Predigt vom 15.2.2009

GOTTESDIENST FÜR DEN SONNTAG
SEXAGESIMAE

Talkirche, 15.2. 2009
Pfr. Dr. Martin Klein
Text:
Lk 8,4-8

Als nun eine
große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu Jesus eilten,
redete er in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen
Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten,
und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und einiges fiel auf
den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit
hatte. Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen
gingen mit auf und erstickten’s. Und einiges fiel auf gutes Land;
und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief
er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

In unseren Zeiten,
wo so viel von „Effizienz“  und „Nachhaltigkeit“ die Rede ist,
kann man über einen solchen Bauern nur den Kopf schütteln. Was für
eine Vergeudung von wertvollem Saatgut! Es wird zwar nicht gerade
gesagt, dass drei Viertel der Saat verloren gehen, aber auf jeden
Fall gewinnt man den Eindruck, dass mehr verloren geht als Frucht
bringt. Einem Bauern, der so unwirtschaftlich arbeitet, würde selbst
die EU sofort die Subventionen streichen.

Aber wenn wir
das Gleichnis so verstehen, haben wir noch nicht richtig hingehört.
Bei näherer Betrachtung erweist sich die verschwenderische Aussaat
nämlich als hochgradig wirksam: Der Same, der auf gutes Land fällt,
geht auf und bringt hundertfache Frucht! Auf ein Saatkorn kommen
also hundert Getreidekörner bei der Ernte. Zur Zeit Jesu galt ein
siebenfacher Ertrag als normal und ein zehnfacher als gut. Hundert
Körner hatte man vielleicht mal in einzelnen Ähren, aber ein hundertfacher
Gesamtertrag wäre eine absolute Rekordernte gewesen. Da hätte man
den Verlust von so viel Saatgut problemlos verschmerzen können.

Jesus hat diese
Geschichte wohl als Trost für sich und seine Jünger erzählt. Denn
er hat zwar nach den Evangelien ständig vor großen Menschenmengen
gepredigt; aber diejenigen, die ihm tatsächlich nachgefolgt sind,
waren ein kleines Häuflein. Nüchtern betrachtet, war das nicht gerade
überwältigend. Erst recht nicht, wenn man wie Jesus davon ausging,
dass der Anbruch des Reiches Gottes unmittelbar bevorstand. Aber
Jesus ließ sich nicht entmutigen. Er sah in den kleinen Anfängen
schon die große Zukunft: in der aufsprießenden Saat schon die hundertfache
Frucht, im winzigen Senfkorn schon den Baum, in dem die Vögel Nester
bauen, in der kleinen Schar seiner Anhänger schon die Menschenmassen,
die aus allen Himmelsrichtungen ins Reich Gottes strömen.

Wenn schon Jesus
bei seinen Predigten so große „Streuverluste“ hinnehmen musste,
dann ging es den christlichen Verkündigern nach Ostern natürlich
erst recht so: Nur ein kleiner Teil ihrer jüdischen Landsleute ließ
sich für den Glauben an Jesus Christus gewinnen. Die meisten dagegen
lehnten diesen Glauben strikt ab. Es sah so aus, als ob Gott selber
ihnen den Weg zum Verstehen verbauen würde. Und die Gleichnisse
Jesu wirkten nicht mehr als Verstehenshilfen, sondern als Verschlüsselungen,
in deren Geheimnisse nur wenige Einblick erhielten. Bei Lukas liest
sich das dann so:

Es fragten ihn
aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. Er aber sprach: Euch
ist’s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen,
den andern aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch
wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch wenn sie es hören.

Noch eine Generation
weiter stellte sich das Problem schon wieder anders dar. Jetzt hatte
man nicht mehr nur die Gläubigen und die Ungläubigen im Blick, sondern
auch die, deren Glaube nach guten Anfangen wieder verloren ging,
die sich für eine Weile zur christlichen Gemeinde hielten, aber
dann wieder wegblieben. Nun sah man auch ihr Schicksal im Gleichnis
Jesu angesprochen und gab ihm deshalb folgende Deutung:

Das Gleichnis
aber bedeutet dies: Der Same ist das Wort Gottes. Die aber auf dem
Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt
das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden.
Die aber auf dem Fels sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das
Wort mit Freuden an. Doch sie haben keine Wurzel; eine Zeitlang
glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. Was aber
unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und
ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens
und bringen keine Frucht. Das aber auf dem guten Land sind die,
die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und
bringen Frucht in Geduld.

Es ist gut, dass
diese Deutung im Evangelium steht. Denn sie liest zwar mehr in die
Worte Jesu hinein als ursprünglich damit gemeint war, aber dafür
spricht sie die Situation an, die sich seitdem nicht mehr grundlegend
geändert hat. Sie weiß darum, wie schwierig das mit dem Glauben
ist: dass er bei sehr vielen erst gar nicht zustande kommt, dass
er bei vielen nur ein Strohfeuer bleibt, dass er bei vielen weiteren
von anderen Dingen erstickt wird und dass er nur bei wenigen echte
Früchte trägt. Um das bestätigt zu finden, muss man sich nur ein
wenig in der eigenen Gemeinde umschauen oder auch einen Blick in
die kirchlichen Umfragen und Statistiken werfen.

Eins allerdings
wird in der alten Deutung des Gleichnisses noch nicht so klar. Dort
wird das Schicksal der Samenkörner des Wortes Gottes verschiedenen
Menschentypen zugeordnet: es gibt Weg-Typen, Fels-Typen, Dornen-Typen
und Guter-Boden-Typen. Aber ich glaube, so einfach geht das nicht.
Das menschliche Ich ist viel zu kompliziert und vielschichtig, als
dass man es einfach in eine von vier Schubladen stecken könnte.
Deshalb glaube ich, dass alle vier Typen in jedem von uns stecken
– vielleicht in unterschiedlichem Mischungsverhältnis, vielleicht
auch so, dass der eine oder andere Typ nur in uns schlummert und
noch nicht aktiviert worden ist, aber auf jeden Fall so, dass jeder
von uns mal Weg, mal Fels, mal Dornen und mal guter Boden sein kann.
Trotzdem möchte ich Ihnen diese Typen so  vorstellen, als wären
es einzelne Individuen. Sie mögen dann selber entscheiden, in welchen
Anteilen sie bei Ihnen vorkommen – oder auch nicht.

Da sind also zum
einen die Weg-Typen. Für mich sind das die, die alles, was sie hören
und sehen, erst einmal kritisch durchdenken müssen – auch das, was
sie über den christlichen Glauben erfahren. Das ist ja auch gut
und richtig so. Nur wenn es dabei bleibt, dann wird aus dem kritischen
Verstand so eine Art Teflon-Schicht. An der perlt alles ab, was
in das Innerste gelangen möchte. Weg-Typen können deshalb über die
christliche Religion bestens Bescheid wissen. Sie können die Bibel
für großartige Literatur halten, fasziniert sein von der Kirchen-
und Theologiegeschichte, mit Begeisterung kunsthistorisch wertvolle
Kirchen besichtigen und doch nie ein einziges Wort Gottes in ihr
Herz gelassen haben. Vielleicht stehen Theologen sogar in der größten
Gefahr, solche Weg-Typen zu sein. Deshalb sage ich mir und allen
von Ihnen, die diesen Typ bei sich entdecken: Der Glaube will und
soll unser Denken und Wissen erfassen, aber er ist mehr als das.
Er will uns ganz durchdringen und verändern. Erst dann kann er wachsen
und Frucht bringen.

Dann sind da die
Fels-Typen. Für mich sind die so ziemlich das Gegenteil von den
Weg-Typen. Denn bei ihnen kommt der Glaube gerade nicht über den
Verstand, sondern über das Gefühl. Fels-Typen wollen den Glauben
nicht durchdenken, sondern erleben. Sie sind begeistert von meditativer
Musik und Kerzenschein, von Kirchentagen und Taizé-Wallfahrten.
Von solchen Erlebnissen kommen sie beschwingt und voller Enthusiasmus
zurück und zehren auch noch eine Weile davon, aber die Hitze des
Alltags lässt ihr frisches Glaubensgrün rasch verdorren. Entweder
kommen sie dann zu dem Schluss, dass der Glaube für den Alltag nichts
taugt, oder sie hetzen von einem Glaubens-Event zum nächsten, müssen
die Dosis ständig steigern und verlieren allmählich den Kontakt
zur Wirklichkeit. Auch ein solcher Glaube bringt keine Früchte,
die wirklich nahrhaft sind.

Am weitesten verbreitet
sind wohl heutzutage die Dornen-Typen. Sie entstammen dem so genannten
christlichen Abendland, sind getauft, konfirmiert und kirchlich
getraut, gehen hier und da auch mal zum Gottesdienst. All das hat
durchaus ein kleines Glaubenspflänzchen in ihnen wachsen lassen.
Aber es führt ein kümmerliches Schattendasein. Denn da gibt es ja
so vieles, was wichtiger ist. Der Beruf, die Familie, die Altersvorsorge
– das sowieso. Aber dann will man ja auch noch etwas für die Gesundheit
tun und etwas von der Welt sehen und das Leben genießen, und man
tut das so, als hätte Gott mit alledem gar nichts zu tun. Also wird
das Glaubenspflänzchen zwar ab und zu gegossen – zu Weihnachten
oder auch öfter – und man käme nie auf die Idee, es einfach auszureißen
und wegzuwerfen. Aber es welkt vor sich hin und gedeiht nicht wirklich.
Dabei könnte es all die anderen Lebensinhalte befördern und befruchten,
wenn man es nur ließe. Es könnte Kraft für die täglichen Pflichten
geben, Entscheidungshilfe leisten, Lebensfreude vertiefen und manches
mehr. Aber dazu brauchte es Platz zum Wachsen, und den bekommt es
nicht – schade!

Und dann sind
da noch die Typen, die es eigentlich gar nicht gibt: die Gutes-Land-Typen.
Es gibt sie deshalb nicht, weil der gute Bogen anders als beim Acker
nicht einfach da ist. Gott muss diesen Boden überhaupt erst in uns
schaffen. Aber das will er tun, und zwar bei jedem von uns. Bei
uns allen kann das Wort Gottes auf gutes Land fallen, wachsen und
Frucht bringen, wenn wir es nur lassen. Dann kann unser Glaubenspflänzchen
in unseren Gefühlen tiefe Wurzeln schlagen, die niemand mehr herausreißen
kann. Es kann aber auch die nötige Festigkeit und Biegsamkeit entwickeln,
indem wir unseren Glauben immer neu durchdenken und ihn immer besser
verstehen lernen. Und es kann schließlich hundertfache Frucht bringen,
wenn wir erkennen, dass der Glaube nicht in eine Ecke unseres Lebens
gehört, sondern mitten hinein. Er kann und will in der lästigen
Pflicht genauso zu Hause sein wie im reinen Vergnügen. Er trägt
uns durch frohe und durch schwere Stunden. Und am Ende werden wir
staunen über die große Ernte, die wir mit unserem Glaubensleben
eingefahren haben. Auf das Erntedankfest, das Gott dann mit uns
feiern wird, dürfen wir uns jetzt schon freuen.

Amen.

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Predigt vom 14. Dezember

GOTTESDIENST FÜR DEN DRITTEN
ADVENT

Talkirche, 14.12. 2008
Pfr. Dr. Martin Klein
Text:
Mt 11,2-6

Als aber Johannes
im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger
und ließ ihn fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen
wir auf einen andern warten?“ Jesus antwortete und sprach zu ihnen:
„Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde
sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote
stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist,
wer sich nicht an mir ärgert.“

Wenn einer im
Gefängnis sitzt, dann hat er viel Zeit zum Nachdenken. Auch Johannes
dem Täufer geht es so. Sein Landesherr, der Vierfürst Herodes Antipas,
hat ihn in den Kerker werfen lassen, weil Johannes sich allzu deutlich
zu seinem Ehebruch mit der Frau seines Bruders geäußert hatte. Da
sitzt er nun, den drohenden Tod vor Äugen, und kommt ins Grübeln
über die spärlichen, aber aufregenden Nachrichten, die ihn erreichen.

Er kann sich noch
gut an diesen Jesus aus Nazareth erinnern, den er im Jordan getauft
hat – so wie viele andere auch. Jetzt zieht Jesus durch Galiläa,
spricht wie Johannes von der anbrechenden Herrschaft Gottes und
heilt dem Vernehmen nach Kranke und Besessene. Ein Teil seiner früheren
Anhänger folgt nun Jesus. Sie sind überzeugt: Jesus ist derjenige,
den Johannes angekündigt hat. Der, der nach ihm kommt, der stärker
ist als Johannes, so dass er nicht wert ist ihm die Schuhe zu tragen.
Der nicht mit Wasser sondern mit Feuer taufen wird. Der, durch den
Gottes Herrschaft auf Erden anbrechen wird.

Aber Johannes
selber ist da nicht so sicher. Seine Frage an Jesus macht das deutlich.
Sie zeigt, dass Johannes sich noch nicht einfach als Vorläufer Jesu
versteht, wie es sich den Evangelisten später im Rückblick darstellte.
Er hatte einen angekündigt, der nach ihm kommen sollte, das ist
wahr. Aber Jesus ist ganz anders, als Johannes sich das vorgestellt
hat. Keiner, der erst einmal tüchtig aufräumt unter den verdorbenen
Führern des jüdischen Volkes, dieser Schlangenbrut, mit Herodes,
dem hinterlistigen Fuchs, an der Spitze. Keiner, der die Axt schwingt
gegen die Bäume, die keine gute Frucht bringen. Keiner, der die
Spreu vom Weizen trennt und sie dann ins Feuer wirft. Nicht der
kommende Richter, der Gottes Zorngericht an allen Gottlosen vollzieht.
Nein, für Jesus bedeutet Gottes Herrschaft zuerst Heil und erst
dann Gericht. Er hält zwar Distanz zu den Mächtigen, aber er greift
sie nicht an. Er vernichtet die Sünder nicht, sondern spricht ihnen
Gottes Vergebung zu. Er kann also nicht der sein, der da kommen
soll. Und trotzdem: Das, was Jesus sagt und tut, könnte er nicht,
wenn Gott nicht mit ihm wäre. Also entweder Jesus ist der Kommende,
und Johannes hat sich falsche Vorstellungen von ihm gemacht. Oder
er ist es nicht, sondern nur ein weiterer Bote des Kommenden. Oder
er ist ein falscher Prophet.

Johannes muss
darüber Klarheit haben, bevor es mit ihm zu Ende geht. Deshalb schickt
er seine Leute zu Jesus und lässt ihm die Frage überbringen, die
ihm auf den Nägeln brennt: „Bist du es, der da kommen soll, oder
sollen wir auf einen andern warten?“

Die Juden haben
diese Frage für sich mit Nein beantwortet. Sie warten bis zum heutigen
Tag auf einen anderen, wenn sie denn überhaupt glauben, dass da
noch einer kommt. Und sie haben für ihr Nein gute biblische Gründe.
Keine der Verheißungen, die von einem kommenden Retter sprechen,
lässt sich eins zu eins auf Jesus übertragen: Er hat nicht Israels
Feinde besiegt, er hat kein Friedensreich aufgerichtet, er hat nicht
Gericht gehalten über die Welt. Wie kann er da der Messias oder
der Menschensohn sein?

Viele unserer
Zeitgenossen beantworten die Frage auch mit Nein. Nicht weil sie
auf einen anderen warten, sondern weil sie nicht glauben können,
dass da überhaupt einer kommt. „Retter der Welt“, ob sie nun James
Bond, Frodo Beutlin oder Jesus Christus heißen, gibt es für sie
nur in Büchern und Filmen – oder vielleicht noch in Wunschträumen
über künftige US-Präsidenten. Den wirklichen Jesus aber halten sie
bestenfalls für einen bewundernswerten Menschen, von dem man viel
lernen kann, irgendwo einzusortieren zwischen Buddha und Gandhi.
Auch ein Großteil unserer Kirchenmitglieder, vielleicht auch ein
Teil von Ihnen sieht das so.

Und doch: Dass
die eben erwähnten Bücher und Filme so erfolgreich sind, dass ein
Barack Obama solche Hoffnungen weckt, das zeigt ja, dass wir uns
im Grunde unseres Herzens nach so jemandem sehnen: Nach einem, der
das Böse besiegt und dem Guten zum Durchbruch verhilft. Nach einem,
der unsere aus den Fugen geratene Welt wieder ins Lot bringt. Nach
einem, der wieder gerade biegt, was wir verbrochen haben. Könnte
es sein, dass dieser jemand doch schon längst gekommen ist? Könnte
es sein, dass Jesus Christus doch mehr ist als nur die Hauptfigur
im immer noch meistgekauften Buch aller Zeiten?

Werfen wir dazu
noch einmal einen Blick auf seine Antwort an Johannes den Täufer.
Zunächst könnte man denken, dass diese Antwort gar keine ist, dass
Jesus der Frage ausweicht. Statt einfach Ja oder Nein zu sagen,
verweist Jesus auf das, was geschieht: „Blinde sehen und Lahme gehen,
Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen
wird das Evangelium gepredigt.“ Alles Dinge, die jeder hören und
sehen kann. Und alles Dinge, die Johannes längst weiß. Von Jesu
Taten hat er ja schon einiges gehört. Wie soll ihn diese Antwort
weiterbringen?

Ich denke, er
soll erkennen, dass hinter den Worten Jesu auch Verheißungen der
Propheten stecken. Andere als die, die für Johannes bisher im Vordergrund
standen, aber genauso wichtige. Zum Beispiel diese aus Jesaja 35:
„Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben
geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch,
und die Zunge der Stummen wird frohlocken.“ Oder die aus Jesaja
61: „Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich
gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu
bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den
Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig
sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen
Tag der Vergeltung unsres Gottes.“ Johannes soll sich hinein nehmen
lassen in das, was um Jesus herum und durch ihn geschieht. Er soll
erkennen, dass sich darin zu erfüllen beginnt, was die Propheten
angekündigt haben. Und dann soll er darauf vertrauen, dass Gott
diesen Anfang auch zum Ziel bringt: „Selig ist, wer sich nicht an
mir ärgert“, wer nicht an mir irre wird.

Ob Johannes mit
der Antwort Jesu etwas anfangen konnte, ist uns nicht überliefert.
Aber aufgeschrieben ist sie ja auch nicht als Antwort an Johannes,
sondern an uns. Auch wir können uns nur berichten lassen, was andere
von Jesus gehört und gesehen haben. Insofern sind wir in keiner
anderen Lage als Johannes. Natürlich sind wir zeitlich viel weiter
von Jesus entfernt als er, aber das würde nur etwas ausmachen, wenn
sich das, was Jesus beschreibt auf seine Erdenzeit beschränken würde.
Aber das alles geschieht ja bis heute. Immer noch werden im Namen
Jesu Menschen gesund an Leib und Seele. Immer noch gehen Menschen
plötzlich die Augen auf, und der Glaube an Jesus Christus wird ihre
Sache. Und vor allem: Immer noch wird den Armen das Evangelium gepredigt
und den Gefangenen gesagt, dass sie frei sein sollen. Den Armen
und Gefangenen im wörtlichen Sinne, aber auch denen, die arm sind
an Gefühlen, an Freude, an Geduld, an Gelassenheit, an Selbstvertrauen;
denen die gefangen sind in Angst, Trauer, Verzweiflung und Selbstsucht.
Ihnen allen sagen auch heute noch Menschen im Namen Jesu: ihr seid
reich, ihr seid frei, weil Gott euch liebt. Auch ich sage Ihnen
das heute Morgen, und ich muss es auch mir selber immer wieder sagen.
Mehr Antwort bekommen wir nicht. Aber diese Antwort kann ausreichen,
wenn wir uns auf sie einlassen. Glücklich sind wir, wenn wir das
tun und nicht daran irre werden.

Amen.

 

Predigt vom 23. November

PREDIGT FÜR DEN LETZTEN SONNTAG
DES KIRCHENJAHRS

Wenschtkirche, 23.11. 2008

Pfr. Dr. Martin Klein
Text:2.Kor 5,1-10

In der Konfi-Projektgruppe,
die diesen Gottesdienst mit vorbereitet hat, haben wir uns beim
letzten Mal mit dem Lied „Tears in Heaven“ beschäftigt – Sie haben
es vorhin gehört. Der Gitarrist Eric Clapton hat es geschrieben,
nachdem sein vierjähriger Sohn tödlich verunglückt war. Es nimmt
Fragen auf, die auch Konfirmanden haben, und viele von Ihnen, die
im letzten Jahr einen lieben Menschen verloren haben, sicher ebenfalls:
„Würdest du meinen Namen wissen, wenn ich dich im Himmel sähe?“
heißt es da. „Würde es wieder wie früher sein? Würdest du meine
Hand halten, mir helfen, dass ich aufrecht stehen kann?“ Fragen,
die ohne Antwort bleiben, auch in Claptons Lied. Trotzdem endet
es tröstlich: „Hinter der Tür ist Friede und Sicherheit, und ich
weiß: im Himmel wird es keine Tränen mehr geben.“

Aber ist das so?
Viele Bibeltexte und Kirchenlieder scheinen das anders zu sehen.
Danach ist noch gar nicht ausgemacht, ob wir nicht am Ende zu den
„törichten Jungfrauen“ gehören, die nicht bereit waren und deshalb
draußen vor der Tür bleiben. Denn da droht nach dem Ende unseres
Lebens oder unserer Welt Gottes strenges Gericht: Unser ganzes irdisches
Leben kommt dabei auf den Prüfstand, und es ist noch nicht entschieden,
ob wir am Ende mit Christus in den Himmel kommen, wo dann in der
Tat „Friede und Sicherheit“ sind, oder ob wir mit dem Satan in die
Hölle gehen müssen, wo „Heulen und Zähneklappern“ herrschen. Vielleicht
haben auch beide Unrecht, und mit dem Tod ist tatsächlich alles
aus, wie viele meinen. Vielleicht ist „hinter der Tür“ einfach gar
nichts, und die Erde ist der einzige Himmel, den wir haben.

Auch der Text,
über den ich heute predigen möchte, geht diesen Fragen nach: Was
wird sein, wenn unsere Lebenszeit abgelaufen ist, und wie wird es
sein? Er steht in einem Brief, den der Apostel Paulus an die Gemeinde
in Korinth geschrieben hat. Wir ahnen sicher schon, dass auch dieser
Text nicht alle unsere Fragen endgültig beantworten wird. Trotzdem
glaube ich, dass es sich lohnt, Paulus zuzuhören. Denn erstens hält
er keine Sonntagsreden, sondern er ist gerade erst selbst mit knapper
Not dem Tod entronnen. In Ephesus war das, und es war nicht das
erste Mal. Und zweitens lebt und schreibt Paulus aus einer Erfahrung,
die für ihn alle bisherigen Maßstäbe gesprengt hat: er ist dem auferstandenen
Christus begegnet. Ich lese 2. Kor 5,1-10:

Wir wissen:
wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben
wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht,
das ewig ist im Himmel. Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns
danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet
werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.
Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert,
weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen,
damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Der uns aber
dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist
gegeben hat. So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange
wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln
im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben
vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem
Herrn. Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind
oder in der Fremde, dass wir ihm wohl gefallen. Denn wir müssen
alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen
Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut
oder böse.

Der Tod ist die
Grenze auch für unsere sprachlichen Möglichkeiten. Deshalb fällt
es uns schwer, in Worte zu fassen, was wir nach dem Tod erwarten,
erhoffen oder befürchten. Paulus geht es nicht anders. Deshalb benutzt
er verschiedene Bilder. Er redet von der Hütte und vom Haus, vom
Nackt- und Bekleidetsein, von der Fremde und der Heimat. Zum Teil
überschneiden sich die Bilder, und das macht es schwierig, genau
zu verstehen, was er meint. Trotzdem sind mir die Bilder nah, denn
sie sind zeitlos. Eines davon möchte ich mit Ihnen näher betrachten.
Es ist das Bild vom Haus als Symbol für unser Leben.

Als ich vor inzwischen
zwölf Jahren zum ersten Mal über diesen Text gepredigt habe, da
wohnten meine Frau und ich in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Bochum-Linden.
Wir hatten es dort bequem und ruhig und recht billig, mit netten
Nachbarn im Haus und viel Grün drum herum. Als ich aus meiner 12-Quadratmeter-Studentenbude
dort eingezogen war, kam es mir riesig vor. Aber spätestens, als
unsere Paula kam, wurde es eng. Das kombinierte Schlaf-, Arbeits-
und Kinderzimmer quoll über und war konzentrierter Arbeit nicht
besonders zuträglich, zum Duschen mussten wir immer erst die Wickelauflage
von der Badewanne hieven, und überall lag irgend etwas herum, was
sich nirgendwo sinnvoll verstauen ließ. Deshalb sehnten wir damals
den Tag herbei, an dem wir endlich eine schöne große Wohnung oder
gar ein Pfarrhaus bewohnen würden, wo jeder sein Zimmer hat und
vielleicht noch eins für Gäste übrig bleibt.

So ist es auch
mit dem Leben im Allgemeinen. Vom Mutterleib an zieht es allmählich
immer weitere Kreise und erschließt sich neue Lebensräume: Wir werden
geboren, lernen laufen, gehen zur Schule, machen eine Ausbildung,
finden einen Lebenspartner, bekommen vielleicht Kinder und später
Enkel, machen eventuell sogar Karriere. Immer wieder öffnen sich
uns neue Horizonte. Und immer wieder müssen wir dabei Lebensräume
hinter uns lassen, die uns zu eng geworden sind, die nicht mehr
zu uns passen. Das ist gut so. Aber geht es immer so weiter?

Jetzt, zwölf Jahre
später ist unser Wunschtraum längst in Erfüllung gegangen. Wir wohnen
in einem schönen Pfarrhaus mit viel Platz darin und drum herum und
kriegen ihn mit drei Kindern auch gut ausgenutzt. Aber eines Tages
wird es uns so gehen wie jetzt meinen Eltern. Die wohnen auch in
einem großen Haus. Früher, als meine Geschwister und ich und auch
meine Großeltern noch da waren, war es gerade groß genug und voller
Leben. Heute bewohnen es meine Eltern allein. Sie haben sich auf
zwei von vier Etagen zurückgezogen, und mit Hilfe einer tüchtigen
Putzfrau kommen sie noch ganz gut zurecht. Aber was passiert, wenn
es so eines Tages nicht mehr geht? Wer kümmert sich dann um sie?
Die Kinder? Ein Pflegedienst? Oder müssen sie gar in ein Altersheim?

Auch das gilt
genauso für das Leben im Großen und Ganzen. Es besteht aus einer
langen Reihe von Abschieden, und Abschied nehmen fällt immer schwer.
Anfangs heißt „Abschiednehmen“ noch „zu neuen Zielen aufbrechen“.
So nehmen Jugendliche von der Kindheit Abschied, Erwachsene vom
Elternhaus, Eltern und Berufsanfänger von der bisherigen Umgebundenheit.
Aber später sind es die anderen, die beim Abschied weiterziehen,
während man selbst zurückbleibt: Eltern müssen ihre erwachsenen
Kinder loslassen, Rentner ihren Berufe, Gebrechliche ihre Kraft
und Gesundheit, Pflegebedürftige die eigene Wohnung. Kleiner und
kleiner wird der Lebensraum, bis schließlich nur noch ein Bett bleibt,
und endlich gar nichts mehr.

Eine Hütte, ein
Zelt ist unsere irdische Behausung, sagt Paulus. Wie Nomaden in
der Wüste ziehen wir mit ihr von einem Ort zum anderen. Nirgendwo
können wir auf Dauer bleiben. Mag unser Zelt auch prächtig und stabil
sein – allmählich wird es doch zerschlissen von Sonne und Regen
und vom vielen Auf- und Abbauen, bis es irgendwann zusammenbricht
und sich nicht wieder aufbauen lässt.

Und dann? „Wir
wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir
eine Wohnung von Gott, ein ewiges Haus im Himmel, das nicht von
Menschenhand errichtet ist“ (V.1). „Wir wissen“, sagt Paulus. Woher
ist er sich so sicher? Eigentlich kann das doch gar kein Mensch
wissen. Paulus würde wahrscheinlich antworten: „Ich habe gesehen,
dass Jesus lebt, weil Gott ihn von den Toten auferweckt hat. Und
deshalb bin ich überzeugt, dass auch über uns der Tod nicht das
letzte Wort hat.“ Aber ich denke, dass es auch im Leben des Paulus
Momente gab, in denen er sich fragte, ob er sich damals vor Damaskus
nicht doch etwas eingebildet hat. Vielleicht würde er deshalb auch
sagen: „Dass ich meiner Sache so gewiss bin, liegt nicht an mir
selbst, sondern an Gottes gutem Geist, der mir diese Hoffnung schenkt.“
Deshalb nennt Paulus den Geist Gottes das „Unterpfand“, die „Anzahlung“
auf das, was noch kommt.

Den auferstandenen
Christus haben wir nicht gesehen, aber die Hoffnung, die Gottes
Geist bewirkt, die gilt auch für uns. Vielleicht ist er ja schon
dort am Werk, wo wir eine vage Ahnung davon bekommen, dass unser
Leben hier auf Erden nur ein Fragment ist, auch wenn es neunzig
Jahre und mehr dauert – ein Bruchstück eines größeren Ganzen, das
wir erst erkennen können, wenn wir die Grenze des Todes überschritten
haben. Ich glaube, dass aus dieser Ahnung Gewissheit werden kann,
wenn wir Gottes Wirken in Jesus Christus für uns wahr sein lassen.
Ich vertraue darauf, dass uns der Glaube eine Hoffnung geben kann,
die mit dem Tod nicht untergeht. Diese Hoffnung ist nicht unerschütterlich;
manchmal ist sie nur ein schwacher Schlimmer, aber sie trägt, weil
sie von Gott getragen ist.

Ein ewiges Haus
erwartet uns, eines, das nicht mit Händen gemacht ist, sagt Paulus.
Was für ein Haus wird das sein? Wie wird es aussehen? Paulus zeichnet
uns keinen genauen Grundriss, aber ein paar Konturen können wir
doch erkennen.

Eines ist besonders
wichtig: Es wird nicht irgendein Haus sein, sondern mein Haus, so
wie meine irdische Hütte auch nicht irgendeine sondern meine war.
Gott liebt mich so, wie ich bin, so unverwechselbar, wie er mich
erschaffen hat. Und wenn es so ist, dass Gottes Liebe über den Tod
hinausreicht, dann glaube ich, dass ich auch dann ich selbst sein
werde, die Person, zu der Gott Ja gesagt hat, ein für alle Mal.
Ich glaube nicht, dass alles wie früher sein wird. Aber dass ich
meinen Namen noch kenne, bei dem Gott mich gerufen hat, darauf vertraue
ich.

Wenn es aber so
ist, dass ich auch nach dem Tod ich selbst bleibe, weil Gott mich
auch weiter bei meinem Namen ruft, dann bleibe ich auch für mein
irdisches Leben verantwortlich und bin Gott dafür Rechenschaft schuldig.
Deshalb sagt Paulus: „Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi
offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder
Böse, das er im irdischen Leben getan hat.“ (V.10) Das ist natürlich
keine angenehme Vorstellung, einem Richter gegenüberzustehen, der
nicht nur meine bekannten Wohl- und Missetaten vor Augen hat, sondern
der mich bis ins Innerste durchschaut. Ein Richter, der alles ans
Licht bringt, was ich bisher vor anderen verborgen habe, vielleicht
sogar vor mir selbst. Das kann und sollte uns durchaus einen gewaltigen
Schrecken einjagen. Aber stellen Sie sich vor, es wäre anders: Stellen
Sie sich vor, der Tod würde all das Unrecht endgültig unter den
Teppich kehren, das auf Erden ungesühnt bleibt! Wäre diese Vorstellung
nicht noch viel schrecklicher? Gott will nicht Rache nehmen, aber
er will Gerechtigkeit, und das ist gut so.

Und dann ist noch
eins wichtig: Paulus sagt, dass der Richter kein anderer ist als
Jesus Christus. Derjenige, der meine Schuld beurteilt, ist also
kein anderer als der, durch den Gott mich annimmt, wie ich bin.
Dann kann der Schrecken des Gerichts aber eigentlich nur ein Erschrecken
über mich selber sein: So verstrickt in Schuld bin ich, und so barmherzig
ist Gott trotzdem zu mir. Natürlich habe ich mehr davon, wenn mich
dieser heilsame Schrecken schon auf Erden packt – und meine Mitmenschen
auch. Aber sollte es im Gericht dafür wirklich zu spät sein? Sollte
dann nicht mehr gelten, dass Gott die ganze Welt mit sich versöhnt
hat?

Im Himmel werden
Friede und Sicherheit sein, und es wird dort keine Tränen mehr geben,
singt Eric Clapton. Wenn es stimmt, was Paulus schreibt, dann ist
das mehr als eine vage Hoffnung. Dann ist es eine Gewissheit, aus
der wir jetzt schon leben können – in der Verantwortung vor Gott
dem Richter und im Vertrauen auf seine grenzenlose Liebe.

Amen.

Predigt vom 27. Oktober

GOTTESDIENST
FÜR DEN EINUNDZWANZIGSTEN
SONNTAG NACH TRINITATIS

Wenschtkirche, 12.10. 2008
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: 1.Kor 12,12-27

Denn wie der
Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes
aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.
Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir
seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit
einem Geist getränkt.
Denn auch der Leib ist nicht ein Glied,
sondern viele. Wenn aber der Fuß spräche: „Ich bin keine Hand, darum
bin ich nicht Glied des Leibes“, sollte er deshalb nicht Glied des
Leibes sein? Und wenn das Ohr spräche: „Ich bin kein Auge, darum
bin ich nicht Glied des Leibes“, sollte es deshalb nicht Glied des
Leibes sein ? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör?
Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott
die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt
hat.
Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib?
Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer. Das Auge
kann nicht sagen zu der Hand: „Ich brauche dich nicht“; oder auch
das Haupt zu den Füßen: „Ich brauche euch nicht“. Vielmehr sind
die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen,
die nötigsten; und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen,
die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen
achten wir besonders auf Anstand; denn die anständigen brauchen’s
nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren
Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei, sondern
die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. Und wenn ein Glied
leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird,
so freuen sich alle Glieder mit.
Ihr aber seid der Leib Christi
und jeder von euch ein Glied.

 

Viele Glieder,
aber ein Körper, und das Ganze funktioniert nur, wenn alle Glieder
gut zusammenspielen. Das ist ein anschauliches, einleuchtendes Bild.
Schon lange vor Paulus wurde in verschiedensten Zusammenhängen davon
Gebrauch gemacht. Er musste es also nicht neu erfinden. Und außerdem
lag es ihm nahe, weil für ihn die Gemeinde ohnehin der Leib Christi
war. Wir alle, schreibt er, gehören dazu, weil wir getauft sind
und den Geist Gottes empfangen haben, und wir bestätigen und erneuern
diese Zugehörigkeit jedes Mal, wenn wir gemeinsam Abendmahl feiern.
Unterschiede zwischen Juden und Heiden, Freien und Sklaven, Männern
und Frauen, Armen und Reichen, Gebildeten und Ungebildeten werden
dabei nicht gemacht. Alle gemeinsam bilden den Leib Christi, alle
zusammen sind der Ort, an dem Christus auf Erden gegenwärtig ist.

Ein Leib – viele
Glieder: zahllose Ausleger zu allen Zeiten der Kirchengeschichte
haben dieses Bild begeistert aufgegriffen. Früher wollte man damit
oft die bestehenden Verhältnisse zementieren, so nach dem Motto:
Jedes Glied hat seinen Platz, und wenn deiner nun mal eher unten
in der Hierarchie ist, sei zufrieden: auch du wirst gebraucht, und
vor Gott bist du nicht weniger wert als die oberen Ränge, die dir
nicht zustehen. Heute sieht man das Ganze eher demokratisch: Alle
sind verschieden, aber alle werden auch gebraucht. Jede und jeder
hat etwas einzubringen, und nur in gleichberechtigtem, eben „organischem“
Zusammenwirken kann es funktionieren.

Ein wunderbares
Bild also – gerade für Zeiten wie unsere, wo alle von „Beteiligungskirche“
reden und wo das Ehrenamt in der Gemeinde immer wichtiger wird.
Wer wollte also Paulus widersprechen? Genauso, wie er’s beschreibt,
so und nicht anders soll die Kirche sein – da sind wir uns einig,
und das quer durch Frömmigkeitsstile und Konfessionen.

Jedenfalls in
der Theorie. Wenn das schöne Bild jedoch Realität werden soll, ganz
konkret, ganz praktisch, dann wird’s schwierig. So war es schon
damals in Korinth. Da meinten nämlich bestimmte Gemeindeglieder,
dass sie gleicher seien als andere: „Uns hat der heilige Geist schon
vollkommen gemacht“, sagten sie. „Wir sind längst erhaben über die
Niederungen des irdischen Daseins. Wir beherrschen die Sprache der
Engel – was sollen wir uns da noch mit dem geistlichen Fußvolk und
ihren Skrupeln abgeben!“ Und die anderen fühlten sich entsprechend
minderwertig: „Über mich ist noch nie der Geist gekommen. Ich kann
nicht in Zungen reden. Ich kann keine Weissagungen von mir geben
und keine Kranken heilen. Also gehöre ich nicht richtig dazu und
bin nichts wert.“

Wer als Otto-Normal-Christ
aus der Landeskirche in die Calvary Chapel gerät, dem kommen vielleicht
heute noch solche Gedanken. Aber es gibt diesen Dünkel der besseren
Christen auch in ganz anderen Formen, und da müssen wir ganz schnell
wieder vor der eigenen Tür kehren. Da schauen dann zum Beispiel
die Aktiven aus der „Kerngemeinde“ auf die so genannten „U-Boot-Christen“
herab, die nur zu Weihnachten oder zur Konfirmation mal auftauchen
– obwohl die immerhin bewusst in der Kirche bleiben und einen Großteil
der Kirchensteuer zahlen, ohne die auch die „Kerngemeinde“ nicht
existieren könnte. Andersherum gibt es das allerdings auch. Da verweist
dann der Nicht-Kirchgänger auf seine Frömmigkeit und seinen achtbaren
Lebenswandel und hält sich deshalb für einen besseren Christen als
so manchen, „der jeden Sonntag in die Kirche rennt“.

Ich glaube allerdings,
dass die Einbildung der geistlichen Höhenflieger heute nicht unser
Hauptproblem ist. Das liegt eher beim mangelnden Zutrauen der Normalchristen.
Heute halten sich viel zu viele Gemeindeglieder für völlig unwichtig
und für absolut ungeeignet, die zentralen „Körperfunktionen“ der
Gemeinde wahrzunehmen. „Ich soll in der Gemeinde mitarbeiten, vielleicht
gar Presbyter werden?“ sagt da mancher, den man fragt. „Da hab ich
doch keine Ahnung von, und zum Gottesdienst gehe ich auch viel zu
selten, und überhaupt sollen da mal lieber die ran, die nicht so
sind wie ich“ – also jünger oder älter, erfahrener oder unverbrauchter,
konsensfähiger oder aufmüpfiger, je nachdem. – „Ich soll mich an
einem Bibelgespräch beteiligen?“ höre ich öfter. „Da kann ich doch
gar nicht mitreden!“ – Oder: „Ich soll ein Gebet sprechen? Machen
Sie das mal lieber, Herr Pastor, sie können das doch viel besser!“

Wie kommt es,
dass viele Gemeindeglieder sich so verstecken und ihr Licht unter
den Scheffel stellen? Sind sie wirklich alle so unbegabt? Das kann
ich nicht glauben! Oder wollen sie nur nicht so direkt sagen, dass
sie keine Zeit oder keine Lust zum Mitmachen haben? Das trifft es
wohl auch nicht, jedenfalls nicht immer. Ich denke, es sind zwei
andere Gründe, die hier die Hauptrolle spielen.

Zum einen haben
viele entweder noch nicht entdeckt, was gerade sie besonders gut
können, oder sie können sich nicht vorstellen, dass gerade ihre
Fähigkeiten in der Gemeinde gebraucht werden. Ihnen sei gesagt:
Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch von Gott mindestens eine besondere
Gabe mitbekommen hat. Und ich bin überzeugt, dass es keine Gabe
gibt, die Gott in seiner Kirche nicht gebrauchen kann. Also kann
ich uns allen nur immer wieder Mut machen, uns auf die Suche nach
unseren Gaben zu machen – am besten zusammen mit anderen, denn die
sehen manchmal mehr als wir selber. Und wenn wir sie dann gefunden
haben, die Gaben, dann wird uns schon etwas einfallen, wie wir sie
zur Ehre Gottes einsetzen können.

Und zum anderen
halten sich wohl viele so zurück, weil sie nicht erkennen, dass
es ihnen persönlich einen Gewinn bringen könnte, sich in der Gemeinde
zu engagieren. Dass es froh und zufrieden machen kann, sich zusammen
mit anderen für eine gute Sache einzusetzen. Dass es das Selbstbewusstsein
stärkt, wenn man merkt: „Ich kann ja was, und andere profitieren
davon.“ Dass es den Horizont erweitert, wenn man seinen Glauben
mit anderen teilt. Dass es gut tut, Teil einer Gemeinschaft zu sein,
die Halt gibt und Mut macht. Dass gemeinsame Ziele das Leben sinnvoller
machen. Und manches mehr.

Nun funktioniert
das alles natürlich nicht von selbst, und es kommt auch keine heile
Welt dabei heraus. Wo fehlbare Menschen wie wir an einer gemeinsamen
Sache arbeiten, da gibt es zwangsläufig auch Ärger, Streit und Missverständnisse,
die einem manchmal das Leben ganz schön schwer machen. Schon der
Apostel Paulus konnte ein Lied davon singen, und die Gemeinde Klafeld
kann es auch. Wahrscheinlich müsste der Organismus Gemeinde zwangsläufig
zugrunde gehen, wenn wir nicht, wie Paulus es tut, Christus mit
ins Bild nehmen. Wir sind die Glieder, sagt Paulus, aber der Körper
ist Christus. „Kirche – das sind wir“, sagen oder hören wir gern,
und es ist ja auch nicht falsch. Aber was uns und damit die Kirche
zusammenhält, das ist Jesus Christus selber, der auferstanden ist
und lebt und uns seinen heiligen Geist schenkt.

Das klingt jetzt
vielleicht wieder zu abstrakt und theoretisch. Aber man kann es
auch ganz konkret und praktisch sehen. Zum Beispiel, indem wir uns
als Kirche und Gemeinde bei allem, was wir tun, danach fragen, was
denn wohl Jesus dazu sagen würde. Ob wir so an Gott glauben und
von ihm reden, wie er von ihm geredet hat. Ob das, was wir tun und
lassen, der Liebe entspricht, die er uns vorgelebt hat und uns ins
Herz geben will. Und ob wir so in die Zukunft schauen, wie es der
Hoffnung auf Gottes Herrschaft entspricht, die er in uns geweckt
hat. Wenn wir das wirklich täten, würden wir manches besser und
vieles anders machen. Aber wir könnten es auch, weil er uns die
Kraft dazu gibt.

Genau das wünsche
ich auch unserer Kirchengemeinde: den Presbytern und Pfarrern, die
die Leitungsverantwortung tragen, den bezahlten Mitarbeitern und
den vielen Ehrenamtlichen, die Chöre, Gruppen und Kreise leiten,
Kinder-, Konfirmanden- und Jugendarbeit betreiben, sich um die Gebäude
oder die Finanzen der Gemeinde kümmern. Ich wünsche uns, dass wir
über den vielen Einzelheiten das Ganze nicht aus dem Blick verlieren.
Und dieses Ganze heißt nicht nur Evangelisch-Reformierte Kirchengemeinde
Klafeld und auch nicht nur Evangelische Kirche von Westfalen. Das
Ganze heißt Jesus Christus. Er ist der Leib, dessen Teile wir alle
sind. Er ist unser Anfang, unsere Mitte und unser Ziel. Gerade,
wenn wir auf ihn schauen, wird unser Blick frei für das, was hier
und jetzt zu tun ist. Lasst es uns anpacken in seinem Namen!

Amen.