PREDIGT FÜR DEN PFINGSTSONNTAG

GOTTESDIENST FÜR DEN PFINGSTSONNTAG

Talkirche, 31.5. 2009
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Barmer Theologische Erklärung

Zu Pfingsten hat die Kirche Geburtstag. Von
jenem ersten Pfingstfest in Jerusalem an gerechnet wird sie heute
wahrscheinlich 1979 Jahre alt – kein rundes Jubiläum, aber doch
wie jedes Jahr ein Grund zum Feiern. Und zum Staunen. Denn auf ein
so langes Erdenleben war sie ja nicht angelegt. Die ersten Christen
rechneten allenfalls mit ein paar Jahren bis zu Jesu Wiederkunft.
Um trotzdem so alt zu werden, musste die Kirche sich vielfältig
wandeln und den jeweiligen Zeiten und Orten anpassen, sie musste
sich aber auch immer wieder auf ihr Wesen, auf den Kern ihres Glaubens
besinnen, um sich nicht in der Welt und an die Welt zu verlieren.

Ein solches Ereignis jährt sich genau heute
zum 75. Mal: Am 31. Mai 1934 wurde auf der ersten Bekenntnissynode
der Deutschen Evangelischen Kirche in Barmen-Gemarke die Barmer
Theologische Erklärung verabschiedet. Gegen die Irrlehre der Deutschen
Christen bekannten sich erstmals reformierte, lutherische und unierte
Christen gemeinsam zu Kernaussagen ihres Glaubens. Der Stellenwert
dieses „Bekenntnisses“ war bald schon wieder umstritten, besonders
bei den Lutheranern. Und doch war den evangelischen Kirchen in Deutschland
damit ein neuer Weg gewiesen, der sie zu ihrer ureigenen Sache rief
und schließlich, Jahrzehnte später, die Trennungen der Reformationszeit
überwand.

Wir sollten uns noch mal vor Augen führen,
wie es dazu kam:

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler
und machte sich sofort daran, alle Bereiche des gesellschaftlichen
Lebens mit seiner Ideologie der „Volksgemeinschaft“ zu durchdringen.
Alle noch unabhängigen Organisationen sollten mit Staat und Partei
„gleichgeschaltet“ und straff nach dem „Führerprinzip“ organisiert
werden. In den evangelischen Kirchen schien Hitler damit leichtes
Spiel zu haben, denn die meisten ihrer Pfarrer und führenden Persönlichkeiten
waren stramm national und hatten die so genannte „Machtergreifung“
ausdrücklich begrüßt. Sie hielten es von sich aus für das Gebot
der Stunde, die Zersplitterung des deutschen Protestantismus zu
überwinden und eine einheitliche „Reichskirche“ zu schaffen, mit
einem lutherischen „Reichsbischof“ an der Spitze.

Diese Chance zur Gleichschaltung der evangelischen
Kirchen ergriffen die Nazis mit Hilfe der so genannten „Deutschen
Christen“. Die hielten Christentum und Nationalsozialismus für bestens
miteinander vereinbar und betrachteten Adolf Hitler als Werkzeug
Gottes zur Rettung des deutschen Volkes. Bei den ersten deutschlandweiten
Kirchenwahlen im Juli 1933 wurden sie von der NS-Propaganda massiv
unterstützt und errangen so 75 % der Sitze in den Presbyterien und
Synoden. Mit dieser überwältigenden Mehrheit wählten sie Hitlers
„Bevollmächtigten in Kirchenfragen“, den Königsberger Wehrkreispfarrer
Ludwig Müller zum Reichsbischof. Der machte sich sogleich rücksichts-
und charakterlos an das Werk der „Gleichschaltung“: Handstreichartig
wurden Landeskirchen unter deutschchristlicher Führung in die Reichskirche
eingegliedert, die evangelische Jugendarbeit wurde der HJ zum Fraß
vorgeworfen, und Pfarrer jüdischer Herkunft wurden schikaniert und
aus dem Dienst entfernt. Selbst von den radikalsten Äußerungen seiner
Leute, die die Abschaffung des Alten Testaments und die Predigt
eines „arischen Christus“ forderten, distanzierte sich Müller höchstens
halbherzig.

Das ging nun aber vielen zu weit – selbst
solchen, die politisch gegen das Nazi-Regime nichts einzuwenden
hatten. In der Kirche der altpreußischen Union, deren offizielle
Organe fest in der Hand der „Deutschen Christen“ waren, bildeten
sich freie Synoden, die ungeschmälert an Schrift und Bekenntnis
als Grundlage der Kirche festhalten wollten. Gemeinsam mit den noch
nicht gleichgeschalteten süddeutschen Landeskirchen erhoben sie
den Anspruch, die wahre „Deutsche Evangelische Kirche“ zu sein.
Um diesem Anspruch eine solide theologische und juristische Grundlage
zu verleihen, berief man für den 29. Mai eine Reichs-Bekenntnissynode
nach Barmen ein. 139 Delegierte aus fast allen deutschen Landeskirchen
kamen dort zusammen, darunter immerhin 55 Nichttheologen, allerdings
nur eine einzige Frau. Der Text der „Theologischen Erklärung“ stammte
hauptsächlich von dem reformierten Theologen Karl Barth, war aber
sorgfältig mit den beiden Lutheranern Hans Asmussen und Thomas Breit
abgestimmt. Trotzdem wurde auf der Synode noch viel darüber diskutiert
und am Wortlaut gefeilt. Am Ende nahmen die Delegierten die Erklärung
aber einstimmig an.

Es ging ihnen dabei ausdrücklich um eine innerkirchliche
Auseinandersetzung und nicht um politischen Widerstand. Auch die
Gestapo sah es so und ließ die Synode deshalb gewähren. Mancher
hätte sich auch schon damals und im Rückblick erst recht deutlichere
Worte gegen die Judenverfolgung gewünscht (nur das Problem der „nichtarischen“
Pfarrer tauchte mal am Rande auf). Aber immerhin war es eine klare
und deutliche Absage an die Deutschen Christen und dadurch auch
eine Absage an den totalitären Staat. „Wir verwerfen die falsche
Lehre“, heißt es in der 5. These, „als solle und könne der Staat
über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung
menschlichen Lebens werden“. Christ und zugleich überzeugter Nazi
zu sein, das ging auf der Basis der Barmer Erklärung nicht mehr.

Nun kann man sich freilich fragen, was uns
das alles noch angeht. Die Hitlerei ist längst zu Ende und die „Deutschen
Christen“ sind zu Recht in der Versenkung verschwunden. Trotzdem
gehören die Barmer Thesen immer noch zu den Bekenntnisgrundlagen
der meisten evangelischen Landeskirchen, und das ist gut. Denn so,
wie sie formuliert sind, in enger Anlehnung an Worte der Bibel,
weisen sie über die konkrete Situation von damals hinaus und können
auch für uns wichtige Orientierung bieten. An ein paar Beispielen
möchte ich das noch kurz erläutern.

„Jesus Christus, wie er uns in der heiligen
Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören,
dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“
So lautet die grundlegende erste Barmer These unter Berufung auf
Johannes 14,6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand
kommt zum Vater denn durch mich.“ Und sie fügt hinzu: „Wir verwerfen
die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer
Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch
andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes
Offenbarung anerkennen.“

Hochaktuell ist die Frage, was das eigentlich
für unseren Dialog mit anderen Religionen bedeutet. Um es vorweg
zu sagen: Ich halte es für dringend notwendig, dass wir diesen Dialog
führen – friedlich, gleichberechtigt und offen für das, was wir
über andere und von anderen lernen können. Aber wir sollten dabei
nicht hinter dem Berg halten, wo das Herz unseres christlichen Glaubens
schlägt, was und wer für uns die Wahrheit und das Leben ist. Natürlich
werden Juden oder Muslime daran Kritik üben – sonst müssten sie
ja Christen werden – , aber wenn wir uns ihnen gegenüber nicht klar
und deutlich zu Jesus Christus als dem einen Wort Gottes bekennen,
wie sollen sie uns dann ernst nehmen und wissen, wofür wir stehen?

Ein anderes Beispiel: „Die christliche Kirche“,
so lautet die dritte These, „ist die Gemeinde von Brüdern („Geschwistern“,
würden wir heute sagen), in der Jesus Christus in Wort und Sakrament
durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat
mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie
mit ihrer Ordnung … zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist.
… Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt
ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel
der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen
überlassen.“

Niemand wird heute noch eine evangelische
Kirche nach dem „Führerprinzip“ organisieren wollen. Aber trotzdem
stehen wir immer wieder in der Gefahr, die Form der Verkündigung
oder der Kirchenordnung als bloße Verpackung zu sehen und sie unbedacht
dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Wir leben in einer Zeit, in
der die Wirtschaft das Maß aller Dinge ist? Dann muss auch die Kirche
mit Management-Methoden auf Vordermann gebracht werden. Wir leben
in einer Spaß- und Erlebnisgesellschaft? Dann muss auch Kirche „Event-Charakter“
haben, um für den besonderen Kick zu sorgen. Wir leben in einer
Zeit des Individualismus, in der sich verbindliche Gemeinschaften
immer mehr auflösen und wo auch der Glaube zu einer diffusen Privatsache
verkümmert? Dann darf auch die Kirche keinem mehr zu nahe treten
mit unbequemen Ansprüchen und Forderungen. Sonst treten die Leute
womöglich aus, und uns fehlt die Kirchensteuer – da liegen unsere
Gleichschaltungs-Gefahren!

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich
bin froh über die Vielfalt unserer Kirche und will aus ihr keine
„Christliche Versammlung“ machen, bei der alles streng nach dem
Wortlaut (nicht unbedingt nach dem Geist) der Bibel reguliert ist.
Aber wenn wir immer nur kopf- und geistlos dem Zeitgeist hinterher
hecheln, sind wir nur noch peinlich. Eine Kirche, die den Leuten
nach dem Mund redet und ihnen keinerlei (Denk)Anstoß mehr bietet,
ist wird nicht mehr gebraucht. Abgesehen davon ist es ja noch nicht
mal das, was die Leute von uns wollen. Sie wollen wissen, wofür
wir stehen, sie suchen Orientierung, sie wollen, dass wir klare
Positionen beziehen, und sei es, um sich darüber ärgern zu können.
Mit dem ganzen Reichtum der biblischen Überlieferung hätten wir
ihnen dabei eine Menge zu bieten. Wir sollten es ihnen nicht vorenthalten.

Und noch ein letztes Beispiel: „Die Schrift
sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat,
in der noch nicht erlösten Welt … nach dem Maß menschlicher Einsicht
und menschlichen Vermögens … für Recht und Frieden zu sorgen. Die
Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser
seiner Anordnungen an. Sie erinnert an Gottes Reich, Gottes Gebot
und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden
und Regierten.“ Das sagt die fünfte Barmer These angesichts einer
Diktatur, deren totalitärer, menschenverachtender Charakter schon
erkennbar war. Ob man damals mehr und anderes hätte sagen müssen,
darüber kann man streiten. Nicht bestreiten kann man, dass wir heute
viel mehr Grund haben, so zu reden. Wir leben in einem freien und
friedlichen Land mit einer demokratischen Verfassung und einer verlässlichen
Rechtsordnung. Wo wir trotzdem etwas zu kritisieren haben, dürfen
wir das tun, ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen. Und wenn
wir etwas verändern wollen, haben wir viele Möglichkeiten, uns dafür
einzusetzen. Beste Bedingungen also, um als evangelische Kirche
die Regierenden an Gottes Gebot zu erinnern. Dann, so finde ich,
sollten wir das aber nicht nur den Hubers oder Käßmanns überlassen,
die das ja im Großen und Ganzen ordentlich machen, sondern auch
selber in Wort und Tat Stellung beziehen, wo es nötig ist. Kein
Christ muss zum Beispiel sonntags einkaufen. Keiner muss mit umweltbewusstem
Handeln warten, bis es entsprechende Gesetze und Vorschriften gibt.
Keiner muss Produkte kaufen, die von indischen Kindern oder südamerikanischen
Bauern für Hungerlöhne hergestellt wurden. Und wir müssen auch nicht
in das billige Genörgel über „die da oben“ einstimmen, wenn wir
selbst nicht bereit sind, es besser zu machen.

Wir merken schon: Das, was die Barmer Theologische
Erklärung von der Bibel her zu sagen hat, ist auch nach 75 Jahren
nicht überholt. Wir dürfen getrost annehmen, dass der Heilige Geist
am Werk war, als 139 sehr verschieden geprägte evangelische Christen
sich darüber einig wurden und sie einstimmig verabschiedeten – fast
so ein Sprachenwunder wie zu Pfingsten in Jerusalem. Möge der frische
Geisteswind von damals auch zu uns herüberwehen und uns dorthin
treiben, wo Menschen unser Bekenntnis brauchen – in Wort und Tat.

Amen.

Predigt für das Osterfest

GOTTESDIENST FÜR DAS OSTERFEST

Talkirche, 13.4. 2009
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Lk 24,13-35

Es ist Ostern
in Siegen, morgens um neun. Ein schöner, lauer Frühlingstag hat
begonnen, wie man ihn sich zu Ostern wünscht. Deshalb hat Herr Hinz,
Bankangestellter und Presbyter in einer evangelischen Kirchengemeinde,
beschlossen, heute mal zu Fuß zum Gottesdienst zu gehen. Als er
das Haus verlässt, hört er vom Dach eine Amsel singen, und aus dem
Vorgarten leuchten ihm die Osterglocken entgegen. Frohgelaunt macht
er sich auf den Weg zur Kirche.

An der nächsten
Ecke trifft er Frau Kunze. Er kennt sie gut aus dem Gottesdienst,
denn die alt gediente Frauenhilfsfrau ist sie fast jeden Sonntag
da. „Frohe Ostern, Frau Kunze!“ begrüßt er sie. „Na, ist das nicht
ein herrlicher Frühlingsmorgen?“ – „Ach, Herr Hinz, ich kann mich
da heute gar nicht so richtig drüber freuen.“ Erst jetzt sieht Herr
Hinz, dass Frau Kunze tatsächlich ziemlich bedrückt aussieht. „Gerade
wenn ich sehe, wie jetzt wieder alles zu blühen anfängt, muss ich
an meinen Mann denken. Sie wissen ja, dass unser Garten sein Ein
und Alles war. Er hatte sich so auf die Gartenarbeit gefreut, als
er letztes Jahr in den Ruhestand ging, aber dann bekam er diesen
Herzinfarkt, und nun ist er schon drei Monate tot. Jetzt sitze ich
ganz allein in dem großen Haus, und ich weiß gar nicht, ob ich es
mir auf Dauer noch leisten kann, wo ich doch jetzt weniger Rente
kriege. Mein Sohn kann mir auch nicht helfen: Seiner Firma sind
die Aufträge weg gebrochen, und er rechnet jeden Tag mit der Kündigung.
Und meine älteste Enkelin kommt im Sommer aus der Schule. Sie müsste
sich mal langsam um eine Lehrstelle kümmern, aber sie hängt nur
rum und weiß überhaupt nicht, was sie will. Und wenn ich sie drauf
anspreche sagt sie: Ach, Oma, was hab ich denn in dieser Welt noch
für eine Zukunft! Ist das nicht bitter? Ich hab immer geglaubt,
mit Ehrlichkeit, Fleiß und Gottvertrauen kommt man gut durchs Leben.
Aber jetzt kommt es mir manchmal so vor, als ob Gott uns im Stich
gelassen hätte, und ich frage mich, womit wir das verdient haben.“

Dass Frau Kunze
ihm auf einen harmlosen Gruß so rückhaltlos ihr Leid klagen würde,
darauf war Herr Hinz nicht gefasst. Als sie fertig ist, hat sich
seine gute Osterlaune verflüchtigt. Er muss an letzten Montag denken.
Da hatte er als zuständiger Sachbearbeiter einem ortsansässigen
Betrieb weitere Kredite verweigern müssen. Sicher, er kannte die
Argumente dafür: miserable Bilanzen, viel zu hohe Betriebskosten,
kaum Entwicklungspotential und dann noch die schlechte Lage auf
dem Finanzmarkt. Aber trotzdem hatte er sich dabei ziemlich mies
gefühlt. Die Firma würde pleite gehen und schon wieder zwanzig Leute
ihre Arbeit verlieren. Und dann fällt ihm noch die letzte Presbyteriumssitzung
ein: Wieder 3 % weniger Gemeindeglieder als im letzten Jahr, und
der Haushalt nur noch mit Rücklagen zu decken. Für dringende Investitionen,
auch um Energie zu sparen und das Klima zu schonen, fehlt das Geld.
Es sei denn eins der beiden Gemeindehäuser wird geschlossen und
verkauft – aber was das dann für einen Aufstand gibt! Herr Hinz
ertappt sich einmal mehr bei dem Gedanken, warum er sich eigentlich
immer noch für eine Kirche abrackert, die nur noch Löcher stopft,
sich ständig unglaubwürdig macht, und deshalb gerade bei jungen
Menschen auf kein Interesse mehr stößt. Weil ihm das so durch den
Kopf geht, versucht er gar nicht mehr, Frau Kunze aufzumuntern.
Er sagt nur: „Ich kann Sie gut verstehen, Frau Kunze, mir geht es
oft ganz genauso.“ Und so setzen sie ihren Weg zur Kirche fort,
nun beide in dunkles Grübeln versunken.

Plötzlich hören
sie, wie sie von der Seite jemand anspricht: „Guten Morgen und frohe
Ostern! Warum machen Sie denn so traurige Gesichter?“ Da sehen sie
erst, dass noch jemand neben ihnen hergeht. Sie waren so in ihre
trüben Gedanken vertieft, dass sie gar nicht mitbekommen haben,
wie er zu ihnen gestoßen ist. Sie haben ihn beide noch nie gesehen,
aber er hat ein freundliches Gesicht, das Vertrauen erweckt.

„Na, Sie scheinen
ja wenig davon mitzubekommen, was zur Zeit los ist, wenn Sie noch
so fröhlich sind“, sagt Herr Hinz. Seine eigene gute Laune von vorhin
hat er bereits gründlich vergessen. „Die Wirtschaftskrise. Die Klimakatastrophe.
Überall Krieg, Terror und Elend. Und keiner weiß ein Mittel dagegen,
auch die Kirche nicht – die wird immer kleiner und geht pleite.
Manchmal frage ich mich, warum ich eigentlich noch an einen Gott
glaube, der anscheinend auch nichts dagegen tun kann und von dem
deshalb niemand mehr etwas wissen will.“ Und Frau Kunze fügt hinzu:
„Ich mache mir große Sorgen um die Zukunft meiner Enkel. Und ich
vermisse meinen Mann so sehr. Manchmal habe ich das Gefühl, dass
mein Glaube mit ihm gestorben ist.“

„Ganz so ahnungslos,
wie Sie denken, bin ich nicht“, sagt der Fremde. „Aber haben Sie
denn ganz vergessen, dass heute Ostern ist?“

„Dass Ostern ist,
wissen wir selbst“, sagt Herr Hinz. „Wir sind ja schließlich auf
dem Weg zur Kirche. Aber das ändert auch nichts an der Lage.“

„Vielleicht doch“,
entgegnet der Fremde. „Erinnern Sie sich doch mal, wie es den Jüngern
Jesu ging, nachdem er gekreuzigt worden war: Die waren wahrhaftig
auch in keiner angenehmen Lage. Jesus hatte gesagt, dass mit ihm
Gottes neue Welt anbrechen würde, also Friede und Gerechtigkeit
für alle und Leben in Fülle. Zum Zeichnen dafür hatte er Kranke
geheilt und sich mit Armen und Rechtlosen an einen Tisch gesetzt.
Das hatte seine Anhänger überzeugt. Sie hatten ihm bedingungslos
vertraut und darauf gewartet, dass Wirklichkeit werden würde, was
Jesus sagte. Aber jetzt war plötzlich alles vorbei. Der Hohe Rat
hatte Jesus verhaftet, die Römer hatten ihn wie einen Verbrecher
hingerichtet – und nichts war geschehen. Keine Legion Engel war
ihm vom Himmel zu Hilfe geeilt, und die Erde hatte sich nicht aufgetan,
um seine Widersacher zu verschlingen. Selbst seine Freunde hatten
seine Sache verloren gegeben und sich in alle Winde verstreut. Aus
der Traum von Gottes neuer Welt!

Aber dann geschah
das Wunder von Ostern: Nichts hatte sich äußerlich seit Jesu Kreuzigung
verändert. Und trotzdem stellten sich dieselben Leute, die sich
eben noch enttäuscht verkrochen hatten, in aller Öffentlichkeit
hin und behaupteten: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Nichts
konnte sie von der Überzeugung abbringen, dass ihnen tatsächlich
der lebendige Jesus erschienen war. Vorher hatten sie es nicht zusammenbringen
können: die Hoffnungen, die Jesus geweckt hatte, und seinem schmachvollen
Tod. Aber jetzt ging ihnen der Zusammenhang auf: Wenn es wirklich
Jesus war, der erschienen war – und davon waren sie überzeugt –,
dann musste Gott Jesus von den Toten auferweckt haben. Und das hieß:
Gott steht zu dem, was Jesus gesagt und vorgelebt hat. An ihm, seinem
Reden und Wirken, lässt sich tatsächlich erkennen, wie Gott ist.
Wenn sich aber Gott so zu Jesus bekannt hatte, dann galt das auch
für seinen Tod. Den Jüngern wurde bewusst: Auch an seinem Ende,
als er machtlos war gegen Verrat, Spott, und Misshandlung, war er
so wie Gott. Als Jesus starb, verzichtete Gott auf seine Allmacht
und wurde genauso macht- und hilflos gegen Unrecht, Leiden und Tod
wie wir Menschen. Und als Jesus auferstand, da zeigte sich: Gerade
dadurch, dass Gott sich in Unrecht, Leiden und Tod hineinbegab,
hat er sie überwunden. Mit dieser Gewissheit konnten Christen zu
allen Zeiten die Welt so ertragen, wie sie ist. Und sie gab ihnen
zugleich die Kraft, sich gegen den Tod und für das Leben einzusetzen,
damit die Welt nicht so bleibt, wie sie ist.

Ich denke, dass
gilt auch für Sie beide: Äußerlich ändert die Osterbotschaft nichts
an Ihrer Lage, das ist wahr. Aber ich glaube, dass darin eine große
Kraft liegt, die vieles ändern kann, wenn man sich ernsthaft darauf
einlässt. Wäre das nicht auch für Sie eine Aussicht für die Zukunft?“

Nach dieser langen
Rede des Fremden herrscht eine Zeitlang nachdenkliches Schweigen.
Dann sagt Frau Kunze: „Ich weiß nicht, ob ich das alles verstanden
habe. Aber mir fallen manche Momente ein, wo ich mich besonders
traurig und einsam gefühlt habe. Oft hat mich dann ein Bibelwort,
ein Gesangbuchvers oder auch der Besuch einer guten Freundin getröstet.
Vielleicht war mir Gott in solchen Momentan tatsächlich besonders
nahe.“ Und Herr Hinz meint: „Doch, das kenne ich auch. Wenn ich
nach einer anstrengenden Arbeitswoche besonders niedergeschlagen
bin, dann wird mir der Gottesdienst als Ruhepol besonders wichtig,
und ich spüre, wie er mir Kraft gibt für das, was in der kommenden
Woche ansteht.“

Während sie so
noch eine Weile weiterreden, kommen sie schließlich bei der Kirche
an. „Es hat gut getan, sich mit Ihnen zu unterhalten“, sagt Herr
Hinz. „Kommen Sie doch mit zum Gottesdienst, dann können wir nachher
noch weiterreden!“

„Danke“, sagt
der Fremde, „ich muss weiter. Aber vielleicht begegnen wir uns trotzdem
im Gottesdienst wieder. Leben Sie wohl!“ Und bevor sich Frau Kunze
und Herr Hinz noch richtig von ihm verabschieden können, ist der
Fremde genauso plötzlich wieder verschwunden, wie er gekommen ist.

„Seltsam“, sagt
Frau Kunze. „Wo ist er so plötzlich hin? Und wie hat er das wohl
gemeint, dass wir uns im Gottesdienst wieder treffen?“

„Keine Ahnung“,
sagt Herr Hinz. „Aber kommen Sie, wir sind spät dran – ich höre
schon die Orgel!“

Von der Predigt
bekommt Herr Hinz diesmal wenig mit. Er muss immer noch an die seltsame
Begegnung von vorhin denken. Beim Abendmahl fällt sein Blick auf
die bunten Fenster im Chorraum, die heute besonders schön in der
Sonne leuchten. Eines der Bilder zeigt den auferstandenen Christus.
Für einen Moment hat er das Gefühl, dass die Christusfigur den Kopf
zu ihm hinwendet und ihm zulächelt – mit dem freundlichen Lächeln
des Fremden von vorhin. Er stutzt. „Jetzt habe ich schon Halluzinationen“,
denkt er. Aber dann reicht ihm Frau Kunze, die neben ihm steht,
den Teller mit dem Brot. „Christi Leib, für dich gegeben“, sagt
sie und lächelt. Da versteht er endlich, was geschehen ist. „Amen“,
sagt er, bricht sich ein Stück Brot ab und lächelt zurück. Als zum
Ausgang das „Christ ist erstanden“ gesungen wird, singt er so fröhlich
mit wie schon lange nicht mehr.

Und siehe,
zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von
Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus.
Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschickten. Und es
geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da
nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden
gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen:
„Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?“
Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas,
antwortete und sprach zu ihm: „Bist du der einzige unter den Fremden
in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen
ist?“ Und er sprach zu ihnen: „Was denn?“ Sie aber sprachen zu ihm:
„Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten
und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester
und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir
aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das
alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben
uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei
dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen,
sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.
Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die
Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.“ Und er sprach zu ihnen:
„O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten
geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine
Herrlichkeit eingehen?“ Und er fing an bei Mose und allen Propheten
und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.

Und sie kamen
nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte
er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns;
denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er
ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen
zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.
Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand
vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: „Brannte nicht unser
Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift
öffnete?“

Und sie standen
auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden
die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: „Der Herr
ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.“ Und sie erzählten
ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt
wurde, als er das Brot brach.

Predigt für den Karfreitag

GOTTESDIENST FÜR DEN KARFREITAG

Wenschtkirche, 10.4. 2009
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Joh 19,16-30

Sie nahmen
nun Jesus, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die
da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten
sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in
der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf
das Kreuz; und es war geschrieben: „Jesus von Nazareth, der König
der Juden.“ Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte,
wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben
in hebräischer, lateinischer und griechischer Spreche. Da sprachen
die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: „Schreib nicht: Der König
der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.“
Pilatus antwortete: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“

Als aber die
Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten
vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand.
Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen
sie untereinander: „Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum
losen, wem es gehören soll.“ So sollte die Schrift erfüllt werden,
die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben
über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Es standen
aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter, seiner Mutter Schwester, Maria,
die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine
Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er
zu seiner Mutter: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ Danach spricht
er zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“ Und von der Stunde
an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als
Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit
die Schrift erfüllt würde: „Mich dürstet.“ Da stand ein Gefäß voll
Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn
auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den
Essig genommen hatte, sprach er: „Es ist vollbracht!“ und neigte
das Haupt und verschied.

Ich muss gestehen:
Ich habe mich lange Zeit darüber geärgert, wie das Johannesevangelium
von der Kreuzigung Jesu berichtet. Die anderen Evangelien, vor allem
Markus, schienen mir mit ihrer Darstellung des Geschehens viel näher
an der Wirklichkeit zu sein: Jesus, der auf dem Weg nach Golgatha
unter seinem Kreuzbalken zusammenbricht, von Misshandlungen geschwächt.
Jesus, der zwischen Himmel und Erde hängt und von allen verlassen
ist: von den Gaffern und Spöttern sowieso, aber auch von seinen
Leidensgenossen links und rechts, von seinen Freunden, die sich
alle verkrochen haben, und sogar von seinem Vater im Himmel. Jesus,
dessen letzter Laut auf Erden kein wohlgesetztes Psalmwort ist,
sondern ein wortloser Schrei. – Ja, so kann ich ihn mir vorstellen,
den grausamen Tod des Jesus von Nazareth.

Bei Johannes dagegen
verliert Jesus fast alle menschlichen Züge. Hier trägt er sein Kreuz
selbst bis zur Hinrichtungsstätte. Hier muss Jesus keinen Spott
und keine groben Späße auf seine Kosten erdulden. Stattdessen bleibt
er bis zum Schluss Herr des Geschehens: Er trifft noch eine letztwillige
Verfügung für seine Mutter und den Jünger, den er lieb hat. Er sagt
nicht etwa „Mich dürstet“, weil er Durst hat, sondern nur, „damit
die Schrift erfüllt wird“. Seine letzten Worte sind nicht „Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ sondern: „Es ist
vollbracht“, Auftrag ausgeführt. Und er stirbt auch nicht einfach,
sondern „neigt sein Haupt und übergibt seinen Geist“, wie es wörtlich
heißt. Hier ist der Tod also ein bewusster Akt, mit dem Jesus sein
irdisches Leben zurück in Gottes Hände legt. Eine Liedstrophe, die
Johann Sebastian Bach in seine Johannes-Passion aufgenommen hat,
fasst das gut zusammen und macht es uns allen zum Vorbild: „Er nahm
alles wohl in Acht / in der letzten Stunde: / seine Mutter noch
bedacht, / setzt ihr ein’ Vormunde. / O Mensch, mache Richtigkeit,
/ Gott und Menschen liebe. / Stirb darauf ohn’ alles Leid / und
dich nicht betrübe.“ Als Ideal für die christliche Hospizbewegung
geht das vielleicht in Ordnung. Aber kann ein brutal gequälter Gekreuzigter
so in den Tod gehen? So souverän und unangefochten, scheinbar „ohn’
alles Leid“? Wohl kaum!

Inzwischen allerdings
denke ich anders über das Johannesevangeliums. Zwar glaube ich immer
noch, dass eine Video-Aufnahme der Kreuzigung Jesu uns ein völlig
anderes Geschehen zeigen würde, wenn es sie denn gäbe. Aber der
Wahrheit hinter dem, was da geschieht, würde uns eine solche Aufnahme
nicht näher bringen. Wir wissen ja heute, wo aus jedem Krieg und
von jeder Katastrophe live berichtet wird, wie wenig man den Kamera-Bildern
trauen darf. Wie hätten sie da die Wahrheit eines Geschehens erfassen
können, das nach christlicher Überzeugung Gott und die Welt umspannt.
Wenn also die Kreuzigung Jesu tatsächlich mehr war als nur die Hinrichtung
eines potentiellen Aufrührers – eine von vielen in der Amtszeit
des Pontius Pilatus – dann erfahren wir es eher in den Evangelien
als durch so genannte unabhängige Zeugen, selbst wenn wir sie hätten.

Und inzwischen
ist mir auch deutlicher geworden, dass Johannes sich höchstens graduell
von den anderen Evangelien unterscheidet. Auch sie berichten nicht
objektiv über den Tod Jesu, sondern deuten ihn im Sinne ihres Glaubens.
Johannes konnte dabei noch einen Schritt weiter gehen, weil seine
Leser die anderen Evangelien wohl schon kannten. Und erst recht
wussten sie, anders als wir, aus eigener Anschauung, wie es zuging
bei einer Kreuzigung. Die Römer sorgten schon dafür, dass jeder
mit ansehen konnte, was ihm blühte, wenn er sich gegen ihre Herrschaft
auflehnte. Die kurze Bemerkung „und sie kreuzigten ihn“ reichte
den Lesern des Evangeliums also völlig, um die ganze Grausamkeit
der Szenerie vor Augen zu haben: die gleichgültige Brutalität der
Henkersknechte, die Nägel, die sie durch Hand- und Fußwurzeln schlugen,
die entwürdigende Zurschaustellung, die nackten, verkrümmten Körper,
schutzlos der Hitze oder Kälte ausgeliefert, die entsetzlichen Qualen,
die sich über Tage hinziehen konnten, bevor die Gekreuzigten endlich
an völliger Entkräftung krepierten. Wenn Jesus gekreuzigt worden
war, dann war es auch ihm so und nicht anders ergangen – das wusste
in den ersten drei Jahrhunderten jeder Christ zwischen Atlantik
und Euphrat.

Trotzdem ist der
Evangelist überzeugt: hinter diesem brutalen Geschehen lief etwas
ganz Anderes ab, ja sogar etwas völlig Entgegengesetztes. Anscheinend
machten die Römer mit Jesus, was sie wollten, aber in Wahrheit war
er selber der Handelnde, der am Ende sagen konnte: „Es ist vollbracht!“
Anscheinend bekamen die Hohenpriester, die Jesus verklagten, ihren
Willen, aber in Wahrheit erfüllte sich hier der Wille Gottes, das,
wozu Jesus überhaupt in die Welt gekommen war. Hier starb kein Verbrecher,
der sich den Titel „Körnig der Juden“ nur angemaßt hatte, sondern
gerade indem er starb, erwies sich Jesus tatsächlich als der König
der Juden, der Messias Israels. Seine Dornenkrone wurde zum Siegeskranz,
seine tiefste Niedrigkeit zur Verherrlichung, sein Tod zum ewigen
Leben für alle, die an ihn glauben.

Und darauf kommt
es nun an: dass wir das glauben können, was Johannes uns sagt. Dass
wir den Karfreitag noch feiern, macht nur Sinn, wenn er für uns
nicht nur der Todestag des Menschen Jesus von Nazareth ist. Es macht
nur Sinn, wenn wir glauben, dass Gott den Tod Jesu mit gestorben
ist, um die Macht des Todes ein- für allemal zu brechen. Denn wenn
Menschen sterben, hat der Tod gewonnen – egal ob sie jung oder alt
sind, egal, ob sie ihren letzten Atemzug in weißen Kissen tun oder
in Dreck und Blut nach einem Bombenangriff. Wenn aber Gott stirbt,
und zwar nicht, weil die Menschen ihn für tot erklären, sondern
weil er die Menschen so sehr liebt, dass er sein Leben für sie lässt,
dann geht das nicht für Gott böse aus, sondern für den Tod – und
für alle, die sein Geschäft betreiben. Nichts anderes ist die Überzeugung
des Johannesevangeliums: als Jesus starb, starb Gott mit ihm, denn
er und der Vater sind eins.

Diese Sätze sind
für uns nur schwer auszuhalten. Denn wir sind es ja gewohnt, Gott
für unsterblich zu halten. Gott und der Tod – das geht für uns nicht
zusammen. Aber wir glauben auch, und daran liegt uns sehr viel,
dass Gott die Liebe ist. Und ich denke, wir geben Johannes Recht,
wenn er Jesus zu seinen Jüngern sagen lässt: „Niemand hat größere
Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Das
gilt schon unter Menschen, und es gilt erst recht für Gott. Wir
sind Gottes Freunde: er will, dass wir auf ewig zu ihm gehören.
Und wenn der Tod, der uns dabei im Weg steht, nicht anders zu besiegen
ist, als dass er ihn selber auf sich nimmt, dann geht er diesen
Weg, wird in Jesus Christus Mensch und akzeptiert die Folgen, bis
„alles vollbracht“ ist. Es liegt schon ein Stück Ostern in diesem
letzten Wort Jesu am Kreuz, eine Siegesbotschaft mitten in der tiefsten
Niederlage. Menschlich gesehen ist das absurd, aber wenn es wirklich
der Sohn Gottes ist, der hier „es ist vollbracht“ sagt, dann ist
das wahrer als alles, was wir sonst über den Tod Jesu wissen könnten.

Dass es so ist,
kann ich Ihnen natürlich weder aufzwingen noch andemonstrieren.
Ich kann nur sagen, dass für mich die Realität des Todes in dieser
Welt unerträglich bliebe, wenn es nicht so wäre. Ich müsste sonst
verzweifeln darüber, dass Kinder vor ihren Eltern sterben, dass
Menschen durch Unfälle oder Krankheiten mitten aus dem Leben gerissen
werden. Ich müsste verzweifeln darüber, dass immer noch so viele
Menschen verhungern, obwohl es eigentlich Nahrung genug für alle
gibt. Ich müsste verzweifeln über die Despoten, die ihre Herrschaft
auf Tod und Schrecken gründen, aber auch über gewählte Regierungen,
die für Freiheit und Demokratie über Leichen gehen. Ich müsste verzweifeln
über alle, die bereit sind, das Lebensecht irgendeines Menschen
angeblich höheren Interessen zu opfern. Und ich müsste auch verzweifeln
an meinem Beruf, der mich immer wieder an Sterbebetten und Gräber
führt. Was hätte ich da noch zu sagen, wenn der Tod über uns das
letzte Wort behielte? Was würde es bringen, bei Trauerfeiern an
all die unvollendeten Lebensläufe zu erinnern, wenn nicht einer
für uns vollbracht hätte, was wir selbst nicht zu Ende bringen können?
Für uns führt kein Weg aus dem Tod, es sei denn wir begegnen dort
dem Gott, der in Jesus Christus für uns gestorben ist.

Zum Schluss gebe
ich das Wort noch einmal Johann Sebastian Bach bzw. seinem Textdichter
August Picander. Denn die beiden haben für mein Empfinden die Johannes-Passion
besser verstanden als viele gelehrte Theologen vor und nach ihnen.
Auf die Worte „und neiget das Haupt und verschied“ folgt dort eine
Bass-Arie mit folgendem Text: „Mein teurer Heiland, lass dich fragen,
/ da du nunmehr ans Kreuz geschlagen / und selbst gesagt: Es ist
vollbracht: / Bin ich vom Sterben frei gemacht? / Kann ich durch
deine Pein und Sterben / das Himmelreich ererben? Ist aller Welt
Erlösung da? / Du kannst vor Schmerzen zwar nichts sagen, / doch
neigest du das Haupt / und sprichst stillschweigend: Ja.“ Und der
Chor singt dazu den Choralvers: „Jesu, der du warest tot, / lebest
nun ohn’ Ende. / In der letzten Todesnot nirgend mich hinwende /
als zu dir, der mich versühnt, / o du lieber Herre! / Gib mir nur,
was du verdient, / mehr ich nicht begehre!“ Dass er es auch uns
geben möge, das wünsche ich uns allen.

Amen.

Predigt vom 8. März 2009

GOTTESDIENST FÜR DEN SONNTAG
REMINISZERE

Talkirche, 8.3. 2009
mit
Einführung von Katrin Breitweiser und Lukas Hermeling ins Presbyteramt
Pfr.
Dr. Martin Klein
Text: Mk 12,1-12

In unseren globalisierten Zeiten fällt es
Ihnen sicher nicht schwer, sich folgendes vorzustellen:

Ein großer deutscher Industrie-Konzern hat
ein neues Werk in – sagen wir mal – Südamerika gebaut. Man hat viel
investiert, das Werk nach dem neusten Stand der Technik ausgerüstet,
Personal eingestellt und geschult und schließlich auch das Management
mit einheimischen Kräften besetzt. Die sollen nun eigenständig wirtschaften
und lediglich einen Anteil vom Gewinn an den Mutter-Konzern abführen.
Alles scheint bestens geregelt, die deutschen Experten rücken ab
und dem Vernehmen nach laufen Produktion und Absatz gut. Nur: Es
vergeht ein Jahr nach dem anderen, aber aus dem neuen Werk gehen
keine Gewinne ein, kein einziger müder Euro. Nach einigem Abwarten
wird man in der Konzernzentrale unruhig. Man hat schließlich viel
rein gesteckt in dieses Werk, und die Aktionäre fragen, wo ihre
Dividende bleibt. Also wird viel telefoniert und gemailt und die
Vorlage der Bilanzen verlangt, aber es kommt keine Rückmeldung.
Interne Wirtschaftsprüfer werden hingeschickt, aber die werden unfreundlich
abgewiesen und erhalten keine Akteneinsicht. Schließlich reist eine
hochrangige Delegation an mit dem Vize-Konzernchef an der Spitze.
Das wird nun endlich Eindruck machen, denkt man. Aber die Delegation
hat kaum das Gelände betreten, da kommt der Werkschutz, zwingt die
ganze Gesellschaft mit vorgehaltener Waffe in einen Kleinbus und
fährt sie umgehend zurück zum Flughafen. Anschließend werden alle
wegen angeblich ungültiger Visa des Landes verwiesen – der Innenminister
war der Werksleitung noch einen Gefallen schuldig.

Ein unglaublicher Vorgang, oder? Was meinen
Sie, was die Konzernspitze in Deutschland nun tun wird? Sicher Ähnliches
wie jener Weinbergbesitzer, von dem Jesus mal erzählt hat:

Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und
zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und
verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte,
als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von
den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole.
Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen
fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen
sie auf den Kopf und schmähten ihn. Und er sandte noch einen andern,
den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern
töteten sie. Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den
sandte er als letzten auch zu ihnen und sagte sich: „Sie werden
sich vor meinem Sohn scheuen.“ Sie aber, die Weingärtner, sprachen
untereinander: „Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so
wird das Erbe unser sein!“ Und sie nahmen ihn und töteten ihn und
warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Was wird nun der Herr des Weinbergs
tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg
andern geben.

Wenn man das so liest und hört, fragt man
sich vor allem eins: Was ist das für ein Weinbergbesitzer, der in
fast unerschütterlichem Gleichmut einen Boten nach dem anderen und
schließlich sogar seinen geliebten Sohn ins Verderben schickt, obwohl
er damit absolut nichts erreicht? Schon die oben erwähnte Konzernführung
wird sich wahrscheinlich auf der nächsten Aktionärsversammlung unbequeme
Fragen anhören müssen: Warum habt ihr die Sache bloß so lange schleifen
lassen? Warum habt ihr nicht früher ernsthaft durchgegriffen? Aber
dieser Weinbergbesitzer setzt da noch einen drauf. Er scheint der
lebendige Beweis für die These zu sein, dass realitätsblinde Gutmenschen
für die Gesellschaft mindestens genauso gefährlich sind wie notorische
Bösewichter. Denn es zeigt sich ja hier wieder mal, dass man mit
Geduld und Zurückhaltung bei hartnäckigen Übeltätern nichts erreicht,
außer dass ihre Verbrechen immer dreister werden und die Gewalt
immer mehr eskaliert.

Jesus will allerdings weder den Spruch „Vertrauen
ist gut, Kontrolle ist besser“ illustrieren, noch geht es ihm um
die Frage, ob man Kriminalität besser auf die harte oder auf die
weiche Tour bekämpft. Vielmehr spielt Jesus hier deutlicher als
sonst auf sich selber an, auf seine Sendung und sein Schicksal.
Viele Ausleger meinen deshalb, dass dieses Gleichnis erst nach Jesu
Tod und Auferstehung entstanden sein kann. Ich denke aber, dass
es in den Zusammenhang, in dem es bei Markus steht, gut hineinpasst.

Es sind die letzten Tage vor dem Passahfest,
die letzten Tage Jesu in Jerusalem. Sein umjubelter Einzug hat beim
Hohen Rat, der jüdischen Autonomiebehörde im römisch besetzten Judäa,
Anstoß und Besorgnis erregt: „Wieder einer, der sich für den Messias
hält! Nicht nur, dass er damit Gott lästert, er beschwört auch politische
Unruhen herauf. Wenn die eskalieren, dann schlagen die Römer zu,
und es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende von Toten in der überfüllten
Stadt.“ Dass Jesus dann im Tempelhof auch noch Wechselstuben demoliert
und Opfervieh verjagt, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen.
Und man kommt zu dem Schluss: Dieser Jesus muss weg, ehe er noch
Schlimmeres anrichtet,  möglichst ohne großes Aufsehen, weil
er so viele Anhänger hat.

In diese gespannte Lage hinein erzählt nun
Jesus dieses Gleichnis. Er kann sich ausrechnen, was seine Gegner
vorhaben. Er weiß, dass er sterben muss. Aber er flieht nicht, und
er nimmt auch nichts von dem zurück, was er gesagt und getan hat.
Im Gegenteil: er spitzt es noch zu. Von der Wahrheit, wie er sie
sieht, kann und will er keine Abstriche machen.

Die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten
aus dem Hohen Rat, begreifen sofort, dass Jesu Gleichnis auf sie
gemünzt ist. Der „Weinberg“ war ein altes biblisches Bild für das
Volk Israel. Deutlich spielt Jesus auf den Jesaja-Text an, den wir
vorhin als Schriftlesung gehört haben. Aber während Jesaja den Weinberg,
also das ganze Volk anklagt, weil es keine Frucht bringt, trifft
der Vorwurf Jesu die Weinbergpächter, also die Führungsschicht,
die vor Gott für sein Volk Verantwortung trägt. Die, so lässt er
durchblicken, hat noch nie auf Gottes Boten gehört: den Propheten
Amos hat sie des Landes verwiesen, Jesajas Mahnungen in den Wind
geschlagen, Jeremia fast ums Leben gebracht. Noch vor kurzem hat
sie für Johannes den Täufer keinen Finger gerührt, als Herodes Antipas
ihn einkerkern und enthaupten ließ. Jahrhunderte lang hat Gott eine
Engelsgeduld bewiesen, hat nichts unversucht gelassen, um die Oberen
seines Volkes zu warnen und zur Umkehr zu rufen. Aber nie wollten
sie die unbequeme Wahrheit hören, immer sind sie nur ihren eigenen
Interessen gefolgt, wollten ihre Macht, ihren Besitz, ihre Privilegien
sichern. All ihre Sorge um Ruhe und Frieden im Land ist für Jesus
nur vorgeschoben. In Wahrheit geht es ihnen einzig und allein um
sich selbst.

Und so trifft nun Jesus das gleiche Schicksal
wie alle Propheten vor ihm. Er stellt sich mit ihnen in eine Reihe,
aber zugleich ist er mehr als sie: er ist der geliebte Sohn, er
redet nicht nur die Wahrheit, er ist Gottes Wahrheit für die Menschen.
Viele im Volk spüren diese Wahrheit, aber die Oberen, in ihrer egoistischen
Logik gefangen, nehmen sie nicht wahr. Sie können dafür sorgen,
dass Jesus stirbt, und sie werden es tun. Aber Gottes Wahrheit können
sie nicht zerstören – im Gegenteil: indem sie Jesus verurteilen,
richten sie über sich selbst.

Wie das geschehen ist, das deutet das Bibelwort
an, dass die christliche Gemeinde später an Jesu Gleichnis angefügt
hat:

Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort
gelesen: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum
Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder
vor unsern Augen«?

Die jüdischen Oberen, die römischen Henker,
sie alle glaubten mit Jesus fertig zu sein. Ausgestoßen hatten sie
ihn aus dem Volk Gottes, beseitigt war der Störenfried, und seine
Anhänger würden sich zerstreuen. Aber sie haben alle nicht damit
gerechnet, dass Gott das letzte Wort spricht. Dass er Jesus auferweckt
von den Toten, dass er damit bestätigt: dieser Verstoßene, dieser
angebliche Gotteslästerer ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen
habe. Und so wird Jesus zum Grundstein eines neuen Tempels, zum
Begründer eines neuen Gottesvolkes, zu dem jetzt nicht mehr nur
Israel gehört, sondern Menschen aus aller Welt. Für dieses neue
Gottesvolk tragen nun andere Menschen die Verantwortung. Ob sie
ihr besser gerecht werden?

Und damit bin ich bei uns, heute und hier
in diesem Gottesdienst. Zwei Menschen aus unserer Gemeinde werden
heute ins Presbyteramt eingeführt. Auch sie werden damit Pächter
im Weinberg, übernehmen Verantwortung für das Volk Gottes, Abteilung
Ev.-Ref. Kirchengemeinde Klafeld – eine Verantwortung die wir anderen
Mitglieder des Presbyteriums schon eine längere oder kürzere Weile
tragen. Werden wir ihr gerecht? Sorgen wir so für die Glieder dieser
Gemeinde, kümmern wir uns so um die materiellen Dinge, die dafür
nötig sind, dass wir damit vor Gott bestehen können, wenn er nach
dem Ertrag unserer Arbeit fragt? Wir sollten nicht denken, dass
man bei Kirchens Papst oder mindestens Bischof sein muss, um vom
Machtvirus angesteckt zu werden. Auch so mancher einfache Pfarrer
oder Presbyter hat schon sein Amt missbraucht, um sein eigenes Geltungsbedürfnis
zu befriedigen, und es nach Kräften ignoriert, wenn die Gemeinde
dabei Schaden erlitten hat.

Ich habe zwar nicht den Eindruck, dass wir
im Moment in dieser Gefahr stehen. Im Gegenteil: Diesem Presbyterium
ist es in den letzten Jahren in seltener Weise gelungen, persönliche
Wünsche und Interessen zurückzustellen und auch unpopuläre Entscheidungen
einmütig zu treffen, um damit letztlich dem Wohl der ganzen Gemeinde
zu dienen. Dieses gute Einvernehmen ist ein hohes Gut und verdient
den Respekt der ganzen Gemeinde. Und wir sind auch zuversichtlich,
dass die beiden neuen Leute sich mit ihren Gaben gut in diese Gemeinschaft
einfügen werden. Aber wir dürfen uns nicht darauf ausruhen. Wir
müssen uns immer wieder neu fragen, jeder für sich persönlich und
auch im Gespräch miteinander, ob wir mit unserem Handeln Gott die
Ehre geben und das Beste für die uns anvertrauten Menschen tun.
Wenn wir uns dabei an Jesus ausrichten, an der Wahrheit Gottes,
die er verkörpert und zu uns bringt, dürften wir auf der richtigen
Spur sein.

Und natürlich gilt das alles nicht nur für
das Leitungspersonal im Weinberg des Herrn, sondern für jeden Christen,
der seinen Glauben bewusst im Alltag leben will. Uns allen hat Gott
etwas anvertraut: Gaben und Aufgaben. Uns allen begegnet er immer
wieder mit Liebe und Geduld, nicht, damit wir sie schamlos ausnutzen,
sondern damit wir sie zum Maßstab unseres Handelns machen. Und dann
möchte er auch die Früchte sehen, die daraus wachsen: in der Familie,
im Freundeskreis, bei der Arbeit und in der Freizeit, in der Politik
und gerade auch in der Wirtschaft, von der anfangs die Rede war.
Warum sollten wir ihm diese Früchte vorenthalten?

Amen.

Predigt vom 1. März

GOTTESDIENST FÜR DEN SONNTAG
INVOKAVIT

Wenschtkirche, 1.3. 2009
Pfr. Dr. Martin Klein
Text:
Mt 4,1-11

Da wurde Jesus
vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht
würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte,
hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: „Bist du
Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“ Er aber
antwortete und sprach: „Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht
vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund
Gottes geht.«“

Da führte ihn
der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die
Zinne des Tempels und sprach zu ihm: „Bist du Gottes Sohn, so wirf
dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Dengeln deinetwegen
Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du
deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«“ Da sprach Jesus zu ihm:
„Wiederum steht auch geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott,
nicht versuchen.«“

Darauf führte
ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm
alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Das
alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“
Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan! denn es steht geschrieben:
»Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«“
Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und
dienten ihm.

Es gibt viele
Menschen, auch viele Christen, die können mit dieser Geschichte
nichts mehr anfangen. Der Teufel als Person, die herzutreten und
sprechen kann? Das ist doch finsterer Aberglaube! Oder ein Jesus,
der Stimmen hört und Visionen hat – vielleicht gar hervorgerufen
durch Hunger oder Einsamkeit? Das würde ihn für rational denkende
Menschen nicht gerade vertrauenswürdig machen. Und selbst wenn Jesus
tatsächlich so etwas erlebt hätte, warum hätte er anderen davon
erzählen sollen? Wenn man schon vierzig Tage in der Wüste verbringt,
dann will man doch wohl allein sein mit sich oder mit Gott, und
das geht sonst keinen etwas an. Für viele Ausleger der Geschichte
bleibt demnach nur das moralische Vorbild übrig: „So wie Jesus in
der Versuchung standhaft blieb, so auch ihr, seine Nachfolger!“
Aber das allein kann’s auch nicht sein; denn Jesu Versuchungen sind
ja sehr speziell, ganz auf den „Sohn Gottes“ zugeschritten. Unsere
Glaubensprüfungen sehen ganz anders aus, und man könnte uns kaum
damit locken, Steine in Brot zu verwandeln oder ohne Fallschirm
von einem Turm zu springen. Also hat schon so mancher gedacht, dass
man diesen Bibelabschnitt getrost ad acta legen kann – ein Stück
Mythologie, uns nicht mehr zugänglich und unerheblich für das tägliche
Christenleben.

Eins allerdings
macht mich nachdenklich: Je mehr die biblische  Versuchungsgeschichte
aus unserer Wirklichkeit verschwindet, desto mehr beschäftigt sie
offenbar unsere Phantasie. Man beachte dazu nur mal die erfolgreichsten
Büchern und Filmen der letzten Jahrzehnte, denn dort begegnet uns
das Thema „Versuchung“ auf Schritt und Tritt: Saurons Ring, der
auch die Stärksten schwach werden lässt und unter seine Herrschaft
zwingt. Darth Vader, der Luke Skywalker auf die „dunkle Seite der
Macht“ ziehen will. Harry Potter, der Lord Voldemort bekämpft, aber
auch ein Stück von dessen Seele in sich trägt. Batman, der Verbrecherjäger
im Fledermauskostüm, der den bösen „Joker“ anscheinend nur besiegen
kann, wenn er ebenso wie er über Leichen geht. In immer neuen Variationen
stehen sie sich hier gegenüber: die guten, aber angefochtenen Helden
und das personifizierte Böse. All diese Geschichten spielen in Phantasie-Welten.
Anscheinend haben sie mit unserem Alltag wenig zu tun. Und doch
fiebern Millionen von Menschen in der ganzen Welt mit, bis das Gute
am Ende den Sieg behält. Offensichtlich sind uns diese fernen Welkten
also doch sehr nah. Wie kommt das?

Es liegt wohl
daran, dass es ein Urinstinkt von uns Menschen ist, mit einer Macht
des Bösen zu rechnen, auch wenn wir sie uns nicht als Person vorstellen.
Und dazu kommt, dass dieser Urinstinkt gerade in den letzten hundert
Jahren reichlich Nahrung erhalten hat. Wir selbst oder unsere Eltern
und Großeltern haben es ja erlebt, dass auch die löblichsten Ziele
und die anständigsten Menschen auf übelste Weise korrumpiert werden.
Was für eine erstrebenswerte Sache wäre zum Beispiel eine klassenlose
Gesellschaft, in der jeder Mensch gleich viel gilt – aber wie viele
Millionen Menschen sind gestorben, um sie herbei zu zwingen! Oder
nehmen wir die Schergen des NS-Regimes: einerseits tierlieb, musik-
und kunstbeflissen, vorbildliche Ehemänner und Familienväter, andererseits
eiskalte und brutale Verbrecher! Es braucht offenbar nicht viel,
um aus einem vernünftigen, zivilisierten Menschen ein Ungeheuer
zu machen, das schlimmer ist als jedes Raubtier. Und wer von uns
kann die Hand dafür ins Feuer legen, dass er gegebenenfalls nicht
auch zu allem fähig ist? Wer kann garantieren, dass er sich nicht
verführen lässt, wenn nur das Angebot verlockend genug ist?

Und deshalb faszinieren
uns all die Beutlins, Potters oder Batmans, all die Buch- und Filmgestalten,
die verführbare Sterbliche sind wie wir selber und es trotzdem schaffen,
den Teufelskreis des Bösen zu durchbrechen und standhaft zu bleiben
gegen alle Versuchungen. Denn so wären wir ja auch gern. Und deshalb
träumen wir uns mit ihrer Hilfe für ein paar Stunden in eine bessere
Welt, in der das Gute über das Böse triumphiert. Doch wenn wir das
Buch zuklappen oder den Kinosaal verlassen, müssen wir enttäuscht
zur Kenntnis nehmen, dass es das alles nur in Mittelerde gibt oder
in einer weit entfernten Galaxie.

Nun behauptet
allerdings die biblische Versuchungsgeschichte, dass es wenigstens
einmal anders war. Dass wenigstens ein Mensch, der in dieser ganz
realen Welt gelebt hat, „versucht war wie wir, doch ohne Sünde“.
Diese Geschichte nimmt, denke ich, nicht für sich in Anspruch, eine
einmalige, wirkliche Begebenheit aus dem Leben Jesu zu schildern.
Aber sie verdichtet in einer kurzen Erzählung, was den Lebensweg
Jesu insgesamt ausgezeichnet hat. Sie versteht sich als das Vorzeichen,
unter dem alles steht, was die Evangelien über Jesus berichten.
Deshalb ist sie eine wahre Geschichte – jedenfalls für alle, die
glauben, dass Jesus tatsächlich Gottes Sohn ist. Und was in ihren
modernen Variationen an Wahrheit steckt, das haben sie von ihr geborgt.
Grund genug, nun doch noch einmal genauer hinzuschauen: Was sagt
denn die Versuchungsgeschichte über die Macht des Bösen, über Jesus
und damit auch über uns?

Zunächst zeigt
sich, dass der Teufel auch bei Jesus genau weiß, wo er ihn packen
muss, wenn er ihn überhaupt zu packen bekommen will: Nicht bei irgendwelchen
Schwächen, sondern gerade bei dem, was ihn stark macht: dass er
Gottes Sohn ist, von Gott gesandt, um der Welt das Heil zu bringen.
Das hat sein Vater im Himmel ihm gerade erst zugesprochen bei der
Taufe im Jordan. Und in diesem Bewusstsein, bewegt vom Geist Gottes,
hat er sich auf den Weg in die Wüste gemacht. Der Teufel weiß das
und nutzt es aus: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine
Brot werden.“

Es geht hier nicht
nur darum, dass Jesus mit seinen göttlichen Fähigkeiten seinen akuten
Hunger stillt. Das wäre billig: Ich zaubere mir ein bisschen Brot,
und schon bin ich satt! Nein, hier sind noch andere Dinge mit im
Spiel: Israel in der Wüste, von Gott mit Brot vom Himmel versorgt.
5000 Menschen, die Jesus satt werden lässt, ausgehend von fünf Broten
und zwei Fischen. Bei Johannes wollen sie ihn dafür zum König machen.
Und genau darin liegt die Versuchung: „Du, Jesus, du, der Sohn Gottes,
du könntest nicht nur deinen eigenen Hunger stillen, sondern den
Hunger von der Erde tilgen. Brot für die Welt – du könntest es wahr
machen, ganz ohne Spendensammlung. Alle werden satt. Alle bekommen,
was sie zum Leben brauchen – und du bist es, der es ihnen gibt.
Sie werden dich lieben dafür, sie werden dich verehren, sie werden
alles tun, was du willst, wenn du nur weiter ihre Bedürfnisse befriedigst:
Mach uns ruhig zu Sklaven, aber mach uns satt! Und dann werden sie
dir bedingungslos folgen, was auch immer du ihnen befiehlst.“

Aber Jesus sagt
nein. So will er nicht Sohn Gottes sein. Denn wer den Menschen auf
seine materiellen Bedürfnisse reduziert, und sei es mit edlem humanitärem
Anstrich, der nimmt ihm seine Würde, seine Freiheit. Er verleugnet,
dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von jedem Wort,
das aus dem Mund Gottes geht. Durch dieses Wort ist der Mensch Gottes
Ebenbild, sein lebendiges Gegenüber. Als solches hat er auch ein
Recht, satt zu werden, das ist wahr. Aber er muss dafür nicht jede
Hand lecken, die ihn füttert. Das ist unter seiner Würde. Diesem
Wort Gottes bleibt Jesus gehorsam, und damit hat der Teufel die
erste Runde verloren.

Beim zweiten Mal
stellt er es noch schlauer an: „Du bist Gottes Sohn“, sagt er, „aber
alles, was du Gutes sagst und tust, wird nichts helfen, solange
die Menschen dir das nicht abnehmen. Sie glauben nun mal nur, was
sie sehen. Also brauchen sie ein Zeichen, ein Wunder, das man nicht
irgendwie anders erklären kann und das nur der Sohn Gottes vollbringen
kann. Dann bist du „Jesus Christ Superstar“, dann werden sie an
deinen Lippen hängen, dir alles glauben, was du ihnen von Gott erzählst
– und das willst du doch, oder? Also stürz dich ruhig hinunter in
den Tempelhof – vor all den vielen Menschen, die da jeden Tag herumlaufen!
Dein Vater im Himmel wird schon dafür sorgen, dass du heil unten
ankommst.“ Und zum Beweis zitiert nun auch der Teufel die Bibel:
„Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden
dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein
stößt.“ Psalm 91,11 und 12. Ein schöner Vers, zur Zeit der beliebteste
aller Taufsprüche. Aber nicht alles ist immer und überall Wort Gottes,
nur weil es in der Bibel steht. Es kann jederzeit verdreht, missbraucht
und zur Lüge werden und damit dem Bösen dienen. Erschreckend für
alle, die die Bibel lieben und ehren, aber doch nicht zu leugnen!

Jesus weiß das,
und deshalb fällt er nicht darauf herein. Er weiß, dass Gott sich
nicht dazu zwingen lässt, nach unseren Wünschen ins Weltgeschehen
einzugreifen. Er weiß, dass Gott nicht mal eben die Naturgesetze
außer Kraft setzt, um unsere Sensationsgier zu befriedigen. Und
deshalb versucht er es gar nicht erst. Wieder will er den Menschen
die Freiheit des Glaubens lassen, statt sie zu überwältigen und
zum Gehorsam zu zwingen.

Nach zwei Versuchen
muss der Teufel einsehen, dass alle Verschleierungstaktik und Verführungskunst
bei Jesus versagt. Also versucht er es nun direkt und unverhüllt:
„Alle Reiche der Welt will ich dir geben, wenn du niederfällst und
mich anbetest!“ Herrschaft über die Welt – wer das Matthäusevangelium
zum wiederholten Mal liest, der weiß ja, dass es am Ende genauso
kommt: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden“, sagt
der auferstandene Christus. Na also, könnte der Teufel sagen, darauf
läuft es doch sowieso hinaus! Warum dann nicht die Abkürzung nehmen?
Warum sich nicht gleich zum Weltherrscher aufschwingen? Warum  nicht
den Vater im Himmel um zwölf Legionen Engel bitten und damit die
römische Armee vernichten? Warum sich von Herodes schikanieren und
von Pilatus kreuzigen lassen statt an ihre Stelle zu treten? Warum
dieser Weg durch Niedrigkeit und Leiden, durch Blut, Schweiß und
Tränen? Warum soll der Sohn Gottes sterben müssen? Er allein von
allen Menschen hätte das doch nicht nötig, wenn es stimmt, dass
er zugleich wahrer Gott ist!

Aber die Geschichte
von der Versuchung will uns deutlich machen: Wenn Jesus diesen Weg
durch Leiden und Tod nicht gegangen wäre, wenn er des Teufels Angebot
angenommen hätte, dann wäre aus ihm vielleicht der größte Herrscher
geworden, den die Welt je gesehen hat. Aber Tod und Sünde hätten
ihre Macht behalten. Die Trennung zwischen Gott und den Menschen
wäre bestehen geblieben. Und selbst wenn er ohne die Kriege und
Verbrechen aller anderen „großen“ Herrscher ausgekommen wäre, würden
wir heute bestenfalls ehrfürchtig sein Grab pflegen. Aber wir hätten
keine Hoffnung, dass wir je Böses mit Gutem überwinden könnten.
Und wir hätten keinen Grund zu dem Glauben, dass Gottes Liebe stärker
ist als der Tod.

Doch Jesus hat
es getan, er hat das Böse und Tod besiegt, indem er sie erlitten
hat. Und deshalb kann uns doch gelingen, was unseren Buch- und Filmhelden
gelingt – jedenfalls den Normalsterblichen unter ihnen: Wir können
zum Bösen Nein sagen. Wir müssen der Versuchung nicht erliegen,
so verlockend sie uns auch erscheinen vermag. Wir müssen nicht mit
dem Strom schwimmen, wenn wir überzeugt sind, dass er uns und andere
ins Unglück stürzt. Wir können Gott mehr gehorchen als den Menschen,
selbst wenn diese Menschen die Macht haben, uns leiden und sterben
zu lassen. Und wenn es uns in dieser Welt auch nie ganz gelingen
wird, uns von dem Bösen fern zu halten, in das wir mit verstrickt
sind, so können wir doch in dem Bewusstsein leben, dass dieses Böse
längst besiegt ist, dass all seine Angriffe nur noch Rückzugsgefechte
eines geschlagenen Heeres sind. Mit Martin Luther gesprochen: „Der
Fürst dieser Welt, / wie sauer er sich stellt, / tut er uns doch
nichts; / das macht, er ist gericht’t: ein Wörtlein kann ihn fällen.“
Und dieses Wörtlein lautet Jesus Christus – Gottes Sohn, unser Retter.

Amen.