen natürlich weder aufzwingen noch andemonstrieren.
Ich kann nur sagen, dass für mich die Realität des Todes in dieser
Welt unerträglich bliebe, wenn es nicht so wäre. Ich müsste sonst
verzweifeln darüber, dass Kinder vor ihren Eltern sterben, dass
Menschen durch Unfälle oder Krankheiten mitten aus dem Leben gerissen
werden. Ich müsste verzweifeln darüber, dass immer noch so viele
Menschen verhungern, obwohl es eigentlich Nahrung genug für alle
gibt. Ich müsste verzweifeln über die Despoten, die ihre Herrschaft
auf Tod und Schrecken gründen, aber auch über gewählte Regierungen,
die für Freiheit und Demokratie über Leichen gehen. Ich müsste verzweifeln
über alle, die bereit sind, das Lebensecht irgendeines Menschen
angeblich höheren Interessen zu opfern. Und ich müsste auch verzweifeln
an meinem Beruf, der mich immer wieder an Sterbebetten und Gräber
führt. Was hätte ich da noch zu sagen, wenn der Tod über uns das
letzte Wort behielte? Was würde es bringen, bei Trauerfeiern an
all die unvollendeten Lebensläufe zu erinnern, wenn nicht einer
für uns vollbracht hätte, was wir selbst nicht zu Ende bringen können?
Für uns führt kein Weg aus dem Tod, es sei denn wir begegnen dort
dem Gott, der in Jesus Christus für uns gestorben ist.

Zum Schluss gebe
ich das Wort noch einmal Johann Sebastian Bach bzw. seinem Textdichter
August Picander. Denn die beiden haben für mein Empfinden die Johannes-Passion
besser verstanden als viele gelehrte Theologen vor und nach ihnen.
Auf die Worte „und neiget das Haupt und verschied“ folgt dort eine
Bass-Arie mit folgendem Text: „Mein teurer Heiland, lass dich fragen,
/ da du nunmehr ans Kreuz geschlagen / und selbst gesagt: Es ist
vollbracht: / Bin ich vom Sterben frei gemacht? / Kann ich durch
deine Pein und Sterben / das Himmelreich ererben? Ist aller Welt
Erlösung da? / Du kannst vor Schmerzen zwar nichts sagen, / doch
neigest du das Haupt / und sprichst stillschweigend: Ja.“ Und der
Chor singt dazu den Choralvers: „Jesu, der du warest tot, / lebest
nun ohn’ Ende. / In der letzten Todesnot nirgend mich hinwende /
als zu dir, der mich versühnt, / o du lieber Herre! / Gib mir nur,
was du verdient, / mehr ich nicht begehre!“ Dass er es auch uns
geben möge, das wünsche ich uns allen.

Amen.

25 Jahre in Klafeld: Wolfgang Hofheinz

Prägende Erinnerungen

25 jähriges Dienstjubiläum von Wolfgang Hofheinz

Als Wolfgang Hofheinz am 1. April 1984 als Gemeindepädagoge in
unsere Kirchengemeinde kam, war die Gemeinde noch in 5 Pfarrbezirke
gegliedert – und überall lief „volles Programm“. Das Ideal war in
jedem Bezirk Kindergottesdienst, Kinder- und Jugendgruppen zu haben.
So waren die Erwartungen an ihn sehr hoch. Neue Gruppen und Kreise
baute er in den einzelnen Bezirken auf, war stets Ansprechpartner
für die Mitarbeiter. Doch alles konnte auch er nicht schaffen: 5
Bezirke, ein hauptamtlicher Mitarbeiter, viele parallele Gruppenstunden.
Schnell keimt in ihm der Gedanke an einer bezirksübergreifenden
Arbeit und Mitarbeiterschulung.

 Zu seinen Stärken gehört, dass er einen guten und fördernden
Umgang mit allen Mitarbeitern pflegte und nach wie vor pflegt. Ungezählte
sind so z. B. durch die guten Erfahrungen in der KiBiWo zu langfristigen
Mitarbeitern geworden. Es gab und gibt sicherlich keine Mitarbeiterin
oder keinen Mitarbeiter in der Gemeinde, der noch nicht an einem
der wirklich schönen, informativen und geselligen Wochenend-Schulungen
in Dornholzhausen bei Gießen teilgenommen hat. Bis tief in die Nacht
wurden Rollenspiele geübt, Diskussionen geführt, gebastelt und viel
miteinander gelacht.


Bereits in den ersten Jahren seiner Tätigkeit baute er die Teestubenarbeit
im Lutherhaus auf. Wolfgang Hofheinz schaffte es mit der Teestube
im Lutherhaus, die unterschiedlichsten Charaktere an einen Tisch
zu bekommen. „Hard Rocker“ saßen neben „Techno-Freaks“, kamen ins
Gespräch und duellierten sich nach Lust und Laune am Kicker. Auch
aus dieser Arbeit sind sehr viele neue Mitarbeiter hervorgegangen,
die den Spaß am Umgang mit Kindern und Jugendlichen von Wolfgang
aufgenommen und ihn z. B. in die Sommerfreizeiten oder in die Jungscharen
weitergetragen haben.

So erinnert sich Pfr. Schäfer:
Schon bald kam bei Wolfgang
und mir die Überlegung auf, wie man Verbindungen zwischen der Teestubenarbeit
(bzw. der Jugendarbeit im Allgemeinen) und dem Konfirmations-Unterricht
schaffen könnte. Im Lutherhaus fand beides unter einem Dach statt
– und so bot sich eine Zusammenarbeit an. Seitdem haben wir alle
Konfi-Gruppen im Talbezirk gemeinsam begleitet. Teilweise kamen
noch ehrenamtliche Mitarbeiter aus der Jugendarbeit dazu (z. B.
Peter Geisweid). Es wurde für mich zu einer außerordentlich guten
und fruchtbaren Zusammenarbeit. Wolfgang brachte seine reichen Erfahrungen
aus der religionspädagogischen Arbeit und aus der Erfahrungspädagogik
ein. So habe ich viel von ihm lernen können.

Das veränderte den Kirchlichen Unterricht (KU) nachhaltig: aus
einem sehr kognitiven Unterricht wurde ein KU, der die Kinder bzw.
Jugendlichen bei Ihren Erfahrungen abholte und sie in die Lebendigkeit
biblischer Texte mit einbezog. Es wurden Gleichnisse nachgespielt
und erlebbar gemacht, Psalmen kreativer gestaltet und die Auszugsgeschichte
des Volkes Israel erfahrbar gemacht.

Eine wichtige Gruppenerfahrung bedeutete in jedem Jahr die Konfi-Freizeit
in Dornholzhausen – immer gemeinsam mit Pfrn. Schwichow und den
Konfis des III. Bezirks. Auch war Wolfgang daran gelegen, dass die
Arbeit mit Menschen in angemessenen Räumen stattfand. Bei dem ständigen
Geldmangel in der Kirchengemeinde wurde er dann selbst kreativ und
gestaltete zusammen mit den Mitarbeitern Gruppenräume, die Teestube
und den Konfi-Raum.

Das alles motivierte die Konfis vor oder nach dem KU die Teestube
zu besuchen oder zum „Konfitreff“ zu kommen. Für viele Konfirmanden
wurde so Wolfgang Hofheinz zum wichtigsten Repräsentanten der Kirchengemeinde
– und nicht selten auch zum Seelsorger.

Brücken hat Wolfgang in den vergangenen 25 Jahren viele gebaut:
zwischen den Mitarbeitern der verschiedenen (Bezirks)Gruppen, zwischen
„seinen“ Mitarbeitern und ihm und natürlich zu seinem Publikum –
der Gemeinde. Durch seine sehr offene Art, durch seine tollen Spielkreationen
und -ideen und durch seine Musik findet er schnell den richtigen
Draht zu den Menschen. Und nicht selten haben kleine und große Menschen
aus dem Publikum die Seite gewechselt, sind zu (seinen) langjährigen
Mitarbeitern geworden.

Seine Liebe zu großen und kleinen Spielen brachte ihn auch auf
die Idee, einen Spielnachmittag für die ganze Familie anzubieten
– das Spielekarussell. Im November eines jeden Jahres bietet es
eine fantastische Auswahl an Spielen, die jeder nach belieben ausprobieren
kann. Mittendrin und mit fachkundigem Rat steht natürlich Wolfgang
Hofheinz zur Verfügung.

Es gibt noch viele Aktivitäten, die Wolfgang Hofheinz in unserer
Gemeinde gestartet hat. Was ich hier zusammen mit Burkhard Schäfer
aufgeschrieben habe, sind unsere Erinnerungen an die Zusammenarbeit
mit ihm. Manche Dinge von denen wir hier erzählt haben, liegen schon
eine Weile zurück – so wie unsere aktive Zeit als Mitarbeiter mit
ihm auch schon etwas zurückliegt. Das was Wolfgang aktuell ausarbeitet
und anbietet, lesen Sie ja in jeder Ausgabe von „Gemeinde jetzt“:
Im April können wir uns wieder auf eine spannende KiBiWo freuen.

Marc Höchst
Burkhard Schäfer