Predigt vom 3.10.2010

 

FAMILIENGOTTESDIENST ZUM ERNTEDANKFEST

mit Kindergarten Schießberg
und Jasminweg

Pfr. Dr. Martin Klein
Wenschtkirche,
3.10. 2010
Thema: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ (2.Kor
9,7)

Neulich habe ich
eine Gruppe Konfirmanden anhand von Fotos hier im Haus nach Tieren
suchen lassen. Den Hahn hatten sie schnell (auf dem Kirchturm),
auch der Fisch (an der Taufschale) und die Schlange (auf dem Altarbild)
waren kein Problem. Aber den Fuchs, den haben sie recht lange suchen
müssen. – Weiß hier jemand, wo der Fuchs ist? … Richtig, an der
Wand im Kleinen Saal – vielleicht schaut ihr es euch nachher mal
genauer an!

Wahrscheinlich
konnten sich die Konfis nicht so recht vorstellen, was ein Fuchs
in der Kirche zu suchen hat. Aber der Künstler, von dem der Fuchs
stammt, hat dabei an etwas gedacht, das Jesus mal gesagt hat: „Die
Füchse haben ihren Bau, und die Vögel (die sind da auch zu sehen)
haben Nester, aber ich, der Menschensohn, habe keinen Ort, an dem
ich mich abends schlafen legen kann.“ (Lk 9,58) Und dann sind an
der Wand noch Menschen zu sehen, denen es genauso ging wie Jesus
und wie den Tieren vorhin in der Geschichte vom Apfelbaum: Leute,
die aus ihrer Heimat fliehen mussten oder vertrieben wurden, die
nur noch besitzen, was sie tragen können, und die nun ein neues
Zuhause suchen. Vor 65 Jahren, nach dem letzten Krieg, kamen viele
solche Menschen hierher. Sie konnten und durften nicht mehr dort
bleiben, wo sie bisher gelebt hatten – in Ostpreußen oder Schlesien
zum Beispiel. Und sie mussten nun eine neue Bleibe finden, viele
davon hier im Wenscht. Aber wie würden die Alteingesessenen sie
aufnehmen?

Auf dem Bild an
der Wand sind die verschiedenen Möglichkeiten zu sehen: Zwei sitzen
am Tisch am warmen Herd und vor einer dampfenden Schüssel und halten
schützend die Hände darüber: „Alles meins“, heißt das, „ich hab
nichts zu verschenken, und Fremde sind hauptsächlich lästig!“ Wie
die anderen Bäume vorhin. Aber einer macht es anders. Er steht auf,
nimmt einen Teller mit Essen und geht den armen Flüchtlingen entgegen.
„Willkommen“, drückt er damit aus, „ich teile gern mit euch, es
wird schon für alle reichen!“ Auch so ein „fröhlicher Geber“.

Das mit den Flüchtlingen
nach dem Krieg ist jetzt schon lange her. Ihr Kindergartenkinder
müsst schon eure Großeltern oder gar Urgroßeltern fragen, wenn ihr
wissen wollt, wie das war. Aber Gelegenheiten, fröhliche Geber und
Gastgeber zu werden, die gibt es auch für uns heute genug.

Die erste bietet
sich gleich am Ausgang: Da sammeln wir nämlich für den Kindergarten
Jasminweg, der bekanntlich gerade umgebaut wird und wo leider immer
noch nicht klar ist, wie das Ganze finanziert werden kann.

Andere Gelegenheiten
warten jeden Tag auf uns: Menschen, die vielleicht gar nicht immer
unser Geld wollen, sondern die unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit,
unsere Hilfe brauchen. Nicht nur irgendwo in der weiten Welt, sondern
direkt in unserer Nachbarschaft.

Und Menschen bei
uns aufzunehmen und willkommen zu heißen? Gute Gastgeber zu sein
wie der Apfelbaum? Da waren wir schon mal besser: vor 65 Jahren,
als Deutschland am Boden lag, vor 20 Jahren, als es wieder eins
wurde. Heute dagegen kriegt einer großen Beifall, wenn er die idiotische
Behauptung in die Welt setzt, Deutschland würde verdummen, weil
Muslime zu viele Kinder bekommen. „Die sollen sich endlich richtig
integrieren“, heißt es, aber gemeint ist bei vielen: „die passen
nicht zu uns und sollen gefälligst endlich verschwinden!“ Dabei
sind die meisten von ihnen mal als unsere Gäste gekommen, sogar
von uns gerufen, und wir sollten trotz aller Probleme froh sein,
dass sie noch da sind; denn wir werden sie noch brauchen, wenn wir
mal alle alt sind und irgend jemand das Geld für unsere Rente erarbeiten
und uns pflegen muss. Übrigens: die Moschee im Hüttental hat heute
Tag der Offenen Tür und lädt uns alle zu sich ein – vielleicht können
wir von den Muslimen als Gastgebern ja noch was lernen!

Paulus hat das
mit dem „fröhlichen Geben“ übrigens geschrieben, als er in seinen
Gemeinden Spenden für die verarmten Christen in Jerusalem sammelte.
„Von dort ist die Botschaft von Jesus Christus ausgegangen“, sagt
er ihnen, „durch die ihr ehemaligen Heiden nun zum Volk Gottes gehört.
Ihr seid mit Gott im Reinen, ihr habt einen festen Halt an ihm und
er hat euch viele gute Gaben zukommen lassen, und das alles verdankt
ihr auch denen, die von Jerusalem den Weg zu euch gefunden haben.
Da ist es doch nur ein gerechter Ausgleich, wenn ihr ihnen nun materiell
unter die Arme greift.“

Das gilt auch
für uns. Gott hat uns viel geschenkt. Wir haben allen Grund ihm
dankbar zu sein. Und wir können ihm das zeigen, indem wir seine
Gaben weiterverschenken an unsere Mitmenschen. Wir müssen keine
Angst haben, dass wir selber darüber zu kurz kommen. Sondern wir
dürfen erfahren, dass wir durch Geben viel reicher werden als durch
Nehmen und Behalten. So wie der Apfelbaum, der im Winter nicht einsam
war. Oder so wie Paulus es sagt: „Wer wenig sät, wird auch wenig
ernten. Und wer reichlich sät, der wird reichlich ernten.“

Amen.

 

Sup. i.R. Ernst Achenbach gestorben

 

„Die Botschaft der Kirche
in die heutige Zeit wieder deutlicher und glaubhafter sagen“

Superintendent i. R. Ernst
Achenbach gestorben

Am Freitag, 10.
September 2010, starb nach langer und schwerer Krankheit Alt-Superintendent
Ernst Achenbach im Alter von 78 Jahren.

Ziemlich genau
16 Jahre und sechs Monate war Ernst Achenbach von 1978 bis 1995
Superintendent des Kirchenkreises Siegen. Zweimal wurde er wiedergewählt.
Während dieser Zeit hatte er die Leitung und Verwaltung des Kirchenkreises
inne, war sozusagen als „pastor pastorum“, als leitender Theologe,
für die Begleitung und Beratung der Pfarrer zuständig und gestaltete
die Verbindung des Kirchenkreises mit der Landeskirche.

Zudem füllte er
zahlreiche weitere Ämter aus. So war er beispielsweise Vorsitzender
des Ständigen Kirchenausschusses der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Dieser Ausschuss berät die Gesetzgebung der Landeskirche. Er war
viele Jahre eins der drei westfälischen Mitglieder im Rechtsausschuss
(später umbenannt in Ordnungsausschuss) der Evangelischen Kirche
der Union. Und Achenbach war Vorstandsmitglied des Diakonischen
Werkes in Münster. Im Kirchenkreis Siegen hatte er von 1978 bis
1989 den Vorsitz der Mitgliederversammlung des Evangelischen Krankenhausvereins
Siegen inne und war später Mitglied des 1989 neu geschaffenen Verwaltungsrates.

Während seiner
Amtszeit hatte sich viel verändert im gemeindegliederstärksten Kirchenkreis
der westfälischen Landeskirche. Das Kreiskirchenamt und die Superintendentur
zogen innerhalb der Siegener Oberstadt von der Pfarrstraße in die
Burgstraße um, wo sie auch heute noch ihren Sitz haben.


Superintendent
i.R. Ernst Achenbach starb im Alter von 78 Jahren.
Von 1978 bis
1995 war er Superintendent des Kirchenkreises Siegen.

Gegründet wurden
die Telefonseelsorge Siegen und die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle
(EFL). Es entstanden die Diakoniestationen Nord, Mitte und Süd sowie
das Evangelische Hospiz Siegerland und die Diakonie erhielt eine
neue Struktur. Die drei evangelischen Krankenhäuser im Siegerland
wurden von einem Verein zur gGmbH umgewandelt.

Wichtig war Ernst
Achenbach die Pflege des reformiert-pietistischen Erbes im Siegerland.
Dazu gehörte für ihn die Verbindung zur Gemeinschaft und zum CVJM.
Hier sah der Superintendent seine Aufgabe, schlichtend und vermittelnd
zu wirken, um ein Auseinanderdriften zu verhindern, was ihm leider
nur teilweise gelungen ist. Zu seinem 60. Geburtstag formulierte
Ernst Achenbach in einem Zeitungsbericht die Aufgabe der Kirche
so: „Die Botschaft der Kirche in die heutige Zeit wieder deutlicher
und glaubhafter zu sagen, so dass Menschen dieser Generation davon
betroffen werden und damit in ihrem Glauben leben können, dies verstehe
ich unter einem neuen Profil der Kirche mit dem gleichen Inhalt,
den die Kirche immer gehabt hat.“ Auch als Superintendent predigte
er die Botschaft der Kirche immer wieder in Gottesdiensten, am liebsten
ohne besonderen Anlass.

Eine herzliche
und freundschaftliche Beziehung pflegte Ernst Achenbach zum Friedenshort.
Sieben Jahre hatte er den Vorsitz des Kuratoriums der Stiftung Diakonissenhaus
Friedenshort inne. Im März 2004 wurde er nach Erreichen der satzungsgemäßen
Altersgrenze verabschiedet. Als Anerkennung und Auszeichnung erhielt
er den nur selten verliehenen „Goldenen Friedenshortstern mit Stein“.

Geboren wurde
Ernst Achenbach 1931 als Pfarrersohn in Niederschelden. Die Mitgliedschaft
im CVJM und im Posaunenchor hat ihn geprägt. Nach seinem Abitur
am Gymnasium Am Löhrtor studierte er in Bethel, Heidelberg, Bonn
und Münster Theologie. Besonders die Theologen Gerhard von Rad,
Walter Kreck, Hans-Joachim Iwand und Heinz Ratschow haben ihn beeindruckt.
Zunächst war er als Vikar in Gronau-Westf. und Schwerte/Ruhr tätig.
Ordiniert wurde er 1961 in Berleburg. Dort hatte er die Jugendpfarrstelle
des Kirchenkreises Wittgenstein inne. Am 1. Januar 1963 wurde er
Pfarrer der Erlöser-Kirchengemeinde Siegen.

Bis 1996 war Ernst
Achenbach als Superintendent gewählt. Aus gesundheitlichen Gründen
musste er kürzer treten und füllte die letzte volle Amtszeit nicht
mehr ganz aus. Er legte Wert darauf, das Bewährte zu erhalten. Die
finanziellen und personellen Kräfte reichten seines Erachtens schon
damals kaum aus, um große neue Aufgaben in Angriff nehmen zu können.

kp

 

Treffen: PGR – Presbyterium

 

Treffen: Pfarrgemeinderäte
– Presbyterium

Zu ihrem jährlichen
Erfahrungsaustausch trafen sich das Presbyterium der evangelischen
Kirchengemeinde Klafeld und die Pfarrgemeinderäte von St. Joseph
(Weidenau / Geisweid) und St. Marien (Wenscht / Sohlbach-Buchen)
im Pfarrheim von St. Marien. Diese Begegnung dient jedes Jahr der
Vertiefung der ökumenischen Beziehungen und der Planung von gemeinsamen
Veranstaltungen.

Nach
einem Imbiss wurde die Schrift „Zeit zur Aussaat – Missionarisch
Kirche sein“ vorgestellt. Die deutschen katholischen Bischöfe
hatten diese Schrift vor 10 Jahren veröffentlicht und die Christen
zu missionarischem Zeugnis in der aktuellen Gesellschaft ermutigt.
Pfarrgemeinderats- und Presbyteriumsmitglieder diskutierten über
die Inhalte des Schreibens und waren sich einig, dass missionarische
Pastoral immer eine einladende Pastoral sein sollte. Vereinzelte
Initiativen des Zugehens auf die Menschen heute in den Gemeinden
wurden vorgestellt: die „Guten Abend – Kirche“, diakonische
und caritative Unterstützung, Glaubenskurse, Glaubensevents, Offenheit
auch für Zweifel und Fragen, Warmherzigkeit in Gottesdiensten an
Eckpunkten des Lebens, ganzheitliche Erziehung in den konfessionellen
Kindertagesstätten, Angebote für Kinder und Jugendliche nach Kommunion,
Firmung und Konfirmation. Beide Seiten stimmten überein, dass es
heute eines christlichen Profils bedürfe angesichts der Herausforderung
durch die Gesellschaft und durch andere Religionen. Immer gehe letztlich
die Initiative zum Glaubensleben von Gott selbst aus, wenn die überzeugten
Christen auch so leben sollten, dass sie jederzeit nach dem Grund
ihrer Hoffnung befragt werden könnten.

Nach der angeregten
Diskussion kam es zur Veranstaltungsplanung: Nächste Ereignisse
sind die Kinderbibelwoche der katholischen Gemeinden in den Herbstferien
und die Bibelwoche für Erwachsene im November mit dem Gottesdienst
zum Buß- und Bettag, bei dem die katholischen Christen in die Talkirche
kommen.

KHK

 

Fahrer / innen gesucht

 

Fahrer/innen gesucht

Für
den Fahrdienst des Kindergartens Jasminweg mit dem eigenen Kirchenbus
werden im Zeitraum vom 13. September bis 30. Oktober dringend
Fahrer/innen gesucht. Der Kindergarten ist z. Zt. wegen Umbau in
den ehem. Kindergarten Hoher Rain umgezogen. Für Kinder, deren Eltern
keine Möglichkeit haben diese selbst auf von dem Wenscht auf den
Hohen Rain zu bringen, bietet die Kirchengemeinde den Fahrdienst
in dem genannten Zeitraum mit dem gemeindeeigenen Bus an.

Für weitere Infos wenden Sie
sich bitte an Marc Höchst,
Tel. 87 00 88 oder 250 630 80.

 

Predigt vom 05.09.2010

 

GOTTESDIENST FÜR DEN VIERZEHNTEN
SONNTAG NACH TRINITATIS

Pfr. Dr. Martin Klein
Talkirche,
5.9. 2010
Text: Röm 8,14-17

Letzten Dienstag
war für die neuen Erstklässler der erste Schultag. Wie immer haben
wir aus diesem Anlass gemeinsam mit den Grundschulen ökumenische
Gottesdienste gefeiert. Und es war wieder so, wie ich es auch von
den ersten Schultagen meiner eigenen Kinder kenne: Da saßen sie
in den ersten Reihen mit neuem Ranzen und Schultüte, ein wenig aufgeregt,
aber auch stolz, endlich zu den „Großen“ zu gehören. Und auch die
Gedanken der Eltern, die mit dabei waren, werden ähnliche gewesen,
wie ich sie von mir selber kenne: Da hat das Kind gerade erst laufen
und sprechen gelernt, kurz davor lag es noch in der Wiege, und jetzt
geht es plötzlich schon zur Schule – lernt Lesen, Schreiben, Rechnen,
geht neue Wege, findet neue Freunde, und das alles ohne seine Eltern!
Wie rasend schnell das doch gegangen ist! Heute wird nun schon unsere
zweite Tochter zur Konfirmation angemeldet, und wahrscheinlich sollten
meine Frau und ich uns innerlich schon mal auf Abifeiern, Hochzeiten
und Enkelkinder vorbereiten. Auch der Familie Langenbach kann ich
nur raten, sich auf dieses rasende Tempo gefasst zu machen und die
Zeit mit ihrem Kind gut zu nutzen – sie geht so schnell vorbei!

Aber natürlich
freuen sich Eltern auch über die Fortschritte ihrer Kinder, sind
stolz auf das, was sie schon alles können, und dass sie sich immer
mehr zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln. Denn wir haben
sie ja lieb, unsere Kinder, und deshalb müssen wir auch lernen,
sie loszulassen – je länger, je mehr. Es wäre schlimm, wenn es nicht
so wäre. Denn wenn wir an unseren Kindern keine Freude hätten, wenn
wir keine Liebe für sie empfinden würden, dann könnten wir ihnen
kaum einen guten Weg ins Leben zu bahnen. Dann würden wir Kinder
nur als die Last empfinden, die sie ja auch sind: eine Last, die
Arbeit, Ärger und Sorgen macht und auf die man gut verzichten könnte.
Und unsere Kinder würden dann sehr schnell merken, dass wir sie
eigentlich gar nicht haben wollen. Sie würden merken, dass wir sie
nicht wirklich lieb haben, sondern sie nur satt und sauber halten
und sie ansonsten unseren Regeln unterwerfen, damit sie uns möglichst
wenig stören. Das selbstverständliche Vertrauen zu ihren Eltern,
das alle Kinder mit auf die Welt bringen, würde dadurch ziemlich
schnell zerstört. Im Grunde wären sie dann keine Kinder mehr, sondern
nur noch Zöglinge. Und aus Zöglingen werden vielleicht Menschen,
die gut funktionieren, weil sie es gewöhnt sind, sich unterzuordnen
und anzupassen; aber es werden daraus keine freien Persönlichkeiten,
die selbst- und verantwortungsbewusst ins Leben gehen.

Leider war diese
Art Erziehung viel zu lange die Regel, und viele Eltern haben sich
auch noch auf Gott berufen, wenn sie ihre Kinder zu Zöglingen degradiert
haben. Sie haben dann zwar vielleicht vom „lieben Gott“ geredet,
aber gemeint haben sie einen strengen Gott, der vor allem will,
dass man ihm gehorsam ist und sich seinen Geboten unterwirft. „Der
liebe Gott sieht alles“, hieß es dann zum Beispiel mit erhobenem
Zeigefinger. Dadurch wollten die Eltern sicherstellen, dass ihre
Kinder auch dann noch parierten, wenn sie selbst mal nicht hinschauen
konnten. Oder man ließ die Kinder beten: „Lieber Heiland mach mich
fromm, dass ich in den Himmel komm!“ – Und „fromm“ zu sein hieß
nur zu oft, brav das zu tun, was die Eltern sagen. Gott sei Dank
sind solche Erziehungsmethoden heute selten geworden. Aber viele,
die es so erlebt und darunter gelitten haben, wollen bis heute nichts
mehr von Glauben und Kirche wissen, weil sie Gott nur als verlängerten
Arm schlechter Erziehungsmethoden kennen gelernt haben – als einen,
vor dem man mindestens genauso Angst haben muss wie vor einer Tracht
Prügel. Mit dem will man natürlich als erwachsener Mensch nichts
mehr zu tun haben.

Der Predigttext
für den heutigen Sonntag redet ganz anders von Gott. In ihm beschreibt
der Apostel Paulus den Christen in Rom das Verhältnis, in dem wir
als Christen zu Gott stehen:

Diejenigen,
die sich vom Geist Gottes leiten lassen, die sind Gottes Kinder.
Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass
ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist
der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
Der Geist selbst bezeugt unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben
und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch
mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

Paulus gebraucht
hier ein Bild aus dem gesellschaftlichen Leben seiner Zeit. Damals
bestand eine Familie nicht nur aus Vater, Mutter, Kind, sondern
aus viel mehr Menschen: dem Hausvater als Familienoberhaupt – das
war eben damals noch ganz selbstverständlich –, seiner Frau, seinen
Kindern, vielleicht noch seinen alten Eltern und auch aus Bediensteten
und Sklaven – je nachdem, ob und wie viele man sich von denen leisten
konnte. Paulus vergleicht nun die Kinder, vor allem die Söhne, und
die Sklaven miteinander: Beide gehören zur Familie, beide sind vom
Hausvater abhängig. Sie haben ihn zu respektieren und müssen ihm
gehorchen. Aber die Sklaven sind zu nichts anderem bestimmt als
Sklaven zu sein und zu bleiben. Die Söhne dagegen werden eines Tages
das Erbe ihres Vaters antreten und selbst Hausväter sein und über
Sklaven gebieten. Die einen stehen in der Familie nur in einem Arbeitsverhältnis,
die anderen in einem Vertrauensverhältnis. Die einen haben das Familienoberhaupt
mit „Herr“ anzureden, die anderen dürfen „Vater“ oder sogar „Papa“
zu ihm sagen.

Dieses Bild wendet
nun Paulus auf das Verhältnis der Christen zu Gott an: Wir stehen
zu Gott nicht in einem Sklavenverhältnis, sagt er, sondern in einem
Kindschaftsverhältnis. Wir gehören zu seinen Erben und dürfen ihn
Vater nennen. Heute sind wir es gewohnt, Gott so anzureden. Aber
damals muss das seltsam geklungen haben: Wir arme, kleine Menschen
sollen Kinder Gottes sein, Adoptivkinder sozusagen? Wir sollen uns
nicht vor ihm in den Staub werfen wie vor den Bildern unserer bisherigen
Götter, sondern vertrauensvoll „lieber Vater“ zu ihm sagen? Und
wir sollen sogar seine Erben sein? Aber Gott stirbt doch nicht,
und wir können doch nicht an seiner Statt Gott werden!

Paulus hätte auf
solche Fragen geantwortet: Es geht auch gar nicht darum, dass ihr
Gott werden sollt. Es geht vielmehr darum, dass Gott Mensch geworden
ist. Jesus kam von Gott her und war doch ein Mensch wie wir. Deshalb
ist er zugleich Gottes Sohn und unser Bruder. Jesus ist der, den
Gott zum Erben eingesetzt hat. Ihn hat er erhöht und zum Herrn der
Welt gemacht. Aber wir, die an Jesus Christus glauben, sind seine
Geschwister, und deshalb erben wir mit ihm zusammen. Und sozusagen
als Anzahlung auf das Erbe hat er uns seinen Geist gegeben. Wir
können in der Gewissheit leben, dass wir unlöslich mit Gott verbunden
sind wie ein Kind mit seinen Eltern. Und deshalb können wir ihn
voll Vertrauen als unseren Vater anreden – so wie Jesus es tat und
es uns mit dem Vaterunser beigebracht hat.

Genau darum geht
es auch bei der Taufe. Als der kleine Finn eben getauft wurde, da
hat Gott ihm wie zuvor uns allen zugesprochen: „Du bist mein liebes
Kind. Ich habe dich genauso lieb wie Jesus, meinen Sohn, und ich
möchte mit dir genauso eng verbunden sein, wie ich mit ihm verbunden
bin.“ Seitdem gilt für uns, dass wir außer unseren leiblichen Eltern
auch noch einen guten Vater im Himmel haben. Und so wie man die
Taufe nicht rückgängig machen kann, so bleibt Gott auch dann unser
himmlischer Vater, wenn wir nicht so gute Eltern hatten, wie wir
es uns gewünscht hätten und wie sie vielleicht auch sein wollten,
aber nicht konnten. Für Gott ist kein Mensch nur das unabänderliche
Ergebnis seiner Erziehung, ob sie nun eher gelungen oder eher danebengegangen
ist. Ich wünsche Finn und allen Kindern, die getauft werden, dass
sie von ihrem guten himmlischen Vater etwas erfahren in ihrem Leben.
Und ich wünsche seinen Eltern und Paten und uns Erwachsenen allen,
dass wir ihn nie vergessen und an ihm festhalten können trotz allem,
was uns von ihm weg zieht und was gegen ihn zu sprechen scheint.

Und wie gesagt:
Gott ist nicht der Vater, vor dessen Tracht Prügel man Angst haben
muss, wenn er abends nach Hause kommt. Er ist nicht der Vater, vor
dessen strengem Blick man sich mit schlechtem Gewissen verstecken
muss. Er ist auch nicht der Vater, für den seine Kinder eine lästige
Verpflichtung sind, für die man bestenfalls einen flüchtigen Gute-Nacht-Kuss
und ein paar Euro Taschengeld übrig hat. Und erst recht nicht der,
den sein Kind nie wirklich kennen gelernt hat, weil er eines Tages
plötzlich weg war und womöglich nicht mal Unterhalt zahlt. Nein,
wir alle sind Gottes Wunschkinder. Er hat unsere Geburt herbeigesehnt
und freut sich darüber, dass wir da sind. Er möchte, dass wir selbstbewusste,
freie Menschen werden, dass wir das Beste aus den Gaben machen,
die er uns mitgegeben hat. Er lässt uns erwachsen werden, auch wenn
unsere Wege dann von ihm wegführen. Er ist aber auch immer bereit,
uns mit offenen Armen zu empfangen, wenn wir bei ihm Zuflucht suchen.
Als leiblicher Vater möchte ich mir diesen Vater im Himmel zum Vorbild
nehmen – übrigens auch seine mütterlichen Züge, obwohl von denen
in der Bibel seltener die Rede ist. Und ich möchte darauf vertrauen,
dass meine Kinder dadurch trotz meiner Fehler erfahren, dass Gott
sie liebt.

Amen.