Predigt vom 3.7.2011

 

GOTTESDIENST ZUR 550-JAHRFEIER
SOHLBACH-BUCHEN

Ortsmitte Sohlbach, 3.7. 2011
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Lk 14,16-24

Es war ein
Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.
Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen
zu sagen: „Kommt, denn es ist alles bereit!“ Und sie fingen an alle
nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: „Ich
habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich
bitte dich, entschuldige mich.“ Und der zweite sprach: „Ich habe
fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen;
ich bitte dich, entschuldige mich.“ Und der dritte sprach: „Ich
habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.“ Und der Knecht
kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig
und sprach zu seinem Knecht: „Geh schnell hinaus auf die Straßen
und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden
und Lahmen herein.“ Und der Knecht sprach: „Herr, es ist geschehen,
was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.“ Und der Herr sprach
zu dem Knecht: „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune
und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich
sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl
schmecken wird.“

Wir feiern heute
ein Fest: 550 Jahre Sohlbach und Buchen. Immerhin knapp anderthalb
dieser 550 Jahre haben wir gebraucht, um dieses Fest vorzubereiten.
Wir haben lange hin und her überlegt, ob und wie und wann wir am
besten feiern. Und als das endlich feststand, haben wir geplant
und organisiert, Mitwirkende gesucht, Briefe geschrieben und Genehmigungen
eingeholt, ein Programm auf die Beine gestellt, für die nötige Infrastruktur
gesorgt, geprobt, eingekauft, Kuchen gebacken, aufgebaut und manches
mehr. Und wir haben eingeladen: Plakate aufgehängt, Handzettel verteilt,
die Presse informiert. Ganz schön viel Arbeit. Aber wie es aussieht,
hat die Mühe sich gelohnt: Viele Menschen sind gekommen – trotz
zahlreicher Konkurrenzveranstaltungen, trotz unsicheren Wetters.
Und im Lauf des Tages kommen hoffentlich noch mehr.

Doch stellen Sie
sich vor, die Pessimisten hätten Recht behalten und es wäre anders.
Stellen Sie sich vor, es ginge uns so, wie dem Hausherrn in dem
Gleichnis Jesu, das die Kindergartenkinder uns vorgespielt haben:
Alles ist bereit – und keiner kommt! Selbst die, die fest zugesagt
hatten, haben plötzlich was Besseres vor. Der Gottesdienst findet
vor leeren Bänken statt. Die Grillwürstchen verbrutzeln und die
Kuchen vertrocknen, weil sie keine Abnehmer finden. Die Verkaufsstände
werden ihre Waren nicht los, und die ausgestellten alten Schätzchen
will keiner sehen. Katastrophe!

Aber dann stellen
Sie sich bitte auch noch vor, kurz bevor das Fest abgeblasen wird,
kämen plötzlich doch noch Gäste. Gäste, mit denen keiner gerechnet
hat. Die Sohlbach-Buchener Neubürger, die hier schon wohnen, aber
noch nicht leben, und die man sonst nie sieht. Die Unbeliebten,
die es sich wegen irgendwas mit der Dorfgemeinschaft verdorben haben.
Die verlorenen Söhne und Töchter, die irgendwann im Zorn aus dem
Sohlbachtal weggegangen sind und nie mehr wiederkommen wollten.
Die Türken aus Geisweid oder Buschhütten. Wie würden wir sie empfangen?
Begeistert und mit offenen Armen? Mit verhaltener Freude – „Na ja,
nicht das, was wir erwartet hatten, aber Hauptsache das Fest ist
gerettet“? Oder mit Ablehnung – „Was wollen die denn hier? Das die
sich hierher trauen!“?

Klar, das ist
alles etwas konstruiert. Aber es macht vielleicht etwas deutlich.
Es zeigt vielleicht, wie ungewöhnlich, ja unerhört das ist, was
der Hausherr im Gleichnis tut. Oder würden Sie wildfremde Menschen
zu sich einladen? Menschen, die Ihnen womöglich die gute Polstergarnitur
ruinieren oder hinterher das Tafelsilber mitgehen lassen? Nein,
kein Gastgeber, der noch alle Tassen im Schrank hat (und sie dort
auch behalten will), würde solche Leute zu sich einladen. Der Hausherr,
von dem Jesus erzählt, muss also komplett verrückt sein.

Stimmt, das ist
er, und genau deshalb erzählt Jesus von ihm. Denn er liebt solche
verrückten Typen. Den Kaufmann, der seinen ganzen Besitz für eine
einzige Perle hergibt. Den Hirten, der 99 Schafe ohne Aufsicht lässt,
um ein einziges wieder zu finden. Den Vater, der seinem Sohn ohne
jeden Tadel um den Hals fällt, obwohl der gerade sein halbes Vermögen
verprasst hat. Mit solchen Typen, solchen Geschichten will Jesus
unsere Maßstäbe verrücken und damit zurechtrücken. Denn Gott, will
er uns mit der Geschichte vom Gastmahl sagen, ist genauso verrückt
wie der Gastgeber. Er lädt schlicht und einfach alle ein: die Frommen
und die Gottlosen, die anständigen Bürger und die zwielichtigen
Gestalten, die Erfolgreichen und die Gescheiterten, die Stadtneurotiker
und die Landeier, die Alteingesessenen und die Zugereisten. Und
Jesus hat nicht nur so von Gott geredet, sondern er hat es uns allen
vorgelebt. Kein Naserümpfen und keine Feindseligkeit konnte ihn
davon abhalten.

Was heißt das
nun für uns? Erstens heißt es: auch wir alle sind eingeladen – nicht
nur zum Ortsjubiläum, sondern zu Gottes großem Fest. Er will uns
dabei haben, wenn er seine Herrschaft aufrichtet, wenn endlich Frieden
und Gerechtigkeit auf Erden einkehren. Er will mit uns zusammen
sein, denn dazu hat er uns geschaffen. Und bis es soweit ist, will
er das Fest mit uns gemeinsam vorbereiten. Dazu ruft er uns in die
Gemeinschaft mit ihm, in seine Kirche – und es ist völlig egal,
zu welcher Unterabteilung wir dabei gehören – evangelisch oder katholisch,
landes- oder freikirchlich, Klafeld oder Buschhütten. Überall hat
er seine Leute. Wir können uns daran freuen und vor allem können
wir dazu gehören und mitmachen. So wie heute bei diesem Fest, so
wünschen wir es uns auch für unsere Gemeinden: dass viele, am besten
alle, mit anpacken, jeder nach seinen Fähigkeiten und Interessen.
Zu tun gibt es immer genug!

Und das zweite:
Wenn alle zu Gott eingeladen sind, dann nicht nur ich oder wir,
sondern die anderen auch. Klingt selbstverständlich und gerät doch
leicht in Vergessenheit. Denn viel zu oft geben wir uns mit denen
zufrieden, die schon dazu gehören und die uns vertraut sind, und
lassen die anderen links liegen. Das gilt sowohl für Dorfgemeinschaften
als auch für christliche Gemeinden. Also sollten wir uns erinnern
lassen: Denke bei jedem Menschen, dem du begegnest daran, dass auch
er oder sie zu Gottes großem Fest eingeladen ist. Das kann heißen,
dass ich sie oder ihn auf diese Einladung erst einmal aufmerksam
machen muss: „Stell dir vor, Gott lädt dich ein!“ Es heißt aber
vor allem, dass ich alle Menschen, die mir begegnen, als geladene
Gäste ernst und wichtig nehme. Auch die, die mir fremd sind. Auch
die, über die man so wunderbar herziehen und lästern kann. Auch
die, um die ich sonst einen Bogen mache. Denn stellen Sie sich vor,
Sie sitzen eines Tages an Gottes Festtafel, und neben Ihnen sitzt
der Nachbar, mit dem Sie wegen irgendeiner Streitigkeit jahrzehntelang
kein Wort geredet haben. Oder jemand, von dem Sie gedacht haben,
dass der wegen seines falschen Glaubens oder falschen Verhaltens
bestimmt nicht in den Himmel kommt, und den Sie entsprechend behandelt
haben. Das wäre doch peinlich, oder?

Aber soweit muss
es ja nicht kommen. Noch sind wir alle unterwegs zum Fest und können
uns auf dem Weg zusammen tun, damit wir gemeinsam und sicher dorthin
gelangen. Und so rufe ich im Namen Gottes uns allen noch einmal
die Einladung zu: „Kommt, denn es ist alles bereit! Schmeckt und
seht, wie freundlich der HERR ist!“

Amen.

 

Predigt vom 26.6.2011

 

GOTTESDIENST FÜR DEN ERSTEN
SONNTAG NACH TRINITATIS

Pfr. Dr. Martin Klein
Wenschtkirche,
26.6. 2011
Text: Joh 5,39-47

Das Christentum
ist eine Buchreligion. Mit dem, was wir glauben, berufen wir uns
auf die heilige Schrift, die wir „die Bibel“ – zu Deutsch schlicht:
„das Buch“ nennen. Mit diesem Bibelbuch umgehen zu lernen, ist allerdings
gar nicht so einfach: für alle Lesemuffel sowieso, aber auch für
die wachsende Zahl von Menschen, die nur noch elektronische Medien
gewohnt sind. Und selbst für gewiefte Leseratten hat die Bibel als
gedrucktes Buch so ihre Tücken. Ich merke das immer, wenn ich mit
Konfirmanden Bibelaufschlagen übe. Besonders ein Problem scheint
dabei schier unüberwindlich zu sein: Ich sage zum Beispiel: „Schlagt
mal das Matthäus-Evangelium auf, Kapitel 5, Vers 3!“ Irgendjemand,
der es schnell gefunden hat, ruft dann noch „Seite 7“ in die Runde.
Weil alle die gleiche Bibelausgabe haben, sollte es nun eigentlich
kein Problem mehr sein, die richtige Stelle zu finden. Trotzdem
kann ich sicher sein, dass etliche die Bibel keineswegs bei Matthäus
aufschlagen, sondern im ersten Buch Mose herumblättern. Gemeinerweise
gibt es dort nämlich schon einmal eine Seite 7. In fast allen Bibelausgaben
beginnt die Seitenzählung mit dem Matthäusevangelium noch einmal
von vorn. Das ist deshalb so, weil die Bibel eben nicht ein Buch
ist, sondern zwei: Altes Testament und Neues Testament. Und zwei
Bücher unter einem Buchdeckel, das sind halt auch lesefreudige Konfis
nicht gewohnt – und nicht nur sie.

Das gibt natürlich
Anlass zu der Frage, warum das eigentlich so ist. Warum besteht
die Bibel aus zwei Büchern mit doppelter Seitenzählung, und warum
druckt man sie dann trotzdem für gewöhnlich in einem Band und nicht
in zwei? Anders gesprochen: Warum gelten uns Altes und Neues Testament
zusammen und gleichermaßen als Heilige Schrift?

Für das Neue Testament
ist die Frage leicht zu beantworten: Als Christen glauben wir an
Jesus Christus, den Sohn Gottes, und das Neue Testament enthält
die ältesten und ursprünglichsten Zeugnisse über ihn und den Glauben
an ihn. Ohne dieses Buch wüssten wir nicht aus erster Hand, wer
Jesus ist und was er für uns bedeutet. Nirgendwo sonst kommen wir
ihm so nahe.

Aber warum dann
noch das Alte Testament? Wenn wir aus dem Neuen Testament alles
Notwendige über Jesus erfahren, wozu brauchen wir dann noch ein
Buch in unserer Bibel, in dem Jesus gar nicht vorkommt? Noch dazu
eines, an dem wir vieles befremdlich finden: Es ist ursprünglich
Hebräisch geschrieben und damit in einer Sprache – und einer Denke
–, die nicht unserem Kulturkreis angehört. Es enthält Gebote und
Lebensregeln, Speisegebote zum Beispiel, deren Einhaltung uns unsinnig
vorkäme. Es handelt von Gott, aber es schreibt ihm Eigenschaften
und Handlungsweisen zu, die uns nicht zu ihm zu passen scheinen:
Wut und Eifersucht, Vernichtung von Menschenleben, Bestrafung aller
für die Vergehen einzelner und Bevorzugung eines bestimmten Volkes,
des Volkes Israel, gegenüber allen anderen. Und schließlich ist
unser Altes Testament auch noch die Heilige Schrift einer anderen
Religion, nämlich des Judentums. Kein Wunder, dass es immer wieder
Christen gegeben hat, die gemeint haben: über das Alte Testament
sind wir als Christen längst hinaus. Wir glauben an einen Gott der
Liebe, nicht der Rache, haben sie gesagt. Wir handeln nicht nach
der Maxime „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, sondern nach dem Gebot
der Feindesliebe. Und wir glauben, dass Gott nicht nur für ein Volk,
sondern für alle Menschen da ist. Deshalb stehen wir auf einer höheren
Stufe der religiösen Entwicklung. Wir sollten also das Alte Testament
aus unserer Bibel streichen und es getrost den Juden überlassen.

Trotzdem haben
sich die christlichen Kirchen immer wieder dafür entschieden, dass
das Alte Testament zu unserer Bibel gehört, zuletzt die Bekenntnissynode
von Barmen 1934 gegen die so genannten „Deutschen Christen“, die
als überzeugte Nazis alles „Jüdische“ aus der Bibel streichen wollten.
Warum war ihnen allen das Alte Testament so wichtig? Das steht zum
Beispiel im heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium, Kapitel
5. Es ist ein Teil aus einer längeren Rede, die Jesus an die Juden
seiner Zeit richtet. Dort heißt es:

 

Ihr sucht in
der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und
sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen,
dass ihr das Leben hättet. Ich nehme nicht Ehre von Menschen; aber
ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Ich bin
gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn
ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr
annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander-der annehmt,
und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?
Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde;
es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. Wenn ihr
Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.
Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen
Worten glauben?

 

Diese Rede hat
Jesus so nie gehalten. Der Evangelist hat sie ihm in den Mund gelegt.
Er wollte damit auszudrücken, wer Jesus für ihn und seine Gemeinde
ist und was das bedeutet für die Auseinandersetzung mit den Juden,
die nicht an Jesus glauben. Dabei geht es ganz entscheidend um die
Frage, wie die Heilige Schrift zu verstehen ist. Zur damaligen Zeit,
als es das Neue Testament noch nicht gab, war die Heilige Schrift
für Juden und Christen die gleiche. Sie bestand aus den fünf Büchern
Mose, den Propheten und den übrigen Schriften, die wir jetzt „Altes
Testament“ nennen. Allerdings wurde diese Heilige Schrift schon
damals von Juden und Christen unterschiedlich gedeutet.

Für die Juden
war und ist das Herzstück der Bibel die Tora, die gute Lebensordnung,
die Gott durch Mose seinem Volk Israel gegeben hat. Die Propheten
und die übrigen Schriften legen nach jüdischem Verständnis diese
Tora aus und wenden sie an. Und wer zu Gottes Volk gehört und sich
an die Tora hält, der gewinnt das Leben.

Die Juden dagegen,
die zum Glauben an Jesus Christus kamen, verstanden ihre Bibel plötzlich
ganz anders. Sie lasen sie von vorn bis hinten als Zeugnis für Jesus
Christus. Die Verheißungen der Propheten galten ihnen als durch
Jesus erfüllt. Die Erzählungen von Gottes Handeln an Israel verstanden
sie als Urbilder seines Handelns in Jesus Christus. Und die Befolgung
der Gebote war für sie im Glauben an Jesus Christus begründet. Deshalb
kann Johannes, der Evangelist, Jesus sagen lassen: Wenn ihr Mose
glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.

Wenn das stimmt,
dann muss das Alte Testament natürlich zur christlichen Bibel gehören.
Denn wenn es von Jesus handelt, dann lässt sich ohne das Alte Testament
auch nicht voll erfassen, wer Jesus ist und was er für uns bedeutet.

Aber stimmt das
denn? Im Alten Testament steht doch nichts über Jesus. Ja, es kann
auch gar nichts über ihn drinstehen. Schließlich ist es lange vor
Jesu Geburt entstanden. Sicher, an einigen Stellen im Alten Testament
wird das Kommen eines Retters und Heilbringers verheißen. Da kann
ich natürlich sagen: damit ist Jesus gemeint. Aber beweisen kann
ich das nicht. Und ein Jude, der seine Bibel ernst nimmt, wird mir
zu Recht vorhalten, dass vieles von diesen Verheißungen doch noch
gar nicht in Erfüllung gegangen ist. Das angekündigte Friedensreich
ist noch nicht verwirklicht, und die verheißene Gerechtigkeit für
alle Menschen auch nicht. Wäre ich da als Christ nicht ziemlich
dreist und überheblich, wenn ich behaupten würde: „Ich verstehe
das Alte Testament richtig, weil ich es als Zeugnis für Jesus lese,
ihr Juden dagegen versteht es falsch?“

Genau das tut
aber das Johannes-Evangelium. Ja, es geht sogar noch weiter: „Ihr
habt Gottes Liebe nicht in euch“, heißt es da über die Juden, „ihr
erkennt Gottes Ehre nicht an, sondern nur eure eigene“ und „Mose
klagt euch an, weil ihr nicht glaubt“.

Dass der Evangelist
und seine Gemeinde so geredet haben, kann ich verstehen. Sie waren
schließlich geborene Juden. Sie mussten ihren Glauben an ihre Heilige
Schrift und den Glauben an Jesus Christus miteinander in Einklang
bringen. Deshalb mussten sie das Alte Testament auf Christus deuten.
Und dafür wurden sie von den anderen Juden verfolgt und verstoßen.
Denn die konnten diese Deutung nicht akzeptieren. Letztlich war
das Ganze damals noch kein Streit zwischen zwei verschiedenen Religionen,
sondern eine Auseinandersetzung innerhalb des Judentums, zwischen
christlichen und nichtchristlichen Juden.

Für mich heute
sieht die Sache anders aus. So wie Jesus bei Johannes kann ich nicht
mehr reden. Denn ich bin kein Judenchrist, der von seinen Landsleuten
für seinen Glauben verfolgt wird. Ich gehöre einer heidenchristlichen
Kirche an, die ihrerseits Jahrhunderte lang die Juden verfolgt und
verstoßen hat und die solche und ähnliche Sätze aus dem Neuen Testament
dazu missbraucht hat, um die Judenverfolgung zu rechtfertigen. Damit
stehe ich mit in der Geschichte der Schuld, die Generationen von
Christen den Juden gegenüber auf sich geladen haben. Erst der grauenvolle
Tiefpunkt dieser Geschichte im 20. Jahrhundert hat uns im Nachhinein
sensibel gemacht für die Gefährlichkeit solcher Aussagen.

Sollten wir dann
nicht doch darauf verzichten, das Alte Testament von Jesus Christus
her zu lesen? Jetzt nicht mehr aus Überheblichkeit gegenüber einer
angeblich überholten Religion, sondern aus Respekt vor den Juden
und ihrem Glauben? Ich denke, das können wir nicht, trotz allem.
Denn solange wir glauben, dass der Gott Israels und der Vater Jesu
Christi ein und derselbe sind, muss das Alte Testament Teil der
christlichen Bibel bleiben und deshalb auch aus christlicher Sicht
gelesen werden. Gerade wenn wir das tun, werden unsere Vorurteile
gegenüber dem Alten Testament verschwinden. Denn nicht erst Jesus
hat von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes gesprochen. Davon reden
auch schon die Tora, die Propheten oder die Psalmen. Und andererseits
redet auch das Neue Testament von Gottes Zorn und seiner Gerechtigkeit.
Nicht erst in Jesus ist Gott den Menschen nahe gekommen, sondern
er hat schon Abraham begleitet, Israel durch die Wüste geführt und
in Salomos Tempel seine Wohnung aufgeschlagen. Das Gebot der Nächstenliebe
hat nicht Jesus formuliert, sondern es steht in 3. Mose 19,18. Unverdiente
Gnade ist nicht erst Gottes Handeln in Jesus Christus, sondern schon
die Erwählung Israels. Und vom Heil für alle Völker spricht nicht
erst Paulus, sondern auch schon der zweite Jesaja. Diese Liste könnte
ich noch lange fortsetzen. Auf Schritt und Tritt begegnet uns im
Alten Testament der Vater Jesu Christi. Und deshalb legt es Zeugnis
ab für Jesus Christus: So wie Jesus uns Gott offenbart hat, so ist
er wirklich und so war er schon immer.

Ein jüdischer
Gesprächspartner würde jetzt natürlich sagen: Um das alles zu wissen,
brauche ich Jesus nicht. Das kann ich auch ohne ihn in meiner Bibel
lesen. Oder wie es ein bekannter jüdischer Philosoph formuliert
hat: „Was Christus und seine Kirche in der Welt bedeuten, darüber
sind wir einig: es kommt niemand zum Vater denn durch ihn. Es kommt
niemand zum Vater – anders aber, wenn einer nicht mehr zum Vater
zu kommen braucht, weil er schon bei ihm ist. Und dies ist nun der
Fall des Volkes Israel.“

An diesem Punkt
muss ich allerdings vom Neuen Testament her widersprechen. Für alle,
die dort reden und schreiben, ist klar, dass auch die Juden nur
durch Christus zum Vater kommen. Sie waren ja selber Juden und haben
es so erlebt. Und das wird auch dadurch nicht falsch, dass es heute
kaum noch Judenchristen gibt (einige aber sehr wohl!). So wünschenswert
es ist, dass Juden und Christen miteinander-der im Gespräch bleiben
und dass vor allem wir Christen die Juden besser verstehen lernen:
an diesem Punkt werden wir uns niemals einigen können, ohne zum
Glauben des jeweils anderen überzutreten. Wir müssen es aber auch
nicht. Denn wir warten ja von der Bibel her beide darauf, dass Gott
eines Tages die ganze Wahrheit allen sichtbar offenbaren wird. Dann
wird sich erweisen, ob es stimmt, dass Jesus Christus der Weg, die
Wahrheit und das Leben ist, und ich vertraue darauf, dass es auch
dann noch möglich ist, dass Juden und Nichtjuden dieser Wahrheit
Glauben schenken.

Amen.

 

Predigt vom 19.6.2011

 

 

 

GOTTESDIENST ZUR GOLDENEN
KONFIRMATION

Talkirche, 19.6. 2011
Pfr. Dr. Martin Klein
Text: Lk 17,5-6

Nun sind also fünfzig Jahre vergangen, seit Sie
hier in der Talkirche oder im Wenscht konfirmiert wurden. Im
Rückblick kommt es einem ja immer viel kürzer vor, aber trotzdem
sind fünfzig Jahre eine lange Zeit. Die Welt sah noch sehr anders
aus, als Sie damals von Pastor Biederbeck, Fricke, Flick oder
Schmidt mit Gottes Segen ins mündige Christenleben geschickt wurden.
Sie gehörten zu den ersten Jahrgängen, die nach dem Krieg geboren
wurden und aufwuchsen und von friedlichen Verhältnissen und
wachsendem Wohlstand profitieren konnten. Und sie durften damit
rechnen, dass es nach der Schule für Sie einen Ausbildungsplatz oder
zumindest Arbeit geben würde, von der man später mal eine Familie
ernähren konnte. Aber 1961, das war auch die Hochzeit des „Kalten
Krieges“: Im Frühjahr schossen die Russen den ersten Menschen in die
Erdumlaufbahn, was die Amis mächtig wurmte. Im August wurde in
Berlin die Mauer gebaut. Und im Jahr darauf hätte die Kuba-Krise
fast den dritten Weltkrieg ausgelöst. Wahrscheinlich haben diese
Dinge Sie damals noch nicht so sehr beschäftigt. Aber eine diffuse
Angst vor „den Russen“ oder „der Bombe“, die war wohl auch bei
Kindern und Jugendlichen verbreitet.
In diesen Zeiten also haben Ihre Pastoren damals zu vermitteln
versucht, was für Christen Glauben heißt und was dieser Glaube für
Sie persönlich bedeuten könnte. Sie haben dafür gern die Worte des
Heidelberger Katechismus benutzt: „Wahrer Glaube ist nicht allein
die sichere Erkenntnis, in der ich alles für wahr halte, was uns
Gott in seinem Wort offenbart hat, sondern auch ein herzliches
Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt,
dass nicht allein andern, sondern auch mir Vergebung der Sünden,
ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist aus lauter
Gnade, allein um des Verdienstes Christi willen.“ Wie ich aus den
Unterlagen weiß, die Pastor Fricke mir freundlicherweise zur
Verfügung gestellt hat, haben jedenfalls seine Konfirmanden diese
Worte damals im Konfirmationsgottesdienst gemeinsam gesprochen, und
auswendig lernen mussten Sie die „Frage 21“ sicher alle. Aber ob Sie
auch verstanden haben, worum es geht in diesem komplizierten Satz
mit seinen vielen gewichtigen Wörtern? Ob Sie mit dem Glauben, wie
er dort beschrieben wird, etwas anfangen konnten? Ob er Ihnen ein
Halt war beim Erwachseneren und in all der Zeit, die seitdem
vergangen ist? Das können Sie nur selber wissen und beurteilen. Aber
ich denke, schon damals war es für Vierzehnjährige schwer, eine so
dicht gedrängte Definition des Glaubens zu erfassen. Und heute
versuchen wir erst gar nicht mehr, unsere Konfis einen solchen Satz
auswendig lernen zu lassen. Denn was hülfe es einem Menschen, wenn
er den ganzen Katechismus und das halbe Gesangbuch auswendig wüsste
und könnte kein Wort davon wirklich mit Leben füllen? Er würde ja
doch alles wieder vergessen und wäre dem Glauben keinen Schritt
näher gekommen.
Wenn ich also heute noch einmal nach dem Glauben frage und gemeinsam
mit Ihnen darüber nachdenken will, welchen Platz er in Ihrem Leben
einnimmt, dann knüpfe ich lieber an die schlichten und doch nicht
weniger gehaltvollen Worte Jesu an, über die Pastor Fricke damals
gepredigt hat. Sie stehen in Lukas 17, Verse 5 und 6:

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: „Stärke uns den Glauben!“
Der Herr aber sprach: „Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein
Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich
aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.“

Ich denke, wir stehen nicht in der Gefahr, Jesus allzu wörtlich zu
nehmen. Wozu sollte man auch einen Maulbeerbaum ins Meer versetzen –
oder einen Berg, wie es bei Matthäus heißt? Im übertragenen Sinne
allerdings trauen auch wir einem starken Glauben viel zu. „Glaube
versetzt Berge“ – in dieser Form haben wir das Jesus-Wort zum
Sprichwort gemacht. Und Menschen, die mit ihrem Glauben viel bewegen
oder um ihres Glaubens willen vieles auf sich nehmen, die haben
unsere Bewunderung sicher. Martin Luther, Albert Schweitzer,
Dietrich Bonhoeffer, Mutter Teresa – sie alle sind dafür bekannt,
dass sie ihre christliche Überzeugung mit aller Konsequenz in die
Tat umgesetzt zu haben, dass sie bereit waren, für ihren Glauben
auch Nachteile in Kauf zu nehmen, bis hin zum Verlust des eigenen
Lebens.
Aber wenn wir sie bewundern und verehren, dann ist das wohl auch
immer mit dem Eingeständnis verbunden: Solch einen Glauben habe ich
nicht! Ich könnte das nicht, allein vor Kaiser und Fürsten hintreten
und sagen: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Ich brächte es
nicht über mich, Heimat und Besitz aufzugeben, um irgendwo in Afrika
ein Krankenhaus aufzumachen oder mich in Kalkutta um die Ärmsten der
Armen zu kümmern. Ich würde den Mut nicht aufbringen, im Namen Jesu
Widerstand zu leisten gegen Diktatur und Gewaltherrschaft. Wohl aber
würde ich das alles gern können, wenn’s drauf ankommt. Und deshalb
ist es wohl unser aller Wunsch, den die Apostel dem Herrn vortragen:
„Stärke unseren Glauben!“ Verleih uns solchen Glauben, der wirklich
etwas bewegt in dieser Welt und der jedem Druck standhält!
Ich wiederhole noch mal Jesu Erwiderung auf die Bitte der Apostel:
„Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr
zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins
Meer!, und er würde euch gehorchen.“ Ist das überhaupt eine Antwort?
Und wenn ja, was will Jesus damit eigentlich sagen? Das winzige
Senfkorn war damals sprichwörtlich für die kleinstmögliche Menge –
soviel ist klar. Also besagen Jesu Worte, positiv formuliert: Schon
das kleinste bisschen Glauben reicht aus, um damit schlicht-weg
alles zu bewegen. Aber Jesus formuliert es ja anders: „Wenn ihr
Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn …“ So steht es in der
Lutherbibel, und so wird es auch meistens verstanden. Das wäre dann
aber eine komplette Abfuhr: „Ihr wollt, dass ich euren Glauben
stärke? Völlig falsche Frage! Denn wenn ihr auch nur die winzigste
Kleinigkeit an Glauben hättet, dann hätte er gar keine Stärkung
nötig. Da ihr aber keinen habt, gibt’s da auch nichts zu stärken!“
Also: Glaube versetzt entweder Berge oder er ist gar nicht da. Das
wären dann allerdings finstere Aussichten für uns
Otto-Normalchristen in Geisweid und anderswo.
Zum Glück muss man den Satz aber wohl anders lesen. Denn wörtlich
steht da: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann hättet ihr
zu diesem Maulbeerbaum sagen können: Entwurzele dich und pflanz dich
ins Meer, und er hätte euch gehorcht.“ So klingt das schon anders.
Denn so ist das mit dem Baum zwar ein irreales Bei-spiel – macht ja,
wie gesagt, auch keinen Sinn –, aber der Senfkorn-Glaube ist eine
reale Möglichkeit. So einen Glauben kann jeder haben, und mehr
Glauben braucht keiner, denn diesem Glauben sind alle Dinge möglich.
Die Frage ist nur: Wie komme ich zu solchem Glauben? Reicht es
dafür, wenn ich christlich erzogen, getauft und konfirmiert bin und
das ganz okay finde? Kann ich mir einfach vornehmen: „So, ab jetzt
glaube ich“? Muss ich eine persönliche Entscheidung für Jesus
Christus treffen, um zum Glauben zu kommen? Ist der Glaube ein
Gefühl, das mal da und mal weg ist, das man aber auch durch
bestimmte Reize hervorrufen kann? Muss ich alle Zweifel verbannen?
Muss ich ein religiöser Typ sein, um glauben zu können? Braucht man
dazu ein bestimmtes Gen, das der eine hat und die andere nicht?
Nein, ich glaube, das alles kratzt höchstens ein bisschen an der
Außenseite. Es trifft nicht das, was christlicher Glaube wirklich
ist. Glaube ist – und jetzt bemühe ich doch noch mal den
Heidelberger Katechismus – ein herzliches Vertrauensverhältnis
zwischen mir und Gott. Glaube, das ist meine Antwort darauf, dass
Gott mich bei der Hand nimmt, mich beim Namen ruft und mir zusagt:
Du gehörst zu mir, weil ich dich lieb habe. Glaube ist, wenn mir
aufgeht, dass Gott da ist und mir seine Liebe schenkt, und mein Ja
dazu ist dann eine Selbstverständlichkeit. So wie bei einem Kind,
für das es überhaupt nicht in Frage käme, das Päckchen, das man ihm
in die Hand drückt, nicht auszupacken. Ich sage Ja zu Gott, weil er
Ja zu mir sagt. Das ist das Senfkorn. Alles andere kann und wird
daraus wachsen.
Mehr als dieses Senfkorn hat übrigens keiner, auch kein Pastor,
sei’s von heute, sei’s von damals, auch all die großen Gestalten
nicht, die ich vorhin erwähnt habe. Im Gegenteil: Je intensiver sie
ihren Glauben lebten, desto mehr wurde ihnen seine Winzigkeit
bewusst, desto stärker waren sie von Zweifeln und Anfechtungen
geplagt, desto mehr zerrann ihnen alle Gewissheit zwischen den
Fingern. Für Martin Luther blieb als letzter Nothaken oft nur noch
die Tatsache, dass er getauft war und damit zu Gott gehörte. „Dein
bin ich, o Gott!“ – mit diesen Worten schrieb auch Dietrich
Bonhoeffer gegen die Angst und die innere Leere im Tegeler Gefängnis
an. Und aus Mutter Teresas Tagebüchern weiß man inzwischen, dass sie
über die längste Zeit ihres Wirkens keinen Glauben und keine Liebe
in sich spürte. „Wofür arbeite ich?“ schrieb sie. „Wenn es keinen
Gott gibt – kann es auch keine Seele geben. – Wenn es keine Seele
gibt, dann, Jesus – bist auch Du nicht wahr.“ Sie kam sich wie eine
Lügnerin vor, die der Welt etwas vorspielt. Aber Gott blieb doch für
sie Wirklichkeit, auch wenn sie ihn als abwesend erlebte. Christus
blieb ihr Auftraggeber, obwohl sie sich von ihm verlassen fühlte.
Das war ihr Senfkorn, ihr Strohhalm, an dem sie sich festhielt und
der sie nicht aufgeben ließ. Und wer wollte bezweifeln, dass dieses
Senfkorn unheimlich viel bewegt hat?
Ob sie es damit verdient hat, heilig gesprochen zu werden, das ist
ein Problem der katholischen Kirche. Aus evangelischer Sicht kann
man nur sagen: Sie ist heilig, weil sie zu Gott gehört – so wie
alle, denen das Senfkorn des Glaubens zu teil wird. Die Zweifel, das
Gefühl, von Gott verlassen zu sein, die können daran nichts ändern –
so wenig wie bei Martin Luther oder Dietrich Bonhoeffer, so wenig
wie bei uns kleinen Glaubenslichtern hier und heute. Schließlich
starb auch Jesus mit den Worten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast
du mich verlassen?“ – und ließ mit seinem Tod den Berg unserer
Schuld und Gottverlassenheit im Meer versinken! Sollte er da mit
unserem kleinen Glauben nicht große Dinge tun können?
Wenn ich Ihnen also heute etwas wünschen soll zu Ihrer Goldenen
Konfirmation, dann ist es dieses kleine Senfkorn Glaube. Vielleicht
tragen Sie es längst in sich, schon seit damals vor fünfzig Jahren
oder noch länger. Vielleicht haben Sie irgendwann später Ihr kleines
Ja zu Gottes großem Ja gesprochen. Dann freuen Sie sich weiter daran
und halten Sie Ihr Glaubenssenfkorn fest als das kostbarste
Geschenk, das Sie je bekommen haben. Haben Sie keine Angst, dass Ihr
Glaube zu schwach sein könnte für das, was das Alter an Lasten für
Leib und Seele mit sich bringen mag. Gott, der Ihnen dieses Geschenk
gemacht hat, der wird es Ihnen auch erhalten bis an Ihr Lebensende –
auch wenn Sie vielleicht zuzeiten das Gefühl beschleicht, dass sie
es verloren haben.
Vielleicht gehören Sie aber auch zu denen, die zwar manches vom
Glauben gehört und mitbekommen haben, aber doch immer auf Distanz
geblieben sind. Dann bitte ich Sie, doch einmal zu prüfen, ob sich
diese Distanz nicht an den falschen Dingen festmacht. Vielleicht
sind es schlechte Erfahrungen mit Eltern, Pastoren und anderen
Gläubigen, die Sie vom Glauben abhalten. Vielleicht sind es die
hohen Glaubenshürden, die irgendjemand vor Ihnen aufgebaut hat: „Als
Christ musst du aber dieses und jenes glauben, du musst und so und
so handeln und darfst dies und das nicht tun“. Oder es ist der
gerade im Siegerland verbreitete Irrtum, dass es letztlich an mir
hängt, ob ich glaube oder nicht – an meiner Entscheidung, an meiner
inneren Gewissheit, an meinem glaubensgemäßen Handeln. Dann lassen
Sie es sich noch mal gesagt sein: Es kommt beim Glauben auf nichts
anderes an als auf das „herzliche Vertrauen“ zwischen Gott und mir.
Da gehört nichts dazwischen, keine schlechte Erfahrung, keine
Vorschrift und keine Eigenleistung meinerseits. Und es ist niemand
anderes als Gott, der dieses Vertrauensverhältnis stiftet. Von
seiner Seite aus ist das Vertrauen längst hergestellt: begründet in
Tod und Auferstehung Jesu Christi, Ihnen persönlich zugesagt mit der
Taufe und noch mal bestätigt mit der Konfirmation. Und Sie können
jederzeit schlicht und einfach Ja dazu sagen, wann auch immer Ihnen
aufgeht, dass das wahr ist. Möge aus dem Samenkorn, das Gott dabei
in Sie hineinpflanzt, ein guter Baum, eine schöne Blume in Gottes
Garten werden, so wie wir es eben mit den Worten Paul Gerhardts
gesungen haben. Und möge der Friede Gottes, der höher ist als alle
Vernunft, unser aller Herzen und Sinne bewahren in Jesus Christus.“

Amen.

 

Predigt vom 3.4.2011

 

GOTTESDIENST FÜR DEN SONNTAG
LAETARE

Pfr. Dr. Martin Klein
Wenschtkirche,
3.4. 2011
Text: Joh 6,51-58

 

Jesus sprach
zu ihnen: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist.
Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses
Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“

Da stritten
die Juden untereinander und sagten: „Wie kann der uns sein Fleisch
zu essen geben?“ Jesus sprach zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich
sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und
sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch
isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde
ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre
Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst
und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich
der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen,
so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das
Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern,
die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird
leben in Ewigkeit.“

„Das ist eine
harte Rede; wer kann sie hören?“ So reagieren die Jünger auf diese
Worte Jesu. Und es kommt zu einer Spaltung unter ihnen: Viele verlassen
Jesus, nur wenige bleiben da.

Ich kann sie gut
verstehen. Denn auch mir gehen diese Verse ziemlich quer runter.
Jesu Fleisch essen (wörtlich heißt es sogar: „zerkauen“)? Sein Blut
trinken? Ja, sind wir denn Kannibalen oder Vampire? Bei solchen
Sprüchen ist es kein Wunder, dass sich bei Römern und Griechen bald
das Gerücht verbreitete, die Christen würden bei ihrem Abendmahl
kleine Kinder schlachten und verspeisen. Das war natürlich ein entsetzliches
Missverständnis, und selbstverständlich sind Jesu Worte nicht wörtlich
zu nehmen. Aber es gibt eben Bilder und Vergleiche, die sind einfach
daneben, weil sie Gedankenverbindungen auslösen, die an der Sache
vorbeigehen und zu Missverständnissen geradezu einladen. Dieser
Abschnitt aus dem Johannesevangelium ist in der Hinsicht mindestens
grenzwertig.

Manche Ausleger
haben deshalb versucht, ihn elegant loszuwerden. Als Aussage des
irdischen Jesus kann er ohnehin nicht gelten. Wie alle Jesus-Reden
bei Johannes ist auch die so genannte „Brotrede“ in Joh 6 vom Evangelisten
formuliert. Was er Jesus sagen lässt, das ist geprägt von dem, was
er und seine Gemeinde von Jesus glauben: dass er nämlich der Christus,
der Sohn des lebendigen Gottes ist. Und so ist es auch hier. Aber
die besagten Ausleger gehen noch darüber hinaus. Sie meinen, dass
dieser spezielle Abschnitt auch nicht vom Evangelisten stammt, sondern
erst später angefügt wurde. Eine so genannte „kirchliche Redaktion“
habe mit dieser und anderen Erweiterungen das recht eigensinnige
Evangelium an den kirchlichen „Mainstream“ anpassen wollen. An dieser
Stelle habe man zum Stichwort „Brot des Lebens“ vor allem Aussagen
über das Abendmahl vermisst und sie deshalb ergänzt. Und die Verfasser
dieser Ergänzung hätten in punkto Abendmahl ganz handfest-real gedacht:
Für sie verwandeln sich Brot und Wein beim Abendmahl tatsächlich
und leibhaftig in Fleisch und Blut Christi. So dienen sie dann allen,
die davon gläubig essen und trinken, als Heilmittel für die Seele,
das Unsterblichkeit verleiht. Dieses Abendmahlsverständnis, das
wir zuerst beim Kirchenvater Ignatius von Antiochien um 100 nach
Christus finden, ist für die katholische Kirche sehr prägend geworden.
Die Reformatoren dagegen haben es abgelehnt. Sollte es an dieser
Stelle nachträglich ins Johannesevangelium eingefügt sein, könnten
wir Evangelischen es also getrost ad acta legen.

Aber dass es sich
so verhält, ist keineswegs sicher. Gut möglich, dass die Zuspitzung
auf das Abendmahl vom Evangelisten selber stammt. Dann wollte er
uns sagen: Jesus ist das Brot des Lebens, das heißt, nur in ihm
können wir zu Gott und zum wahren, ewigen Leben finden, und konkret
erfahrbar wird das durch das Brot und den Wein des Abendmahls.

Wenn es so ist
– und ich glaube, es ist so –, dann müssen wir uns freilich noch
mal Gedanken machen: Wie ist das denn nun beim Abendmahl? Christus
lädt uns ein an seinen Tisch, sagen wir gern. Er ist mitten unter
uns, wenn wir Abendmahl feiern, sagen wir auch. Und irgendwas muss
das mit dem Brot und dem Wein zu tun haben. Denn sonst könnte Christus
ja auch so mitten unter uns sein. Schließlich hat er uns das schon
für den Fall versprochen, dass zwei oder drei sich in seinem Namen
versammeln. Aber was genau verbindet Brot und Wein mit Jesus? Was
haben sie mit seinem Leib oder gar Fleisch und seinem Blut zu tun?
Oder bleibt es jedem selber überlassen, sich da irgendetwas vorzustellen?

Bekanntlich haben
auch evangelische Christen sich darüber lange und heftig gestritten.
Brot und Wein sind beim Abendmahl wirklich Leib und Blut Christi,
hat Martin Luther gesagt. Schließlich hat Jesus doch gesagt: „Nehmt
und esst, das ist mein Leib.“ Brot und Wein sind nur Zeichen, hat
Ulrich Zwingli entgegnet. Sie bedeuten, dass Christus wirklich und
leibhaftig für uns gestorben ist. Aber jetzt sitzt er samt seinem
verklärten Leib zur Rechten Gottes – wie soll dieser Leib dann gleichzeitig
auf Erden in einem Stück Brot zu finden sein? Darüber haben sich
die beiden heftigst entzweit, anno 1529 in Marburg. Und so kam es,
dass die Reformation in ein lutherisches und ein reformiertes Lager
zerfiel. Zeitweise haben die sich gegenseitig heftiger bekriegt
als Protestanten und Katholiken.

Gott sei Dank
ist das vorbei. Denn im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hat sich
herausgestellt, dass es im Neuen Testament diesen Gegensatz von
„ist“ und „bedeutet“ gar nicht gibt. Der kam eher dadurch zustande,
dass Luther und Zwingli aus verschiedenen Denktraditionen des Mittelalters
stammten. Also konnten sich die reformierten und lutherischen Kirchen
Europas 1973 auf dem Leuenberg bei Basel darauf einigen, dass ihr
unterschiedliches Abendmahlsverständnis sie nicht mehr trennt. Seitdem
können sie uneingeschränkt gemeinsam Abendmahl feiern. „Im Abendmahl
schenkt sich der auferstandene Christus in seinem für alle dahingegebenen
Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein.“ So
lautet die Formel auf die man sich verständigt hat. Wie Christus
nun genau „mit Brot und Wein“ gegenwärtig ist, das hat man damals
bewusst offen gelassen. Ja man hat sogar gesagt, dass die Gefahr
besteht, den Sinn des Abendmahls zu verdunkeln, wenn man es zu genau
wissen will.

Wenn wir in unseren
Predigttext schauen und vom „Fleisch essen“ und „Blut trinken“ lesen,
mag uns das zu schwammig vorkommen. Aber es ist natürlich richtig:
Immer wenn jemand festlegen wollte: „So ist es, und nicht anders“,
hat dies die Spaltung unter Christen vertieft. Und weil die katholische
Kirche da bis heute sehr festgelegt ist, gibt es ihrerseits eben
keine Abendmahlsgemeinschaft mit uns Evangelischen. Auch ich werde
mich also hüten, Sie heute morgen in dieser Hinsicht auf irgendetwas
festzulegen. Zwar klingt unser Predigttext da sehr genau und konkret,
aber er ist eben innerhalb des Neuen Testaments auch nur eine von
vielen Stimmen. Immerhin macht er mir Mut, Ihnen konkret zu sagen,
wie ich persönlich über die Art der Gegenwart Christi beim Abendmahl
denke. Und Sie mögen dann selber überlegen und beurteilen, was Sie
für sich damit anfangen können.

Ich glaube, dass
auch beim Abendmahl Brot und Wein nichts anderes sind als Brot und
Wein – oder Traubensaft. Deshalb ist es für mich kein Unglück, wenn
mal ein Stück Abendmahlsbrot versehentlich auf den Boden fällt oder
ein Schluck Wein verschüttet wird. Dem Leib Christi und dem neuen
Bund in seinem Blut fügt das keinerlei Schaden zu. Und wenn ich
verbliebene Reste hinterher nicht gern wegwerfe, dann deshalb, weil
ich das bei Lebensmitteln sowieso zu vermeiden versuche, nicht deshalb,
weil die Abendmahlsreste irgendwie besonders heilig wären. Für mich
sind Brot und Wein Symbole, aber solche, die wirklich etwas bedeuten
und die ich deshalb mit entsprechender Achtung behandle. Durch sie
erfahre ich, welchen Sinn das Leiden und Sterben Jesu für mich haben,
und das nicht nur mit dem Verstand, sondern mit allen Sinnen: ich
höre die Einsetzungsworte, ich sehe und berühre das Brot und den
Kelch, ich rieche und schmecke das Brot und den Wein. Und damit
„schmecke und sehe ich, wie freundlich der Herr ist“. Schade finde
ich es deshalb, dass bei unseren üblichen Abendmahlsfeiern die sinnlichen
Eindrücke auf ein Minimum reduziert sind. Hier im reformierten Siegerland
gibt es ja immerhin richtiges Brot und nicht nur Oblaten, die nach
nichts schmecken und einem auch nichts zu kauen geben. Aber satt
macht so ein kleines Stück Brot natürlich auch nicht. Und trotz
all der guten Gründe, die für Traubensaft statt Wein sprechen: ein
guter Schluck Wein ist einfach ein intensiveres Erlebnis als ein
Schluck Saft. Wenn’s also nur nach mir ginge und ich auf niemanden
Rücksicht nehmen müsste, gäbe es beim Abendmahl richtiges Brot und
richtigen Wein – noch besser eine richtige Mahlzeit. Deshalb lade
ich herzlich ein zum Gottesdienst am Gründonnerstag, weil wir das
Abendmahl wenigstens da mal so feiern.

Und was schmecke
und sehe ich nun genau in, mit und unter Brot und Wein? Ich drücke
es immer noch gern mit den Worten des Heidelberger Katechismus aus:
So gewiss, wie ich das Brot breche und zerbeiße, so gewiss wurde
Christi Leib für mich am Kreuz zerschunden und gebrochen. Und so
gewiss ich den Wein aus dem Kelch in meinen Mund rinnen lasse und
trinke, so gewiss wurde Christi Blut für mich vergossen. Er ist
gestorben, um damit Gottes Liebe zu mir und allen Menschen ans Ziel
zu bringen. Er hat damit alles überwunden, was mich von ihm trennt
– selbst den Tod. Deshalb ist er auferstanden und lebt. Deshalb
dürfen wir mit ihm leben und sein – hier auf Erden und bis in Ewigkeit.
Deshalb ist er da, wenn wir Abendmahl feiern, und wir nehmen ihn
bei uns und in uns auf, so gewiss wie das Brot und den Wein. Und
deshalb schließt er uns mit sich zu einer Gemeinschaft zusammen,
so gewiss, wie wir alle am Brot und am Wein teilhaben. Und auch,
was uns untereinander trennt, wird dadurch überwunden. Mögen wir
daran denken, wenn wir das nächste Mal zum Abendmahl zusammen sind.

 Amen.

 

Predigt vom 27.03.2011

 

GOTTESDIENST FÜR DEN SONNTAG
OKULI

Pfr. Dr. Martin Klein
Wenschtkirche,
27.3. 2011
Text: Mk 12,41-44

Und Jesus setzte
sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte
in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam
eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen
einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen:
„Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten
gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle
etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut
ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“

Wenn bei uns im
Gottesdienst der Klingelbeutel herumgeht oder am Ausgang die Kollekte
gesammelt wird, dann geht es dabei sehr diskret zu. Alle legen rein,
so viel oder so wenig sie wollen, und die Presbyter, die das Geld
sammeln, schauen den Leuten freundlich ins Gesicht, aber nicht auf
die Finger.  Es soll ja hinterher nicht heißen: „Die Frau X
war aber heute wieder knickerig!“ oder: „Dass der Herr Y mit solchen
Scheinen um sich schmeißen kann!“ Und über restliches Urlaubskleingeld
oder Einkaufschips, die man beim Zählen schon mal findet, wird großzügig
hinweggesehen.

Jesus war da weniger
zurückhaltend. Er schaute den Spendern im Tempel von Jerusalem einfach
über die Schultern und dachte sich anscheinend gar nichts dabei.
Und er gab dazu auch noch Kommentare ab!

Ort des Geschehens
ist die Schatzkammer am inneren Vorhof des Tempels. Dort wurde alles
Geld und Gut gesammelt, das Juden aus aller Welt zum Unterhalt des
Tempeldienstes spendeten. Zu diesem Zweck standen dort dreizehn
Opferstöcke. Zwölf davon waren für das Sammeln der festen Tempelsteuer
bestimmt: ein Schekel pro Jahr und Familie. Und der dreizehnte war
für freiwillige Spenden da. An diesem Opferstock saß nun offenbar
Jesus und schaute zu. Das Geld floss reichlich. Denn bei denen,
die was hatten, gehörte es zum guten Ton, großzügig für den Tempel
zu spenden – erst recht zum Passahfest, wo viele Pilger in der Stadt
waren. Mitten zwischen diesen reichen Leuten erschien nun aber auch
eine arme Witwe und warf zwei Lepta in den Opferstock. Ein Lepton
– Scherflein heißt es bei Luther –, das war die Kupfermünze mit
dem niedrigsten Geldwert. 128 Lepta ergaben einen Denar, den üblichen
Tageslohn für einen Landarbeiter. Das „Scherflein der Witwe“ war
also fast die kleinste Gabe, die man überhaupt geben konnte. Trotzdem
war es die einzige von den vielen Spenden, die Jesus besonders bemerkenswert
fand: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle,
die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss
eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt,
alles, was sie zum Leben hatte.

Und so war es
auch. Allein stehende Witwen hatten damals wirklich nichts – es
gab für sie weder Rente noch Sozialhilfe. Sie waren selber auf die
Wohltätigkeit anderer angewiesen. Wenn eine solche Witwe das bisschen
Geld, das sie sich absparen konnte, in den Tempel brachte, dann
musste ihr der Gottesdienst, der dort geschah, wirklich sehr viel
wert sein.

Das, was Jesus
sagt, leuchtet uns unmittelbar ein. Natürlich bedeuteten für die
arme Frau ein paar Kupfermünzen mehr als ein Sack Goldstücke für
die reichen Männer, und natürlich ist ihre Gabe deshalb mehr wert
als alle anderen. Das scheint selbstverständlich zu sein, und es
ist auch nicht besonders originell. Ein jüdischer Rabbi oder ein
indischer Buddhist hätten das auch sagen können und haben es in
ähnlichen Geschichten auch ähnlich gesagt. Aber ist es wirklich
so selbstverständlich wie es klingt? Dieser Frage möchte noch ein
wenig nachgehen und erzähle dazu zwei Beispiele aus unserer Zeit.

Beispiel eins:
Bill Gates und Warren Buffett waren bis vor kurzem die beiden reichsten
Männer der Welt. Zusammen besitzen sie ein geschätztes Privatvermögen:
von 106 Milliarden US-Dollar. Seit Jahren stecken die beiden riesige
Summen in wohltätige Stiftungen. Und im vergangenen Jahr haben sie
gemeinsam die Superreichen der Erde aufgefordert, einen Großteil
ihres Vermögens für gute Zwecke zu spenden. „The Giving Pledge“
haben sie ihre Kampagne genannt: „Das Versprechen zum Abgeben“.
Vierzig US-Milliardäre haben schon ihre Beteiligung zugesagt.

Beispiel zwei:
In meiner früheren Gemeinde in Dortmund, gab es eine Frau, mit der
ich zweimal im Jahr ein Krankenabendmahl gefeiert habe: um die sechzig,
geschieden, aufgrund eines Schlaganfalls halbseitig gelähmt und
deshalb seit vielen Jahren Frührentnerin, wahrlich nicht mit Reichtümern
gesegnet. Das Geld reichte gerade mal für die Miete, das Essen und
was man sonst noch so zum Leben braucht, aber z.B. kaum noch für
die Zuzahlungen bei Ärzten und Medikamenten. Trotzdem bekam ich
jedes Mal, wenn ich bei ihr war, einen Umschlag mit 25 € für „Brot
für die Welt“ zugesteckt.

Nehmen wir mal
an, Jesus hätte die beiden bei ihrem Tun beobachtet, so wie die
Spender damals im Tempel von Jerusalem: Bill Gates oder Warren Buffett
mit ihren Milliarden und die Dortmunder Frührentnerin mit ihren
25 Euro. Und nehmen wir mal an, er würde das, was er da sieht, auch
so ähnlich kommentieren: „Wahrlich, ich sage euch: Diese Rentnerin
aus Dortmund hat mehr gespendet als die Milliardäre aus Amerika.
Denn sie haben etwas von ihrem Überfluss gegeben; sie aber hat von
dem wenigen, das sie hat, alles gegeben, was sie entbehren konnte.“
Hätte er recht damit?

Wahrscheinlich
würden Sie, die hier heute morgen sitzen, sagen: Ja, er hat recht.
Denn vermutlich fühlen Sie sich von Ihrer Lebenssituation her der
armen Rentnerin näher als den reichen Männern, auch wenn es Ihnen
finanziell deutlich besser geht. Und ich bin geneigt, Ihnen recht
zu geben.

Aber ich könnte
auch verstehen, wenn Bill Gates und Warren Buffett oder andere Reiche,
die viel spenden, jetzt protestieren würden. „Okay“, könnten sie
sagen, „es tut uns nicht besonders weh, auf ein paar Tausender oder
auch ein paar Millionen oder Milliarden zu verzichten. Aber immerhin:
wir tun es. Wir fühlen uns durch unseren Reichtum dazu verpflichtet,
unseren Teil zum Gemeinwohl beizutragen – im Gegensatz zu vielen
anderen, die alles für sich behalten – sogar die Steuern, die sie
eigentlich zahlen müssten. Und als Dank dafür hören wir dann: Der
will ja nur sein Gewissen beruhigen! oder: Da will wieder einer
für seine Großzügigkeit gelobt werden! Das finden wir ausgesprochen
unfair.“ An diesem Protest ist was dran. Schließlich könnten wir
bei Kirchens den Laden dicht machen, wenn es nicht auch noch ein
paar Reiche gäbe, die Kirchensteuern zahlen, spenden oder einer
Gemeinde den Rest für eine neue Orgel dazu tun. Und Geiz ist ja
heutzutage „geil“ und keineswegs nur ein Laster der höheren Gehaltsstufen.

Deshalb denke
ich, wir haben Jesus noch nicht richtig verstanden, wenn wir nur
auf die Höhe der Spenden schauen. Jesus kommt es weder auf die absolute
Summe an, noch auf die Summe in Relation zum gesamten Besitz. Ihm
geht es um die Einstellung, mit der jemand gibt. Der armen Witwe
ist einfach der Gottesdienst im Tempel soviel wert, dass sie dafür
alles gibt, was sie geben kann. Und wenn ein Reicher mit der gleichen
Einstellung eine große Spende abgibt, dann ist sie genauso viel
wert – wegen der Einstellung, nicht wegen der Höhe der Summe. Wir
alle, ob reich oder arm, schulden Gott nicht etwas, sondern alles,
nämlich uns selbst. Alles, was wir sind und haben, hat Gott uns
gegeben. Es ist nicht unser Besitz, sondern er hat es uns geliehen,
und wir sollen damit verantwortlich umgehen. Wir können und sollen
unser Geld und Gut, unsere Gaben und Fähigkeiten einsetzen zur Ehre
Gottes und zum Nutzen der Menschen, die er geschaffen hat und liebt.
Darauf kommt es an, dass wir das erkennen und in die Tat umsetzen.

Ich für mein Teil
möchte mir das immer wieder neu zu Herzen nehmen. Und was speziell
meinen Umgang mit Geld angeht, möchte ich mir folgenden Rat geben
– wenn er Ihnen gut erscheint, mögen Sie ihn für sich übernehmen:
Bedenke, dass du für deinen ganzen Besitz vor Gott Verantwortung
trägst, und dann überleg, wie viel Geld du für deinen Lebensunterhalt
und für den deiner Familie benötigst. Wahrscheinlich bleibt dann
noch genug übrig, mit dem du anderen Menschen Gutes tun kannst.
Vielleicht muss es nicht der ganze Restbetrag sein, aber denk mal
darüber nach, ob es nicht mehr sein könnte, als du bisher dafür
einkalkuliert hast. Wenn du dann weißt, wie viel von deinem Geld
du abgeben kannst und willst, dann mach dir klar, welche so genannten
„guten Zwecke“ dir besonders am Herzen liegen – vielleicht weil
du einen persönlichen Bezug dazu hast oder weil du weißt, dass deine
Spende dort besonders sorgfältig verwendet wird und gut angelegt
ist. Und dann setz dein Geld gezielt für diese Dinge ein. Lass dir
kein schlechtes Gewissen machen, wenn du anderen Spendenaufrufen
nicht nachkommst, auch wenn sie noch so gut begründet sind. Du würdest
dich sonst nur verzetteln und könntest mit deinen paar Kröten sowieso
nicht die Not der ganzen Welt beheben. Bilde dir auf deine Spendierfreudigkeit
nichts ein, aber wenn du nur noch missmutig geben kannst, dann lass
es lieber. Denn „einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“, hat Paulus
gesagt. Und wenn dir doch einmal die Lust am Geben vergeht, dann
erinnere dich an folgenden Spruch Salomos: „Wer sich des Armen erbarmt,
der leiht dem HERRN, und der wird ihm vergelten, was er Gutes getan
hat.“

Amen.