Auf ein Wort…..

Liebe
Leserin, lieber Leser,

„Mit 66 Jahren,
da fängt das Leben an“, sang einst Udo Jürgens. Und viele singen
ein ähnliches Lied: Wenn ich erst in Rente bin, wenn die Kinder
aus dem Haus sind, wenn ich endlich volljährig bin, wenn ich meine
Ausbildung abgeschlossen habe, wenn ich erst den Mann oder die Frau
fürs Leben gefunden habe, wenn ich wieder gesund bin – dann geht
das Leben richtig los. Bis dahin scheint das Leben so eine Art Wartesaal
zu sein, in dem wir nur herumsitzen und auf bessere Zeiten hoffen.

Wie eine Einladung
in diesen Wartesaal kommt mir die Losung für das neue Jahr vor.
Christus spricht: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Lebe ich
denn noch gar nicht? Oder lebe ich vielleicht nicht richtig? Oder
nicht genug? Woher soll ich denn wissen, ob mein Leben wirklich
gut und sinnvoll ist? Ob ich meine Lebensmöglichkeiten voll ausschöpfe?
Natürlich, es gibt Tage, da rauscht das Leben einfach nur an einem
vorbei. Tage, an denen ich schon froh bin, wenn ich mit den Aufgaben,
die mein Leben mir stellt, einigermaßen zurechtkomme.

Aber es gibt eben
auch Tage, an denen ich viel Freude am Leben habe, Tage, die erfüllt
sind und die mich spüren lassen, wie lebendig ich bin – schon jetzt
und nicht erst dann, wenn bessere Zeiten anbrechen.

Für Jesus und
seine Jünger brechen an diesem Abend schwere Zeiten an. Es ist der
letzte Abend, den sie gemeinsam verbringen. „Ich lebe, und ihr sollt
auch leben“, sagt Jesus, obwohl er weiß, dass er schon bald verhaftet
und hingerichtet wird. Er wird also gar nicht leben, sondern sterben.
Und als der, der schon so gut wie tot ist, spricht er vom Leben:
Ihr sollt leben, wie auch ich lebe! Das verspricht Jesus seinen
Jüngern, die schon bald ohne ihn dastehen werden und sich verwaist
fühlen. Und sich dann fragen, ob es richtig und sinnvoll war, Jesus
ihr Leben anzuvertrauen.

Jesus hat den
Tod vor Augen, aber er spricht von einem Leben, das der Tod nicht
endgültig zerstören kann. Denn Gott schenkt das Leben und hebt es
auf, wenn es hier zu Ende geht. Nicht mehr der Tod setzt die Bedingungen
dieses Lebens, sondern Gott, der Schöpfer. Wenn Jesus sagt: Ich
lebe, und ihr sollt auch leben, dann spielt er also nicht ein Leben
nach dem Tod gegen das Leben vor dem Tod aus. Das Leben, das er
verspricht, ist kein Wartesaal, in dem ich nur auf bessere Zeiten
hoffen kann oder auf das Jenseits. Es gehört voll und ganz in unsere
Gegenwart, in unseren Alltag. Aber dieses Leben hat eine andere
Tiefe. Es lebt aus dem Vertrauen auf Gott, der das Leben schenkt,
erhält und neu schafft. Menschen, die ihrem Schöpfer vertrauen,
werden leben, schon hier und jetzt und dann auch in Ewigkeit.

„Ich lebe, und
ihr sollt auch leben“, spricht Jesus Christus. Das ist unsere Losung
für das neue Jahr. Ein Wort, das mich nach vorne schauen lässt,
auch wenn es gilt, Altes zurückzulassen. Und ihr sollt auch leben.
Ja, ich will leben, an das Leben glauben, auch wenn der Tod immer
wieder ins Leben hineingreift. Auch wenn es mir manchmal schwer
fällt, Lebensfreude zu spüren oder die nötige Lebenskraft aufzubringen.
Ja, ich will leben und mich nicht ständig fragen, ob ich schon lebe,
noch lebe oder genug lebe. Denn mein Leben, das mir an manchen Tagen
so klein und gewöhnlich vorkommt und dann wieder ganz großartig,
steht unter diesem Versprechen: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

Ein Jahr voller Leben wünscht Ihnen

Ihre Pastorin
Almuth Schwichow

Auf ein Wort ….

November-Gedanken

wer bist du kleines ich
(fünf
sechs jahre alt)
das starrt aus einem hohen
fenster auf das
gold
eines november-sonnenuntergangs
(und fühlt dass wenn
der tag
zur nacht schon werden muss
dies eine schöne weise
ist)

Dieses Gedicht
stammt von dem amerikanischen Maler und Schriftsteller E. E. Cummings.
Das englische Original gehört zu dem wenigen, was ich in meiner
Schulzeit auswendig gelernt und im Gedächtnis behalten habe – wahrscheinlich,
weil ich mich so gut in dieses „kleine ich“ hineinversetzen konnte.
Denn ich weiß nicht, ob es Ihnen schon mal aufgefallen ist, aber
die allerschönsten Sonnenuntergänge des Jahres gibt es tatsächlich
im November. Auch mich beeindrucken sie immer wieder, und das seit
frühster Jugend; denn sie finden ja zu einer Tageszeit statt, die
man auch als kleines Kind schon bewusst miterleben kann.

Ich erwähne das,
weil der November ja wetter- und stimmungsmäßig eher einen schlechten
Ruf hat. Neblig und feucht-kalt kommt er oft daher, stürmische Winde
fegen die letzten Blätter von den Bäumen, und nach der Zeitumstellung
wird uns bewusst, wie früh es plötzlich dunkel wird. Dann sind da
all diese unangenehmen Gedenktage: Allerheiligen, das dem evangelischen
Siegerländer nicht viel sagt, weshalb er dann gern zum Einkaufen
nach Hessen fährt oder den Tag nach einer gruslig-fröhlichen Hallowe’en-Party
verschläft. Der 9. November, der zwar vor achtzehn Jahren auch mal
ein glücklicher Tag der deutschen Geschichte war (Maueröffnung!),
ansonsten aber eher negativ besetzt ist (Reichspogromnacht!). Der
Volkstrauertag, an dem vielen Älteren die Kriegserinnerungen wieder
hoch kommen und viele Jüngere sich fragen, ob es sich nach über
sechzig Jahren nicht endlich ausgetrauert haben sollte.

Der Buß-
und Bettag, mit dem das Kirchenvolk nichts mehr anzufangen wusste
(wer tut schon gern Buße?), so dass man ihn staatlicherseits sang-
und klanglos abschaffen konnte. Und dann die letzten Sonntage des
Kirchenjahres, die uns auf den Tod, das Jüngste Gericht und das
Ewige Leben hinweisen – Themen, die wir gern verdrängen, weil wir
uns doch hier auf Erden alles in allem so gut eingerichtet haben.
Wahrscheinlich würden also viele Menschen nichts vermissen, wenn
gleich nach „Hallowe’en“ der Advent beginnen und mit „Oh-du-fröhliche-Weihnachtszeit“
den November-Trübsinn vertreiben würde.

Jedoch: Wenn es
darüber eines Tages eine Volksabstimmung geben sollte, dann wäre
ich gegen die Abschaffung des Novembers. Und das hat durchaus mit
den November-Sonnenuntergängen zu tun und mit dem, was E. E. Cummings
darüber gedichtet hat. Denn es ist ja so: Der Tag muss immer wieder
der Nacht weichen, der Sommer dem Winter, und auch alles Leben muss
vergehen. Das ist nun mal der Lauf der Dinge; denn wenn es nicht
Nacht würde, könnte es auch nicht wieder Tag werden, wenn der Herbst
nicht wäre, gäbe es keinen Frühling, und wenn Pflanzen, Tiere und
auch Menschen nicht sterben würden, wäre die Erde längst überfüllt,
und es könnte kein neues Leben entstehen. Das Vergehen muss also
sein, es „hat seine Zeit“, wie der Prediger Salomo sagt. Gut also,
wenn es dann wenigstens auf eine „schöne Weise“ geschieht: mit goldenen
Sonnenuntergängen, mit prächtigem Herbstlaub, mit einem Abschied
in Frieden nach einem erfüllten Leben.

Aber so ist es
ja nicht immer, mag jetzt mancher protestieren: Viel zu viele Pflanzen
und Tiere vergehen nicht in Schönheit, sondern werden vergiftet,
kahl geschlagen, ausgerottet, abgeschlachtet. Ganz zu schweigen
von dem Elend, in dem viel zu viele Menschen sterben: an Hunger
und AIDS, in Schützengräben und Gaskammern oder auch nach Monaten
und Jahren an Infusionsnadeln und Beatmungsgeräten.

Wohl wahr! Aber
wenn wir nüchtern fragen, wer denn daran schuld ist, dann müssen
wir uns an die eigene Nase packen: Menschen zerstören die Ordnung
und Schönheit der Natur, Menschen bringen andere Menschen um oder
nehmen ihren Tod in Kauf, Menschen schaffen die Verhältnisse, an
denen Menschen leiden. Also können Menschen auch eine ganze Menge
daran ändern, und jeder kann bei sich selber anfangen: bei der eigenen
Einstellung, der eigenen Aufmerksamkeit, dem eigenen Verhalten gegenüber
Tod und Sterben.

Der November mit
seinen Sonnenuntergängen und fallenden Blättern, aber auch mit seinen
unbequemen Gedenktagen gibt uns in besonderer Weise Zeit, um darüber
nachzudenken, und deshalb möchte ich ihn nicht missen. Er lenkt
unsere Gedanken darauf, wie Menschen trotz Leid und Trauer auf schöne,
friedliche Weise diese Welt verlassen können – so wie Gott es gewollt
hat und wie seine Schöpfung es uns zeigt. Er fragt uns, was wir
selber dafür tun können, damit es so wird – für uns und für andere.
Und schließlich lässt er auch aufscheinen, welcher neue Tag denn
für uns anbricht, nachdem die Nacht des Todes eingetreten ist, welche
Zukunft Gott für uns bereit hält und wie wir daraus Hoffnung schöpfen
können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten November
– und danach eine frohe Advents- und Weihnachtszeit!

Pfr. Martin Klein

Auf ein Wort ….

Ein gutes Wort geht über die
beste Gabe

Geburtstage, Jubiläen und Ehrungen sind ein
geeigneter Anlass, durch ein sorgfältiges ausgewähltes Geschenk
seine Wertschätzung gegenüber einem anderen Menschen zu bekunden
und ihm eine Freude zu bereiten. Dadurch wird die Beziehung aufrechterhalten
und gestärkt.

Als wieder einmal erwachsene Kinder ihren
Vater zum Geburtstag mit einem wertvollen Geschenk überrascht hatten,
glänzten seine Augen vor Rührung und großer Freude. Nachdem er zu
seiner gewohnten Fassung zurückgefunden hatte, meinte er ein wenig
schelmisch, aber dennoch bedeutungsvoll, das Liebste sei ihm
ein gutes Wort, das sie ihm nicht nur zu einem bestimmten Anlass
sagen, sondern das sie ihm auch sonst immer wieder schenken. Ein
gutes Wort gehe eben über die beste Gabe.

In der Bibel lesen wir im Weisheitenbuch Jesu
Sirach (Kap. 18, 15-17): „Mein Sohn, bring keinen Makel auf deine
Wohltaten und füg zu keiner Gabe kränkende Worte! Wie der Tau die
Hitze kühl, so ist ein gutes Wort besser als eine Gabe. Ja, ein
Wort ist oft wichtiger als eine große Gabe, und ein freundlicher
Mensch gibt sie beide.“ Wenn der Ephesserbrief (Kap. 4, 29) uns
Christen auffordert „über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern
nur ein Gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es
hört, Nutzen bringt“ dann steht dahinter die Erfahrung, dass tröstende,
gütige, anerkennende, aufbauende und ermutigende Worte sich immer
wieder als heilsam erweisen.

Im heutigen Medienzeitalter werden wir fast
pausenlos mit Worten überschüttet. Kein Wunder, dass sie so Wirkung
und Heilkraft verlieren. Die tägliche Flut von Informationen kann
man ja kaum mehr aufnehmen, geschweige den auch wirklich verarbeiten.
Dabei schwindet fast unbemerkt die Fähigkeit aufmerksam hinzuhören.
Hierbei lauert die Gefahr, dass der Einzelne für das Wesentliche
taub und stumm wird.

Jede Beziehung und jede Gemeinschaft lebt
aber auch vom Gespräch, vom Austausch und jedem guten Wort. Dieser
Austausch ist ungemein wichtig, um einander verstehen und um sich
gegenseitig eine Stütze sein zu können. Ein Gespräch unterscheidet
sich allerdings von einer Besprechung, die ein umsetzbares Ergebnis
anstrebt. Deshalb muss sich eine Besprechung immer an ihrer Effizienz
messen lassen. Das Gespräch hingegen bleibt nicht nur auf dieser
objektiven Ebene. Seine Qualität wird davon bestimmt, ob es anderen
und uns selbst weiter hilft, oder ob es nichtssagend und oberflächlich
bleibt und dadurch ins Leere läuft. Wenn es um das gute Wort
geht, das wir einander schenken möchten, dann dürfen wir der Frage
nicht ausweichen: Bringen Gespräche uns tatsächlich einander näher
oder reißen sie womöglich tiefe Gräben auf? Sind sie heilsam oder
verletzend? Fördern sie eine offene vertrauensvolle Atmosphäre oder
schweigt man sich am Ende nur noch gegenseitig an? Finden wahre
Gespräche anderswo statt als dort, wo sie eigentlich hingehören
und wo sie zu Recht erwartet werden?

Wie findet man aber nun zu einem guten Wort
bzw. zu einem förderlichen Gespräch?
Für Menschen, die sich in
besonderer Weise um gelingende menschliche Gemeinschaft gemüht haben
– wie der Hl. Benedikt oder auch Dr. Bonhoeffer – hängt das gute
Wort entscheidend mit dem Schweigen zusammen. Ohne diesen Zusammenhang
verkümmert das Wort. Benedikt behandelt in der Ordensregel die Schweigsamkeit
zwischen den Kapiteln über den Gehorsam und die Demut. Offensichtlich
will er betonen: Wer wesentlich sprechen will und tatsächlich etwas
zu sagen haben will, muss zunächst ein aufmerksamer Hörer sein,
einer der horchen und schließlich auch gehorchen kann. Zugleich
darf er, wenn sein Wort wirklich ernst genommen werden soll, nicht
ständig sich selbst in Szene setzen, sondern er spreche mit Demut
und Bescheidenheit.

Ein gutes Gespräch hängt auch nicht von dessen
Lange und von seiner Häufigkeit ab, sondern entspringt der inneren
Haltung, aus der heraus es geschieht. Wir kennen leider auch das
Gegenteil aus Erfahrung. Durch Reden, das unter negativem Vorzeichen
steht, können die Beziehungen und das Zusammenleben vergiftet werden.
Besonders die kleinen und oft unscheinbaren Bemerkungen verpesten
mit der Zeit das menschliche Klima. In solchen Reden kann sich ein
Herz spiegeln, in dem vermutlich Unordnung und Disharmonie wirksam
sind. Folglich setzt das gute Gespräch ein „reines“ Herz voraus.
Das gute Wort ist also ein Widerschein dessen, was man im Herzen
trägt. Es bereichert den persönlichen Austausch, ist ein Instrument
der Mitteilung und kann Gemeinschaft stiften. Gefragt ist daher
immer das Bemühen um ein wohltuendes Gesprächsklima und die stete
Pflege der guten Rede.

Dazu gehört auch eine entsprechende Streitkultur,
wenn kontroverse Meinungen und Standpunkte aufeinander treffen.
Man wird dann nicht mit provokanter Lautstärke sich durchzusetzen
versuchen. Ebenso macht man sich andere nicht dadurch gefügig, dass
man sich schweigend ins eigene Schneckenhaus zurück zieht. Wenn
andere ernst genommen werden, können Brücken gebaut werden, gibt
es ein echtes Miteinander, und es werden keine Barrieren errichtet,
die man vielleicht eines Tages nicht mehr überwinden kann.

Gerne hören wir dagegen jene Menschen, die
wirklich etwas zu sagen haben und deren Wort deshalb auch gewichtig
ist. Wir empfinden ein solches Wort immer als bereichernd, weil
es wirklich aus dem Herzen kommt. Wohl deshalb geht ein gutes Wort
über die beste Gabe.

Pfr. Burkhard Schäfer

Auf ein Wort ….

Liebe Leserinnen und Leser,

„Lasst euer Licht
leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen.“ Dieser
Bibelvers könnte bei den Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit
in unseren Kirchen groß über dem Schreibtisch hängen. Er klingt
wie die Empfehlung einer Beraterfirma für die nächste Imagekampagne
von Diakonie oder Kirche: „Tut Gutes und redet darüber!“ Ist der
Monatsspruch für Juli also die Rechtfertigung für den nächsten Auftrag
der Landeskirche an eine große Werbeagentur?

Tatsächlich kommt
heute niemand mehr weit, ohne an seinem Erscheinungsbild zu arbeiten,
ohne für sich zu trommeln, ohne an seinem Image zu feilen. Das gilt
für Kirche und Politik ebenso wie für Schülerinnen und Schüler,
die einen Ausbildungsplatz suchen oder für Arbeitslose, die sich
um eine neue Stelle bewerben. In Seminaren können sie lernen, sich
und ihren Lebenslauf so zu präsentieren, dass alles in einem guten
Licht erscheint.
Auch im täglichen Leben bemühen wir uns, bei
anderen einen guten Eindruck zu machen.
Aber wir haben eben auch
gelernt, bescheiden zu sein und sind eher verlegen, wenn wir überschwänglich
gelobt werden. Und stellen unser Licht dann doch lieber unter den
Scheffel.

Davor hat Jesus
in der Bergpredigt gewarnt: „Man zündet nicht ein Licht an und setzt
es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet
es allen, die im Hause sind.“ Und er fordert uns auf: „Lasst euer
Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen
und euren Vater im Himmel preisen.“ Unsere guten Taten dienen also
nicht dazu, uns selbst in ein gutes Licht zu stellen. Sie sollen
nicht den eigenen Ehrgeiz befriedigen, sondern zeigen, aus welcher
Quelle das Licht kommt, das wir ausstrahlen.

Manchmal lassen
wir uns durch eine eindrucksvolle Fassade blenden. Denn es ist gar
nicht so leicht, durch den schönen äußeren Schein hindurch in das
Herz eines Menschen zu sehen. Ein guter Maßstab ist es, auf die
Taten eines Menschen zu achten. Wie jemand handelt – nicht nur,
aber auch in schwierigen Situationen, was jemand tut und auch, was
er nicht tut und unterlässt – all das gibt einen Hinweis auf die
Quelle des Lichts, das von einem Menschen ausgeht. Daran kann man
erkennen, ob es bei ihm um Schein oder Sein geht. Ob einer nicht
vielleicht doch zu dick aufgetragen hat. Auch die beste Imagekampagne
wird der Kirche nichts nützen oder gar für Spott sorgen, wenn die
Wirklichkeit in den Kirchengemeinden ganz anders aussieht – eben
nicht so strahlend wie auf den Hochglanzplakaten.

„Lasst euer Licht
leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren
Vater im Himmel preisen.“ Damit meint Jesus: Wenn ihr als Christen
Gutes tut, seid ihr wie eine Laterne. Durch das transparente Fenster
erstrahlt ein Licht, das zurückweist auf die Quelle eures Tuns.
Eure guten Werke machen euch so durchsichtig, dass die Menschen
Gott dahinter wahrnehmen und ihm für das Gute, das sie durch euch
erfahren haben, danken.

Damit legt Jesus
es in unserer Hand, wie Gott unter uns und in der Welt vorkommt.
Wenn wir alle nur an unseren eigenen schönen Glanz denken, ist zwar
auch ein Leuchten in der Welt, aber es ist letztlich nur der Glanz
von Leuchtreklamen. Irgendwann sieht man sich daran satt. Leben
und handeln wir aber so, dass Menschen Gott dafür danken und loben,
dann tragen wir dazu bei, dass ein ewiger Glanz, ein himmlisches
Licht in die Welt kommt.

Viel Leuchtkraft und einen schönen, erholsamen
Sommer wünscht Ihnen

Ihre Pastorin Almuth Schwichow

Auf ein Wort ….

Der Herr, dein Gott, ist ein
barmherziger Gott.
Er lässt dich nicht fallen.

5.
Mose 4, 31

Liebe Mitchristen,

der russische Schriftsteller Daniel Granin
hat vor ca. 20 Jahren einen bemerkenswerten Aufsatz über „Barmherzigkeit“
geschrieben. Er erzählt zunächst ein Missgeschick, das ihm selbst
passiert ist.
Er rutschte auf der Straße aus, fiel und verletzte
sich dabei Arm und Nasenbein. Nur mühsam konnte er sich zu einem
Hauseingang schleppen. Sprechen konnte er wegen seines auf geschlagenen
und blutenden Mundes nicht. So versuchte er mit Mühe nach Hause
zu gehen. Auf dem Weg von etwa 400 Meter begegneten ihm mehrere
Menschen, eine Frau mit einem Mädchen, ein junges Paar, eine ältere
Frau, ein Mann, ein paar junge Burschen. Sie alle blickten ihn zu
nächst neugierig an, dann sahen sie weg und wandten sich ab.
„Wenn
doch wenigstens einer zu mir gekommen wäre und sich erkundigt hätte,
was mir zugestoßen sei, ob ich nicht Hilfe brauche“ – so dachte
Daniel Granin. „Aber es fand sich keiner.“ Später dachte er oft
über dieses Erlebnis nach. Er erinnerte sich an die Notzeiten in
und nach dem Krieg. Damals war das Gefühl noch lebendig, für einander
einstehen zu müssen und sich gegenseitig zu helfen. Aber jetzt waren
Gleichgültigkeit und Eigeninteresse zur Norm geworden. Der Begriff
der Barmherzigkeit wurde als altmodisch angesehen. Im früheren Leningrad
wurde bezeichnenderweise die „Straße der Barmherzigkeit“ in „Textilstraße“
umbenannt.
Der Schriftsteller zeigt in seinem Artikel auf, in
wie vielen Gebieten des Lebens die Barmherzigkeit verkümmert ist,
obwohl alle sich da nach sehnen. Er ist beunruhigt. Schließlich
schreibt er: „Ich habe keine Rezepte dafür, wie das gegenseitige
Verständnis, das wir alle brauchen, geweckt werden kann. …. Ein
einzelner Mensch wie ich kann nur die Alarmglocken läuten und alle
bitten, in sich zu gehen und zu überlegen, was zu tun ist, damit
Barmherzigkeit wieder Wärme in unser Leben bringt.“

Im heutigen St. Petersburg hat sich seitdem
einiges bewegt. Es entstanden freiwillige Hilfsgruppen, die in Krankenhäuser
und zu notleidenden Menschen gingen, um ihnen beizustehen und ein
wenig das Leben zu erleichtern. Engagierte Christen und Ordensleute
haben – auch mit westlicher Unterstützung – Suppenküchen und Übernachtungshäuser
für Obdachlose eröffnet. Die diakonische Arbeit der Kirchen entwickelt
mit Phantasie neue Hilfsangebote. Auch anderenorts kam einiges in
Gang. Man begriff auf einmal, dass der Verlust von Barmherzigkeit
etwas zu tun hatte mit dem Verlust des Glaubens an den Gott der
Liebe und der Barmherzigkeit in einer atheistischen Gesellschaftsordnung.

Zu gleich spüren wir deutlich, dass der Verlust von Barmherzigkeit
nicht nur die Gefahr für Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten
dar stellt, sondern ebenso die westliche Wohlstandsgesellschaft
gefährdet. Was hier zählt, ist das Geld. Der praktische Materialismus
ist zur Ersatzreligion geworden. Wer schwach erscheint, wird fallen
gelassen. Wer den Anforderungen einer modernen Leistungsgesellschaft
nicht gerecht wird, findet keinen Platz. Ich denke an die Arbeitnehmer,
deren Betrieb geschlossen werden soll. Ich denke an Jugendliche,
die keinen Ausbildungsplatz finden.

Ich denke an Menschen, deren Lebensplanung
gescheitert ist und die deshalb aus der Bahn geworfen wurden. Sie
alle empfinden schmerzvoll die Unbarmherzigkeit, der sie begegnen.

„Der Herr, dein Gott, ist ein barmherziger Gott. Er lässt dich
nicht fallen.“ Durch die ganze Bibel zieht sich dieses Staunen:
„Gnädig und barm herzig ist der Herr, geduldig und von großer Güte“
(Ps. 103). Gegen alle Erfahrung von Gnadenlosigkeit und Unbarmherzigkeit
setzt die Bibel den Zuspruch „Gott ist barmherzig, er ist wie ein
Vater, der sich seiner Kinder erbarmt“. In diesem Bild vom Vater
kann Jesus das ganze Evangelium zusammenfassen.
Im Gleichnis
vom Vater und den beiden Söhnen macht er es anschaulich. Der Vater
wartet in unendlicher Langmut auf den Sohn, der ihn verlassen hat.
Und nach allem Schmerzlichen und Verletztenden (was geschehen ist)
hält er ihn nach der Heimkehr in den Armen und sagt: „Dieser ist
mein Sohn!“
Da kann Leben wirklich aufblühen, wo ich mich so
gehalten weiß. Andere nicht fallen zu lassen, das ist letztlich
nur dort möglich, wo ich selbst gehalten werde. Dass ich unter Gottes
Vergebung lebe, macht mich fähig, Schuld bei anderen nicht aufzurechnen.
Dass Gott mich nicht fallen lässt, gibt mir Geduld und ein weites
Herz für andere Menschen.

Wer Barmherzigkeit erfährt, kann sie auch
leben.

Jesus Christus hat die Barmherzigkeit Gottes
für uns anschaulich und begreiflich gemacht. Darum orientiert sich
unser Denken, Fühlen und Handeln an ihm, dem Mittelpunkt der christlichen
Gemeinde. Dann können wir Barmherzigkeit gemeinsam erfahren und
 leben.

Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen
dieser Welt um dich her in Trümmer brechen. Halte du den Glauben
fest, dass dich Gott nicht fallen lässt: Er hält sein Versprechen.

Burkhard Schäfer, Pfr