Predigt vom 3.10.2010

 

FAMILIENGOTTESDIENST ZUM ERNTEDANKFEST

mit Kindergarten Schießberg
und Jasminweg

Pfr. Dr. Martin Klein
Wenschtkirche,
3.10. 2010
Thema: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ (2.Kor
9,7)

Neulich habe ich
eine Gruppe Konfirmanden anhand von Fotos hier im Haus nach Tieren
suchen lassen. Den Hahn hatten sie schnell (auf dem Kirchturm),
auch der Fisch (an der Taufschale) und die Schlange (auf dem Altarbild)
waren kein Problem. Aber den Fuchs, den haben sie recht lange suchen
müssen. – Weiß hier jemand, wo der Fuchs ist? … Richtig, an der
Wand im Kleinen Saal – vielleicht schaut ihr es euch nachher mal
genauer an!

Wahrscheinlich
konnten sich die Konfis nicht so recht vorstellen, was ein Fuchs
in der Kirche zu suchen hat. Aber der Künstler, von dem der Fuchs
stammt, hat dabei an etwas gedacht, das Jesus mal gesagt hat: „Die
Füchse haben ihren Bau, und die Vögel (die sind da auch zu sehen)
haben Nester, aber ich, der Menschensohn, habe keinen Ort, an dem
ich mich abends schlafen legen kann.“ (Lk 9,58) Und dann sind an
der Wand noch Menschen zu sehen, denen es genauso ging wie Jesus
und wie den Tieren vorhin in der Geschichte vom Apfelbaum: Leute,
die aus ihrer Heimat fliehen mussten oder vertrieben wurden, die
nur noch besitzen, was sie tragen können, und die nun ein neues
Zuhause suchen. Vor 65 Jahren, nach dem letzten Krieg, kamen viele
solche Menschen hierher. Sie konnten und durften nicht mehr dort
bleiben, wo sie bisher gelebt hatten – in Ostpreußen oder Schlesien
zum Beispiel. Und sie mussten nun eine neue Bleibe finden, viele
davon hier im Wenscht. Aber wie würden die Alteingesessenen sie
aufnehmen?

Auf dem Bild an
der Wand sind die verschiedenen Möglichkeiten zu sehen: Zwei sitzen
am Tisch am warmen Herd und vor einer dampfenden Schüssel und halten
schützend die Hände darüber: „Alles meins“, heißt das, „ich hab
nichts zu verschenken, und Fremde sind hauptsächlich lästig!“ Wie
die anderen Bäume vorhin. Aber einer macht es anders. Er steht auf,
nimmt einen Teller mit Essen und geht den armen Flüchtlingen entgegen.
„Willkommen“, drückt er damit aus, „ich teile gern mit euch, es
wird schon für alle reichen!“ Auch so ein „fröhlicher Geber“.

Das mit den Flüchtlingen
nach dem Krieg ist jetzt schon lange her. Ihr Kindergartenkinder
müsst schon eure Großeltern oder gar Urgroßeltern fragen, wenn ihr
wissen wollt, wie das war. Aber Gelegenheiten, fröhliche Geber und
Gastgeber zu werden, die gibt es auch für uns heute genug.

Die erste bietet
sich gleich am Ausgang: Da sammeln wir nämlich für den Kindergarten
Jasminweg, der bekanntlich gerade umgebaut wird und wo leider immer
noch nicht klar ist, wie das Ganze finanziert werden kann.

Andere Gelegenheiten
warten jeden Tag auf uns: Menschen, die vielleicht gar nicht immer
unser Geld wollen, sondern die unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit,
unsere Hilfe brauchen. Nicht nur irgendwo in der weiten Welt, sondern
direkt in unserer Nachbarschaft.

Und Menschen bei
uns aufzunehmen und willkommen zu heißen? Gute Gastgeber zu sein
wie der Apfelbaum? Da waren wir schon mal besser: vor 65 Jahren,
als Deutschland am Boden lag, vor 20 Jahren, als es wieder eins
wurde. Heute dagegen kriegt einer großen Beifall, wenn er die idiotische
Behauptung in die Welt setzt, Deutschland würde verdummen, weil
Muslime zu viele Kinder bekommen. „Die sollen sich endlich richtig
integrieren“, heißt es, aber gemeint ist bei vielen: „die passen
nicht zu uns und sollen gefälligst endlich verschwinden!“ Dabei
sind die meisten von ihnen mal als unsere Gäste gekommen, sogar
von uns gerufen, und wir sollten trotz aller Probleme froh sein,
dass sie noch da sind; denn wir werden sie noch brauchen, wenn wir
mal alle alt sind und irgend jemand das Geld für unsere Rente erarbeiten
und uns pflegen muss. Übrigens: die Moschee im Hüttental hat heute
Tag der Offenen Tür und lädt uns alle zu sich ein – vielleicht können
wir von den Muslimen als Gastgebern ja noch was lernen!

Paulus hat das
mit dem „fröhlichen Geben“ übrigens geschrieben, als er in seinen
Gemeinden Spenden für die verarmten Christen in Jerusalem sammelte.
„Von dort ist die Botschaft von Jesus Christus ausgegangen“, sagt
er ihnen, „durch die ihr ehemaligen Heiden nun zum Volk Gottes gehört.
Ihr seid mit Gott im Reinen, ihr habt einen festen Halt an ihm und
er hat euch viele gute Gaben zukommen lassen, und das alles verdankt
ihr auch denen, die von Jerusalem den Weg zu euch gefunden haben.
Da ist es doch nur ein gerechter Ausgleich, wenn ihr ihnen nun materiell
unter die Arme greift.“

Das gilt auch
für uns. Gott hat uns viel geschenkt. Wir haben allen Grund ihm
dankbar zu sein. Und wir können ihm das zeigen, indem wir seine
Gaben weiterverschenken an unsere Mitmenschen. Wir müssen keine
Angst haben, dass wir selber darüber zu kurz kommen. Sondern wir
dürfen erfahren, dass wir durch Geben viel reicher werden als durch
Nehmen und Behalten. So wie der Apfelbaum, der im Winter nicht einsam
war. Oder so wie Paulus es sagt: „Wer wenig sät, wird auch wenig
ernten. Und wer reichlich sät, der wird reichlich ernten.“

Amen.