Predigt vom 19.2.2012

 

GOTTESDIENST FÜR DEN SONNTAG
ESTOMIHI

Pfr. Dr. Martin Klein
Talkirche,
19.2. 2012
Text: Amos 5,21-24.27

Ich hasse eure Feiertage und verachte
sie
und mag eure Versammlungen nicht riechen.
An euren
Speisopfern habe ich kein Gefallen
und mag auch eure fetten
Dankopfer nicht ansehen.
Tu weg von mir das Geplärr deiner
Lieder;
denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Stattdessen
sollte das Recht strömen wie Wasser
und die Gerechtigkeit
wie ein nie versiegender Bach.
Und ich will euch wegführen
lassen bis jenseits von Damaskus,
spricht der HERR.

Stellen Sie sich
vor, wir feiern hier in der Talkirche einen festlichen Gottesdienst.
In den Bänken wird es eng, sogar die Empore ist gut gefüllt. Auf
dem Altar steht das Abendmahlsgeschirr, silbern glänzend und frisch
poliert. Die Sonne scheint herein und taucht die bunten Chorfenster
in ein zauberhaftes Licht. Alle sind gut gelaunt und freuen sich
auf einen schönen, erbaulichen Vormittag. Beim Vorspiel zeigt Andrea
Stötzel, was sie kann und was die 28 Register der Mebold-Orgel an
wunderbaren Klängen hergeben. Nach der Begrüßung singt der Kirchenchor,
vielleicht spielen auch die Bläser aus Klafeld oder Setzen. Alle
haben fleißig geübt und tun ihr Bestes zur Ehre Gottes und zur Freude
der Gemeinde. Die will da natürlich nicht zurückstehen und singt
beim ersten Lied kräftig und fröhlich mit. Die Eingangsliturgie
nimmt ihren Lauf. Der Wochenpsalm wird gesprochen, und nach dem
Gebet will der Pastor gerade Amen sagen, da ruft in einer der hinteren
Reihen plötzlich jemand laut und vernehmlich: „Halt, hört auf damit!“

Der Pastor guckt
verdutzt, alle drehen sich um oder beugen sich über die Emporenbrüstung,
um zu sehen, was da los ist. Der Mann, der jetzt aus seiner Bankreihe
in den Mittelgang tritt, ist fremd in Geisweid. Auch in Setzen,
Buchen oder Birlenbach kennt ihn niemand. Was will der hier, und
was hat er bloß? Aber noch bevor irgendwer diese verwirrten Fragen
sortieren kann, beginnt der Mann mit erhobener Stimme zu sprechen:
„Hört auf! Gott hasst eure Festgottesdienste, und eure Abendmahlsfeiern
kann er nicht ausstehen. Eure Kollekten sind ihm egal, und er pfeift
auf eure großzügigen Spenden. Lasst ihn in Ruhe mit eurer ewigen
Singerei! Euer Getröte und Orgelgedudel geht ihm auf die Nerven.
Geht lieber nach Hause und setzt euch für eure Mitmenschen ein:
Besucht die Einsamen, kümmert euch um die Kranken, verteidigt die,
denen Unrecht geschieht, lindert mit eurem Geld die Not der Ärmsten,
statt es für teure Neubauten und Mikrofonanlagen rauszuschmeißen!
Aber weil ihr das ja sowieso nicht tun werdet, sage ich euch, dass
Gott euch strafen wird: Immer mehr Leute werden euch wegsterben
und aus der Kirche austreten, ihr werdet immer weniger Kirchensteuern
einnehmen, ihr werdet auf Pfarrer und anderes Personal verzichten
und noch mehr Häuser verkaufen müssen, bis ihr irgendwann nur noch
ein kleines, vergessenes Häuflein seid, das wehmütig der guten alten
Zeit nachtrauert. Wundert euch nicht, wenn es so kommt, denn ihr
habt es nicht besser verdient!“

Was würde wohl
nach diesem Auftritt passieren? Wahrscheinlich wäre erst einmal
Totenstille. Für einen Moment wären alle geschockt, und mancher
würde darüber nachdenken, ob der Mann nicht Recht haben könnte.
Aber dann würde sich wohl doch die Entrüstung Bahn brechen: „Das
ist ja wohl der Gipfel! Wie kann der sich nur so aufblasen? Wie
kann der sich einfach hier rein schleichen und unseren Gottesdienst
stören? Er ist ja noch nicht mal von hier! Wie kann er sich da herausnehmen,
über uns zu Gericht zu sitzen, und das auch noch im Namen Gottes?
Er kann doch gar nicht beurteilen, ob das wahr ist, was er uns vorwirft!
Der gehört bestimmt zu einer Sekte, zu irgend so einem Verein von
fundamentalistischen Spinnern, die glauben, dass sie die Wahrheit
für sich gepachtet haben.“ Dann würden Küster und Presbyter den
Störenfried wohl höflich aber bestimmt hinausexpedieren und ihm
für die Zukunft Hausverbot erteilen. Wahrscheinlich wäre der Vorfall
noch eine Zeitlang Stadt- und Dorfgespräch, vielleicht gäbe es auch
einen Artikel in der Siegener Zeitung mit anschließender Leserbriefdebatte,
aber irgendwann würde der nächste Aufreger kommen und das Ganze
in Vergessenheit geraten lassen.

Aber was wäre,
wenn der Mann tatsächlich im Namen Gottes reden würde? Wenn er ein
Prophet wäre, wie Amos einer war? Dessen Worte stehen heute in der
Bibel. Deshalb gehen wir davon aus, dass er recht hatte, als er
die Opfergottesdienste im Reichsheiligtum zu Bethel verurteilte
– wir haben es eingangs gehört. Die Israeliten, zu denen er sprach,
sind für uns Heuchler und Schurken: feiern prächtige Gottesdienste,
aber kümmern sich nicht um die Not der Armen. Dagegen gilt uns der
Prophet Amos als mutiger Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit und
für Gottes Gebot. Damals jedoch war diese Rollenverteilung keineswegs
klar. Die Menschen im Heiligtum von Bethel waren genauso überzeugt,
Gottesdienst zur Ehre Gottes zu feiern, wie wir das sind. Sie hielten
sich bestimmt mit nicht weniger Recht für anständige Menschen, wie
wir das heute auch tun. Und als der Priester Amazja Amos aus Bethel
nach Juda, in seine Heimat, abschob, da war er überzeugt, im Namen
Gottes zu handeln.

Könnten die Worte
des Amos also auch uns gelten, der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde
Klafeld im Jahre 2012 nach Christus? Geschähe uns Recht mit einer
solchen Strafpredigt? Wir sollten es uns mit der Antwort auf diese
Frage nicht zu einfach machen.

Natürlich gibt
es vieles in unserer Gemeinde, wofür wir froh und dankbar sein können:
Für die vielen engagierten Mitarbeiter, für den guten Gottesdienstbesuch
und das vielfältige Angebot, für das friedliche Miteinander, für
die endlich wieder soliden Gemeindefinanzen, für die vielen Menschen,
die oft ganz im Stillen viel Gutes tun. Wenn man wie ich auch schon
Gemeinden kennen gelernt hat, in denen es das alles kaum oder gar
nicht gab, weiß man diese Dinge sehr zu schätzen. Und ich denke,
dass sich auch Gott darüber freut.

Aber wenn an den
Worten des Amos etwas dran ist, dann ist das alles kein sanftes
Ruhekissen. Man kann sich wohl fühlen in der Gemeinde Klafeld, vieles
für sich mitnehmen und sich vielfältig einsetzen – das ist wahr
und das ist ein Grund zur Freude. Aber es steckt auch immer eine
Gefahr darin. Die Gefahr nämlich, dass die, die drin sind, sich
so wohl fühlen und so sehr mit sich selber beschäftigt sind, dass
sie gar nicht mehr an die denken, die draußen sind. Und das sind
nicht wenige, sondern es ist der Großteil unserer 7400 Gemeindeglieder
– von all den anderen, die um uns herum leben, ganz zu schweigen.
Haben wir uns damit abgefunden, weil es ja immer so war und immer
so bleiben wird, oder treibt es uns noch um?

Es gibt zum Beispiel
bei uns viele alte Menschen, die krank und ein-sam sind, und es
werden immer mehr. Etliche von ihnen haben sogar einmal dazugehört,
kamen zum Gottesdienst, waren im Chor oder in der Frauenhilfe, aber
jetzt sind sie draußen. Denken wir an sie? Werden wir auf sie aufmerksam,
wenn sie in unserer Nähe wohnen? Können wir uns um sie kümmern,
und wenn ja, wie?

Ein zweites Beispiel:
Wir haben zurzeit verteilt auf zwei Jahrgänge gut 150 Konfirmanden.
Und wir sind Träger eines Familienzentrums, das in fünf Tagesstätten
rund 250 Kinder betreut. Viele der Konfis und viele der jungen Familien
haben mit Kirche nicht wirklich was am Hut. Aber vielleicht ändern
sie ihre Meinung, wenn sie merken, dass sie uns willkommen sind,
dass wir bereit sind auf ihre Fragen, ihre Bedürfnisse einzugehen,
auch wenn es andere sind als unsere, so dass sie bei uns einen Platz
zum Dabeisein und Mitmachen finden. Sind wir dafür offen? Tun wir
genug dafür? Oder regen wir uns nur gern auf über Konfis oder Kindergarteneltern,
die sich in der Kirche nicht benehmen können – und gehen deshalb
zu Vorstellungs- oder Familiengottesdiensten, wo man ihnen begegnen
könnte, am liebsten gar nicht hin?

Drittes und letztes
Beispiel: Wir haben als Kirche immer auch einen gesellschaftlichen
Auftrag. Viele erwarten Orientierung von uns: Stellungnahmen zu
aktuellen Problemen und entsprechendes Handeln. Wir mögen uns damit
überfordert fühlen und es deshalb ganz gern den Hauptamtlichen und
den Experten überlassen, aber wir können trotzdem nicht daran vorbei.
Trauen wir uns noch, in Streitfragen eine christlich fundierte Position
zu beziehen, auch wenn wir dafür Prügel einstecken? Nehmen wir unser
Stück Verantwortung für die Geschicke dieser Welt wahr, auch wenn
es vielleicht nur ein sehr kleines Stück ist?

Das sind nur Fragen,
auf die ich keine fertigen Antworten habe. Aber ich finde, wir müssen
darüber nachdenken, und das immer wieder. Wir werden nie alle Probleme
lösen und alle Not beenden können, nicht einmal dann, wenn wir nur
an unsere engste Umgebung denken. Wir werden es auch nie erreichen,
dass alle unsere Gemeindeglieder sich auch am Gemeindeleben beteiligen.
Aber auch wenn wir im Kleinen anfangen, können wir viel bewegen.
Wir müssen es nur wollen und müssen es dann auch tun. Mit einem
„wir können doch eh nichts ändern“ gibt Gott sich jedenfalls nicht
zufrieden. Wenigstens das sollten wir uns von Amos hinter die Ohren
schreiben lassen.

Bevor ich meine
Predigt beende, muss ich allerdings noch ein mögliches Missverständnis
ausräumen. Wir könnten von den Worten des Amos her versucht sein,
Gottesdienst und Dienst am Menschen gegeneinander auszuspielen nach
dem Motto: Gerechtigkeit statt Gottesdienst, Arbeiten statt Beten.
Aber das wäre falsch. Im Gegenteil: Je mehr wir unsere Verantwortung
für unsere Mitmenschen wahrnehmen, desto dringender brauchen wir
den Gottesdienst. Denn wir müssen ja irgendwo Kraft schöpfen für
das, was wir tun. Wir brauchen Vergebung für das, was wir falsch
machen. Und wir brauchen die Gemeinschaft mit Gott und unseren Mitchristen,
die uns Halt gibt. Sonst wird unser Handeln blinder Aktionismus,
und uns wird bald die Puste ausgehen. Damit ist keinem geholfen.
Gottesdienst und Dienst am Menschen gehören zusammen wie Einatmen
und Ausatmen. Also ist es gut, wenn wir auch weiterhin schöne Gottesdienste
feiern – mit Wort und Sakrament, mit Musik und mit Stille, mit Reden
und mit Hören, mit Ernst und mit Freude. Und wenn wir das ausgiebig
getan haben, dann können wir uns frisch gestärkt dorthin wenden,
wo Menschen uns brauchen. Gott segne uns dabei.

 Amen.

 

Predigt vom 22.1.2012

 

GOTTESDIENST FÜR DEN DRITTEN
SONNTAG NACH EPIPHANIAS

Pfr. Dr. Martin Klein
Talkirche,
22.1. 2012
Text: 2.Kön 5,1-19a

Der Predigttext
für den heutigen Sonntag ist eine Geschichte aus dem Alten Testament.
Sie eignet sich schlecht dazu, dass ich sie vorlese und dann darüber
predige – nicht nur, weil sie ziemlich lang ist. Deshalb möchte
ich Ihnen die Geschichte lieber einfach erzählen – so, wie ich sie
verstehe. Sie steht im zweiten Buch der Könige, im fünften Kapitel:

Vor sehr langer
Zeit, als es in Israel noch einen König gab, da lebte in Damaskus
in Syrien ein Aramäer namens Naaman. Naaman war das, was man heute
einen „Erfolgsmenschen“ nennt. Er war ein großer, kräftiger Mann
und zugleich ein kluger Kopf mit einem ausgeprägten Machtinstinkt.
Mit diesen Gaben ausgestattet war er Offizier geworden. Er hatte
sich in den ständigen Kriegen mit Israel bewährt und den Israeliten
eine Niederlage nach der anderen zugefügt. In Israel hasste man
ihn dafür und für die hohen Tributzahlungen, die man seinetwegen
nach Damaskus schicken musste. Aber der König von Syrien war natürlich
begeistert. Er machte Naaman zum Armeechef und zu seiner rechten
Hand. Dass der darüber auch reich wurde, versteht sich von selbst.

Eine Traumkarriere
also. Eigentlich hätte Naaman nun glücklich und zufrieden die Früchte
seines Erfolgs genießen können. Aber da war doch etwas, das ihm
die Freude am Leben vergällte: Naaman litt an einer schlimmen Hautkrankheit,
er war aussätzig. Das, was man da-mals Aussatz nannte, war zwar
nicht direkt lebensbedrohlich und auch nicht ansteckend. Aber Aussätzige
galten als unrein. Die Leute ekelten sich vor ihnen; sie machten
einen Bogen um sie, und sie stellten den gesellschaftlichen Verkehr
mit ihnen ein. Für einen Mann in Naamans Position war das natürlich
eine Katastrophe. Er konnte seine Pflichten bei Hofe nicht mehr
wahrnehmen und seine machterhaltenden Beziehungen nicht mehr pflegen.
Der König hielt zwar an ihm fest. Er vertraute weiter auf seinen
Rat. Aber auch das konnte sich rasch ändern. Kurz gesagt: Naamans
Lage war trotz all seiner Erfolge ziemlich verzweifelt.

Da kam Hilfe von
einer Seite, von der er das nie erwartet hätte. Bei einem seiner
letzten Raubzüge nach Israel hatte er ein israelitisches Mädchen
erbeutet. Er hatte es als Mitbringsel seiner Frau geschenkt und
dann vergessen. Aber eines Tages kam seine Frau zu ihm und sagte:
„Erinnerst du dich noch an das israelitische Mädchen, das du mir
mitgebracht hast? Sie hat mir heute etwas erzählt, das dich interessieren
wird: Ach, dass mein Herr doch bei dem Propheten in Samaria wäre,
hat sie gesagt. Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.“ Naaman
war skeptisch: „Ein israelitischer Prophet soll mich heilen? Selbst
wenn er’s könnte – was ich bezweifle, so wie ich die Israeliten
kenne – ausgerechnet mich wird er bestimmt nicht heilen. Denen kommt
meine Krankheit doch gerade recht! Die hoffen doch bestimmt schon,
dass ich bald weg vom Fenster bin.“

Aber in der Not
greift man bekanntlich nach jedem Strohhalm. Also erzählte Naaman
seinem König von der Sache. „Du solltest hingehen“, sagte der. „Die
Israeliten sind zwar unsere Feinde, aber mir ist egal, wer dich
heilt. Hauptsache, du wirst wieder gesund. Ich brauche dich noch!
Außerdem sind die Israeliten besiegt und haben uns gefälligst zu
gehorchen. Ich werde dir einen Brief an den König von Israel mitgeben.
Da schreib ich rein: Wenn dieser Brief zu dir kommt, so wisse, ich
habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem
Aussatz befreist. Dann soll er halt zusehen, wie er das hinkriegt.
Also mach dich auf den Weg, und komm gesund wieder! “

Das war ein Befehl,
und als alter Soldat musste Naaman natürlich gehorchen. Mit angemessenem
Gefolge machte er sich auf den Weg nach Samaria. Gleich nach seiner
Ankunft überbrachte er dem König von Israel den Brief seines Herrn.
Der las das Schreiben und war entsetzt. „Was erwartet euer König
eigentlich noch alles von mir? Erst soll ich Tribut zahlen, dass
mir kaum das letzte Hemd bleibt, und jetzt soll ich auch noch Kranke
heilen! Was glaubt er denn, wer ich bin? Etwa ein Gott, der töten
und lebendig machen kann? Er sucht doch nur einen Anlass, damit
er einen neuen Krieg anfangen kann! Geh und sag deinem Herrn, dass
ich alles tue, was er will, aber er soll bitte keine Wunder von
mir erwarten!“

Das war’s. Naaman
verließ den Königspalast genauso krank, wie er ihn betreten hatte.
Er blieb noch ein paar Tage in Samaria, unschlüssig, was er tun
sollte. Die Heilung, die er suchte, hatte er nicht gefunden-den.
Aber er konnte doch auch nicht einfach unverrichteter Dinge wieder
nach Hause ziehen. Während er darüber nachdachte, ließ ihn der König
noch einmal zu sich rufen. „Es hat sich inzwischen her-rumgesprochen,
weshalb du hier bist“, sagte er. „Auch ein Gottesmann, der hier
in der Nähe wohnt, hat davon gehört. Er heißt Elischa. Der hat mir
sagen lassen, ich soll dich zu ihm schicken, damit du merkst, dass
ein Prophet in Israel ist.“ – „Ein Prophet“, dachte Naaman. „Auch
das israelitische Mädchen hat doch von einem Propheten gesprochen.
Vielleicht kann er ja tatsächlich was. Ich werd mal zu ihm gehen.
Schaden kann’s nicht!“

So machte er sich
auf den Weg zum Haus des Propheten Elischa. Um Eindruck zu machen,
nahm er sein ganzes Gefolge mit. Zu ihm hinein zu gehen war natürlich
unter seiner Würde. Er blieb vor der Tür auf seinem Wagen und wartete,
bis der Prophet sich zu ihm hinaus begeben würde, um ihn angemessen
zu begrüßen. Aber statt des Propheten selbst kam nur ein Bote, und
der überbrachte eine seltsame Nachricht: Geh hin und wasche dich
sieben Mal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil, und
du wirst rein werden.

„Wie bitte“, sagte
Naaman und merkte, wie ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg. „Das
ist doch wohl eine Unverschämtheit! Das soll ein Gottesmann sein?
Da hab ich in Damaskus aber schon ganz andere gesehen. Die sind
zu dem Kranken hingegangen, haben inbrünstig die Augen verdreht,
salbungsvoll ihren Gott angerufen, theatralisch mit den Händen gewedelt,
und dann war der Kranke geheilt. So was in der Art habe ich hier
auch erwartet. Statt dessen soll ich mich im Jordan waschen – in
dieser trüben stinkenden Brühe! Dann hätte ich auch in Damaskus
in einen Fluss springen können! Da ist wenigstens das Wasser sauber.
Aber das ist mal wieder typisch Israel! Die reden nur immer von
ihrem Gott, aber man bekommt einfach nichts, was man sehen oder
anfassen könnte! Worte, Worte, immer nur Worte! Das ist wirklich
die mieseste Religion, die ich je kennen gelernt habe.“ Sprach’s,
wendete seinen Wagen und sprengte davon, Richtung Damaskus. Sein
Gefolge hatte Mühe, ihm zu folgen.

Als sie Naaman
dann doch wieder einholten, war seine Wut etwas abgeklungen. Deshalb
wagte einer seiner Diener ihn anzusprechen. „Herr“, sagte er, „wenn
dir der Prophet etwas Großes geboten hätte – langes Fasten zum Beispiel,
ein Brandopfer mit hundert Stieren oder eine Millionenspende an
die Prophetengenossenschaft – dann hättest du es doch getan, oder?“
– „Ja, schon“, gab Naaman zu. „Ich würde alles tun, um gesund zu
werden. Aber im Jordan baden – das ist doch einfach lächerlich!“
Der Diener ließ nicht locker. „Du vergibst dir doch nichts, wenn
du es versuchst“, sagte er. „Es ist doch nur eine Kleinigkeit, und
der Jordan ist gar nicht weit weg!“ Da gab Naaman schließlich nach.
„Na gut, ich probier’s. Aber wehe dir, wenn es nicht funktioniert!“

Also bogen sie
bei der nächsten Gelegenheit rechts ab und ritten zum Jordan hinunter.
Und wie Elischa gesagt hatte, stieg Naaman in den Fluss und tauchte
sieben Mal unter. Als er nach dem siebten Mal wieder auftauchte,
war das Wunder geschehen: seine Haut war wieder glatt und rein wie
bei einem Baby. Naaman erkannte sofort, dass das nicht am Wasser
liegen konnte. Wie oft hatte er in allem möglichen gebadet, und
es hatte nichts geholfen! Nein, es war das Wort des Propheten gewesen,
das dieses Wunder bewirkt hatte – das schlichte Wort, das er zuerst
so verachtet und dann doch befolgt hatte. Was musste das für ein
Gott sein, dem dieser Prophet diente! Ein Wort nur von ihm, durch
einen Menschen gesprochen, und alles war anders geworden: Er war
wieder gesund, er konnte wieder am Leben teilnehmen, aber noch mehr:
Er war ein anderer Mensch als vor seinem Bad im Jordan. Er beschloss,
noch einmal zu Elischa zurückzukehren und ihm zu danken.

Diesmal stieg
er ab von seinem Wagen und ging durch die niedrige Tür zu Elischa
ins Haus. „Nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer
in Israel. Deshalb sag mir, wie ich dir danken kann – du kannst
von mir verlangen, was du willst!“ Aber Elischa sagte: „So wahr
der HERR lebt, vor dem ich stehe, ich nehme nichts von dir. Ihm
sollst du danken, nicht mir.“ – „Das will ich auch tun“, sagte Naaman.
„Ich werde nie mehr anderen Göttern opfern, sondern allein dem HERRN.“
Deshalb bitte ich dich nun um eine Gabe: „Lass mich zwei Maultierladungen
Erde aus Israel mitnehmen, damit ich deinem Gott auf seinem eigenen
Land opfern und zu ihm beten kann. Und noch etwas bitte ich dich:
Du weißt, ich bin in Damaskus eine hochgestellte Persönlichkeit.
Es gehört zu meinen Pflichten, dass ich den König begleite, wenn
er in den Tempel Rimmons geht, um dort zu opfern. Der HERR möge
mir verzeihen, wenn ich das auch weiterhin tue!“ Naaman war gespannt,
wie Elischa auf diese Bitten reagieren würde. Würde er die Sache
mit der Erde nicht für finsteren Aber-glauben halten? Und musste
er das Zugeständnis an die syrische Staatsreligion nicht als faulen
Kompromiss verurteilen? Ihm wurde klar, dass er im Grunde noch kaum
etwas über den Gott Israels wusste. Er kannte weder seine Gebote
noch die Art und Weise, wie man ihn verehrte. Er wusste nur eins:
Auf das Wort dieses Gottes konnte man sich verlassen. Er hatte ihn
geheilt und dafür schuldete er ihm sein Leben.

Elischa sagte
zuerst gar nichts. Weder Belehrungen, noch Ermahnungen, noch Vorwürfe.
Er schaute Naaman nur lange in die Augen, und dann sagte er: „Zieh
hin mit Frieden!“ Mehr nicht. Naaman wusste zuerst nicht, was er
damit anfangen sollte. War das nun eine Zustimmung oder eine freundliche
Absage an seine Bitten? Er wartete, ob Elischa noch etwas sagen
würde. Aber es blieb dabei: „Zieh hin mit Frieden!“ Und schließlich
wurde Naaman klar, was diese Worte für ihn bedeuteten: Ja, er hatte
das gefunden, was die Israeliten Schalom nannten: Frieden mit einem
feindlichen Volk und ihrem Gott, Gesundheit für seinen Körper, Heil
für seine Seele, und das hieß letztlich: Frieden mit sich selbst.
Diesen Frieden, diesen Schalom würde ihm niemand mehr nehmen können.
Er würde mit Frieden im Herzen nach Damaskus zurückkehren. Und alles
weitere würde sich dort finden. Es würde sich schon zeigen, wie
er dem Gott Israels auf seine Weise dienen konnte – auch als Nicht-Israelit,
auch in einem fremden Land. Denn er hatte ja am eigenen Leib erfahren,
dass dieser Gott keinen Unterschied machte zwischen Freund und Feind,
zwischen „uns“ und „denen“. Jeder konnte bei ihm Frieden finden,
so wie er. Getrost und voller Freude machte er sich auf den Heimweg.

Amen.

 

Predigten aus Klafeld

 

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Predigt vom 20.11.2011 (EWIGKEITSSONNTAG)

GOTTESDIENST FÜR DEN EWIGKEITSSONNTAG

Pfr. Dr. Martin Klein
Wenschtkirche,
20.11. 2011
Text: Joh 11,1.3-7a.11b-15.17.19-34.38b-45

Es lag aber
einer krank, Lazarus aus Bethanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester
Marta. Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen:
„Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.“

Als Jesus das
hörte, sprach er: „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur
Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht
werde.“

Jesus aber
hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus. Als er nun hörte,
dass er krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er war;
danach spricht er zu seinen Jüngern: „Lazarus, unser Freund, schläft,
aber ich gehe hin, ihn aufzuwecken.“

Da sprachen
seine Jünger: „Herr, wenn er schläft, wird’s besser mit ihm.“

Jesus aber
sprach von seinem Tode; sie meinten aber, er rede vom leiblichen
Schlaf. Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: „Lazarus ist gestorben;
und ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht da gewesen bin,
damit ihr glaubt. Aber lasst uns zu ihm gehen!“

Als Jesus kam,
fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. Und viele Juden
waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders.
Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria
aber blieb daheim sitzen.

Da sprach Marta
zu Jesus: „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.
Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir
Gott geben.“

Jesus spricht
zu ihr: „Dein Bruder wird auferstehen.“

Marta spricht
zu ihm: „Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung
am Jüngsten Tage.“

Jesus spricht
zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt,
der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt
an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?“

Sie spricht
zu ihm: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn
Gottes, der in die Welt gekommen ist.“

Und als sie
das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich
und sprach zu ihr: „Der Meister ist da und ruft dich.“

Als Maria das
hörte, stand sie eilend auf und kam zu ihm. Jesus aber war noch
nicht in das Dorf gekommen, sondern war noch dort, wo ihm Marta
begegnet war.

Als die Juden,
die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria
eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie dachten:
„Sie geht zum Grab, um dort zu weinen.“

Als nun Maria
dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und
sprach zu ihm: „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht
gestorben.“

Als Jesus sah,
wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen
waren, wurde er zornig er im Geist und sprach: „Wo habt ihr ihn
hingelegt?“

Sie antworteten
ihm: „Herr, komm und sieh es!“

Und Jesus kam
zum Grab. Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag darauf. Jesus
sprach: „Hebt den Stein weg!“

Spricht zu
ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: „Herr, er stinkt schon;
denn er liegt seit vier Tagen.“

Jesus spricht
zu ihr: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die
Herrlichkeit Gottes sehen?“

Da hoben sie
den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: „Vater,
ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich weiß, dass du mich
allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage
ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.“

Als er das
gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“

Und der Verstorbene
kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein
Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen:
„Löst die Binden und lasst ihn gehen!“

Viele nun von
den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat,
glaubten an ihn.

Wenn er doch nur
früher gekommen wäre! Er hatte so viele Kranke geheilt. Er hätte
bestimmt auch Lazarus retten können. Aber nun war es zu spät. Volle
ganze vier Tage zu spät. Die Beerdigung war längst vorüber, das
Grab verschlossen und versiegelt. Zu Hause rüsteten die Trauergäste
zum Aufbruch. Und schon war die Angst da vor der Leere, die sie
hinterlassen würden – der äußeren und der inneren. Vier Tage! Hätte
er sich nicht wenigstens ein bisschen mehr beeilen können? Es ging
doch um Lazarus, seinen Freund, ihren Bruder! So weit war es doch
gar nicht vom Ostjordanland nach Bethanien. Diese Gedanken schossen
Marta durch den Kopf, während sie durch das Dorf lief, Jesus entgegen.

Aber nein, sagte
sich Marta nach kurzer Pause, es war ungerecht, was sie da dachte.
Eigentlich konnte Jesus ja gar nichts dafür. In Wirklichkeit war
alles ihre Schuld! Maria hatte gleich gesagt: „Schick doch jemanden
zu Jesus!“ Aber sie hatte nicht auf ihre Schwester gehört. „Bist
du verrückt?“ hatte sie gesagt. „Weißt du nicht mehr, dass sie ihn
fast gesteinigt hätten, als er zuletzt hier in Judäa war? Beim nächsten
Mal bringen sie ihn um! Und außerdem: so ernst wird es schon nicht
sein.“ Es war ernst. Aber Marta hatte es nicht wahrhaben wollen.
Sie kannte sich aus, sie hatte schon viele Kranke gesund gepflegt
– sie würde es auch bei Lazarus schaffen. Aber was sie auch tat
und versuchte, es war trotzdem immer schlimmer geworden. Erst als
sie mit ihrer Heilkunst ganz am Ende war, hatte sie Maria nachgegeben
und jemand zu Jesus geschickt. Aber da hatte Lazarus schon kaum
noch atmen können. Ein paar Stunden später war er tot gewesen. Jesus
hätte gar nicht mehr rechtzeitig da sein können. Und das war ganz
allein ihre Schuld!

Wie Maria sie
angesehen hatte mit ihren verweinten Augen – eben, als jemand die
Nachricht brachte, dass Jesus vor dem Dorf sei. Ein einziger stummer
Vorwurf: Siehst du, Jesus kommt. Trotz aller Gefahr. Er hätte längst
hier sein können, aber du wusstest ja mal wieder alles besser! Bis
du zugibst, dass du was nicht selber schaffst, ist alles zu spät!
Aber Marta hatte gar keine vorwurfsvollen Blicke nötig. Sie machte
sich diese Vorwürfe ja längst selber! Sie konnte an nichts anderes
mehr denken. Sie wusste nicht, wie ihr Leben weitergehen sollte
– ohne Lazarus und dazu noch mit dem Gefühl, dass sie mit schuld
war an seinem Tod. Als sie gehört hatte, dass Jesus kommt, hatte
sie nichts mehr im Haus gehalten. Sie musste zuerst mit ihm sprechen,
allein, ihr Herz vor ihm ausschütten. Er würde sie verstehen. Und
er würde ihr helfen.

Vor dem Dorf traf
sie Jesus. Sie umarmten sich stumm zur Begrüßung. Doch schon bald
brach Marta das Schweigen: „Wenn du hier gewesen wärst, wäre mein
Bruder nicht gestorben.“ Das klang zwar wie ein Vorwurf. Aber in
Wirklichkeit war es das Eingeständnis, dass sie versagt hatte. Und
dann fügte sie noch hinzu: „Aber auch jetzt weiß ich: Was du Gott
bittest, das wird er dir geben.“ Sie wusste selbst nicht so recht,
was sie eigentlich von Jesus erwartete. Dass er Lazarus von den
Toten auferwecken würde? Sie hatte davon gehört, dass er oben in
Galiläa mal ein zwölfjähriges Mädchen wieder lebendig gemacht hatte.
Aber das Mädchen war gerade erst gestorben gewesen. Lazarus war
schon vier Tage tot. Er lag in seinem Grab, und sein Körper verfiel.
Da konnte selbst Jesus nichts mehr machen, und Marta wagte es nicht,
darauf zu hoffen. Aber vielleicht konnte er ihr zeigen, wie es weitergehen
sollte. Vielleicht konnte er ihr die Schuldgefühle nehmen. Vielleicht
konnte er dafür sorgen, dass sie ihrer Schwester Maria wieder in
die Augen sehen konnte. Sonst würde ihr Zusammenleben in Zukunft
unerträglich sein.

„Dein Bruder wird
auferstehen“, sagte Jesus. Marta war enttäuscht über diese Antwort.
„Ja, ich weiß“, entgegnete sie. „Bei der Totenauferstehung am Jüngsten
Tag!“ Das hatte der Rabbi bei der Beerdigung auch gesagt. Und sie
glaubte ja auch daran. Aber von Jesus hatte sie mehr erwartet. Keine
Vertröstung auf später, sondern Trost und Hilfe hier und jetzt.

Jesus schien sie
verstanden zu haben. Er sah sie fest an und sagte: „Ich bin die
Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben,
auch wenn er stirbt; und jeder der lebt und an mich glaubt, wird
nicht sterben in Ewigkeit. Glaubst du das?“ Marta musste erst einmal
kräftig schlucken. Das war allerdings eine ganz andere Antwort,
als der Rabbi sie je hätte geben können. Aber es war auch eine ganz
andere Antwort, als sie erwartet und erhofft hatte. Konnte denn
irgendein Mensch so etwas behaupten? „Ich bin die Auferstehung und
das Leben“ – das konnte doch nur Gott von sich sagen! Nur Gott konnte
Leben schaffen. Er hatte die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen,
er konnte auch Tote aus dem Nichts wie-der lebendig machen. Jesus,
ihr Freund Jesus, den sie so gut zu kennen glaubte, erschien ihr
plötzlich ganz fremd. Plötzlich verstand sie, warum die Priester
und Ältesten in Jerusalem Jesus hassten. Wer so redete und auch
so auftrat, der war entweder ein gefährlicher Irrer oder ein Gotteslästerer.
Als fromme Juden konnten sie gar nicht anders urteilen. Und sie?
Sie war doch auch eine fromme Jüdin. Trotz-dem konnte sie nicht
glauben, dass Jesus verrückt oder ein Gotteslästerer war. Dafür
hatte sie zu viel mit ihm erlebt. Sie hatte gehört, wie er von Gott
redete, sie hatte gespürt, wie Gott ihr nahe war, wenn er sprach,
sie hatte gesehen, wie Menschen durch ihn gesund geworden waren,
und nicht zuletzt hatten sie und ihre Geschwister ihn zum Freund
gewonnen – gerade sie, die unverheiratet war und keine Kinder hatte
und die deshalb von allen schief angesehen wurde. Nein, wer so redete
und handelte wie Jesus, der konnte nicht gegen Gott stehen, der
musste von Gott gesandt sein. Ja noch mehr: in dem musste Gott selbst
gegenwärtig sein. Und deshalb sagte sie: „Ja, Herr, ich glaube,
dass du der Gesalbte bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.“

Jesus war nicht
nur ein guter Mensch und ein guter Freund. Das war ihr jetzt aufgegangen.
Bei Jesus war Gott zu finden. Und deshalb war bei ihm auch das Leben
zu finden, das Gott schenkt. Das Leben, das sie brauchte. Leben
trotz der Trauer um ihren Bruder. Leben trotz aller Schuldgefühle
gegenüber ihrer Schwester. Leben trotz allem Versagen und Scheitern.
Leben trotz der Grenzen, die der Tod zieht. Erfülltes, ewiges Leben
– schon hier und jetzt, nicht erst am jüngsten Tag. Zum ersten Mal
seit Tagen konnte sie befreit aufatmen. Allein ging sie zurück ins
Dorf. Sie wollte Maria holen – auch sie sollte erfahren, was ihr
da gerade aufgegangen war. Aber vielleicht würde es für sie gar
nicht so neu sein. Marta hatte schon immer den Eindruck gehabt,
dass ihre Schwester Jesus mit anderen Augen sah als sie selber.

Was Jesus dann
tat, war natürlich unglaublich. Er ging zum Grab, ließ es öffnen
und holte tatsächlich den schon verwesenden Leichnam des Lazarus
ins Leben zurück. In ihren kühnsten Träumen hätte Marta sich das
nicht ausmalen können. Ein gewaltiges Zeichen dafür, dass es stimmte,
was er gesagt hatte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“. Alle,
die es miterlebt hatten, waren mächtig beeindruckt. Aber Marta hätte
diesen Beweis nicht mehr gebraucht. Das Leben, das bei Jesus zu
finden war und das er ihr zugesprochen hatte, das hätte ihr niemand
mehr nehmen können, auch wenn Lazarus tot geblieben wäre. Jesu Wort
hätte sie getragen und ihr geholfen, ihre Trauer und ihre Schuldgefühle
zu überwinden. Lazarus würde wieder sterben, früher oder später,
auch Maria und sie selbst würden sterben. Aber das Leben, das sie
in ihrem Glauben an Jesus Christus gefunden hatte, das würde bleiben
– jetzt und in der Stunde ihres Todes.

AMEN

 

Predigt vom 16.11.2011 (Buß- und Bettag)

 

ÖKUMENISCHER GOTTESDIENST
ZUM BUß- UND BETTAG

Talkirche, 16.11. 2011
Thema:
Psalm 42/43 – Sehnsucht nach Leben

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,

so lechzt meine Seele, Gott, nach dir.
Meine Seele dürstet
nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Wann darf ich kommen

und Gottes Antlitz schauen?
Tränen waren mein Brot
bei
Tag und bei Nacht;
denn man sagt zu mir den ganzen Tag:
«Wo
ist nun dein Gott?»
Das Herz geht mir über, wenn ich daran denke:

wie ich zum Haus Gottes zog in festlicher Schar,
mit
Jubel und Dank in feiernder Menge.
MEINE SEELE, WARUM BIST DU
BETRÜBT
UND BIST SO UNRUHIG IN MIR?
HARRE AUF GOTT; DENN
ICH WERDE IHM NOCH DANKEN,
MEINEM GOTT UND RETTER, AUF DEN ICH
SCHAUE.

Betrübt ist meine Seele in mir,
darum
denke ich an dich im Jordanland,
am Hermon, am Mizar-Berg.
Flut
ruft der Flut zu beim Tosen deiner Wasser,
all deine Wellen
und Wogen gehen über mich hin.
Bei Tag schenke der Herr seine
Huld;
ich singe ihm nachts
und flehe zum Gott meines Lebens.

Ich sage zu Gott, meinem Fels:
«Warum hast du mich vergessen?

Warum muss ich trauernd umhergehen,
von meinem Feind bedrängt?»

Wie ein Stechen in meinen Gliedern
ist für mich der
Hohn der Bedränger;
denn sie rufen mir ständig zu:
«Wo ist
nun dein Gott?»
MEINE SEELE, WARUM BIST DU BETRÜBT
UND BIST
SO UNRUHIG IN MIR?
HARRE AUF GOTT; DENN ICH WERDE IHM NOCH DANKEN,

MEINEM GOTT UND RETTER, AUF DEN ICH SCHAUE.

Verschaff mir Recht, o Gott,
und führe
meine Sache gegen ein treuloses Volk!
Rette mich vor bösen und
tückischen Menschen!
Denn du bist mein starker Gott.
Warum
hast Du mich verstoßen?
Warum muss ich trauernd umhergehen,

von meinem Feind bedrängt?
Sende dein Licht und deine Wahrheit,

damit sie mich leiten;
sie sollen mich führen zu deinem
heiligen Berg
und zu deiner Wohnung.
So will ich zum Altar
Gottes treten,
zum Gott meiner Freude.
Jauchzend will ich
dich auf der Harfe loben,
Gott, mein Gott.
MEINE SEELE,
WARUM BIST DU BETRÜBT
UND BIST SO UNRUHIG IN MIR?
HARRE
AUF GOTT; DENN ICH WERDE IHM NOCH DANKEN,
MEINEM GOTT UND RETTER,
AUF DEN ICH SCHAUE.

„Wie der Hirsch
schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“
So lautet der erste Vers von Psalm 42 in der wunderschönen Motette,
die Felix-Mendelssohn-Bartholdy darüber geschrieben hat. Wer will
und Zeit hat, kann sie nächsten Sonntag in der Wenschtkirche hören,
gesungen von unserem Kirchenchor. Aber auch ohne Mendelssohns Musik
ist es leicht, zu diesen Worten ein Bild vor Augen zu haben: Ein
ausgetrocknetes Bachbett, über dem die sommerliche Hitze flirrt,
eine Hirschkuh, die zwischen den Steinen vergebens nach ein paar
letzten Tropfen Wasser sucht. Jeder, der mal echten Durst hatte,
weiß, wie ihr zumute ist. Und jeder kann sich dann auch den Seelenzustand
vorstellen, der diesem Bild entspricht: eine Seele, fern von Gott,
weit weg von ihrer Lebensquelle, betrübt und unruhig durch äußere
Belastungen und innere Ängste, auf der Suche nach Halt, nach Auswegen,
nach Gottes Nähe, und das mit versiegenden Kräften.

Auch andere Bilder
des Psalms sprechen uns unmittelbar an: „Tränen waren mein Brot
bei Tag und bei Nacht“, heißt es da. Und wer kennt sie nicht, die
Zeiten, wo einem Hunger und Appetit vergehen, wo man nur noch heulen
möchte und sich nicht vorstellen kann, jemals wieder froh zu werden?
„Alle deine Wellen und Wogen gehen über mich hin.“ – Wer kennt sie
nicht, die Zeiten, wo das Unglück von allen Seiten über uns hereinbricht,
wo wir von einer Katastrophe in die nächste geworfen werden und
im Chaos zu versinken drohen? „Wie ein Stechen“ – Luther übersetzt
durchaus wörtlich: „wie Mord in meinen Gliedern ist für mich der
Hohn der Bedränger.“ – Wer kennt sie nicht, die Momente, wo sich
alles und jeder gegen uns verschworen hat, wo man uns verleumdet,
gegen uns stichelt, Mordan-schläge an unserem guten Ruf verübt,
ohne dass wir uns wehren können? „Man sagt zu mir den ganzen Tag:
Wo ist denn nun dein Gott?“ – Wer kennt sie nicht, diese bohrenden
Fragen, die wir uns ja oft genug selber stellen? Wer kennt sie nicht,
die Situationen, wo unser Schicksal uns und anderen wieder mal zu
beweisen scheint, dass es sinnlos ist, an Gott zu glauben und ihm
zu vertrauen?

Die Auslöser solcher
Erfahrungen können vielfältig sein, das wissen wir alle. Und deshalb
ist es müßig, darüber zu rätseln, welche Not den Beter dieses Psalms
konkret getroffen hat. Die Ausleger haben dabei schon auf verschiedenste
Krankheiten getippt, auf falsche An-klagen, Verbannung und Verfolgung
und manches mehr. Aber hier spricht ja keiner, der einem Arzt seine
Symptome schildert oder einem Anwalt seine Unschuld beweisen will,
sondern hier spricht einer mit Gott, und er tut es so, dass andere
sein Gebet mitsprechen und es sich zu eigen machen können – so wie
es viele, viele jüdische und christliche Beter seitdem getan haben.

Eins wird allerdings
ganz deutlich, und das mag uns an diesem Psalm nun doch fremd vorkommen:
Was den Beter am allerschlimmsten trifft, das sind weder körperliche
Gebrechen noch üble Nachrede seiner Feinde. Am allerschlimmsten
ist für ihn vielmehr der Ort, an dem er sich befindet. Nur hier
wird der Psalm wirklich konkret, so konkret wie kaum ein anderer.
Er spricht sein Gebet „im Jordanland, am Hermon, am Berg Miz’ar“.
Und damit kann nur das Quellgebiet des Jordan an den Hängen des
Hermongebirges gemeint sein, ein Landstrich, der heute zwischen
Israel, dem Libanon und Syrien liegt. Eine schöne und vor allem
wasserreiche Gegend, weshalb sie heute noch politisch heiß umkämpft
ist. Aber der Psalmist hat keinen Blick für romantische Landschaften,
und er hat erst recht keinen Sinn für natürliche Ressourcen und
strategische Bedeutung. Ihn beschäftigt nur eins: Diese Gegend ist
weit weg von Jerusalem, vom Tempel des HERRN, und er ist – aus welchen
Gründen auch immer – nicht in der Lage, dorthin zurückzukehren.
Und genau daran liegt es letzten En-des, dass seine Seele am Verdursten
ist. Er erinnert sich an festliche Gottesdienste, an feierliche
Einzüge, an Menschenmengen, die die Vorhöfe füllen und wie aus einem
Mund Gott loben und preisen, und diese Erinnerungen tun weh, eben
weil sie bloß Erinnerungen sind. Dort, im Tempel, dem Wohnsitz Gottes
auf Erden, dort hat er sich Gott nahe gefühlt, konnte vor seinen
Altar treten, sein Antlitz schauen, ihm Lieder singen. Dort war
er zu Hause, hier, in der Fremde, vergeht er vor Heimweh.

Können wir das
nachempfinden? Können wir verstehen, dass sich für einen Menschen
die Nähe Gottes so sehr an einem bestimmten Ort festmacht? Es fällt
uns wahrscheinlich schwer. Denn wir stellen uns Gott eher so vor,
dass er überall ist und sich nicht einen bestimmten Ort auf Erden
zur Wohnung erwählt. Aber heißt das wirklich, wie ich es immer wieder
höre, dass ich Gott auch überall finden kann? Auch im Wald? Auch
im stillen Kämmerlein? Auch in mir selber? Für mein Empfinden antworten
wir auf solche Fragen oft zu schnell mit Ja. Denn es ist zwar so:
Gott begegnet uns Christen nicht an einem bestimmten Ort. Wohl aber
begegnet er uns in einer bestimmten Person: in Jesus Christus, in
dem Gott selber Mensch geworden ist. Und er hat uns verheißen, dass
er uns vor allem dort begegnen will, wo Menschen sich im Namen Jesu
Christi versammeln, auch wenn es nur zwei oder drei sind.

Ist uns das eigentlich
noch etwas wert? Rechnen wir noch damit, dass uns Gott in Christus
zuerst und vor allem im Gottesdienst, in der Gemeinschaft der Glaubenden
begegnen will? Oder sagen wir wie so viele: „Ach, der Gottesdienst,
der ist mir viel zu früh oder viel zu spät, viel zu altmodisch oder
viel zu modern, viel zu langweilig oder viel zu unruhig. Ab und
zu, wenn mir danach ist, geh ich ja mal hin, so wie heute zum Beispiel,
aber ansonsten kann ich doch auch zu Hause beten, und ein besserer
Mensch wird man auch nicht davon, dass man ständig in die Kirche
rennt.“ Bei uns Evangelischen hat diese Einstellung schon eine lange
Tradition, aber ich habe den Ein-druck, dass sie auch bei katholischen
Menschen immer häufiger an-zutreffen ist. Doch ich glaube, wir sollten
diese Einstellung, wenn wir sie denn haben, noch mal überdenken.

Denn es ist zwar
richtig: Ich kann auch zu Hause beten und in der Bibel lesen, ich
kann auch für mich allein Lieder singen, wenn auch mit Abstrichen,
und Gutes tun kann ich natürlich erst recht jederzeit und überall.
Aber erstens: Wer tut das denn auch wirklich und redet nicht nur
so? Und zweitens: Wenn wir wirklich an Jesus Christus glauben und
nicht nur irgendwie an Gott, dann fehlt uns etwas ohne die Gemeinschaft
der Glaubenden. Dann entgeht uns Entscheidendes, wenn wir nicht
gemeinsam mit anderen singen, beten, Gott loben, auf ihn hören und
das Mahl des Herrn feiern. Auch der Psalmist betet ja in der Fremde,
auch er bleibt mit Gott in Beziehung und gibt sein Gottvertrauen
nicht auf. Aber er leidet unter seiner Ferne vom gemeinsamen Gottesdienst,
und er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass dieser Zustand endlich
ein Ende nimmt. Manchmal stoße ich auf alte oder kranke Menschen,
die sonst treue Kirchgänger waren und denen es ähnlich ergeht. Aber
das ist doch eher selten.

Deshalb würde
ich mir wünschen, dass wir das aus diesem Gottes-dienst mitnehmen:
Wer nur für sich alleine glaubt, dessen Seele droht zu vertrocknen,
der schneidet sich von der wichtigsten Quelle ab, die unserem Glauben
Nahrung gibt. Glaube ohne Glaubensgemeinschaft ist ein Schrumpfglaube.
Man muss sich nicht wundern, wenn er sich eines Tages verflüchtigt.
Natürlich gibt es diese Gemeinschaft in vielen verschiedenen Formen
und Größen. Und natürlich ist Gott nicht automatisch da, wenn wir
Gottesdienst feiern, und erst recht nicht, wenn wir ihm eine Kirche
bauen. Aber er hat es uns verheißen, und wir dürfen ihn beim Wort
nehmen. Deshalb sage ich mal einfach: Es sollte für Christen, und
zwar nicht nur für katholische, selbstverständlich sein, sonntags
zum Gottesdienst zu gehen. Es sollte auch allen, die Gottesdienste
vorbereiten und durchführen, klar sein, dass das ihre wichtigste
und vornehmste Aufgabe ist und dass sie deshalb alles dafür tun
sollten, um sie einladend, lebendig und glaubensfördernd zu gestalten.
Und es sollte allen Kirchenoberen selbstverständlich sein, dass
es für die Ökumene kein wichtigeres und höheres Ziel gibt, als dass
endlich Christen aller Konfessionen ohne jede Einschränkung miteinander
Gottesdienst feiern können. Was wäre das für eine Labsal für unsere
dürstenden Seelen, was wäre das für ein Zeichen für die Menschen,
die den Kirchen enttäuscht oder gleichgültig den Rücken kehren,
wenn die Talkirche heute bis auf den letzten Platz gefüllt wäre
und wenn Evangelische und Katholische miteinander in versöhnter
Verschiedenheit an den Tisch des Herrn treten könnten!

Nur ein Traum?
Vielleicht. Aber einer, den es sich zu träumen lohnt. So wie der
Traum des Psalmbeters der sich im Geiste schon wieder vor dem Altar
des Tempels stehen sieht, die Harfe griffbereit, um seinen Gott
zu loben und zu preisen. Daran wird er sich aufrichten, daran wird
er festhalten, und wenn er seinen Kehrvers noch hundert- oder tausendmal
wiederholen muss: „Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so
unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken,
meinem Gott und Retter, auf den ich schaue.“

Amen.