Predigt Talkirche, Sonntag, 02. Juni 2013

GOTTESDIENST

FÜR DEN ERSTEN SONNTAG NACH TRINITATIS

 Talkirche, 2.6. 2013

Text: Mt 9,35-10,7

Wenn man als Pfarrer aufmerksam durch die Gemeinde geht, kann man schon manchmal an seinem Beruf verzweifeln: So viele Men­schen, die Hilfe und Zuspruch brauchen, so viele wichtige Aufgaben, und immer ist nur ein Bruchteil davon zu schaffen. Da sind die Kon­firmanden, von denen manche viel intensivere und persönlichere Aufmerk­samkeit brauchen würden, weil sie sich selber und anderen im Weg stehen. Da sind die Familien, die einfach nie auf einen grü­nen Zweig kom­men, arm, arbeitslos, frustriert und oft auch zerstrit­ten, wie sie sind – Geld aus der Diakoniekasse hilft da nur ganz ober­flächlich. Da sind die vielen Kranken und Pflegebedürftigen, etliche von ihnen früher treue Kirchgänger, die es verdient hätten, dass ihr Pastor sie öfter mal besucht. Da sind die Wohnungslosen, die an der Tür schellen, ein bisschen Geld und manchmal ein Butterbrot be­kommen, die einen aber zu nervösen Blicken auf die Uhr verleiten, wenn sie anfangen, lang und breit von ihren Probleme zu erzählen. Dabei haben sie wahrscheinlich sonst niemanden, der ihnen zu­hört. Früher mal, als ich noch für 1000 Gemeindeglieder weniger zustän­dig war, konnte ich etwas mehr für all diese Menschen tun, aber auch da war es nie genug.

Wahrscheinlich geht das nicht nur Pfarrern so. Es gibt ja gottlob gar nicht so wenige mitfühlende Menschen, die anderen gerne helfen und Mut zuspre­chen, bestimmt auch unter denen, die heute hier sind. Aber auch sie stoßen mit ihrer Hilfsbereitschaft rasch an Grenzen. Es scheint in Anbetracht dessen nur drei Alternativen zu ge­ben, und die sind allesamt wenig verlockend: Entweder man verfällt dem Helfer­syndrom: Man mutet sich viel mehr an Mitmenschlichkeit zu als man bewältigen kann, bis man irgendwann zusammenklappt. Oder man läuft permanent mit schlechtem Gewissen durch die Ge­gend. Oder man resigniert, stumpft ab und verschließt schließlich vor der Not der anderen die Augen.

Der heutige Predigttext verheißt uns Trost in dieser misslichen Lage. Denn er lässt uns erstens wissen, dass es dem Herrn Jesus auch nicht anders ging, und er zeigt uns zweitens einen Weg, wie wir unserem Dilemma entkommen können. Er steht im Matthäusevangelium, im 9. und 10. Kapitel:

Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren ver­schmachtet und niedergeschlagen wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“

Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankhei­ten und alle Gebrechen. Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Ja­kobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; Simon Kananäus und Judas Iska­riot, der ihn verriet. Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: „Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen des Hau­ses Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“

Jesus tut, was er kann – ihm wird das wohl keiner abstreiten. Er lehrt und predigt und heilt. In allen Städten und Dörfern und Synagogen. Damit fängt der Text an. Und man könnte schon denken: Ja, Jesus, der konnte das! Aber der musste die­ses Arbeitspensum ja auch höchstens ein paar Jahre lang durchhalten. Und außerdem war er ja etwas ganz Besonderes: Gottes Sohn, der Heiland, der Retter der ganzen Menschheit.

Aber auch Jesus packt der Jammer, wenn er sich umschaut in den Städten und Dörfern Galiläas: Überall geplagte und niedergeschla­gene Menschen. Mehr als selbst Jesus bewältigen kann. Schafe ohne Hirten. Ein riesiges reifes Kornfeld. Einer allein könnte es niemals recht­zeitig abmähen: „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Ar­beiter.“

Doch Jesus resigniert nicht. Er verfällt auch nicht in Aktionismus. Er heuert auch nicht gleich alle Erntehelfer an, die er kriegen kann. Sondern er beschränkt sich fürs erste auf zwölf Leute, und auch die schickt er nicht gleich los, sondern fordert sie erst einmal zum Beten auf: „Bittet den Herrn der Ernte, das er Arbeiter in seine Ernte sende.“

Dahinter steht die Einsicht: Wir schaffen es nicht allein. Wir würden es aber auch nicht schaffen, wenn wir ganz viele wären. Und es ist überhaupt der falsche Weg, wenn wir einfach loslegen mit unse­rem Zuspruch und unserer Hilfsbereitschaft. Uns muss erst einmal je­mand schicken. Gott, der Herr der Ernte, muss Menschen in Dienst nehmen und aussenden. Nicht, weil wir nur als Befehlsempfänger funktionieren können. Nicht weil wir sozusagen Beamte sind, die nur das tun, was in der Dienstanweisung steht. Sondern, weil wir wissen müssen, weshalb wir eigentlich anderen Menschen helfen, weshalb wir ihnen die Botschaft vom Gottesreich in Wort und Tat vermitteln. Wir brauchen eine Vollmacht für unser Tun. Etwas, womit wir uns ausweisen können und was uns zum Handeln motiviert.

Ich glaube, ohne eine solche Vollmacht, die uns trägt und hält, kön­nen wir nicht lange gute Mitmenschen sein. Ohne sie bleibt nur das dumpfe Gefühl: Irgendwie müsstest du dem oder der jetzt helfen. Und vielleicht versuchen wir auch, dieses dumpfe Gefühl in die Tat umzusetzen. Aber wir werden mit ziemlicher Sicherheit dabei schei­tern, wenn wir nicht wissen, weshalb wir das jetzt tun und was wir damit erreichen wollen. Ich denke, es sieht anders aus, wenn wir Gottes Sendung im Rücken haben. Wenn uns bewusst ist: Gott liebt diesen Menschen, der meine Hilfe braucht, genauso wie mich, und deshalb tu ich mein Bestes, um ihm zu helfen, damit er diese Ge­wissheit auch spürt. Die Gewissheit, die mich trägt, ist auch eine Entlastung. Denn dass Gott den Menschen liebt, den ich vor mir habe, das gilt auch dann, wenn ich es nicht schaffe, ihm zu helfen. Ich kann dann immer noch hoffen, dass Gott andere Menschen, an­dere Mittel und Wege findet, um diesem Menschen seine Liebe nahe zu bringen.

Es mag ja sein, dass Menschen mit Sendungsbewusstsein heutzutage eher auf Misstrauen stoßen. Aber dass sie überzeugend wirken, weil sie von ihrer Sache überzeugt sind, das müssen wir ihnen zuge­stehen. Und wenn diese Überzeugung wirklich die Liebe Gottes zu den Men­schen zum Inhalt hat, dann kann sie auch kaum für persönliche Machtgelüste missbraucht werden. Christen, die sich ihrer Sendung durch Gott bewusst sind, könnte es in unserer Gesellschaft und unse­rer Kirche jedenfalls ruhig mehr geben. Vielleicht wüssten die Men­schen in der Kirche und um die Kirche herum dann wieder besser, was sie an ihr haben.

Und noch einen wichtigen Ratschlag entnehme ich den Worten Jesu: Wenn wir von vorhin noch den Missionsbefehl am Ende des Matthä­usevangeliums im Ohr haben, dann klingt der Auftrag, den die Jün­ger hier bekommen, eher beschränkt und bescheiden. Dort heißt es: „Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker“. Hier steht: „Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Sa­mariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen des Hauses Is­rael.“

Historisch gesehen spiegeln sich hier zwei Stufen der Geschichte des frühen Christentums. Den ersten Christen, die ja aus dem Ju­dentum kamen, ging es erst einmal darum, ihre Landsleute, das Volk Israel, von Jesus als ihrem Messias zu überzeugen. Die Heidenvöl­ker, die Enden der Erde kamen erst später in den Blick.

Für uns heute ist das kein Thema mehr. Uns ist klar, dass die Bot­schaft von Gottes Liebe allen Menschen gilt. Und trotzdem können wir aus der Beschränkung, die Jesus seinen Jüngern zunächst mitgibt, etwas lernen: Mission, Verkündigung des Evange­liums, Mitmensch­lichkeit im Namen Jesu Christi fangen in unserer nächsten Umge­bung an. Wir persönlich müssen keine weltumspan­nende Missions­tätigkeit entfalten. Wir müssen uns auch nicht die Not und das Elend der ganzen Welt aufladen. Denn die Menschen, zu denen Gott uns schickt, das sind zuallererst die, mit denen wir in einer engen Bezie­hung stehen und für die wir deshalb Verantwortung tragen. Sie als Taufeltern und Paten sendet er zu David und natürlich auch zu Martha, damit Sie ihnen geben, was sie zum Leben brauchen und ihnen Gottes Liebe nahe bringen. Andere sendet er zu ihren alten Eltern oder zu Freunden und Nachbarn, die in Not sind. In unserer nächsten Umgebung gibt es also „verlorene Schafe“ genug – oder auch „Schafe“, die ohne uns verloren wären. Zu denen sind wir ge­sandt. Denn das sind die, um die sich sonst niemand kümmert. Das sind unsere Nächsten, die gerade uns brauchen. Wir müssen sie nicht lange su­chen. Sie sind schon da oder laufen uns über den Weg. Und wir werden jeweils schon wissen, dass wir selber jetzt gefragt sind und uns nicht nach jemand anderem um­schauen können. Wir müssen nicht mehr tun, als wir vermögen und verkraften können. Aber mit dem, was wir tun kön­nen, sollten wir nicht hinter den Berg halten.

Ich bin froh, dass das in den Familien, in Nachbarschaften und Freundeskreisen, in unserer Gemeinde immer noch vielfältig ge­schieht, wenn auch oft im Verborgenen. Bei manchen ist es be­wusst gelebter Glaube, der sie zum Handeln bringt, bei anderen ist es ein­fach Zuneigung und Mit­menschlichkeit. Aber ob ihnen das nun be­wusst ist oder nicht: Sie alle sind für mich Arbeiterinnen und Arbei­ter, die Gott in seine Ernte schickt. Und wenn ich solchen Menschen begegne, dann wird auch mir als Pfarrer wieder deutlich, das ich nicht alle seelsor­gerlichen Probleme meiner Gemeinde allein lösen muss, was ich ja auch gar nicht könnte. Andere nehmen mir da eine Menge Arbeit ab. Und auch wenn es hier und jetzt niemand merkt: Gott vergisst nicht einen Handgriff, der seiner großen Ernte dient. Und mit jedem dieser Handgriffe kommt sein Reich ein kleines Stück näher. Amen.

Predigt vom 10.2.2013

 

GOTTESDIENST FÜR DEN SONNTAG
ESTOMIHI

Wenschtkirche, 10.2. 2013
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Lk 18,31-43

Jesus nahm
aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: „Seht, wir gehen hinauf
nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben
ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet
werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespieen
werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage
wird er auferstehen.“ Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn
der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit
gesagt war.

Es begab sich
aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege
saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte
er, was das wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe
vorbei. Und er rief: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Die aber vornan gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber
schrie noch viel mehr: „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Jesus
aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher
kam, fragte er ihn: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“
Er sprach: „Herr, dass ich sehen kann.“ Und Jesus sprach zu ihm:
„Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“ Und sogleich wurde er
sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es
sah, lobte Gott.

 

Blind sein ist
schlimm. Um das nachzuempfinden, muss ich mir nur vorstellen, ich
selber würde nichts mehr sehen können. Alles sichtbar Schöne, sei
es von Gottes oder von Menschenhand geschaffen, bliebe mir dann
verschlossen. Ich könnte nicht mehr lesen und nur noch mit Mühe
schreiben. Ich könnte nicht mehr Auto oder Fahrrad fahren und mich
überhaupt nur noch unsicher im Freien bewegen. Dank der vielen Hilfsmittel,
die es heute gibt – vom Blindenhund über die Blindenschrift bis
zum Blindengeld – könnte ich wohl meinen Alltag irgendwie bewältigen,
vielleicht sogar mit Einschränkungen weiter arbeiten. Aber wenn
es das alles nicht gäbe, bliebe mir auch nur das Los des Blinden
von Jericho damals und vieler Blinder im armen Teil der Erde heute:
Ich müsste betteln gehen und auf ein wenig Mitleid hoffen. Kein
Wunder also, dass den Blinden, der bei Lukas nicht Bartimäus heißt,
nur ein einziger Wunsch beseelt: endlich oder endlich wieder sehen
können! Endlich sich frei bewegen können und das Leben selber in
die Hand nehmen! Endlich nicht mehr auf Mitleid und Almosen angewiesen
sein! Wer wollte es ihm verdenken?

Einen Vorteil
freilich hat die Blindheit: Sie schärft das Gehör. Und so merkt
der Blinde am Geräuschpegel, dass etwas Besonderes im Gang ist:
Eine Menschenmenge naht – viel lauter, viel größer als die üblichen
Pilgergruppen, die vor dem Passafest Tag für Tag durch Jericho ziehen.
Und eine gespannte Erwartung spricht aus den Stimmen, den Tönen,
den Wortfetzen, die an das Ohr des Blinden drin-gen. Also fragt
er nach und erfährt: es ist Jesus von Nazareth, der da mit großem
Tross an ihm vorüberzieht. Jesus, der Verkündiger der Herrschaft
Gottes; Jesus, der Freund der Armen und Ausgestoßenen; Jesus, der
Wundertäter, der schon so viele geheilt hat: Gelähmte, Aussätzige,
Geisteskranke – und Blinde; Jesus, von dem man sich erzählt, er
sei womöglich der Messias, der Nachkomme des Königs David, der Israel
das Heil bringt.

Der Blinde von
Jericho begreift: das ist seine Gelegenheit – die einzige, die er
jemals haben wird! Und die wird er auf gar keinen Fall verpassen
– dazu ist er ist wild entschlossen. Aber was soll er tun? Sich
selber in die Menge stürzen und Jesus suchen? Keine Chance! Jemanden
bitten, für ihn zu Jesus zu gehen? Zu unsicher – selbst, wenn sich
überhaupt jemand dazu herablässt! Also bleibt nur eins: Er ist blind,
aber nicht stumm. Er kann schreien, und heute wird er schreien wie
noch nie in seinem Leben: „Jesus, du Sohn Davids, hab Erbarmen mit
mir!“

Er macht sich
keine Freunde damit. Schreien gehört sich nicht unter kultivierten
Menschen. Wer schreit, kann sich nicht beherrschen, ist überfordert,
gilt als Nervenbündel – und hat damit schon verloren. Und wer schreit,
geht anderen auf die Nerven. Also versuchen sie ihn zum Schweigen
zu bringen: „Nun beruhig dich doch erst mal! Mit Geschrei erreichst
du gar nichts! Du musst nicht denken, nur weil du blind bist, kannst
du dir alles erlauben!“ Aber der Blinde pfeift auf die guten Sitten.
Er schreit nur noch lauter. Und erreicht sein Ziel: Jesus bleibt
stehen und ruft ihn zu sich.

„Was willst du,
dass ich dir tun soll?“ fragt Jesus ihn, und wir halten diese Frage
vielleicht für überflüssig. Was soll ein offensichtlich Blinder
schon von Jesus wollen? Bestimmt nicht nur ein Autogramm oder ein
paar Bettelmünzen! Aber Jesus will es wohl aus seinem ei-genen Munde
hören: „Traut er mir, traut er Gott wirklich zu, dass ich ihn heilen
kann? Dann soll er es auch sagen!“ So geschieht es. „Herr, dass
ich sehen kann“, antwortet der Blinde. Und Jesus sagt: „Sei sehend!
Dein Glaube hat dir geholfen.“ Das Wunder tritt ein, alle preisen
Gott dafür, und der ehemals Blinde bleibt bei Jesus. Sehenden Auges
geht er mit ihm hinauf nach Jerusalem.

Wirklich sehenden
Auges? Kann er denn ahnen, was dort geschehen wird? Kann er wissen,
dass aus dem gefeierten Davidssohn der leidende Menschensohn werden
wird? Dass man ihn an die Römer ausliefern wird, damit die ihren
Mutwillen mit ihm treiben, ihn anspucken und auspeitschen und schließlich
ans Kreuz nageln? Und kann er etwas davon wissen, dass es genau
das ist, was Gott mit ihm vor-hat und was die Propheten von alters
her angesagt haben? Seine engsten Vertrauten hat Jesus beiseite
genommen und ihnen all das gesagt: „Seht, wir gehen hinauf nach
Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist
durch die Propheten von dem Menschensohn.“ Und die Jünger haben
nichts, aber auch gar nichts davon verstanden. Sie haben kein Problem
mit den Augen und auch keins mit den Ohren, und doch bleiben sie
blind und taub für den Weg, den Jesus wirklich gehen wird. Sieht
der ehemals Blinde mehr als sie? Ist er bereit, nicht nur mit Jesus
zu ziehen sondern auch mit ihm zu leiden? Oder wird er zu denen
gehören, die beim Einzug in Jerusalem „Hosianna dem Sohn Davids“
schreien, aber sich dann unterm Kreuz enttäuscht von Jesus abwenden?
Eine spannende Frage, die uns die Bibel leider nicht beantwortet.

Also sollten wir
uns lieber selber fragen: Wo finden wir uns denn wieder in diesem
ganzen Geschehen?

Gehören wir zu
den Jüngern, die bestens informiert sind und doch nichts verstehen?
Das ist nicht so unmöglich, wie es klingt. Eine Botschaft mag noch
so wichtig und wahr sein – wenn uns einfach die Antenne fehlt, um
sie zu empfangen, wird sie nicht bei uns ankommen. Ein Menschensohn,
der leidet und stirbt und nach drei Tagen aufersteht, statt mit
den Wolken des Himmels zu kommen, um Gericht zu halten? Das ging
einfach über den Horizont eines frommen Israeliten. Es war nicht
zu begreifen, bevor es geschehen war. Erst mit der Auferstehung
wird der Sinn des Ganzen offenbar. Dann, auf dem Weg nach Emmaus,
wird Jesus den Jüngern noch einmal die Botschaft der Propheten auslegen,
und dann werden sie verstehen.

Geht es uns genauso?
Kennen auch wir die Botschaft der Bibel bestens und haben sie doch
nie im Innersten verstanden, weil uns der Auferstandene noch nie
begegnet ist? Dann möge es bald geschehen! Mögen wir bald spüren
und begreifen, dass Jesus Christus nicht nur eine Person der fernen
Vergangenheit ist, sondern lebendig und wirklich ist in jedem Gottesdienst,
bei jedem Abendmahl, bei jedem Lied oder Gebet, das in seinem Namen
gesprochen oder gesungen wird.

Oder gehören wir
zu der Menge: zu denen, die aus Gewohnheit hinter Jesus her trotten
und dabei nicht gestört werden möchten? Gehen auch uns die Glaubensgeschwister
auf die Nerven, die ihre Not zu laut und zu penetrant herausschreien?
Schütteln auch wir den Kopf über Mitchristen, denen es nicht darum
geht, den Anstand und die Tradition zu wahren, sondern um den unmittelbaren
Kontakt, um die direkte Erfahrung der Gegenwart Gottes? Dann erleben
hoffentlich auch wir, dass diese Menschen uns etwas voraus haben:
dass sie Jesus nahe kommen und dass es sie verändert – so wie den
Blinden, der endlich sehen konnte. Denn wenn wir das erleben, dann
kann es auch uns verändern – so wie die Menschenmenge um Jesus,
die Loblieder sang, als sie sah, was geschehen war.

Oder gehören wir
zu den hellsichtigen Blinden – zu denen, die wissen: Nur der kann
mich retten, und die alles dafür tun, damit es auch geschieht? Das
würde ich mir für uns am meisten wünschen. Denn dann würden wir
uns ganz auf Jesus ausrichten, uns ihm völlig anvertrauen und bei
ihm einen Halt finden, den uns niemand nehmen kann. Und wir würden
erfahren, dass er mehr ist als der Sohn Davids, dass in ihm nicht
nur der König zurückkehrt zu seinem Volk, sondern Gott zu den Menschen
kommt. Und wir würden ihm folgen, egal, wohin er uns führt, denn
nirgendwo kann es besser sein als in seiner Nähe.

Amen.

 

Predigt zum 3. Advent

 

GOTTESDIENST FÜR DEN DRITTEN
ADVENT

Talkirche, 16.12. 2012
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Jesaja 40,1-11

1
Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott.
2
Redet mit Jerusalem freundlich und ruft ihr zu,
dass ihre
Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist;
denn
sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für
alle ihre Sünden.
3 Es ruft eine Stimme:
In
der Wüste bereitet dem HERRN den Weg,
macht in der Steppe
eine ebene Bahn unserm Gott!
4 Alle Täler sollen
erhöht werden,
und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt
werden,
und was uneben ist, soll gerade,
und was hügelig
ist, soll eben werden;
5 denn die Herrlichkeit
des HERRN soll offenbart werden,
und alles Fleisch miteinander
wird es sehen;
denn des HERRN Mund hat es geredet.
6
Es spricht eine Stimme: „Predige!“
Und ich sprach: „Was soll
ich predigen?
Alles Fleisch ist Gras
und alle seine Kraft
ist wie eine Blume auf dem Felde.
7 Das Gras verdorrt,
die Blume verwelkt,
wenn der Wind des HERRN darüber weht.“

„Ja, Gras ist das Volk!
8 Das Gras verdorrt,
die Blume verwelkt.
Aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“
9
Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg;
Jerusalem,
du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht;
erhebe sie
und fürchte dich nicht!
Sage den Städten Judas: Siehe, da
ist euer Gott!
10 Siehe, Gott der HERR kommt gewaltig,
und
sein Arm wird herrschen.
Siehe, was er gewann, ist bei ihm,

und was er sich erwarb, geht vor ihm her.
11
Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte.
Er wird die Lämmer
in seinen Arm sammeln
und im Bausch seines Gewandes tragen

und die Mutterschafe führen.

Es herrscht Aufbruchsstimmung
in diesem Text. Freudige Erregung und gespannte Hoffnung brechen
sich Bahn. Etwas Neues fängt an, und dafür werden buchstäblich Himmel
und Erde in Bewegung gesetzt. Befehle werden erteilt und weitergegeben:
„Tröstet“, „redet freundlich“, „bereitet den Weg“, „macht ebene
Bahn“. Es geht zu wie in einem geordneten Staatswesen – nach damaliger
Vorstellung: Der Herrscher gibt eine Anweisung, sein Wesir leitet
sie weiter an den Hofstaat, und dort veranlasst jeder an seinem
Platz das Nötige, um die Anweisung in die Tat umzusetzen. So geht
es nach diesen Worten auch im Himmel zu, wenn der HERR sich seinem
Volk wieder zuwendet.

Lange haben Jerusalem
und seine verschleppten Bewohner in Babylon nichts mehr von ihrem
Gott gehört. Seit ihre Stadt zerstört wurde und sie ihre Heimat
verloren, hat er geschwiegen. Und das Letzte, was er ihnen hatte
sagen lassen, war wenig erfreulich gewesen: „Es geschieht euch recht“,
hatte es bei Jeremia oder Hesekiel geheißen, „ihr habt meine Gebote
missachtet, ihr habt auf Kosten der Armen gelebt, ihr habt euch
in falscher Sicherheit gewiegt und ihr habt mir nicht vertraut,
sondern euch lieber auf eure Waffen und eure zweifelhaften Bündnispartner
verlassen. Und für all das trifft euch nun die Strafe – meine Strafe,
denn auch ein König Nebukadnezar handelt nur in meinem Auftrag.“

Seitdem war Funkstille
gewesen, fast fünfzig Jahre lang. Die einen hausten in den Trümmern
der zerstörten Stadt, die anderen saßen im Exil, zuerst noch auf
gepackten Koffern, dann mit wachsender Resignation. Die Alten waren
gestorben, und die nachwachsende Generation hatte sich mit den Verhältnissen
abgefunden. Die Klage-lieder über die verlorene Heimat waren anfangs
noch von Herzen gekommen, inzwischen sang man sie nur noch aus Gewohnheit
und ohne Leidenschaft. Man stumpft eben ab, wenn man keine Hoffnung
mehr hat.

Aber jetzt: Jetzt
kommt Bewegung ins Geschehen. Das babylonische Reich gerät ins Wanken
durch Thronwirren im Innern und Angriffe von außen. Und auch das
geschieht nicht einfach so. Auch hier ist wieder Gott am Werk. Doch
nun geht es nicht mehr um Strafe, denn die Strafe ist im vollen
Umfang abgeleistet. Nun soll Gottes Volk getröstet und aufgerichtet
werden. Und wenn Gott seine himmlischen Heerscharen zum Trösten
ausschickt, dann geht es nicht nur um ein paar seelische Streicheleinheiten,
nicht nur um Trauerbegleitung und Verlustbewältigung. Nein, hier
wird ein Triumphzug vorbereitet: Gott der HERR kehrt zum Zion zurück,
wo einst sein Tempel stand: mitten durch die Wüste, an der Spitze
seines Volkes, das er aus der Knechtschaft befreit hat – so wie
beim Auszug aus Ägypten damals, nur noch viel gewaltiger. Dafür
muss eine Straße her, die dem Anlass angemessen ist: breit und eben,
gut gepflastert und ohne Schlaglöcher. Wenn Hügel dafür im Weg stehen,
müssen sie eben weichen, und wenn Täler stören, werden sie aufgeschüttet.
Das wäre ein Traum für jeden Tiefbauingenieur und ein Alptraum für
die Umweltschützer; aber zum Glück waren beide damals noch nicht
erfunden. Da war nur eines wichtig: Nichts und niemand soll den
Triumphzug aufhalten können. Alle sollen es sehen und staunen, und
alle sollen davon erfahren, so schnell wie möglich.

Damit ist die
Befehlskette auf Erden angekommen, bei dem unbekannten Propheten,
der uns diese Worte überliefert hat: „Es spricht eine Stimme: Predige!“
Erzähl deinen Leuten, was sich da anbahnt! Sag ihnen, wie Gott sein
Volk trösten will! Doch hier kommt die Ausführung des himmlischen
Ratschlusses ins Stocken. Denn der Prophet ruft nicht laut „Jawohl“
und macht sich ans Werk, sondern er hat da noch eine Frage, einen
Einwand sogar: „Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras und
alle seine Kraft ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt,
die Blume verwelkt, wenn der Wind des HERRN darüber weht.“

Das ist die Sprache
der Resignation, die den Propheten und sein Volk ergriffen hat:
Was sind wir denn schon, wir Menschen? Leben für ein paar Jahre
auf dieser leidgeplagten Erde, werden plötzlich dahingerafft wie
Gras im heißen Wüstenwind. Und selbst wenn wir 70, 80 werden, war
doch nur alles Arbeit und Mühe. Was soll daran jemals anders werden?
Die Alten haben noch gehofft, irgendwann wieder nach Hause zu kommen.
Aber sie sind gestorben, und nichts ist passiert. Und deshalb glauben
wir nicht mehr an Wunder. Herrscher kommen und gehen, aber für uns
bleibt alles gleich. Das Gras ist verdorrt und wird nie wieder grün
werden. Jerusalem ist gefallen und wird nie wieder aufstehen. Also
finden wir uns besser damit ab, als von triumphaler Heimkehr zu
träumen.

Ich denke, wir
kennen sie nur zu gut, diese Stimme. Ich höre sie deutlich auch
in mir selber – gerade in diesen Adventstagen, wo die alten Verheißungen
wieder neu erklingen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es
kommt der Herr der Herrlichkeit!“ – „Tochter Zion, freue dich, sieh,
dein König kommt zu dir!“ – „Mache dich auf, werde Licht, denn dein
Licht kommt!“ Und? Wann kommt es denn endlich, das Heil der Welt?
Wenn ich die Zeitung aufschlage, finde ich jedenfalls keine Spur
davon. Das Morden in Syrien nimmt kein Ende, das in amerikanischen
Schulen offenbar auch nicht. In Mali sterben die Leute vor Hunger.
Islamisten bauen fleißig weiter Bomben, auch für deutsche Bahnhöfe.
In Europa erreichen Schulden und Arbeitslosigkeit Rekordniveau.
Und während wahrscheinlich bald die ersten Inseln im Meer versinken,
glauben die Politiker, sie hätten immer noch Zeit, über Klimaschutz
bloß zu verhandeln – ohne Lust und ohne Ergebnis. Und ich? Danke,
mir geht’s ja ganz gut. Aber rechne ich ernsthaft damit, dass Gott
noch einmal ins Geschehen eingreift und „all unsre Not zum Ende
bringt“ – nicht nur bildlich gesprochen und ansatzweise, sondern
wirklich und endgültig? Irgendwie ist das doch genauso unwahrscheinlich
wie der Weltuntergang am nächsten Freitag. Also: Was soll ich predigen?
Alles Fleisch ist doch Gras, und so wird es bleiben.

Es ist gut, dass
die Stimme, die da im Auftrag Gottes mit dem Propheten spricht,
den Einwand nicht einfach ignoriert oder wegwischt. „Du hast Recht“,
sagt sie. „Ja, es ist so: Gras ist das Volk, und das Gras ist verdorrt.
Es steht schlimm um die Welt und um die Menschen in ihr. Tod und
Vergänglichkeit bestimmen über ihr Leben, und das oft viel zu früh.
Aber damit ist noch nicht das letzte Wort über sie gesprochen, denn
„des HERRN Wort bleibt in Ewigkeit.“ Er spricht von Trost und Rettung,
und er wird Wort halten. Sein Befehl wird nicht unausgeführt bleiben.
Was er sagt, das wird geschehen, und ihr werdet es erleben.

Reicht das, um
den Einwand des Propheten zu entkräften? Reicht es, um die Resignation
zu überwinden? Da könnte man so seine Zweifel haben – angesichts
der Erfahrungen mit menschlichen Versprechungen und Ehrenworten.
Kann ja jeder behaupten, dass er zu seinem Wort steht. Aber wo bleibt
der Beweis?

Doch dem Propheten
genügt Gottes Wort. Er muss wohl zu der Überzeugung gelangt sein,
dass es tatsächlich Gottes Wort ist, was er da vernimmt. Kein bloß
menschliches Wort, das für seine Verlässlichkeit nicht gerade stehen
kann. Kein menschlicher Wunschtraum, der womöglich dem eigenen Hirn
entsprungen ist. Nein, es ist wirklich Gott, der durch seinen Boten
zu ihm redet. Und Gott wäre nicht Gott, wenn sein Wort nicht gelten
und geschehen würde.

Also lässt er
seinen Einwand fallen und führt den Befehl aus. Er predigt. Und
wie er das tut! Er wird zum Freudenboten, zum Evangelisten des Alten
Testaments. Selbst die Trümmer Jerusalems fordert er auf, es ihm
gleich zu tun: Aufzustehen aus Ruinen, sich dem Kommen Gottes zuzuwenden
und die Botschaft weiterzugeben: an alle Städte Judas, an alle Kinder
Israel nah und fern. Nicht eher ist der Auftrag „Tröstet mein Volk!“
ausgeführt, bis die ganze Welt davon erfahren hat, bis alle Menschen
erkennen: „Siehe, da ist euer Gott!“

Die große Vision
von der triumphalen Heimkehr durch die Wüste ist damals nicht Wirklichkeit
geworden. Die Offenbarung der Herrlichkeit des HERRN vor aller Welt
hat nicht stattgefunden. Was wirklich geschah, war ein bisschen
Heimkehr, ein bisschen Neuanfang, aber in viel bescheideneren Dimensionen.
Doch das Wort Gottes an den Propheten ist dadurch nicht hinfällig
geworden. Es hat weiter gewirkt, Hoffnung geweckt und genährt, Glauben
gefunden. Johannes der Täufer hat es aufgegriffen als „Prediger
in der Wüste“, als Wegbereiter des Messias. Und als der dann kam,
ganz anders, als die Propheten sich das vorgestellt hatten, da wurde
Gottes Wort eins mit unserem vergänglichen Menschsein, mit dem Fleisch,
das wie Gras ist. Und von daher und dadurch wirkt es weiter bis
zum heutigen Tag. Es spendet Trost, es richtet auf, es eröffnet
neue Wege, es nimmt sich unserer Zweifel an, es weist uns hin auf
Gott, der in Jesus längst zu uns gekommen ist, es schenkt uns Freude
mitten im Leid, Zuversicht mitten in der Angst, Leben mitten im
Tod. Wenn wir es nur hören. Wenn wir es nur auf uns wirken lassen.
Wenn uns nur aufgeht, dass es wirklich Gott ist, der da zu uns spricht.
Mag sein, dass wir das von uns aus nicht können. Aber Gott weiß
Wege, wie er uns dahin bringen kann, dass wir seiner Freudenbotschaft
Glauben schenken.

Amen.

 

Predigt zum 2. Advent

 

GOTTESDIENST FÜR DEN ZWEITEN
ADVENT

Talkirche, 9.12. 2012
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Jes 63,15-64,3

Nun ist also wieder
Advent. Wie wohl die meisten von Ihnen wissen, heißt das auf deutsch
„Ankunft“. Und wie Sie alle wissen, muss man auf Ankunften manchmal
lange warten. Und keiner tut das besonders gern. Denn:

Warten ist lästig.
Da steht man in Kälte und Regen auf dem Bahnsteig, wartet auf den
Zug und hört dann eine dieser netten Durchsagen: „Achtung an Gleis
drei: Der Regional-Express nach Hagen, planmäßige Abfahrt 9.32 Uhr,
wird voraussichtlich 20 Minuten später eintreffen. Wir bitten um
etwas Geduld!“

Warten macht unruhig.
Da hat sich die Tochter für nachmittags zum Kaffee angekündigt,
aber es wird vier, halb fünf, fünf, und niemand kommt. Und während
der Kaffee langsam kalt wird, beginnt man sich Sorgen zu machen:
„Wo bleibt sie denn nur? Ihr wird doch nichts passiert sein! Sie
hätte doch wenigstens anrufen können, wenn sie später kommt!“

Warten ist zermürbend.
Da hat der Arzt bei einer Routine-Untersuchung bedenkliche Symptome
festgestellt. Er hat Untersuchungen angestellt, Proben genommen
und eingeschickt. Aber es dauert seine Zeit, bis die Ergebnisse
kommen, und so lange verbringt man schlaflose Nächte: „Bin ich ernsthaft
krank oder ist alles ganz harmlos? Muss ich mich auf eine Operation
gefasst machen, oder vielleicht gar auf Schlimmeres?“ Und selbst
wenn der Befund schließlich Entwarnung gibt, braucht man noch eine
Weile, bis die Angst sich gelegt hat.

Warten nimmt manchmal
kein Ende. Arbeitslose warten jahrelang auf einen Job und kriegen
keinen. Alte und lebenssatte Menschen warten auf den Tod, und er
kommt nicht. Viele Menschen auf der Welt sehnen sich nach Frieden.
Seit Jahrhunderten tun sie das schon, und Antonio Vivaldi hat  mit
seinem „Et in terra pax“ ergreifende Musik zu dieser Sehnsucht geschrieben.
Aber viel zu viele Menschen warten immer noch vergebens auf Frieden,
auf Gerechtigkeit und Freiheit.

Ja, warten kann
eine Qual sein. Davon weiß auch mein heutiger Predigttext ein Lied
zu singen. Es ist ein Klagelied, und es steht in Jesaja 63 und 64:

So schau nun
vom Himmel
und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen
Wohnung!
Wo ist nun dein Eifer und deine Macht,
deine
innere Regung und deine Barmherzigkeit?
Halte nicht an dich,
bist du doch unser Vater!
Denn Abraham weiß von uns nichts,
und
Israel kennt uns nicht.
Du, HERR, bist unser Vater;
»Unser
Erlöser«, das ist von alters her dein Name.
Ach dass du
den Himmel zerrissest und führest herab,
dass die Berge
vor dir zerflössen,
wie Feuer Reisig entzündet
und wie
Feuer Wasser sieden macht,
dass dein Name kund würde unter
deinen Feinden
und die Völker vor dir zittern müssten,
wenn
du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten
und das man
von alters her nicht vernommen hat.
Kein Ohr hat gehört,

kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir,
der so wohl
tut denen, die auf ihn harren.

Hier warten Menschen
auf Gott. Und sie warten schon entsetzlich lange. Seit vielen Jahren
ist Jerusalem zerstört, liegt der Tempel des Gottes Israels in Trümmern.
Die Bevölkerung von Juda ist arm und machtlos, und den Nachbarvölkern
ist das gerade recht. Damit sind sie schließlich einen lästigen
Konkurrenten los. Und die Leute in Juda wissen: aus eigener Kraft
gibt es keinen Ausweg aus der Misere.  Dabei hatten sie noch
vor kurzem neue Hoffnung geschöpft: Die Babylonier, die Jerusalem
zerstört hatten, waren von den Persern besiegt worden. Und der Perserkönig
Kyros hatte den Exils-Juden in Babylon die Heimkehr gestattet. Ja,
er hatte sogar erlaubt, den Tempel wiederaufzubauen. Der Prophet,
den wir den Zweiten Jesaja nennen, schien recht zu behalten. „Jetzt
bricht eine neue Heilszeit an“, hatte er gesagt. „Gott wendet sich
seinem Volk wieder zu. Er beweist seine Macht an uns – noch herrlicher
als damals, als er unsere Vorfahren aus Ägypten befreit hat.“ Aber
aus alledem ist nichts geworden. Ein paar Leute sind aus dem Exil
heimgekehrt, sie haben auch den Grundstein zu einem neuen Tempel
gelegt, aber die feindseligen Nachbarn und die ärmlichen Verhältnisse
haben alle Blütenträume zunichte gemacht. An der trostlosen Lage
hat sich nichts geändert.

Jedenfalls noch
nicht. Denn wenn eine großartige Hoffnung einmal geweckt ist, dann
ist sie so leicht nicht wieder tot zu kriegen. Die Menschen in Juda
und Jerusalem erwarten immer noch alles von ihrem Gott. Und deshalb
haben sie das Warten noch nicht aufgegeben, so zermürbend und qualvoll
es auch ist. Allerdings ist ihr Geduldsfaden zum Zerreißen gespannt.
Sie bestürmen ihren Gott geradezu mit Klagen, Bitten und Hilferufen.
Der Text, den ich gelesen habe, ist davon nur ein kleiner Ausschnitt.
Sie lassen nichts unversucht, um bei Gott Gehör zu finden.

Sie erinnern ihn
an seine großen Taten: „Damals, beim Auszug aus Ägypten, da hast
du tatsächlich den Himmel zerrissen wie einen Vorhang, der dich
vor der Welt verbarg. Du hast dein Volk befreit und die Ägypter
im Schilfmeer versinken lassen. Du hast sie durch die Wüste geführt.
Und am Berg Sinai bist du ihnen erschienen in Feuer, Donner und
Erdbeben. Keiner konnte da noch an dir zweifeln.“

Sie packen ihn
bei seiner Ehre: „Es ist doch dein Volk, das so miss-handelt wird,
es ist dein Heiligtum, das man mit Füßen tritt! Wie kannst du das
so einfach hinnehmen? Wie kannst du die Feinde nur denken lassen,
dass du deine Leute nicht im Griff hast, dass du zu schwach warst,
um sie bei der Stange zu halten?“

Sie nageln ihn
fest auf seine Zusagen: „Hast du nicht immer gesagt, dass wir dein
Volk, dein Erbteil sind? Hat es nicht immer geheißen: Barmherzig
und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte? Was ist nun
mit all diesen großen Worten?“

Sie erinnern ihn
an seine Verantwortung: „Unsere irdischen Stammväter, Abraham, Isaak
und Jakob, sind längst zu Staub zerfallen. Sie können nichts für
uns tun. Aber du, du bist doch in Wahrheit unser Vater, unser Erlöser,
unser Gott und unser Herr! Wer soll uns denn helfen, wenn nicht
du?“

Und sie trauen
ihm etwas zu: „Du hast die Macht, um die Feinde zum Zittern zu bringen
und ihnen das Maul zu stopfen. Du kannst mehr tun und bewirken,
als wir Menschen uns vorstellen können. Du kannst die ganze Weltgeschichte
umkrempeln, wenn du nur willst.“

Man kann es fast
unverschämt nennen, wie das Volk hier auf seinen Gott einredet.
Nichts lassen sie unversucht, um ihn zu einer Antwort zu bewegen.

Der Text des altkirchlichen
Gloria tut es ihnen gleich. Auch dort werden im Lobpreis alle verdienten
Ehrentitel Gottes aufgezählt: „Herr, Gott, himmlischer König, allmächtiger
Vater, Herr Jesus Christus, eingeborener Sohn, Lamm Gottes, das
der Welt Sünde trägt“. Und auch dort mündet die dankbare Aufzählung
immer wieder ein in die flehentliche Bitte um Erhörung: „erbarm
dich unser, nimm an unser Gebet.“ Wir werden noch hören, was Vivaldi
musikalisch daraus gemacht hat.

Aber lohnt sich
die Anstrengung? Hat sie sich für die Menschen von Juda gelohnt?
Hat das Gloria von Vivaldi oder von wem auch immer noch einen anderen
Wert als den musikalischen und kulturellen? Bewirkt all das Beten
und Fragen, all das Singen und Reden etwas – außer vielleicht für
das eigene seelische Wohlbefinden? Oder verhallt es letztlich doch
im Nichts – weil es zu dem, den wir mit unseren Gebeten meinen,
gar nicht durchdringt? Oder weil da im Himmel gar keiner ist, der
uns zuhört?

Ich denke, wir
kennen das. Wir haben alle schon Situationen erlebt, in denen uns
danach war, Gott mit den Fragen zu überschütten, die uns quälen:
Warum treffen Leiden, Not und Tod anscheinend immer die falschen,
warum ausgerechnet mich? Warum kann ich mich abstrampeln, wie ich
will, und komme doch nie auf einen grünen Zweig? Warum schwimmen
die einen im Geld, und die anderen ertrinken in Schulden? Was soll
aus mir, aus meiner Familie, meiner Kirche, meinem Land, meiner
Welt werden, wenn alle nur noch an sich selber denken und auf den
eigenen Vorteil aus sind? Und wann antwortet Gott endlich auf diese
Fragen? Wann fängt er endlich an damit, die Welt heil zu machen,
wie er es auch uns versprochen hat – im Alten und im Neuen Testament?

Auch ich wünsche
mir manchmal, dass Gott endlich den Himmel zerreißt und sichtbar
als Herr der Welt erscheint. Damit den Armen endlich das Himmelreich
gehört. Damit die Leidtragenden endlich getröstet werden. Damit
der Hunger nach Gerechtigkeit endlich gestillt wird. Damit die Barmherzigen
endlich Barmherzigkeit erlangen. Und damit ich endlich die Zweifel
loswerde, ob ich mir und anderen nicht doch etwas vormache, wenn
ich darauf hoffe und von dieser Hoffnung rede.

Noch warte ich:
auf Antwort, auf Erfüllung, auf Gott. Und manchmal wird das Warten
lang. Aber ein Zeichen habe ich doch, dass ich nicht vergebens warte.
Der Himmel ist noch nicht zerrissen, aber er hat sich schon einen
Spalt breit aufgetan. Damals, als Jesus geboren wurde und der Engel
zu den Hirten sagte: „Euch ist heute der Heiland geboren“, bevor
er mit den himmlischen Heerscharen das allererste Gloria anstimmte.
Damals, als Jesus sich taufen ließ und eine Stimme vom Himmel sagte:
„Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Damals,
als der Auferstandene seinen Jüngern erschien und sagte: „Mir ist
gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden.“ Ein Spalt nur, ein
Strahl vom Licht Gottes im Dunkel der Welt. Aber dieser Himmelsspalt
weckt berechtigte Hoffnung auf mehr. In den 2000 Jahren seit Jesus,
in den zweieinhalbtausend Jahren seit Jesaja ist diese Hoffnung
nie gestorben. Und wenn ihre letzte Erfüllung auch noch aussteht,
so hat sie doch vielen Menschen durch die Jahrtausende Trost und
Kraft gegeben und tut es noch – auch und gerade durch so herrliche
Musik, wie wir sie heute hören dürfen. Das alles ist zwar kein Beweis
für die Richtigkeit dieser Hoffnung. Aber doch ein Grund, mich auf
sie einzulassen. Und dann selber zu erfahren: Wer Hoffnung hat,
der kann auch warten. Und wartet nicht vergebens.

Amen.

 

Predigt zum 1. Advent

 

FAMILIENGOTTESDIENST ZUM ERSTEN
ADVENT

mit Kita Jasminweg und Sohlbach
Pfr.
Dr. Martin Klein
Wenschtkirche, 2.12. 2012

Thema: Ein Blick durchs Schlüsselloch

Einen Blick durchs
Schlüsselloch haben die Kinder uns gerade präsentiert. Und ich habe
mich gefragt: Wann und warum macht man eigentlich so was – durch
ein Schlüsselloch schauen? Denn das ist ja doch in der Regel eine
mühsame Angelegenheit: Man muss sich bücken dafür (jedenfalls sobald
man größer als 1,10 ist), man muss angestrengt mit einem Auge durch
ein winziges Loch gucken, vielleicht noch das andere dabei zukneifen,
und man sieht trotzdem nur einen winzigen Ausschnitt von dem, was
hinter der Tür liegt. Und man muss auch noch mit Unannehmlichkeiten
rechnen, wenn man dabei erwischt wird. Denn man müsste ja nicht
durchs Schlüsselloch linsen, wenn die Tür nicht abgeschlossen wäre
oder wenn man sie einfach aufmachen dürfte. Und das ist ja meistens
so, weil man das, was hinter der Tür ist, gar nicht sehen soll –
oder jedenfalls noch nicht sehen soll.

Trotzdem haben
wir wohl alle schon mal durch Schlüssellöcher geschaut, und das
– geben wir’s ruhig zu – nicht nur als Kinder. Denn wenn man nur
überzeugt genug ist, dass sich hinter der Tür etwas befindet oder
passiert, das unheimlich spannend ist, das man unbedingt sehen und
mitbekommen möchte – und zwar jetzt gleich und nicht erst irgendwann
– dann spielt alles andere keine Rolle. Und dass es womöglich verboten
ist, erhöht natürlich nur den Reiz und die Neugier.

Früher, mancher
mag sich erinnern, war die Adventszeit für Kinder die Hochsaison
des Schlüssellochguckens. Denn da taten die Erwachsenen ja gern
ein wenig geheimnisvoll, wollten ihre Kinder zum Fest überraschen,
wollten die Freude am Endlich-alles-sehen-und-haben-Dürfen erhöhen,
indem vorher das meiste versteckt und unsichtbar blieb. Umso spannender
war es für die Kinder, wenigstens mal einen flüchtigen Blick auf
die Geschenke oder den geschmückten Tannenbaum zu erhaschen, wenigstens
mal eins der leckeren Plätzchen zu probieren, die zwar schon gebacken,
aber bis zum Heiligen Abend noch unter Verschluss waren. Und weil
die Schlüssellochguckerei auch die Phantasie anregt, glaubte schon
mancher, er habe im Weihnachtszimmer, so gerade noch im Verschwinden,
das Christkind gesehen.

Heute dagegen
haben die Schlüssellöcher ausgedient, jedenfalls was Advent und
Weihnachten angeht. Spätestens am Montag nach dem Totensonntag steht
die ganze Weihnachtspracht sichtbar vor aller Augen. Es wird nicht
nach und nach heller – erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier
– sondern es gehen sofort alle Lampen an. Es gibt die Plätzchen
nicht erst zu Weihnachten, sondern da kann man sie schon nicht mehr
sehen. Kinder kriegen das ganze Jahr über Geschenke, nur die Menge
wird zu Weihnachten noch mal gesteigert. Überraschungen gibt es
dabei kaum noch: Was auf dem Wunschzettel steht, wird angeschafft
(und wehe, wenn nicht!), oder es gibt gleich Geld zum Selberkaufen.
Und wie das Christkind und der Weihnachtsmann aussehen, das wissen
alle Kinder bestens aus der Fernsehwerbung. Kein Warten, keine Spannung,
keine Geheimnisse mehr – heute wollen wir alles, und das sofort.
Manche Familie mag zwar noch tapfer dagegenhalten, aber Trend weg
vom Schlüsselloch ist nicht zu stoppen.

Man könnte darüber
wehmütig werden. Man könnte aber auch zu-geben, dass die ganze Geheimniskrämerei
zur Weihnachtszeit schon immer etwas Künstliches an sich hatte.
Die meisten Kinder durchschauen das, noch bevor sie in die Schule
kommen, und es wäre falsch, ihnen dann weiter etwas vorzuspielen.
Stattdessen sollten wir uns alle miteinander, Große und Kleine,
wieder dem echten Geheimnis der Advents- und Weihnachtszeit zuwenden:
dem Geheimnis, das immer und zu allen Zeiten spannend bleiben wird,
weil unser kleiner Menschenverstand es nie wird ergründen können.

Also beugen wir
uns in Gedanken mal tief hinunter, kneifen ein Auge zu und schauen
mit dem anderen gespannt durchs Schlüsselloch dieses Geheimnisses
– was bekommen wir da zu sehen? Anscheinend nicht viel. Nur eine
junge Frau, die ein Kind bekommt – man sieht, dass es nicht mehr
lange dauern wird. Einen jungen Mann, der zögernd den Arm um diese
junge Frau legt – man sieht ihm an, dass er sich erst noch daran
gewöhnen muss, dass seine Verlobte ein Kind bekommt – ein Kind,
von dem er nichts geahnt hat. Wir sehen wie die beiden sich auf
eine Reise begeben – nicht freiwillig, sondern auf Befehl des Kaisers,
der Steuerzahler braucht. Wir sehen eine Futterkrippe in einem Stall
– außer Heu liegt da nichts drin, aber was soll auch sonst in einer
Krippe liegen? Wir sehen Männer in orientalischen Gewändern, die
aufgeregt zum Himmel schauen. Und wenn wir in die Hocke gehen und
durch das Schlüsselloch schräg nach oben schauen, können wir so
gerade eben noch erkennen weshalb: Da ist ein besonders heller Stern
zu sehen, und der ist dann vielleicht doch etwas Besonderes. Aber
im heutigen Weihnachtslichtermeer würde ihn wahrscheinlich keiner
mehr bemerken.

Nein, der Blick
durchs Schlüsselloch klärt noch nicht, was hier Geheimnisvolles
passiert. Er enthüllt uns nicht, dass sich auf so unscheinbare Weise
das größte Ereignis aller Zeiten anbahnt: Gott kommt zu uns Menschen.
Und er macht sich dafür so klein, dass er als Baby in den Bauch
der Maria passt – und später in eine Krippe mit Heu. Gott wird ein
kleines, armes Menschenkind, damit wir Menschen zu Gott kommen können,
damit uns nichts mehr von ihm trennt. Wie das geschehen konnte,
das ist ein Geheimnis und wird immer eines bleiben. Aber dass dieses
Geheimnis wahr ist, das kann und soll jeder von uns erfahren – nicht
nur zur Advents- und Weihnachtszeit, aber da besonders.

Also, liebe Erwachsene,
nehmt euch in den nächsten Wochen Zeit für dieses Geheimnis – für
euch selbst und für eure Kinder. Lasst euch nicht von Rummel und
Kommerz überwältigen, sondern gönnt euch öfter mal die Ruhe, eine
Kerze anzuzünden, ein Lied zu singen oder wenigstens bewusst anzuhören,
die alten biblischen Geschichten wieder neu zu lesen oder vorzulesen
und so dem Geheimnis der Weihnacht wieder neu zu begegnen. Noch
sind wir nicht da angekommen, wo Gott mit seiner Welt und seinen
Menschen hin will, aber auf diese Weise können wir schon mal einen
kleinen Ausschnitt davon sehen – wie durch ein Schlüsselloch eben
– und wir können erahnen, wie wunderbar es einmal werden wird. In
diesem Sinne wünsche ich uns allen eine Adventszeit voller gespannter
Vorfreude und dann ein fröhliches Weihnachtsfest.

Amen.