Predigt vom 16.11.2011 (Buß- und Bettag)

 

ÖKUMENISCHER GOTTESDIENST
ZUM BUß- UND BETTAG

Talkirche, 16.11. 2011
Thema:
Psalm 42/43 – Sehnsucht nach Leben

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,

so lechzt meine Seele, Gott, nach dir.
Meine Seele dürstet
nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Wann darf ich kommen

und Gottes Antlitz schauen?
Tränen waren mein Brot
bei
Tag und bei Nacht;
denn man sagt zu mir den ganzen Tag:
«Wo
ist nun dein Gott?»
Das Herz geht mir über, wenn ich daran denke:

wie ich zum Haus Gottes zog in festlicher Schar,
mit
Jubel und Dank in feiernder Menge.
MEINE SEELE, WARUM BIST DU
BETRÜBT
UND BIST SO UNRUHIG IN MIR?
HARRE AUF GOTT; DENN
ICH WERDE IHM NOCH DANKEN,
MEINEM GOTT UND RETTER, AUF DEN ICH
SCHAUE.

Betrübt ist meine Seele in mir,
darum
denke ich an dich im Jordanland,
am Hermon, am Mizar-Berg.
Flut
ruft der Flut zu beim Tosen deiner Wasser,
all deine Wellen
und Wogen gehen über mich hin.
Bei Tag schenke der Herr seine
Huld;
ich singe ihm nachts
und flehe zum Gott meines Lebens.

Ich sage zu Gott, meinem Fels:
«Warum hast du mich vergessen?

Warum muss ich trauernd umhergehen,
von meinem Feind bedrängt?»

Wie ein Stechen in meinen Gliedern
ist für mich der
Hohn der Bedränger;
denn sie rufen mir ständig zu:
«Wo ist
nun dein Gott?»
MEINE SEELE, WARUM BIST DU BETRÜBT
UND BIST
SO UNRUHIG IN MIR?
HARRE AUF GOTT; DENN ICH WERDE IHM NOCH DANKEN,

MEINEM GOTT UND RETTER, AUF DEN ICH SCHAUE.

Verschaff mir Recht, o Gott,
und führe
meine Sache gegen ein treuloses Volk!
Rette mich vor bösen und
tückischen Menschen!
Denn du bist mein starker Gott.
Warum
hast Du mich verstoßen?
Warum muss ich trauernd umhergehen,

von meinem Feind bedrängt?
Sende dein Licht und deine Wahrheit,

damit sie mich leiten;
sie sollen mich führen zu deinem
heiligen Berg
und zu deiner Wohnung.
So will ich zum Altar
Gottes treten,
zum Gott meiner Freude.
Jauchzend will ich
dich auf der Harfe loben,
Gott, mein Gott.
MEINE SEELE,
WARUM BIST DU BETRÜBT
UND BIST SO UNRUHIG IN MIR?
HARRE
AUF GOTT; DENN ICH WERDE IHM NOCH DANKEN,
MEINEM GOTT UND RETTER,
AUF DEN ICH SCHAUE.

„Wie der Hirsch
schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“
So lautet der erste Vers von Psalm 42 in der wunderschönen Motette,
die Felix-Mendelssohn-Bartholdy darüber geschrieben hat. Wer will
und Zeit hat, kann sie nächsten Sonntag in der Wenschtkirche hören,
gesungen von unserem Kirchenchor. Aber auch ohne Mendelssohns Musik
ist es leicht, zu diesen Worten ein Bild vor Augen zu haben: Ein
ausgetrocknetes Bachbett, über dem die sommerliche Hitze flirrt,
eine Hirschkuh, die zwischen den Steinen vergebens nach ein paar
letzten Tropfen Wasser sucht. Jeder, der mal echten Durst hatte,
weiß, wie ihr zumute ist. Und jeder kann sich dann auch den Seelenzustand
vorstellen, der diesem Bild entspricht: eine Seele, fern von Gott,
weit weg von ihrer Lebensquelle, betrübt und unruhig durch äußere
Belastungen und innere Ängste, auf der Suche nach Halt, nach Auswegen,
nach Gottes Nähe, und das mit versiegenden Kräften.

Auch andere Bilder
des Psalms sprechen uns unmittelbar an: „Tränen waren mein Brot
bei Tag und bei Nacht“, heißt es da. Und wer kennt sie nicht, die
Zeiten, wo einem Hunger und Appetit vergehen, wo man nur noch heulen
möchte und sich nicht vorstellen kann, jemals wieder froh zu werden?
„Alle deine Wellen und Wogen gehen über mich hin.“ – Wer kennt sie
nicht, die Zeiten, wo das Unglück von allen Seiten über uns hereinbricht,
wo wir von einer Katastrophe in die nächste geworfen werden und
im Chaos zu versinken drohen? „Wie ein Stechen“ – Luther übersetzt
durchaus wörtlich: „wie Mord in meinen Gliedern ist für mich der
Hohn der Bedränger.“ – Wer kennt sie nicht, die Momente, wo sich
alles und jeder gegen uns verschworen hat, wo man uns verleumdet,
gegen uns stichelt, Mordan-schläge an unserem guten Ruf verübt,
ohne dass wir uns wehren können? „Man sagt zu mir den ganzen Tag:
Wo ist denn nun dein Gott?“ – Wer kennt sie nicht, diese bohrenden
Fragen, die wir uns ja oft genug selber stellen? Wer kennt sie nicht,
die Situationen, wo unser Schicksal uns und anderen wieder mal zu
beweisen scheint, dass es sinnlos ist, an Gott zu glauben und ihm
zu vertrauen?

Die Auslöser solcher
Erfahrungen können vielfältig sein, das wissen wir alle. Und deshalb
ist es müßig, darüber zu rätseln, welche Not den Beter dieses Psalms
konkret getroffen hat. Die Ausleger haben dabei schon auf verschiedenste
Krankheiten getippt, auf falsche An-klagen, Verbannung und Verfolgung
und manches mehr. Aber hier spricht ja keiner, der einem Arzt seine
Symptome schildert oder einem Anwalt seine Unschuld beweisen will,
sondern hier spricht einer mit Gott, und er tut es so, dass andere
sein Gebet mitsprechen und es sich zu eigen machen können – so wie
es viele, viele jüdische und christliche Beter seitdem getan haben.

Eins wird allerdings
ganz deutlich, und das mag uns an diesem Psalm nun doch fremd vorkommen:
Was den Beter am allerschlimmsten trifft, das sind weder körperliche
Gebrechen noch üble Nachrede seiner Feinde. Am allerschlimmsten
ist für ihn vielmehr der Ort, an dem er sich befindet. Nur hier
wird der Psalm wirklich konkret, so konkret wie kaum ein anderer.
Er spricht sein Gebet „im Jordanland, am Hermon, am Berg Miz’ar“.
Und damit kann nur das Quellgebiet des Jordan an den Hängen des
Hermongebirges gemeint sein, ein Landstrich, der heute zwischen
Israel, dem Libanon und Syrien liegt. Eine schöne und vor allem
wasserreiche Gegend, weshalb sie heute noch politisch heiß umkämpft
ist. Aber der Psalmist hat keinen Blick für romantische Landschaften,
und er hat erst recht keinen Sinn für natürliche Ressourcen und
strategische Bedeutung. Ihn beschäftigt nur eins: Diese Gegend ist
weit weg von Jerusalem, vom Tempel des HERRN, und er ist – aus welchen
Gründen auch immer – nicht in der Lage, dorthin zurückzukehren.
Und genau daran liegt es letzten En-des, dass seine Seele am Verdursten
ist. Er erinnert sich an festliche Gottesdienste, an feierliche
Einzüge, an Menschenmengen, die die Vorhöfe füllen und wie aus einem
Mund Gott loben und preisen, und diese Erinnerungen tun weh, eben
weil sie bloß Erinnerungen sind. Dort, im Tempel, dem Wohnsitz Gottes
auf Erden, dort hat er sich Gott nahe gefühlt, konnte vor seinen
Altar treten, sein Antlitz schauen, ihm Lieder singen. Dort war
er zu Hause, hier, in der Fremde, vergeht er vor Heimweh.

Können wir das
nachempfinden? Können wir verstehen, dass sich für einen Menschen
die Nähe Gottes so sehr an einem bestimmten Ort festmacht? Es fällt
uns wahrscheinlich schwer. Denn wir stellen uns Gott eher so vor,
dass er überall ist und sich nicht einen bestimmten Ort auf Erden
zur Wohnung erwählt. Aber heißt das wirklich, wie ich es immer wieder
höre, dass ich Gott auch überall finden kann? Auch im Wald? Auch
im stillen Kämmerlein? Auch in mir selber? Für mein Empfinden antworten
wir auf solche Fragen oft zu schnell mit Ja. Denn es ist zwar so:
Gott begegnet uns Christen nicht an einem bestimmten Ort. Wohl aber
begegnet er uns in einer bestimmten Person: in Jesus Christus, in
dem Gott selber Mensch geworden ist. Und er hat uns verheißen, dass
er uns vor allem dort begegnen will, wo Menschen sich im Namen Jesu
Christi versammeln, auch wenn es nur zwei oder drei sind.

Ist uns das eigentlich
noch etwas wert? Rechnen wir noch damit, dass uns Gott in Christus
zuerst und vor allem im Gottesdienst, in der Gemeinschaft der Glaubenden
begegnen will? Oder sagen wir wie so viele: „Ach, der Gottesdienst,
der ist mir viel zu früh oder viel zu spät, viel zu altmodisch oder
viel zu modern, viel zu langweilig oder viel zu unruhig. Ab und
zu, wenn mir danach ist, geh ich ja mal hin, so wie heute zum Beispiel,
aber ansonsten kann ich doch auch zu Hause beten, und ein besserer
Mensch wird man auch nicht davon, dass man ständig in die Kirche
rennt.“ Bei uns Evangelischen hat diese Einstellung schon eine lange
Tradition, aber ich habe den Ein-druck, dass sie auch bei katholischen
Menschen immer häufiger an-zutreffen ist. Doch ich glaube, wir sollten
diese Einstellung, wenn wir sie denn haben, noch mal überdenken.

Denn es ist zwar
richtig: Ich kann auch zu Hause beten und in der Bibel lesen, ich
kann auch für mich allein Lieder singen, wenn auch mit Abstrichen,
und Gutes tun kann ich natürlich erst recht jederzeit und überall.
Aber erstens: Wer tut das denn auch wirklich und redet nicht nur
so? Und zweitens: Wenn wir wirklich an Jesus Christus glauben und
nicht nur irgendwie an Gott, dann fehlt uns etwas ohne die Gemeinschaft
der Glaubenden. Dann entgeht uns Entscheidendes, wenn wir nicht
gemeinsam mit anderen singen, beten, Gott loben, auf ihn hören und
das Mahl des Herrn feiern. Auch der Psalmist betet ja in der Fremde,
auch er bleibt mit Gott in Beziehung und gibt sein Gottvertrauen
nicht auf. Aber er leidet unter seiner Ferne vom gemeinsamen Gottesdienst,
und er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass dieser Zustand endlich
ein Ende nimmt. Manchmal stoße ich auf alte oder kranke Menschen,
die sonst treue Kirchgänger waren und denen es ähnlich ergeht. Aber
das ist doch eher selten.

Deshalb würde
ich mir wünschen, dass wir das aus diesem Gottes-dienst mitnehmen:
Wer nur für sich alleine glaubt, dessen Seele droht zu vertrocknen,
der schneidet sich von der wichtigsten Quelle ab, die unserem Glauben
Nahrung gibt. Glaube ohne Glaubensgemeinschaft ist ein Schrumpfglaube.
Man muss sich nicht wundern, wenn er sich eines Tages verflüchtigt.
Natürlich gibt es diese Gemeinschaft in vielen verschiedenen Formen
und Größen. Und natürlich ist Gott nicht automatisch da, wenn wir
Gottesdienst feiern, und erst recht nicht, wenn wir ihm eine Kirche
bauen. Aber er hat es uns verheißen, und wir dürfen ihn beim Wort
nehmen. Deshalb sage ich mal einfach: Es sollte für Christen, und
zwar nicht nur für katholische, selbstverständlich sein, sonntags
zum Gottesdienst zu gehen. Es sollte auch allen, die Gottesdienste
vorbereiten und durchführen, klar sein, dass das ihre wichtigste
und vornehmste Aufgabe ist und dass sie deshalb alles dafür tun
sollten, um sie einladend, lebendig und glaubensfördernd zu gestalten.
Und es sollte allen Kirchenoberen selbstverständlich sein, dass
es für die Ökumene kein wichtigeres und höheres Ziel gibt, als dass
endlich Christen aller Konfessionen ohne jede Einschränkung miteinander
Gottesdienst feiern können. Was wäre das für eine Labsal für unsere
dürstenden Seelen, was wäre das für ein Zeichen für die Menschen,
die den Kirchen enttäuscht oder gleichgültig den Rücken kehren,
wenn die Talkirche heute bis auf den letzten Platz gefüllt wäre
und wenn Evangelische und Katholische miteinander in versöhnter
Verschiedenheit an den Tisch des Herrn treten könnten!

Nur ein Traum?
Vielleicht. Aber einer, den es sich zu träumen lohnt. So wie der
Traum des Psalmbeters der sich im Geiste schon wieder vor dem Altar
des Tempels stehen sieht, die Harfe griffbereit, um seinen Gott
zu loben und zu preisen. Daran wird er sich aufrichten, daran wird
er festhalten, und wenn er seinen Kehrvers noch hundert- oder tausendmal
wiederholen muss: „Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so
unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken,
meinem Gott und Retter, auf den ich schaue.“

Amen.

 

Chorleiter/in gesucht !

 

Chorleiter/in gesucht !  

Wir über uns:

32
aktive Sängerinnen und Sänger wollen derzeit mit ihren Stimmen anderen
Menschen das Evangelium ins Herz singen. Dies geschieht sowohl bei
der Mitgestaltung von Gottesdiensten im Kirchspiel Klafeld, als
auch zu besonderen Gottesdiensten an Ostern, Weihnachten, Konfirmationen
oder anderen Anlässen. Auch in Krankenhäusern und Seniorenheimen
erfreuen wir Menschen mit unseren Liedern. Dabei reicht unser Liedgut
von alten Meistern bis zu neuzeitlichen, modernen Kompositionen.

Da unser derzeitiger
Chorleiter Ingo Gieseler im nächsten Jahr die musikalische Leitung
unseres Chores aus beruflichen Gründen abgeben wird, suchen wir
bereits heute nach einer Nachfolgerin bzw. einem Nachfolger.

Haben wir Sie
jetzt neugierig gemacht bzw. haben Sie schon immer nach solch einer
Aufgabe gesucht  ? – Dann sind Sie bei uns genau richtig und
ich freue mich über Ihren Anruf bzw. Ihre eMail !

Friedhelm Hanisch
1.
Vorsitzender Gem.Chor Birlenbach
Tel. 0271/71330
Mobil 0151/12432285
eMail:
hanisch1210@aol.com  

 

 

Ökumenische Nacht der Lichter

 

Liebe Taizé-Freunde, liebe Jugendliche.

Der Advent rückt
immer näher, und damit auch unsere inzwischen schon traditionelle
Nacht der Lichter in der Wenscht.

Herzliche Einladung!

Projektchor und
ökumenische Nacht der Lichter

Weidenau / Freudenberg.
Das ganze Jahr über fahren unzählige Jugendliche und Erwachsene
nach Taizé, diesem kleinen Dörfchen im französischen Burgund, um
ihren Glauben aufzufrischen, Menschen aus aller Welt zu begegnen
und ergreifende Gottesdienste zu feiern. Jugendliche aus dem Pastoralverbund
Hüttental-Freudenberg wollen jetzt ein wenig Taizé in ihre Heimat
holen, andere dazu einladen und sie für Taizé, seine Lieder und
Gottesdienste begeistern. Am Samstag, den 17. Dezember 2011,
findet um 19.30 Uhr dazu die inzwischen schon traditionelle,
ökumenische „Nacht der Lichter“ in der Kirche St. Marien
in der Wenscht (Geisweid) statt.

Zur Vorbereitung
auf die „Nacht der Lichter“ wird ein Projektchor gebildet, der sich
jeweils montags an folgenden Terminen um 19.30 Uhr im Pfarrheim
St. Joseph in Weidenau trifft: 21. und 28. November 2011 sowie 05.
und 12. Dezember 2011.

Am Freitag, den
16.12.2011, ist – ebenfalls um 19.30 Uhr – Generalprobe in der Kirche
St. Marien in Geisweid. Eingeladen sind besonders Jugendliche, sowie
Frauen und Männer, die die Taizé-Gesänge kennen oder kennenlernen
möchten. Der Projektchor wird von Dominique Burghoff geleitet und
wird das Taizégebet musikalisch unterstützen.

Nähere Informationen
bei Daniela Müller, Tel. 0271 / 890 2626,
oder bei Pfr. Reinhard
Lenz, Tel. 0 27 34 / 23 50.

Herzliche Grüße!

Ihr / Euer
Reinhard Lenz, Pfr.

 

Predigt vom 23.10.2011

 

GOTTESDIENST

FÜR DEN ACHTZEHNTEN SONNTAG NACH TRINITATIS

Pfr. Dr. Martin Klein
Wenschtkirche,
23.10. 2011
Text: Mk 10,17-22

Und als Jesus
sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder
und fragte ihn: „Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das
ewige Leben ererbe?“ Aber Jesus sprach zu ihm: „Was nennst du mich
gut? Niemand ist gut als Gott allein. Du kennst die Gebote: »Du
sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht
stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden
berauben; ehre Vater und Mutter.«“ Er aber sprach zu ihm: „Meister,
das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“ Und Jesus sah
ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: „Eines fehlt dir.
Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst
du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!“ Er
aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er
hatte viele Güter.

Und Jesus sah
um sich und sprach zu seinen Jüngern: „Wie schwer werden die Reichen
in das Reich Gottes kommen!“ Die Jünger aber entsetzten sich über
seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen:
„Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter,
dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins
Reich Gottes komme.“ Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und
sprachen untereinander: „Wer kann dann selig werden?“ Jesus aber
sah sie an und sprach: „Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht
bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“

 

Nein, dieser Mann,
der da zu Jesus kommt, ist kein schlechter Mensch. Er hat niemanden
umgebracht, wohl noch nicht mal jemandem den Tod gewünscht. Er war
seiner Frau stets ein treuer Ehe-mann. Er ist wohlhabend, ja, aber
er hat sich nie auf Kosten anderer bereichert. Nie hat er seine
Mitmenschen verleumdet. Und seine Eltern hat er stets in Ehren gehalten
und im Alter für sie gesorgt, bis sie starben. Und wahrscheinlich
hat er auch die Gebote beachtet, die Jesus nicht zitiert: Er hat
sich immer zu dem einen Gott bekannt und es damit ernst gemeint,
keine Bilder angebetet, den Namen des HERRN nicht missbraucht und
den Ruhetag heilig gehalten. Ein durch und durch anständiger Israelit,
an dem kein Falsch ist. Und er weiß auch, dass Geld nicht alles
ist, dass er seinen Besitz nicht mitnehmen kann, wenn er einmal
sterben muss. Würde er Jesus sonst nach dem ewigen Leben fragen?

Wenn dieser reiche
Mann evangelisch wäre und heute bei uns in Geisweid wohnen würde,
wäre er bestimmt ein hoch angesehenes Mitglied unserer Kirchengemeinde.
Er ginge regelmäßig zum Gottesdienst, würde immer reichlich spenden,
säße vielleicht im Presbyterium. Und sollte er eines Tages sterben,
würden wir seiner bestimmt ehrenvoll gedenken und sagen, dass andere
Reiche sich an ihm ein Beispiel nehmen könnten.

Auch Jesus sagt
über den reichen Mann kein einziges schlechtes Wort und macht ihm
keine Vorhaltungen. Im Gegenteil: er gewinnt ihn lieb, heißt es,
und gemeint ist wahrscheinlich, dass er ihn sogar umarmt oder küsst.
Er hätte ihn gern im Kreis seiner Jünger, die ihm nachfolgen. –
Aber warum um alles in der Welt verbaut er ihm dann dermaßen den
Weg? Warum besteht er auf der einen Forderung, die der Reiche nicht
zu erfüllen bereit ist?

„Eines fehlt dir:
Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst
du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!“ –
Musste das denn wirklich sein? Die reichen Frauen, die Jesus nach
Lukas finanziell unterstützt haben, durften ihren Besitz doch auch
behalten. Und beim Zöllner Zachäus ist Jesus offenbar damit zufrieden,
dass der nur die Hälfte seines Vermögens den Armen gibt. Die Christenheit
wäre früh am Ende gewesen, wenn alle, die zum Glauben kamen, sämtlichen
Besitz verkauft hätten. Denn wer hätte dem Paulus dann seine Reisen
bezahlt? Wer hätte noch ein Haus zur Verfügung stellen können, in
dem die Gemeinde sich treffen konnte? Wer hätte den Armen der nächsten
Generation noch etwas Gutes tun können? Und das setzt sich fort
bis zum heutigen Tag. Stellen Sie sich vor, die Vermögenden unserer
Gemeinde würden ihren Grundbesitz verkaufen, ihre Aktiendepots auflösen
und den ganzen Gewinn an „Brot für die Welt“ spenden – wer würde
uns dann noch ein „freiwilliges Kirchgeld“ zahlen oder das neue
Gemeindezentrum finanzieren helfen?

Also: Was fangen
wir mit dieser Geschichte an? War Jesus eben doch ein weltfremder
Revoluzzer, so ein „Occupy-Wall-Street“-Typ – vielleicht ganz sympathisch,
aber nicht wirklich ernst zu nehmen? Oder hat seine Antwort einen
Sinn, der auch uns heute weiterbringen könnte?

Ich glaube, dazu
müssen wir noch mal genauer hinschauen. Und da fällt erst einmal
die Frage auf, die der Reiche Jesus stellt: „Guter Meister, was
soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Ein frommer Jude
hätte sich über diese Frage gewundert. Wieso muss der noch nach
dem ewigen Leben fragen, wenn er doch auf vorbildliche Weise die
Gebote Gottes beachtet? Jeder Rabbi hätte dem Reichen auf seine
Frage geantwortet: „Halte dich an die Tora, an Gottes gute Weisung
für sein Volk, und du hast das ewige Leben. Mehr verlangt Gott nicht
von dir.“ Aber diese Antwort scheint dem Reichen nicht zu genügen.
Er muss wohl spüren, dass ihn trotz seines tadellosen Lebenswandels
irgendetwas von Gott trennt, dass seine Beachtung der Gebote eben
doch nicht automatisch zum ewigen Leben führt. Deshalb fragt er
Jesus. Er nennt ihn nicht nur „Meister“, Rabbi, sondern „guter Meister“,
und das ist eine ungewöhnliche Anrede. Er erwartet, dass Jesus zu
diesem Thema mehr und anderes zu sagen hat als der durchschnittliche
Toragelehrte.

Deshalb muss ihn
die erste Antwort Jesu enttäuscht haben. Denn der weist die Anrede
„guter Meister“ zurück. Er hat keinen Sonderweg zum ewigen Leben
zu bieten, sondern nur den Verweis auf Gott, den einzig Guten, und
seine Gebote. Jeder Rabbi in Israel hätte genau das Gleiche gesagt.

„Das habe ich
alles gehalten von Jugend auf“, sagt der Reiche. Jeder andere wäre
wahrscheinlich stolz darauf. Wer von uns könnte das schon im Brustton
der Überzeugung von sich sagen? Aber so wie der Reiche das sagt,
klingt es wie: „Das habe ich alles gehalten, aber ich habe das Gefühl,
es reicht nicht.“

Und jetzt gibt
Jesus ihm recht. „Ja, in der Tat“, sagt er, „eins fehlt dir. Und
deine Frage nach dem ewigen Leben zeigt mir, dass du es eigentlich
weißt, aber es dir nicht eingestehen willst: Dein Reichtum steht
dir im Weg. Er steht dir im Weg bei der Erfüllung des ersten und
wichtigsten aller Gebote, nämlich dich nur an den einen Gott, den
Gott Israels, zu halten und keine anderen Götter neben ihm zu haben.
Dein Herz ist nicht ungeteilt bei deinem Gott, sondern es hängt
mindestens genauso sehr an deinem Besitz. Mag sein – obwohl es sehr,
sehr schwer ist – , dass andere Reiche das schaffen: Gott von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit allen Kräften zu lieben und ihren
Besitz als Leihgabe Gottes zu betrachten, die ihnen nicht gehört,
sondern nur zu treuen Händen überlassen ist. Aber du schaffst es
jedenfalls nicht. Du lässt dich gefangen nehmen von dem, was du
hast und bist, und deshalb verbaut dir dein Besitz den Weg zum ewigen
Leben. Also lass ihn los! Verkaufe deine irdischen Schätze und erwirb
dir dafür einen Schatz im Himmel! Und dann komm und folge mir! Nur
so wirst du frei werden und Gott ungeteilt dienen können.“

Ich denke, dass
auch diese Antwort Jesu den Reichen nicht überrascht hat. Im Stillen
wusste er sicher, dass genau das kommen würde. Es ging ihm so wie
dem Dicken, der seinen Arzt fragt, ob er ihm nicht ein paar Wunderpillen
zum Abnehmen verschreiben kann, aber im Grunde schon ahnt, was der
ihm empfehlen wird, nämlich strikte Diät und viel Bewegung. Und
so geht er traurig weg. Er schafft es nicht, seinen Besitz loszulassen,
und bestätigt damit, woran sein Herz am Ende wirklich hängt.

Immer wieder im
Lauf der Kirchengeschichte gab es Menschen, die das lasen und spürten:
damit bin ich gemeint. Mir geht es ganz genauso wie diesem armen
reichen Mann. Ich bin reich, aber ich habe keinen Schatz im Himmel.
Und einige von ihnen haben geschafft, was er nicht konnte: Sie haben
alles verkauft und den Armen gegeben und anschließend selber ein
Leben in Armut, aber im Einklang mit Gott geführt. Der heilige Antonius
gehörte dazu, der im 3. Jahr-hundert nach Christus das erste Kloster
gründete und später Einsiedler wurde. Und Franz von Assisi gehörte
dazu. Auch er wurde Mönch und fand dabei viele Weggefährten. Beide
haben nie bereut, was sie taten und zu ihrer Zeit viel zur Erneuerung
der Kirche und des Glaubens beigetragen. Aber auch das war nicht
immer so. Martin Luther ging ebenfalls diesen Weg, aber aus Angst,
nicht aus freien Stücken, bis er herausfand, dass es jedenfalls
für ihn der falsche Weg war.

Und so möge auch
jeder von uns sich heute selber prüfen: Bin ich gemeint mit dem,
was Jesus sagt? Steht auch mir etwas im Weg, wenn ich mit Gott leben
und Jesus nachfolgen will? Woran klebe ich fest und kann es nicht
loslassen? Am Geld? An Macht und Einfluss? An einer Sucht, die meine
Gesundheit ruiniert? An dem, was früher mal gut und richtig war,
aber es vielleicht nicht mehr ist? Oder kann ich guten Gewissens
sagen: Nein, mein Herz hängt nicht an vergänglichen Dingen; ich
freue mich an ihnen und danke Gott für das, was er mir schenkt,
aber ich kann es auch leichten Herzens abgeben, wenn es an der Zeit
ist?

Ich sag’s Ihnen
gleich: So ganz leichten Herzens könnte ich nicht alles aufgeben.
Es sind vor allem Menschen, aber eben doch auch Dinge, an denen
mein Herz hängt, wenn auch hoffentlich nicht ganz und gar. Insofern
bin ich auch eins von den Kamelen, die nun mal nicht durch ein Nadelöhr
passen. Und insofern könnte ich in die entsetzte Frage der Jünger
einstimmen: „Wenn das so ist, wenn Reichtum und Reich Gottes sich
so sehr gegenseitig ausschließen, wer kann dann selig werden?“ Wo
doch selbst das Herz der Armen oft am Reichtum hängt, nämlich an
dem Reichtum, den sie nicht haben!

Es bleibt mir
also nur, mich auf die letzten Worte Jesu zu berufen – nicht als
faule Ausrede, wohl aber als Trost: „Bei den Menschen ist’s unmöglich,
aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ Nur
er kann das Bild vom Kamel und vom Nadelöhr so verändern, wie manche
Ausleger es vergebens versucht haben: Dass aus dem „Kamel“ ein dickes
Tau wird, von dem vielleicht wenigstens eine dünne Faser durch das
Nadelöhr passt, oder dass mit dem „Nadelöhr“ eine kleine Tür in
der Stadtmauer gemeint ist, durch die man mit viel Drücken und Schieben,
Ducken und Baucheinziehen das Kamel ohne Gepäck gerade noch so durchgequetscht
kriegt. Wenn ich so, ohne alles und mit knapper Not, doch noch das
ewige Leben erlange, dann will ich Gott danken und zufrieden sein.

Amen.

 

Eröffnung des Bauprojekts „mittendrin“

 

Eröffnung des Bauprojekts
„mittendrin“

„Feiern wir in
diesem Jahr denn gar kein Erntedankfest?“ Das haben manche sich
gefragt, als sie in der letzten Ausgabe der Gemeindenachrichten
gelesen haben, dass am 2. Oktober ein Gottesdienst zur Eröffnung
des Bauprojekts „mittendrin“ stattfindet. Der Termin war aus gutem
Grund gewählt worden. Denn genau vor vier Jahren, am Erntedankfest
2007, haben wir die letzten Gottesdienste in Birlenbach, Setzen
und im Paul-Gerhardt-Haus gefeiert und das Lutherhaus geschlossen.
Kirchmeister Hartmut Heinbach erinnerte nun daran, dass dieser für
viele so schmerzliche Schritt mit dem Versprechen verbunden war,
so bald wie möglich ein neues Gemeindehaus an der Talkirche zu errichten.
Wir freuen uns und sind sehr dankbar dafür, dass wir dieses Versprechen
demnächst einlösen können, und darum konnte es aus unserer Sicht
gar keinen besseren Tag geben, um das Bauprojekt im Rahmen eines
Gottesdienstes vorzustellen und zu eröffnen, als das Erntedankfest,
auch wenn mit dem eigentlichen Bau, wie Architekt Ulrich Höfer erläuterte,
erst im neuen Jahr begonnen wird.

Christa Wilhelm
hatte den Abendmahlstisch und den Chorraum mit einer Fülle von Erntegaben
aus heimischen Gärten geschmückt. Dass Gott gut für uns sorgt, das
konnten wir jedoch nicht nur sehen, sondern auch eindrucksvoll hören,
denn der Kirchenchor Klafeld führte die Erntedank-Kantate von Christian
Heinrich Rinck auf. Der Kinderchor „Singsalabim“ und die „Liederstrolche“
aus Wilnsdorf erfreuten die Gemeinde mit zwei Liedern und sangen
zum Abschluss des Gottesdienstes gemeinsam mit dem Kirchenchor „Verleih
uns Frieden gnädiglich“.

In seiner Predigt
über Jesaja 58,7-12 erinnerte Pfarrer Boes daran, dass wir Orte
brauchen, an denen wir die Vision von einem friedlichen und gerechten
Miteinander verwirklichen können. Er drückte die Hoffnung aus, dass
das neue Gemeindezentrum zu einem Ort wird, an dem wir Gott und
den Menschen auf diese Weise begegnen können.

Hartmut Heinbach
und Ulrich Höfer stellten das Bauprojekt in einem Interview vor
und erläuterten neben Finanzierung und Planung auch die Konzeption,
die sich mit dem Namen „mittendrin“ verbindet. Hartmut Heinbach
betonte, dass uns in den letzten Jahren gemeinsam und mit Gottes
Hilfe schon viel gelungen ist, so dass wir nun auch das Bauprojekt
voller Vorfreude und Zuversicht angehen können.

Nach dem Gottesdienst
nutzten etliche Gottesdienstbesucher die Gelegenheit, einen Blick
auf die Baupläne zu werfen, sich beim Kirchkaffee über die weitere
Planung zu informieren oder am Weltladenstand Waren aus fairem Handel
zu kaufen. Alle Gottesdienstbesucher verließen die Talkirche mit
dem noch druckfrischen Flyer über das Bauprojekt und mit der Aussicht,
dass wir uns in absehbarer Zeit „mittendrin“ in schönen neuen Räumen
versammeln können.

Almuth Schwichow