Predigt, Pfingstsonntag, 24. Mai 2015, Wenscht

Text: Joh 14,15-27

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Beistand geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Spricht zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, son­dern das des Vaters, der mich gesandt hat.

Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Beistand, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erin­nern, was ich euch gesagt habe. Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Vor vielen Jahren – ich muss so zehn oder elf gewesen sein – da trafen meine Freunde und ich einmal bei einem Streifzug durch unseren Lieblingswald drei Kinder, die wir nicht kannten. Der älteste von ihnen erzählte uns, sie wären Waisenkinder aus dem Ruhrgebiet. Sie seien aus einem Heim abgehauen und nun ganz allein unterwegs zu irgendwelchen Verwandten in Süddeutschland – immer auf Waldwe­gen, damit niemand sie finden und zurück ins Heim bringen könne.

Ich weiß bis heute nicht, ob das stimmte oder ob die drei uns was vorgeflunkert haben. Ich weiß nur, dass diese Begegnung mich damals sehr beeindruckt hat. Auf der einen Seite klang die Geschichte für mich nach Freiheit und Abenteuer. Aber auf der anderen Seite wurde mir auch mulmig zumute, wenn ich mir vorstellte, ich würde so verwaist und allein in der Welt stehen – ohne Eltern und Familie. Ich hab zwar damals gern davon geträumt, Abenteuer zu erleben wie Pippi Langstrumpf oder Tom Sawyer oder andere elternlose Helden meiner Lieblingsbücher und –filme. Aber letzten Endes war ich doch heilfroh über mein gutes und friedliches Zuhause und über die Menschen, bei denen ich mich geborgen fühlen konnte.

Wenn ich mich heute in unserem Land umschaue, packen mich ähnlich gemischte Gefühle. Denn auch da habe ich oft den Eindruck, es mit einer verwaisten Gesellschaft zu tun zu haben.

Auf der einen Seite sind die Menschen hier und heute so frei und ungebunden wie nie zuvor. Sie haben alle Autoritäten abgestreift und lassen sich von niemandem mehr bevormunden. Viele Wege stehen ihnen offen, und sie haben auch die Mittel, um sie zu beschrei­ten. Sie wollen und können über alles selbst bestimmen und müssen so gut wie nichts mehr als gegeben hinnehmen. Sie sind von niemandem abhängig, kommen auf eigene Faust gut durchs Leben, können sich ganz auf ihre eigenen Bedürfnisse ausrichten, und wenn sie dann doch mal Hilfe brauchen, dann kaufen sie die halt ein. Mit dem sicheren Gespür, das ihr eigen ist, bringt die Wer­bung dieses Lebensgefühl auf den Punkt: „die Freiheit nehm ich mir“ – „das bin ich mir wert“ – „unterm Strich zähl ich“!

Ich will das alles gar nicht verurteilen, denn ich bin ja selber froh über die vielen Möglichkeiten, die sich mir bieten, über die Freihei­ten, die ich in Anspruch nehmen kann. Aber auf der anderen Seite denke ich auch: Wenn Menschen wirklich nur noch um sich selber kreisen, was sind sie dann doch für arme Waisenkinder! Wer steht ihnen denn bei, wenn sie überfordert sind mit einer schweren Entschei­dung? Wo sind die Arme, in die sie sich flüchten können, wenn sie das heulende Elend packt? Wo sind die Menschen, die sie einfach nur um ihrer selbst willen lieb haben, und das auf Dauer? Wo finden sie Trost und Halt, wenn ihre Lebensentwürfe scheitern und alles zusammenbricht? Wo gibt es für sie noch Ziele, die größer sind als sie selbst? Nach welchen Maßstäben richten sie ihr Leben aus? Und welche Hoffnung bleibt ihnen im Angesicht des Todes? Und wenn ich das alles bedenke, bin ich wieder froh, dass ich so nicht leben muss!

„Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen“, sagt Jesus seinen Jün­gern zum Abschied. „Ich will den Vater“ im Himmel „bitten, und er wird euch einen andern Beistand geben, dass er bei euch sei in Ewig­keit”, nämlich den heiligen Geist, „den Geist der Wahrheit“. Der wird euch nicht nur genauso gut beistehen, wie ich euch beigestan­den habe, sondern in ihm komme ich selber zu euch und in ihm ist Gott in eurer Mitte. Deshalb ist das Pfingstfest so wichtig. Es macht uns Christen deutlich: wir sind nicht allein und verlassen. Gott ist bei uns, Jesus Christus ist bei uns mit seinem guten Geist – nicht nur bei jedem einzelnen von uns, sondern auch und erst recht bei der Gemein­schaft, zu der er uns zusammenschließt.

Trotzdem macht auch die Kirche heute einen recht verwaisten Ein­druck. Nicht nur, weil so viele ihr den Rücken kehren oder weil die Reihen im Gottesdienst so leer sind. Sondern vor allem, weil auch hier das „unterm Strich zähl ich“ Einzug gehalten hat. Weithin gilt auch unter Christen: Ich hab meinen Glauben, aber den behalt ich für mich, und der geht auch sonst niemanden etwas an. Auch viele Kirchenmitglieder sagen: Ich kann für mich allein beten, dazu brauch ich die Kirche nicht. Und viele suchen nach Trost, nach Halt, nach spiritueller Erfahrung, aber denken dabei nur an sich selber und ihre eigenen religiösen Bedürfnisse. Kaum noch jemand hält es für wich­tig, sich mit anderen gemeinsam zu einem Glauben zu bekennen. Kaum noch jemand ist sich bewusst, dass christlicher Glaube ohne gelebte Gemeinschaft bestenfalls ein Schrumpfglaube ist. Gott lie­ben, Jesus Christus lieben, das heißt, seine Gebote halten – so steht es im Text. Und das wichtigste dieser Gebote besagt, dass wir Gott nicht lieben können, ohne einander zu lieben, ohne uns gegenseitig Hilfe und Beistand zu leisten. Ein kleiner harter Kern mag es noch so halten, und ich wüsste dazu aus unserer Gemeinde gute, Mut ma­chende Beispiele zu berichten. Aber die große Masse der irgend­wann mal Getauften? Sind die sich noch bewusst, dass sie zur Fami­lie Gottes gehören und damit ganz viele Geschwister haben? Und dass es sich in einer Familie gehört, ohne Wenn und Aber füreinan­der da zu sein?

Aber was hilft dagegen? Jammern und Lamentieren jedenfalls nicht. Appelle und Bußpredigten auch nicht. Eher könnte es helfen, wenn wir, denen die Gemeinschaft des heiligen Geistes noch etwas bedeu­tet, es den anderen vorleben würden. Wenn sie an uns erfah­ren könnten, dass es sich besser und erfüllter lebt, wenn man nicht nur an sich selber denkt. Wenn wir dem ständigen „Ich, ich, ich“ ein überzeugendes „Wir“ entgegensetzen würden. Nicht das „Wir“ ei­ner geschlossenen Gesellschaft, die den anderen wieder nur den Rücken kehrt. Auch nicht das „Wir“ einer Kaderschmiede, die alles gleichschalten will und den Einzelnen nicht achtet. Sondern ein offe­nes Wir, das auf Zuwachs aus ist. Ein Wir, in dem Menschen verschie­den sein dürfen, ohne sich darüber zu zerstreiten oder gar an die Gurgel zu gehen. Ein Wir, in dem sich der Friede ausdrückt, den Jesus Christus uns gibt.

In der ZEIT stand letzte Woche zu lesen, dass es ein solches „Wir“, das der heilige Geist ins Leben ruft, leider nur im „Reich der Reli­gion“ gebe. In einer liberalen und säkularen Gesellschaft wie der unseren müsse es dagegen „den Bürgern schon aus eigener Kraft gelingen, den ,Geist der Gemeinschaft‘ zu erzeugen“. Ich wünsch den „Bürgern“ viel Erfolg, aber ich fürchte trotzdem, es wird nichts draus! Wir als Christen können da mehr Grund zur Hoffnung haben. Denn wir dürfen mit den Verheißungen der Bibel rechnen. Und die besagen, dass die Kraft des heiligen Geistes unsere eigenen Kräfte übersteigt, dass er Dinge möglich macht, die wir mit unseren Mit­teln niemals hinbekommen würden.

Also lasst uns dieses Pfingstfest nutzen, um uns neu auf das Kom­men des heiligen Geistes auszurichten. Lasst uns darum beten, dass er mit frischem Wind zuerst durch unsere Kirchen und Gemeinden fegt. Dass er uns die Köpfe freipustet von allem, was uns ablenkt und was nicht wirklich wichtig ist. Dass er den Nebel zwischen uns ver­treibt, so dass wir die anderen wieder sehen und wahrnehmen, wo und wie sie uns brauchen. Denen, die schon lange in der Ge­meinde aktiv sind und sich vielleicht müde und frustriert fühlen, möge der heilige Geist neue Kraft geben, damit sie wieder mit Lust an ihre Aufgaben gehen. Denen, die alt geworden sind und nicht mehr viel Kraft haben, möge er Geduld schenken und ihnen die Dinge zeigen, die sie trotzdem noch für andere tun können – Zuhö­ren und guten Rat geben zum Beispiel, oder für andere beten. De­nen, die sich nichts zutrauen, möge er das Selbstbewusstsein stär­ken, damit sie ihre Gaben entdecken und auch entfalten. Und de­nen, die viel zu beschäftigt sind, zeige er, wofür sie ihre knappe Zeit wirklich sinnvoll einsetzen.

Ich bin überzeugt: Wo eine Gemeinschaft von Christen so mit Gott und miteinander lebt, da bewegt sich was. Da wird aus einer verwais­ten Kirche eine fröhliche Familie Gottes, die Leute anzieht und Gutes bewirkt. Und die verwaisten Menschen unserer Tage wür­den an uns sehen: Ich zähle bei Gott, und das ist gut so; aber unterm Strich zähle nicht ich, sondern da zählen wir. Und dann lie­ßen sie sich womöglich anstecken und hineinnehmen in unsere Gemein­schaft und würden mit uns Liebe und Mitmenschlichkeit hinaus in die Welt tragen. So könnte es passieren, was wir vorhin gesungen haben: dass der Herr durch uns die Welt in seinen Garten verwandelt.

In diesem Sinne sei die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Got­tes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes mit uns al­len! Amen.

Pfarrer Dr. Martin Klein