Missionar auf Zeit – 3 –


Missionar auf Zeit   –
3 –

MaZ in Indien – Newsletter 5

Liebe Interessenten!

Jetzt ist inzwischen schon mehr als die Hälfte
meiner Zeit hier um – ich kann das wahrscheinlich noch viel weniger glauben als ihr. Viel ist
passiert, so viel, dass ich nicht mal annähernd auf alles im Detail eingehen kann. Zeit für Langeweile
bleibt mir hier nicht, darum warten leider auch noch einige in der Heimat auf von mir ausstehende
persönliche Anworten. Hier bitte ich um Verständnis, dass es alles etwas länger dauert.
Ich spüre die Tendenz, dass ich mich auch hier in Stresssituationen hineinbegebe, die ich eigentlich
vermeiden wollte, da ich sie zu Hause zu Genüge erlebt habe. Das versuche ich im Moment
zu verhindern mit der Folge, dass viele Dinge warten müssen. Wer die Newsletter aufmerksam
liest, wird wahrscheinlich merken, dass eine erste Begeisterung und Euphorie inzwischen
einer gewissen Nachdenklichkeit gewichen ist. Das soll nicht heißen, dass ich meinen Spaß und
meine Fröhlichkeit hier verloren habe, ganz im Gegenteil. Ich kenne die Kinder und die Erwachsenen
nun inzwischen recht gut, ich weiß alle ihre Namen und wir haben umso mehr viele tolle
Momente. Doch bezogen auf gewisse Themen kommt man dann doch schon mal sehr ins Grübeln,
mehr dazu im weiteren Verlauf dieses Newsletters.

Der auch diesmal wieder voller Informationen
ist, ich habe ihn deswegen wieder in Kapitel eingeteilt. Viel Spaß beim Lesen, Reaktionen
sind natürlich immer willkommen, auch wenn ich nicht auf jede E-Mail sofort antworte, so
lese ich sie doch alle!

INHALT

  • Neues aus Nesakkaram
  • Fußball – es geht weiter!
  • Nesakkaram Soccer Shield
  • Wie ist eigentlich das Wetter?
  • Kinder schlagen – zweiter Teil
  • Applaus durch die Muschel
  • Vorschau
  • Neues aus Nesakkaram"

In Nesakkaram hat sich einiges verändert.
Der Anbau ist inzwischen komplett abgerissen, das Fundament für die neuen Räume steht. Darüber
bin ich ganz froh, denn so manche Lastwagen mit Füllmaterial kamen mitten in der Nacht
an und entleerten sich äußerst geräuschvoll, und da meine Fenster genau zur Straße ausgerichtet
sind, wurde ich mehrmals unsanft aus meinen Träumen gerissen.

Die 15jährige Angelie besucht nun eine Berufsschule,
dafür konnten wir (leider muss man natürlich sagen) zwei Neuankömmlinge begrüßen.
Die ca. 9jährige Priyanka wurde von ihrer Mutter bei uns abgegeben, die Mutter arbeitet
in einer Firma als Köchin, dort werden keine Kinder geduldet und sie hat sonst nirgends
Platz und Zeit für ihre Tochter. Nach vielen Abenden voller Tränen ist Priyanka inzwischen gut
integriert und fröhlich, dank ihrer neuen "Schwestern",
die sich liebevoll um sie kümmern. Die andere
Neue, Priya, ist schon 19 Jahre alt, sie wurde direkt im Büro als Telefonistin eingespannt.
Sie soll bald woanders unterkommen, da sie bereits volljährig ist, doch im Moment wohnt sie noch
bei uns. Auch ihre Geschichte ist traurig: Es fing damit an, dass vor ein paar Jahren der Vater
mit einer anderen Frau durchbrannte, die dafür ebenfalls ihre Familie im Stich ließ. Die
Mutter war nun allein mit drei Kindern zu Hause. Nicht lange danach lief Priyas kleine Schwester,
15 Jahre alt, mit einem älteren Mann davon, angeblich auf freien Willen, um ihn zu heiraten. Und
zur Krönung ließ schließlich die Mutter die beiden verbliebenen Kinder einfach zurück und verschwand
mit einem anderen Mann, der ebenso eine Familie hatte. Priyas Bruder kam bei Verwandtschaft
unter, Priya selbst ist nun bei uns, eine äußerst sympathische junge Inderin. Wir verstehen
uns super, sie hat mich inzwischen zum "großen Bruder" ernannt (manchmal
bin ich auch der kleine Bruder, oder der verrückte Bruder aus Deutschland, je nach Situation…) und
will mit meiner Hilfe unbedingt mehr Englisch lernen. Somit ergeben sich, könnt ihr euch sicherlich
vorstellen, viele äußerst amüsante Konversationen…Zwischenzeitlich wurden auch zwei Jungen am
Egmore-Bahnhof aufgegriffen. Gottseidank waren sie nicht aufgrund schwerwiegender Probleme
weggelaufen, innerhalb weniger Tage konnten sien zurück in ihre Familie. Gerade die Neuankömmlinge
haben mir natürlich Anlass gegeben, auch mehr von den Geschichten der anderen Kinder
zu erfahren. Die meisten wurden wie die beiden Neuen bei Nesakkaram von einem Elternteil
oder der Verwandtschaft abgegeben, einige wenige sind Ausreißerkinder, deren Herkunft entweder
nicht bekannt ist oder deren Integration in eine Familie bisher nicht erfolgreich war. Der
vielleicht 12jährige Alex gehört zur letzteren Gruppe. Er wurde am Egmore-Bahnhof gefunden. Er behauptet
seit mehreren Jahren, keine Familie mehr zu haben. Noch vor meiner Ankunft hier wurde
aber wohl, so berichtete mir Father Joy, in einer Zeitung eine Suchanzeige mit einem Bild von
einem Jungen veröffentlicht, der Alex sehr ähnlich sah. Die Suchanzeige war von dem Vater aufgegeben
worden. Der Name des Jungen war zwar nicht Alex, doch Father Joy vermutet, dass
Alex sich seinen neuen Namen ausgedacht hat. Father Joy hat ihn mal bei seinem vermutlicherweise
alten Namen gerufen – und er hat reagiert. Seine Begründung: Oh ja, ein Teil seiner Verwandtschaft
habe ihn früher bei diesem Namen gerufen. Da bisher nicht klar ist, warum Alex weggelaufen
ist, warten die Pater noch ab, bevor sie den vermeintlichen Vater kontaktieren.

Auch beim Personal hat sich etwas verändert.
Einer der Coordinators, der jüngste, nur wenige Jahre älter als ich, arbeitet nicht mehr für
Nesakkaram, diese Stelle ist nun seit ca. vier Wochen vakant. Als die Pater davon Wind bekamen,
dass der Angestellte Ideen, Material und sogar Personal von Nesakkaram für andere Zwecke
missbraucht, ist der Mann untergetaucht, inklusive einer Mitarbeiterin, die wohl in die kriminellen
Geschäfte stark involviert gewesen ist. So wie ich erfuhr, hat sich der Angestellte, mit dem
ich mich übrigens sehr gut verstanden und oft unterhalten habe, zu sehr von einem Freund aus der kriminellen
Szene beeinflussen lassen. Nesakkaram will keine Polizei einschalten. Ich glaube bis
jetzt hat keine Unterredung stattgefunden, obwohl der Flüchtige wohl inzwischen mehrmals gesichtet
wurde. Im Moment arbeiten also zwei Coordinators für drei, was jüngst einige Umstrukturierungen
zur Folge hatte, die mich aber gar nicht oder nur am Rande berühren.

Doch auch für mich speziell hat sich etwas
verändert: Ich bin ein Stockwerk tiefer umgezogen und wohne nun im Gästezimmer direkt neben dem
Fernsehraum, also auf einer Etage mit Father Jesu und Father Joy. Mein Zimmer wurde zur
Quarantäne-Zone erklärt, einige Kinder haben Fieber, und um die anderen Kinder vor Ansteckung
zu bewahren und gleichzeitig mich nicht unnötig zu gefährden, wohnen die Kranken in
meinem alten Zimmer und ich bin jetzt etwas auf Distanz zur "Virusquelle". Wir alle
wissen, wie schnell ein Virus in einer Familie die Runde macht,
auch die Nesakkaram-Familie bleibt in größerem
Maße davon nicht verschont, besonders dann, wenn auch noch Moskitos bei der Verbreitung
Unterstützung leisten. Ich bin also seit der letzten Woche doppelt vorsichtig, trinke und esse
umso mehr, trage nur lange Kleidung plus Socken (bei der Hitze und Schwüle natürlich nicht gerade
angenehm…) und halte ausgedehnte Mittagsschläfchen – bisher mit Erfolg!

"Fußball – es geht weiter!"

Doch kommen wir endlich zu etwas Erfreulichem!
Inzwischen habe ich in die Begeisterung für den Fußball etwas Struktur reinbringen können.
Offizieller Startpunkt war ein Treffen für alle Jungs ab 14 Jahren, in dem ich die Regeln für die Mannschaft
erklärt (z.B. Teilnahme am Training, Disziplin, Einsatz, …) und jeden gefragt
habe, ob er mitmachen möchte. Alle 14 Jungs ließen sich nicht lange bitten. Dann wurden ein Kapitän
und zwei Stellvertreter gewählt. Als Übergang habe ich es dann so gelöst, dass jeden Dienstag
offenes Training für alle stattgefunden hat und freitags nur für die älteren. Seit letzten Dienstag
sind beide Tage nur für die Mannschaft reserviert, da wir in wenigen Wochen ein erstes Spiel gegen ein
Schulteam bestreiten wollen. Für diesen Zweck habe ich dann auch eine Theoriestunde eingeführt,
seit zwei Wochen erkläre ich montags an der Tafel die verschiedenen Positionen und Taktiken.Inzwischen haben wir acht Fußbälle, einer
davon ist neu. Zwei gingen im Laufe von einigen Wochen kaputt, doch mein Vater hat mir zwei
neue Straßenfußbälle geschickt. Um Teams zu markieren habe ich breite rote und gelbe Haarbänder
gekauft, die man sich umhängen kann. Gerade am Anfang war die Begeisterung natürlich
groß, doch inzwischen merken die Jungs, wie ernst die Sache wird und es gibt erste Rückzieher.
Bin mal gespannt, wie viele bis zum ersten Spiel durchhalten… Auf der anderen Seite
macht es aber unheimlich Spaß, den Talenten zuzusehen, von denen es einige gibt und die
sich durch ein erstaunliches Ballgefühl auszeichnen, obwohl sie bis vor meiner Ankunft hier nie
oder nur sehr selten mal Fußball gespielt haben. Die Trainingseinheiten sind zwar sowohl für
die Jungs, die ich immer mehr rannehme, als auch für mich anstrengend, doch es ist ein tolles Gefühl,
auf dieser sportlichen Schiene den Jungen etwas vermitteln zu können und mit ihnen gemeinsam
an etwas zu arbeiten. Bis letzten Dienstag habe ich mir die Übungen alle selbst ausgedacht
oder versucht im Gedächtnis zu kramen, was aus meiner Zeit als Fußballspieler beim TSV Siegen
vor fast zwei Jahrzehnten noch hängen geblieben ist. Doch mit den zwei Fußbällen
hat mir mein Vater (der sicherlich einigen im Siegerland noch als Trainer von u.a. Grün-Weiß
Siegen, Klafeld oder zuletzt dem Projekt "INTERKURS" bekannt ist) auch einige
Lehrbücher mitgeschickt, die mir nochmal frischen Auftrieb gegeben haben. Als ich damals beim
TSV Siegen den "Profi-"Fußball zugunsten anderer Aktivitäten wie der Musik aufgegeben
habe, hätte ich mir wohl nie träumen lassen, dass mich meine Vergangenheit mal in dieser Weise
in diesem fernen Land einholen wird!

Die Trainingseinheiten laufen sehr unterschiedlich,
mal sind die Jungs äußerst aufmerksam und wissbegierig, dann aber auch mal wieder sehr
streitsüchtig und undiszipliniert, sodass ich inzwischen schon drei rote Karten verteilen
musste. Rote Karte im Training bedeutet ab nach Hause und später ein klärendes Gespräch mit
dem Trainer. Beim letzten Streit flog sogar eine Faust Richtung Gesicht, was gar nicht schön
war. Entsprechend deutlich waren auch – mit Hilfe von Father Joy als Übersetzer – meine Worte,
letztendlich habe ich aber beiden Streithähnen eine zweite Chance gegeben, bevor sie aus der Mannschaft
fliegen. Als Trainingsplatz nutzen wir den öffentlichen Sportplatz neben dem Tennisstadion
ganz bei uns in der Nähe, in dem übrigens internationale Turniere stattfinden (an sich
eine schöne Tatsache, aber die andere Seite der Geschichte: Für den Bau des Stadions ging
mehr als die Hälfte des öffentlichen Sportplatzes für die Kinder verloren. Während sich also nun
im Stadion und auf den anliegenden Plätzen die wenigen Kinder der reichen Familien vergnügen,
treten sich auf dem Sportplatz die vielen anderen Kinder gegenseitig auf die Füße).
Es ist nicht immer leicht, für das Training ausreichend Platz auf dem Feld zu finden, oft müssen die
Fußballer um die über den ganzen Platz verteilten Fänger der Kricket-Mannschaften herumdribbeln,
doch irgendwie geht es. Tore haben wir natürlich keine, wir begnügen uns mit Steinen
oder anderen Markierungen. Leider ist an sich der Untergrund sehr schlecht, seitdem ich trainiere
ist die Verletzungsrate der Jungen mit Schnitten oder Schürfwunden in die Höhe geschnellt,
doch inzwischen sinkt die Rate wieder, ich hoffe aufgrund der durch das Training verbesserten
Koordination…

Eine Trainingseinheit war besonders witzig:
Drei Männer tauchten plötzlich auf, einer davon mit einer miniDV(digital Video)-Kamera ausgestattet.
Einer der Männer kam auf mich zu, fragte ob er mal kurz mit mir sprechen könne. Also schickte
ich die Jungs zum Warmlaufen und redete mit dem jungen Mann, der sich als Filmregisseur
entpuppte. Vor dem Drehbeginn für einen indischen Film über eine Fußball-Geschichte wollte er
sich noch ein paar Anregungen holen. Jeder kann sich vorstellen, mit welchem Eifer die Jungs
an diesem Tag trainiert haben mit einer Kamera im Nacken! Leider habe ich den Kontakt zum Filmteam
verloren und auch keine näheren Infos eingeholt, sonst hätte ich natürlich jemanden
darauf ansetzen können, den Film abzuwarten und zu schauen, ob nicht einige meiner Übungen
in einem "Collywood"-Film (Collywood steht für die Filme aus Chennai in Anlehnung an Bollywood
für die Filme in Mumbai (früher Bombay)) verewigt wurden!

"Nesakkaram Soccer Shield"

Letzten Monat gab es bereits einen Fußball-Höhepunkt
und ein erstes größeres Projekt für mich: NESAKKARAM SOCCER SHIELD nannte sich das Turnier,
in dem alle Kinder und auch über 10 vom Personal involviert waren. Nachdem gerade
Nathan vom Personal immer wieder gefragt hatte, wann sie denn auch mal spielen könnten,
bin ich zu Father Jesu und habe nach Erlaubnis gefragt, ein Fußballturnier für Nesakkaram
zu organisieren. Father Jesu war begeistert und hat mir alle Freiheiten gelassen, mich darum zu
kümmern. Also stellte ich Mannschaften zusammen und kreierte Spielpläne, außerdem versuchte
ich einen geeigneten Platz für einen Samstagmorgen zu finden.
Die Organisation war gar nicht so einfach,
stellten sich doch mehrere Hindernisse in den Weg. So wollten natürlich alle Kinder aller Altersklassen
mitspielen, plus die 10 Angestellten, insgesamt waren rund 50 Spieler beteiligt. Also entschied
ich mich, die älteren Jungs und das Personal mit vier Mannschaften in einem Turnier, die jüngeren
Kinder in einem zweiten Turnier mit drei Mannschaften spielen zu lassen. Das alles
musste an einem halben Tag passieren, also blieb mir nichts anderes übrig, als das Ligaprinzip
(Punkte und Torverhältnis) zu nehmen und die Spieldauer auf 15 bzw. 7 Minuten festzulegen.
Das zweite Hindernis bestand darin, mit den ganzen Zweifeln und der Kritik der Spieler
richtig umzugehen. Die Jungs kritisierten vor allem die Mannschaften und jeder meinte in die schwächste
Mannschaft gesteckt worden zu sein. Zwei "Sportler" vom Personal waren aufgrund
der kurzen Spieldauer enttäuscht und mäkelten an meinem Ligaprinzip herum. Eine weitere Hürde
war der Zeitpunkt des Turniers. Erst ware nachmittags angedacht, doch aufgrund der Hitze
hätten wir dann erst gegen 16 Uhr starten können. Also schlug ich morgens ab 8 Uhr vor,
doch die beiden Pater meinten dann würde die Hälfte des Personals erst zwei Stunden später
erscheinen, 8 Uhr sei zu früh. Ich musste viele Diskussionen führen, die mich teilweise ziemlich
nervten. Doch nachdem ich meinen Unmut über diese sinnlosen Diskussionen zum Ausdruck
gebracht hatte und die Zeit mit den Angestellten diskutiert worden war, schien 8 Uhr dann plötzlich
doch in Ordnung zu sein. Die nächste Hürde war der richtige Sportplatz. Aus dem Bus heraus
hatte ich einige Plätze gesehen, auch die Angestellten konnte mir Vorschläge machen.
Allerdings war ich irgendwann kurz davor, einen kleinen (deutschen) Wutanfall zu bekommen,
denn irgendwie war keiner der Pater und Angestellten in der Lage, mir Verantwortliche
für die jeweiligen Plätze zu nennen oder mir Telefonnummern zu besorgen, das bedeutete
im Endeffekt war keiner der Vorschläge wirklich hilfreich. Doch da kamen mir meine "Landsfrauen
und Landsmänner" zur Hilfe: Eine kleine Gruppe aus Deutschland hatte in Chennai eine
Woche Programm inklusive eines Besuchs bei Nesakkaram. Über Father Jesu erfuhren die
Deutschen von mir und luden mich ein, an ihrem Programm teilzunehmen. Also hörte ich mir
mit ihnen einen Vortrag über das indische Schulsystem an und besuchte mit ihnen ein
großes Gelände mit Schulen, Ausbildungszentren etc. von den Schwestern von Good Shepherd.  Auf
diesem Gelände befindet sich auch ein Mini-Sportstadion mit überdachter Tribüne.
Keine Fußballtore, aber dafür ein Top-Untergrund, fast komplett Rasen – welch ein Luxus! Nachdem
ich einige Sportplätze in der engeren Wahl hatte, fiel mir wieder dieses Stadion ein.
Also sprach ich bei der Leiterin vor, die sehr interessiert an meiner Arbeit schien, mir für den Tag den
Platz reservierte und schließlich erzählte, dass Nesakkaram den Platz doch schon oft genutzt
habe. Das überraschte mich doch etwas, denn keiner vom Personal war auf die Idee gekommen,
mir diesen Platz vorzuschlagen. Nachdem ich – zugegeben schon etwas stolz – nach einem insgesamt
fast einstündigen Fußmarsch durch Chennai nach Nesakkaram zurückkehrte mit der
frohen Botschaft, endlich einen Platz gefunden zu haben, war das erste, was ich von Father
Joy hörte: "Oh, dieser Platz ist für Fußball nicht geeignet. Viel zu gefährlich, zu uneben."
Als dann am Abend ein Telefonanruf von Nathan kam, er hätte den perfekten Fußballplatz gefunden
mit Toren und Abgrenzungen, brodelte es doch schon gefährlich in mir. Umso schöner, dass sich
letztendlich alles zum Guten fügte: So stellte sich heraus, dass Father Joy den Platz im alten
Zustand vor der Instandsetzung in Erinnerung hatte und den aktuellen Zustand gar nicht kannte.
Der angeblich perfekte Platz, den Nathan gefunden hatte, war zwar wirklich perfekt, allerdings
in Privatbesitz und für andere Gruppen gesperrt. Father Jesu gab Finanzmittel frei, wir kauften einen
nagelneuen Fußball und Kreide für die Feldmarkierungen, außerdem wurden Glucose-Päckchen
und Limonen besorgt. Father Joy und ich arbeiteten eine halbe Nacht an einer Urkunde,
die ich dann in einem Geschäft 50Mal in bunt ausdrucken ließ. Father Jesu als Direktor
und ich als Initiator setzten unsere Unterschrift auf die Urkunde, auf die dann jeweils die Namen der
Spieler eingetragen wurden. Einer der Angestellten besorgte Stöcke und Werkzeug, um Tore zu errichten.
Als Preise mussten ein schmuckvoller Teller und ein verziertes Schild aus dem Nesakkaram-Besitz
herhalten, das schließlich dem Turnier ja den Namen gegeben hatte.

Das Turnier selbst war dann einfach nur super.
Wir errichteten die Tore und zogen die Feldmarkierungen mit Hilfe eines Seils. Verschiedenfarbige
Nesakkaram-T-Shirts waren aus den Schränken hervorgekramt worden, sogar die
Angestellten hatten sich in sie hineingezwängt. Zur Begrüßung stellten sich die insgesamt sieben
Mannschaften in Reihen auf, zuerst sprach ich ein paar Worte, dann eröffnete Father Jesu das
Turnier. Er selbst spielte sogar mit und gab als Torwart kein schlechtes Bild ab. Auch meine
Kondition wurde auf eine harte Probe gestellt: Bis auf ein Spiel habe ich alle anderen Spiele
gepfiffen. Einige Frauen hatten für die Pausen leckeren Limonensaft zubereitet, ich glaube
ich allein habe bestimmt fünf Liter davon in mich hineingeschüttet. Natürlich hatte ich im Fußballfieber
ganz vergessen, mich mit Sonnenmilch einzuschmieren und nahm auch nicht so recht
wahr, wie ab spätestens 10 Uhr die Sonne brannte. Ich war am nächsten Tag knallrot und vor allem
meine Waden hatten gelitten, da sie der Hitzereflektion des Untergrundes direkt ausgesetzt
waren.

Jeden Montagmorgen findet eine Andacht für
alle Angestellten statt mit Meditation, Bibellese, Gebeten und Liedern. Außerdem wird über vergangene
Ereignisse gesprochen. Nesakkaram Soccer Shield war zu meiner Freude fast zwanzig
Minuten ein lebhaft diskutiertes Thema und wurde rundherum gelobt. Besonders die Frauen,
die mit Fußball bisher nichts am Hut hatten, sprachen mit Begeisterung über diese neue
Erfahrung. Es ging sogar soweit, dass Father Jesu die Angestellten rügte, die nicht erschienen
waren, um zumindest zuzuschauen.

"Wie ist eigentlich das Wetter?"

Die Frage wird mir häufig gestellt, deshalb
ein paar Ausführungen dazu. Die heißeste Zeit ist mit meiner Ankunft Ende Mai zu Ende gegangen,
doch auch jetzt steigt, zumindest nach der Fernsehwetterkarte, ich besitze kein Thermometer
hier, die Temperatur an manchen Tagen auf knapp 40 Grad Celsius an. Scheint die Sonne,
dann wird es spätestens ab 10 Uhr richtig heiß, die Hitze bleibt fast unerträglich bis ca.
16 Uhr, dann wird es etwas kühler. Allerdings ist es gerade nach einem heißen Tag abends äußerst
schwül in den Häusern, in denen sich die Hitze gestaut hat, sodass die Ventilatoren ständig
laufen. Doch es gibt auch angenehme Tage, z.B. wenn es bewölkt ist oder ein Regen- bzw. Gewitterschauer
Abkühlung bringt. Dann liegen die Temperaturen vielleicht bei ca. 28 Grad aufwärts.
Wenn es mal regnet, dann immer nur kurz und heftig, Dauerregen oder Nieselregen ist den
Indern unbekannt. Die Regenzeit wird ja durch die Monsunwinde gesteuert, in Chennai geht es
damit richtig ungefähr Oktober los. Dann werden die Regenfälle häufiger und umso heftiger, binnen
Sekunden stehen dann die Straßen unter Wasser. Da die Regenzeit letztes Jahr in Chennai sehr
heftig war, vermuten viele, dass es dieses Jahr nicht so schlimm wird. Gut für mich – dann
bleibt es mir vielleicht erspart, durch knietiefes Wasser waten zu müssen.

Das Problem der Überschwemmungen in Indien
ausgelöst durch den Monsun wird besonders in den Zeitungen heftig diskutiert. Die Politiker
versprechen seit Jahren, die Straßen entsprechend mit einer Kanalisation zu versehen, gefährdete
Zonen zu entschärfen oder Flussbetten zu erweitern. Doch so richtig schnell kommen
sie nicht voran, wie die vergangenen Berichte aus verschiedenen indischen Städten, die bestimmt
auch im deutschen Fernsehen zu sehen waren, zeigen. Hinzu kommt die Problematik der Epidemien,
je mehr Wasser sich staut, umso größer werden die Brutzonen für die Moskitos, und
deren Anzahl schnellt dann während der Regenzeit beträchtlich in die Höhe, Malaria und Co sagen
Dankeschön. Gefährlich wird es natürlich gerade für die Menschen in den Slums, denn die haben
ihre Hütten meistens in der Nähe der Flüsse errichtet. Wie mir Father Joy berichtete,
standen alle diese Hütten letztes Jahr komplett unter Wasser und wurden teilweise fortgespült. Gottseidank
konnten alle Bewohner rechtzeitig evakuiert und in einem leeren Gebäude untergebracht
werden.

An das tropische Klima habe ich mich inzwischen
gewöhnt, was ich daran festmache, dass ich z.B. morgens nicht mehr schweißgebadet aufwache
oder die kalte Dusche, die ich in den ersten Wochen als wohltuende Erfrischung empfunden
habe, mich inzwischen zum Frösteln bringt. Gewöhnt heißt aber auch, dass ich natürlich
nicht gerade zur heißen Tageszeit zum Stadtspaziergang aufbreche. Wenn es unbedingt
sein muss, dann ist "Schattenlaufen" angesagt, um der intensiven Sonneneinstrahlung zu entgehen.
Deshalb werde ich auch nicht braungebrannt zurückkehren, wie vielleicht manche von euch
erwarten, tut mir leid!

"Kinder schlagen – zweiter Teil"

Das Thema geriet etwas in den Hintergrund,
bis sich in der letzten Woche einige Vorfälle in Nesakkaram häuften und ich schließlich gestern
mit Father Jesu über das Thema gesprochen habe. Schockiert musste ich letztlich feststellen,
dass sowohl die Lehrerin, die die Hausaufgaben abends betreut, als auch beide Aufpasserinnen,
die "Wardens", die Kinder im Hause Nesakkaram schlagen. Die Lehrerin habe ich
beobachtet, wie sie mit einem Stock zur Bestrafung auf die Hand- und Fingerknöchel
schlägt. Sie kommt werktags gegen 18 Uhr ins Haus und überwacht die Hausaufgaben der Kinder
bis ca. 20 Uhr. Teilweise kommt sie auch so zu Besuch. Sie (nicht verheiratet) und ihre Familie
scheint Father Jesu sehr nahe zu stehen, was die Sache natürlich etwas verkompliziert. So hat
sie z.B. vor zwei Wochen die komplette Kinderschar zu ihrem Geburtstag eingeladen (ich war auch
dabei), nach einer von Father Jesu zelebrierten Messe gab es ein üppiges Festmahl.

Die beiden Wardens, sie sind zwischen 30 und
40 Jahre alt, schätze ich, haben selbst traurige Geschichten hinter sich und bei Nesakkaram
Unterschlupf gefunden. Beide Frauen haben ein eigenes Kind, die ältere lebt inzwischen getrennt
von ihrem Mann, die jüngere war gar nicht verheiratet, der Vater lief nach der Geburt
davon. Sie schlüpfen in Nesakkaram also in die Rolle der Mutter oder Lehrerin, obwohl nur die jüngere
als Lehrerin ausgebildet wurde, wenn ich mich richtig erinnere. Während die jüngere Warden
selten zu härteren Mitteln greift und den Stock wohl eher zur Abschreckung zückt, habe ich die
Schläge der älteren live mitansehen müssen. Einmal im Stil der älteren Lehrerin (Stock auf Knöchel)
gegen ihren eigenen Sohn, der heulend seine Hände ausstrecken musste, dann sah ich sie,
wie sie auf einen der kleinsten Jungen (!) mit der Faust mehrmals auf den Rücken eindrosch, obwohl
dieser schon längst heulend am Boden kniete. Dann berichtete mir eines der Mädchen
im Waschraum, dass auch sie von der älteren Warden geschlagen wurde, als Beweis zeigte
sie mir die geschwollenen Handknöchel.Ihr könnt euch vorstellen, dass ich regelrecht
erstarrt war, sowas mit ansehen zu müssen, und außerdem hin- und hergerissen, wie ich reagieren
sollte. In allen Fällen habe ich mich bisher für den Weg entschieden, nicht einzugreifen, solange
ich keine ernsthafte Verletzungsgefahr für das Kind sehe, und daraufhin Gespräche und Diskussionen
zu starten. Und damit bahnte sich der zweite Schock an. So habe ich z.B. mit zwei
Coordinators über das Thema gesprochen, beide haben mir versucht zu erklären, dass körperliche
Gewalt gegen Kinder in Indien durchaus geduldet wird (auch in den Schulen ist es
nicht offiziell verboten), sie selbst aber dagegen seien. Sie waren interessiert zu erfahren, wie strikt
ich die Sache sehe. Ähnlich reagierte Father Joy, der mir allerdings in diesem Fall in seiner
Art zu lässig erschien. Ich habe ihm alle Fälle geschildert, doch wirklich aktiv darauf reagiert
hat er in keinster Weise, er hat noch nicht einmal eine der Wardens auf dieses Thema angesprochen.
Also habe ich schließlich mit dem Direktor persönlich gesprochen, der sehr offen auf
mein Anliegen reagiert und versucht hat, diese Problematik sowohl auf Ebene der Gesellschaft
als auch auf der Ebene Nesakkarams zu erörtern. Er fand es gut, dass ich das Thema
angesprochen habe, ich glaube er war auch ein bisschen überrascht, vielleicht auch schockiert
und anschließend sehr nachdenklich. Er erzählte mir, dass er seit dem Projektstart mit dem
Thema Gewalt gegen Kinder konfrontiert ist und dass es sich um einen schwierigen Lernprozess handele,
sowohl für die Kinder, die ja selbst sehr häufig in heftige Rangeleien verwickelt sind
und teilweise körperliche Gewalt als einzige Lösung akzeptieren, als auch für die Erwachsenen,
die oft selbst mit Schlägen erzogen wurden. In Nesakkaram herrsche die Regel, keine körperliche
Gewalt gegen die Kinder auszuüben, doch diese Regel werde sehr häufig gebrochen, wie
ich ja selbst gesehen habe. Gleichzeitig versuchte ich deutlich zu machen, dass ich nicht den
Anschein erwecken wolle, als ein deutscher Besserwisser Indien oder Nesakkaram umkrempeln
zu wollen, aber dass ich gern meine Gefühle und Erfahrungen zu diesem Thema mit den anderen
austauschen möchte. Schließlich hat mir Father Jesu zugesichert, dass ich bei dem
nächsten Treffen der Lehrerin und der Wardens mit dabei sein kann und das Thema zur Sprache
gebracht wird. In meinen Augen ein großer Erfolg!

"Applaus durch die Muschel"

Eine interessante Verbindung zwischen meiner
katholischen Heimatgemeinde St. Marien Geisweid und mir kam am Sonntag, dem 27. August
zustande. Nach kurzer Absprache ein paar Tage vorher rief mich Vikar Michael Melcher
an dem Morgen gegen 9:50 Uhr aus der laufenden Messe heraus an und stellte mir einige Fragen.
Da Father Joy das Mobilteil bei sich trug, musste ich den Anruf an dem Telefon in der Küche
entgegennehmen. Natürlich war gerade in dem Moment des Anrufs dort ein großer Lärm, einige
Jungs machten sich an irgend etwas ohne zu fragen zu schaffen. Eine Warden hatte das
nun mitbekommen und schimpfte lautstark. Erst als ich noch lauter um Ruhe bat, trat die nötige Stille
ein und ich konnte Michael am anderen Ende verstehen. Es war eine lustige, gleichsam
schöne Erfahrung, über diesen Weg mit der Gemeinde sprechen zu können. Ich hatte den Innenraum
der Kirche bildlich vor Augen, unterstützt durch das deutliche Echo, das zu hören war als Michael
manche meiner Worte nochmal wiederholte. Besonders toll kam nachher der Applaus rüber,
der mir doch eindrucksvoll noch einmal deutlich machte, dass meine Gemeinde an mich denkt
und hinter mir steht – an dieser Stelle mein herzlicher Dank dafür!

Auch zur evangelischen Gemeinde Klafeld stehe
ich übrigens in dauerhaftem Kontakt, auf zwei Wegen: Einmal über den Bläserkreis des CVJM
Geisweid, in dem ich seit 1990 versuche der Trompete so manche Töne zu entlocken, und
auch über Günter Gollos vom Presbyterium, der mir für meinen Dienst die besten Wünsche und Gottes
Segen mit auf Weg gegeben und mir versichert hat, Informationen an das Presbyterium
und die Gemeinde weiterzugeben. Ganz liebe Grüße somit auch an die evangelische Kirchengemeinde
Klafeld und ein herzliches Dankeschön für das Interesse und die guten Wünsche!

"Vorschau"

Da ich diesen Newsletter möglichst schnell
versenden möchte, habe ich einige interessante Themen verschieben müssen, ihr könnt euch
also schon auf den folgenden Newsletter freuen! Hier möchte ich auch endlich mehr über die
Religion, über die tamilische Sprache oder über Kulinarisches berichten. Auch der indische
Straßenverkehr wird wahrscheinlich ein Thema sein, hier gibt es einiges zu erzählen. Also seid
gespannt und vergesst nicht, auf der Homepage St. Marien die neuen Bilder zu bewundern!

Viele liebe Grüße aus dem fernen Indien,

Dominic

Datum: 07.09.2006, Autor: Dominic Winkel

Brief vom Präses Alfred Buß zur Lage der EKvW

Evangelische Kirche
von
Westfalen

Der Präses

An die
Pfarrerinnen
und Pfarrer
Presbyterinnen und Presbyter
Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter in den Gemeinden,
Kirchenkreisen,
Ämtern und Einrichtungen
Mitglieder der Synoden
und
Kreissynodalvorstände

20.06.2006

Liebe Schwestern und Brüder,

in diesen Wochen beherrscht eine Frage die
Diskussionen und Beratungen in Presbyterien, Synoden und anderen
Leitungsorganen unserer Kirche: Wie kommen wir in den vor uns liegenden
Jahren mit erheblich geringeren Finanzzuweisungen aus der Kirchensteuerverteilung
zurecht? Diese Frage geht für viele Beteiligte über die Schmerzgrenze
hinaus und ruft Ratlosigkeit, Ärger, Unsicherheit und Existenzangst
hervor.
Ich wende mich mit diesem Brief an alle, die haupt-
oder ehrenamtlich in unserer Evangelischen Kirche von Westfalen
(EKvW) Leitungsaufgaben wahrnehmen und in ihr haupt- oder nebenamtlich
Dienst tun. Dabei leiten mich drei Motive:

  • Zum einen liegt mir daran, Ihnen dies
    zu sagen: In der Kirchenleitung, im Landeskirchenamt und bei
    mir kommt an, was Sie in den Gemeinden, Kirchenkreisen, Ämtern
    und Einrichtungen unserer EKvW umtreibt. Wir müssen die Probleme
    jetzt besonders genau kennen und wahrnehmen, damit wir auf allen
    Ebenen der EKvW in unserem Tun und Lassen geerdet bleiben.
  • Zum anderen sollen Sie Informationen
    darüber bekommen, welche Faktoren zu dieser Situation in unserer
    Kirche geführt haben und welche Entwicklung – nach menschlichem
    Erkenntnisvermögen – zu erwarten ist.
  • Zum dritten möchte ich Ihnen einige Aspekte
    nennen, die mir aus unserem Reformprozess Kirche mit Zukunft
    und aus Diskussionen innerhalb der EKD auf dem Herzen liegen.

I. Was heute ist: Situation

Die Finanzentwicklung innerhalb der EKvW sowie
Eindrücke aus Gesprächen, Briefen, Besuchen, Visitationsberichten,
Synodalversammlungen, Pfarrkonferenzen oder Synoden zeigen mir,
dass die Solidarität zwischen den verschiedenen Handlungsebenen
und Berufsgruppen in unserer Kirche auf eine harte Probe gestellt
ist. Ohne Zweifel stehen wir allerorten vor der Aufgabe, eine große
Kirche kleiner zu setzen. Das erfordert harte Schnitte, die nicht
nur Sachen betreffen, sondern Beziehungen zwischen Menschen erheblich
berühren.

Presbyterinnen und Presbyter bringen ihre
Gaben und Kräfte ehrenamtlich ein, um Kirche mitzugestalten. Unversehens
stehen sie in dem Konflikt, die Schließung von Kirchen, Gemeindehäusern
oder das Ende ganzer Arbeitsbereiche mit verantworten zu müssen.
Immer häufiger stehen Arbeitsplätze von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
zur Disposition, weil die finanzielle Absicherung nicht mehr gewährleistet
werden kann. Oft ist nicht klar, ob es für die Betroffenen einen
neuen Arbeitsplatz gibt. Pfarrstellen geraten unter Druck, weil
die Zahl der Gemeindeglieder schwindet. Der Arbeitsumfang und die
Konflikte wachsen, das Gehalt aber wird kleiner. Junge Theologinnen
und Theologen kommen kaum in reguläre Pfarrstellen, weil sie nicht
ausgeschrieben werden können. Zwischen Menschen, die lange Zeit
vertrauensvoll als Haupt-, Neben- und Ehrenamtliche zusammengearbeitet
haben, gerät die Kommunikation in Schieflage.

Auch Kirchen werden – Gott sei Dank – nicht
nur als beliebige Mauerwerke wahrgenommen, sondern als Gotteshäuser.
Mit der Umwidmung von Kirchen werden persönliche Empfindungen angetastet:
Segen und Fluch, Freude und Trauer, Lob und Flehen fanden für viele
Menschen ihren Ausdruck an genau diesem Ort. Damit muss sensibel
umgegangen werden, wenn es keine Alternative zur Entwidmung eines
Gotteshauses mehr gibt. Gerade in Zeiten des Rückbaus ist es wichtig,
Sachen zu klären und Personen zu stärken.

Es liegt zwar im Wesen einer presbyterial-synodal
verfassten Kirche wie der EKvW, dass sich Leitungsprozesse vielstimmig
und auch kontrovers gestalten. Eine wichtige Voraussetzung für ihr
Gelingen ist aber die Kenntnis und Transparenz der Entscheidungsgrundlagen,
sonst lässt uns die Not zu vielen Strohhalmen greifen, die nicht
tragen. Wir müssen nun die Realitäten anerkennen und unsere Kirche
auf allen Ebenen zurückbauen. Jetzt zeigen sich unübersehbar die
Folgen früherer Entscheidungen. Vor sieben Jahren wurde in unserer
Reformschrift Kirche mit Zukunft (S. 25f) festgehalten: „Die finanzielle
Situation der Evangelischen Kirche von Westfalen wird … auch davon
bestimmt, dass die seit 1985 bekannte, für die EKvW problematische
demographische Entwicklung nicht rechtzeitig genug in eine vorausschauende
und bezahlbare Personalplanung umgesetzt wurde. Die EKvW hat in
den Jahren 1970 bis 1997 etwa 20 Prozent ihrer Mitglieder verloren,
in dieser Zeit aber ihre Beschäftigtenzahl um fast 90 Prozent erhöht.“

Die (auf den Seiten 19 bis 28) in der Reformschrift
zutreffend beschriebene Entwicklung wird gegenwärtig Realität; in
den vergangenen Monaten mussten wir allerdings erkennen, dass die
damit verbundene Finanzproblematik durch zwei weitere „hausgemachte“
Faktoren verschärft ist: die Versorgungskasse für Pfarrerinnen und
Pfarrer zeigt erhebliche Deckungslücken; und Rückzahlungen beim
Clearing in der Kirchensteuerzuweisung innerhalb der EKD sind nicht
ausreichend durch Rücklagen gedeckt. Durch diese Entwicklung wurden
den bisherigen Planungen auf allen Ebenen der EKvW die bis dahin
gültigen Basisdaten entzogen. Der Rückbau muss in noch schärferem
Tempo vollzogen werden. Dies hat vielerorts Verständnislosigkeit
und Ärger hervorgerufen.

II. Was gestern war: Ursachen
Versorgungskasse

Im gesamten Bereich der Versorgungskasse,
also Rheinland, Westfalen und Lippe, stehen heute etwa 5.200 Aktiven
4.080 Leistungsempfänger gegenüber. 2030 werden nur noch für etwa
1.500 Aktive Beiträge zahlen, aber mehr als 6.200 Ruheständler zu
versorgen sein. Die Summe der fälligen Ruhestandsbezüge (2005: 139
Millionen) wird also bis 2030 um das 2,3-fache zunehmen. Gleichzeitig
nimmt das Beitragsvolumen wegen der geringer werdenden Zahl der
Aktiven kontinuierlich ab.

Die Ursachen reichen in die achtziger Jahre
zurück. Damals zeichnete sich ab, dass viel mehr junge Leute Theologie
studierten, als Pfarrstellen vorhanden waren. Bis 1992 wuchsen die
Kirchensteuereinnahmen stetig. Damit wuchs auch die Überzeugung,
dass keine Theologen nach bestandenem Examen arbeitslos werden sollten.
Zuvor hatte es jahrelang starken Mangel an Pfarrern gegeben: Diese
Erfahrung war noch gegenwärtig.

Um die Theologenstellen zu finanzieren, senkte
man die Versorgungskassenbeiträge von 40 auf 30 Prozent der Bemessungsgrundlage
(Endgehalt eines Pfarrers) und bildete daraus eine Rücklage für
die Pfarrbesoldung. 1992 beschloss die Landessynode, für die absehbaren
hohen Zahlungen an die ostdeutschen Landeskirchen an das Sparbuch
zu gehen – nämlich an die Rücklage, die ursprünglich für die Bezahlung
zusätzlicher Theologen auch außerhalb der Pfarrstellen gebildet
worden war.

Doch die „blühenden Landschaften“ blieben
aus, die Konjunktur entwickelte sich nicht wie erhofft. Hinzu kamen
die Reformen der Lohn- und Einkommenssteuer seit 1993: Die Kirchensteuereinnahmen
brachen weg. Die Landessynode sah sich gezwungen, Beschränkungen
der Aufnahme in den Vorbereitungsdienst zu beschließen und erhebliche
Eingriffe in das Dienstrecht vorzunehmen. Heute stehen in der EKvW
1540 Pfarrerinnen und Pfarrern auf regulären Stellen 469 Kolleginnen
und Kollegen im Entsendungsdienst und 131 Beschäftigungsaufträge
gegenüber.
Ab 2002 wurde das Beitragssystem der Versorgungskasse
grundlegend überarbeitet. Heute liegt der Beitragssatz für die Versorgungskasse
bei 50 Prozent und erhöht sich künftig um jeweils einen Prozentpunkt
pro Jahr bis zu 60 Prozent. Das wird jedoch nicht ausreichen, um
die Versorgung auch über das Jahr 2030 hinaus zu sichern. Deshalb
ist, wie im Rundschreiben vom 23. Dezember 2005 angekündigt, neben
den jetzigen Stellenbeiträgen auch ein Beitrag für die Leistungen
der Versorgungsempfänger notwendig. Voraussichtlich muss die Landeskirche
dazu für 2007 rund 3,5 Millionen Euro aufbringen, für 2008 sieben
und für 2009 elf Millionen Euro.

Clearing

Das laufende wie auch die nächsten Haushaltsjahre
werden durch erhebliche Rückzahlungen aus dem Kirchenlohnsteuer-Verrechnungsverfahren,
dem sogenannten Clearing, belastet werden.

Was ist darunter zu verstehen und wie kommt
das? Die Kirchenlohnsteuer wird zusammen mit der Lohnsteuer vom
Arbeitgeber einbehalten und an das Betriebsstättenfinanzamt abgeführt.
Sie steht der Landeskirche zu, in der die evangelischen Erwerbstätigen
wohnen. Da Betriebsstätten und Wohnsitze ungleich über die Landeskirchen
verteilt sind, geht die Kirchenlohnsteuer vielfach bei Landeskirchen
ein, denen sie gar nicht zusteht. Es bedarf daher eines Abrechnungsverfahrens,
damit die Landeskirchen die Kirchenlohnsteuer ihrer Gemeindeglieder
erhalten. Dieses Verfahren wird von der Clearing-Stelle beim Kirchenamt
der EKD durchgeführt: Landeskirchen mit überhöhtem Kirchenlohnsteueraufkommen
leisten Abschlagszahlungen, Landeskirchen mit zu niedrigem Aufkommen
erhalten Vorauszahlungen. Die Abrechnung erfolgt, sobald die Finanzverwaltung
einen abgeschlossenen und ausgewerteten Veranlagungszeitraum vorlegt.
Damit kann die Abrechnung frühestens nach drei Jahren erfolgen.
So resultieren die aktuellen Rückzahlungsverpflichtungen für Westfalen
aus der Abrechnung für das Jahr 2001 und den zu erwartenden Abrechnungen
für die Jahre 2002 ff.

Die Festsetzung der Vorauszahlungen beruht
naturgemäß auf Basiszahlen zurückliegender Jahre. Veränderungen
wie etwa die Verlagerung von Betriebsstätten, Wanderungsbewegungen
der Erwerbstätigen und Verschiebungen in der Finanzkraft zwischen
den Landeskirchen auf Grund der unterschiedlichen regionalen Wirtschaftsentwicklung
können das spätere Abrechnungsergebnis erheblich verändern. Die
EKD hat wegen der Risiken des Systems seit jeher die Bildung einer
Rückstellung in Höhe eines Clearing-Jahresaufkommens empfohlen.
Wohl unter dem Eindruck, dass Clearing-Abrechnungen regelmäßig zu
Nachzahlungen führen, wurde dieser Empfehlung lange Zeit nicht gefolgt.
In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die EKvW 1988
eine Nachzahlung von 70 Millionen Euro erhielt. Damit wurde das
Initiativ-Programm zur Schaffung von Arbeitsplätzen in Kirche und
Diakonie aufgelegt. Die Bildung einer Clearing-Rückstellung erfolgte
nicht.

Ab 1997 wurde mit dem Aufbau einer solchen
Rückstellung begonnen. Bis 2006 wurden rund 25 Millionen Euro zurückgelegt.
Einschließlich der noch erwarteten Abrechnung für das Jahr 2002
werden jedoch im laufenden Jahr etwa 40 Millionen Euro zur Rückzahlung
fällig. Damit muss die Rückstellung aufgestockt werden: Statt rund
sechs Millionen Euro – wie von der letzten Landessynode in Aussicht
genommen – sind 20 Millionen notwendig. Die gleiche Summe dürfte
auch in den Folgejahren anzusetzen sein.

III. Was morgen sein könnte: Zukunftsmöglichkeiten

Mit den hier skizzierten Entwicklungen sind
die in der Vorlage Kirche mit Zukunft prognostizierten Finanzrückgänge
beschleunigt Realität geworden. Die Folgen treffen die EKvW auf
allen Ebenen, von der Gemeinde vor Ort bis zur Landeskirche. Jetzt
gilt es zu sehen, was ist. Eine tiefgreifende Bewusstseinsänderung
ist nötig. Wir müssen die Größe und die Strukturen unserer Kirche
der Mitgliederentwicklung anpassen und dabei das Kleinerwerden gestalten.

Die sehr viel geringeren Einnahmen aus der
Kirchensteuer können nicht annähernd durch andere Mittel ausgeglichen
werden. Dennoch ist jetzt viel Fantasie und Kreativität gefragt,
um neue Finanzquellen für wichtige kirchliche Arbeitsbereiche zu
erschließen. Manches ist auf dem Weg: Wir investieren in Fundraising-Ausbildung,
Stiftungen werden vielerorts zur Sicherung kirchlicher Arbeitsfelder
ins Leben gerufen und eine Gesetzesvorlage über die Einführung von
Kirchenbeiträgen für Bezieher von Alterseinkünften wird der Landessynode
2006 vorgelegt. Auch müssen wir uns – wahrlich nicht nur aus finanziellen
Gründen – daran erinnern, dass es in Westfalen etwa 400.000 Getaufte
gibt, die in den letzten 25 Jahren die EKvW verlassen haben. Etwa
zwölf Prozent von ihnen sind seitdem wieder in die Kirche eingetreten.
Uns kann es nicht gleichgültig lassen, dass 350.000 Getaufte ihrer
Kirche den Rücken gekehrt haben. „…weil die Getauften durch ihre
Taufe in die Kirche, in den Leib Christi eingefügt worden sind,
bedeutet die Entscheidung zum Austritt eine Wunde an diesem Leib,
einen Verlust für die Gemeinschaft in der konkreten Gemeinde, aber
auch einen (ihnen selbst oft nicht bewussten) geistlichen Schaden
der Getauften, die die Verbindung zu der für das Leben wesentlichen
Quelle verlieren.“ (aus: Taufe und Kirchenaustritt – Theologische
Erwägungen der Kammer für Theologie zum Dienst der evangelischen
Kirche an den aus ihr Ausgetretenen, S. 12)

Mit Wiedereintrittsstellen erzielen wir beachtliche
Erfolge. Die Zahl der Austritte hat sich in den letzten Jahren zu
den Eintritten vom Verhältnis drei zu eins (drei Austritten stand
ein Eintritt gegenüber) auf das Verhältnis von zwei zu eins verändert.
Dennoch: Jeder Austritt ist einer zu viel, und es gilt, den Ausgetretenen
nachzugehen.

Im September 2006 werde ich das Projekt
Mit Kindern neu anfangen eröffnen. Wenn die Glaubensweitergabe in
den Familien nicht mehr gelingt, müssen Kinder und Jugendliche durch
ihre Kirche erfahren und erleben, dass sie getauft sind und zur
Kirche gehören. Die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation
ist eine unserer vornehmsten Aufgaben. So muss die religiöse Erziehung
von Kindern und Jugendlichen in unserem Blickfeld bleiben, selbst
wenn wir mancherorts die Trägerschaft von eigenen Einrichtungen
nicht mehr finanzieren können.

„Wir wollen eine Kirche sein, die sich
ihres Glaubens und ihrer evangelischen Identität in allen Reformen
bewusst bleibt, die Menschen in ihren Fragen und Problemen wahrnimmt
und ihnen die bedingungslose Zuwendung Gottes zuspricht. Wir wirken
an der ethischen Orientierung in unserer Gesellschaft mit und mahnen
notwendige Veränderungen an“,
heißt es im Kirchenbild der EKvW
(Unser Leben – Unser Glaube – Unser Handeln). Das fordert uns heraus,
auch die eigenen Realitäten ungeschminkt wahrzunehmen und notwendige
Veränderungen anzugehen.

Hauptursache für die Finanzentwicklung
in der EKvW ist der Mitgliederrückgang. Hinzu kommen von uns nicht
direkt beeinflussbare Faktoren wie die wirtschaftliche Entwicklung
und die Steuerpolitik des Bundes, die zu leeren öffentlichen Kassen
geführt hat. Finanziell magere Jahre werden auf uns zukommen. Auch
wenn wir nennenswerte zusätzliche Finanzquellen erschließen sollten,
stehen wir jetzt auf allen Ebenen unserer Kirche vor der Frage,
welches eigene Profil wir stärken, was wir mit anderen gemeinsam
tun und was wir aufgeben müssen. Finanziell magere Jahre sind nicht
automatisch auch geistlich magere Zeiten. So nannte Josef seinen
– zwischen fetten und mageren Jahren in Ägypten – Zweitgeborenen
Ephraim, denn Gott hat mich wachsen lassen im Lande meines Elends
(1.Mose 41, 52).

Mir ist daran gelegen, dass auch in Zukunft
viele Menschen in unterschiedlichen Milieus und Lebenskulturen vom
Evangelium erreicht werden. Deshalb bitte ich alle, die in unserer
EKvW Leitungsverantwortung haben, bei ihren Entscheidungen die in
unserem Kirchenbild (Unser Leben – Unser Glaube – Unser Handeln)
aufgeführten Dimensionen kirchlichen Handelns im Blick zu haben.
Es wird von großer Bedeutung sein, dass Menschen im Jahreslauf und
im Lebenslauf, aber auch in unterschiedlichsten Lebenslagen erfahren:
Ihre Kirche hat ein Gesicht, und das Evangelium ist zu hören und
zu spüren. So formuliert es das Kirchenbild der EKvW:
„Damit
die christliche Botschaft möglichst viele Menschen erreicht, muss
kirchliches Handeln in vielfältigen Diensten und Angeboten Gestalt
annehmen – in Ortsgemeinden und gemeindeübergreifenden Diensten
im Kirchenkreis und in landeskirchlichen Ämtern und Werken… Durch
dieses breit gefächerte Angebot in den Ortsgemeinden und den funktionalen
Arbeitsbereichen ist unsere Kirche vielfältig im Alltag der Menschen
und der Gesellschaft präsent“
(Unsere Geschichte – Unser Selbstverständnis,
S. 28 f). Wir fragen jetzt noch intensiver danach, durch welche
bestehenden Strukturen die Verkündigung des Evangeliums behindert
oder gefördert wird. Auf allen Ebenen ist jetzt Aufgabenkritik dran:
Was müssen wir tun, was können wir lassen? Was können wir gut, was
können andere besser? Was können wir mit anderen tun? Was können
andere für uns mit erledigen? (Nach den Sommerferien 2006 wird eine
Arbeitshilfe vorliegen mit dem Titel Gemeinde auf gutem Grund.
Eine Hinführung zur Erstellung von Gemeindekonzeptionen für Kirchengemeinden
und Kirchenkreise. Kriterien – Planungshilfen – Arbeitsfolien. Die
Grundsätze zu Führung, Leitung und Zusammenarbeit in der EKvW
sollten
in der jetzigen Situation unbedingt Beachtung finden: siehe dazu
www.reformprozess.de.)

Wir haben also jetzt zu entscheiden, welche
Arbeitsfelder wir stärken, bündeln oder auch aufgeben wollen. Mir
hilft es gegenwärtig, bei solchen Entscheidungen im Sieben-Jahres-Duktus
nach vorne zu denken und zum Beispiel die Frage zu stellen, wodurch
unsere Kirche in zweimal sieben Jahren herausgefordert und was in
zweimal sieben finanziell mageren Jahren noch zu finanzieren sein
wird. Dann fällt es mir leichter, mich den aufscheinenden Konturen
unserer EKvW in der Zukunft zuzuwenden, statt mich im Abschied von
liebgewordenen Strukturen zu verheddern. (Vor zweimal sieben Jahren
– 1992 – hatten wir das höchste Kirchensteueraufkommen; seitdem
haben wir 25 Prozent an Finanzkraft eingebüßt. Vor einmal sieben
Jahren begann unser Reformprozess Kirche mit Zukunft.)

Dies steht mir als Vision vor Augen: In zweimal
sieben Jahren wird unsere EKvW viel kleiner sein als jetzt, mit
bedeutend weniger Mitgliedern, Kirchen und Gemeindehäusern. Statt
gegenwärtig 2100 tun noch etwa 1200 Pfarrerinnen und Pfarrer in
ihr Dienst. Weitere Hauptamtliche bilden vor allem ehrenamtlich
Mitarbeitende fort. Die Kirchensteuer dient der Grundfinanzierung.
Weitere Arbeitsfelder werden aus anderen Finanzquellen unterhalten.
Es gibt weniger Kirchenkreise. Gemeinsame Dienstleistungseinrichtungen
für mehrere Kirchenkreise sind selbstverständlich geworden. Zahlreiche
unterschiedliche Gemeindeformen ergänzen sich zu einer bunten Landschaft.
Die Trennung zwischen ortsgemeindlichen und gemeinsamen Diensten
ist weitgehend überwunden. Gemeinden existieren in der klassischen
Parochie ebenso selbstverständlich wie zum Beispiel im Zusammenhang
von Stadteilzentren, Citykirchen, Schulen, Freizeiteinrichtungen
oder als Profilgemeinden mit geistlichem, kirchenmusikalischem,
sozialem, kulturellem oder jugendbezogenem Schwerpunkt. Viele der
historischen Kirchen sind Zentren mit großer Ausstrahlungskraft,
weil hier geistliches, diakonisches, seelsorgliches, ökumenisches
und gesellschaftspolitisches Leben und Handeln der Gemeinde konzentriert
worden sind. In strukturschwachen Gebieten entwickeln sich kirchliche
Zentren zu quirligen Mittelpunkten und wirken der Verödung ganzer
Landstriche entgegen. Sie beherbergen einen Knotenpunkt ländlicher
Infrastruktur oder städtischer Kommunikationskultur. In kirchlichen
Bistros gibt es die Poststelle, Brötchen, Zeitungen, Tickets und
auch eine einladende Gastronomie. So wird zugleich die Gemeindearbeit
mit finanziert. Diese kirchlichen Zentren sind auch Anlauf- und
Ruhepunkt für Leib und Seele. Vielerorts hat man sich ökumenisch
zusammengetan…

Das sind meine Vorstellungen. Ich bitte Sie
herzlich, selber solche Szenarien für die Zukunft Ihres Verantwortungsbereiches
zu entwickeln. Sie mögen Ihnen wirklichkeitsnäher erscheinen als
meine. Ich möchte hier diesen Stein ins Wasser werfen, damit er
Kreise zieht.

Der Rat der EKD hat einen solchen Perspektivwechsel
schon vor einiger Zeit als notwendig herausgestellt. Er verlangt
eine Umkehrung in der Begründung für die Existenz kirchlicher Arbeitsfelder:
Nicht die lange Tradition eines Arbeitsgebietes, sondern seine Bedeutung
für die Zukunft soll maßgeblich für seinen Stellenwert sein. In
Kürze wird der Rat der EKD unter dem Titel „Kirche der Freiheit“
eine Ausarbeitung zu Perspektiven der Evangelischen Kirche im 21.
Jahrhundert vorlegen. Darin sind viele Aspekte unseres Reformprozesses
Kirche mit Zukunft aufgenommen und weitergeführt. Ich empfehle
Ihnen allen, sich mit den darin aufgezeichneten Perspektiven auseinanderzusetzen
und sie auf Ihre konkreten Herausforderungen vor Ort hin zu reflektieren.

Liebe Schwestern und Brüder, Menschen wollen
auf vielfältige Weise in ihrer Lebenswirklichkeit angesprochen werden.
Zu Pfingsten verstanden alle die frohe Botschaft in ihrer Muttersprache.
Parther, Meder, Elamiter, Juden, Römer, Kreter, Araber
und wie sie alle hießen – bedurften keiner Einheitssprache, um zu
verstehen. Das ist das pure Gegenteil der in unserer Kirche so häufig
anzutreffenden Milieuverengung: Alle sind von Gott angesprochen
in seiner Geschichte mit uns Menschen. Zu Pfingsten wird die Sprache
der Herkunft gerade nicht verleugnet. Die Zugehörigkeit zu einem
besonderen Volk, einer eigenen Kultur oder Bildung sowie einer ganz
persönlichen Geschichte wird nicht aufgehoben.

Auch heute suchen Menschen aus unterschiedlichsten
Lebenskulturen nach klaren, unverstellten Antworten auf ihre Lebensfragen.
Sie suchen nach Orientierung und Vergewisserung. Über Religion und
Glauben wird in der Öffentlichkeit wieder geredet. Es ist an uns,
diese Chance zu ergreifen. Wir können auf vielgestaltige Weise weitergeben,
wie schön, notwendig und wohltuend das Evangelium ist, wie Christus
befreit zu einem ganzen, heilen Leben. Eine evangelische Kirche,
die dieses Grundes gewiss ist, will viele unterschiedliche Menschen
erreichen. Keiner kann von sich aus Lebensgewissheit schaffen oder
Glauben herstellen. Das können wir auch als Kirche nicht. Aber wir
können darum bitten, dass Gottes Geist mitten unter uns Wohnung
nimmt. Mit dieser Bitte grüße ich Sie alle herzlich: Veni creator
spiritus! Komm, heilger Geist, der Leben schafft!

Ihr


(Alfred
Buß)

PS: Der Brief ist auch im Internet zu finden
(pdf zum Herunterladen): www.ekvw.de

Anlage

1. Vorschläge für die Landessynode 2006

Einbußen beim Gehalt

Pfarrerinnen und Pfarrer, die jetzt in der
Vergütungsgruppe A 13 sind, werden nicht mehr in die Gruppe A 14
„durchgestuft“. Das bedeutet: Wer die Endstufe von A 13 noch nicht
erreicht hat, wird noch innerhalb dieser Gruppe höhergestuft, doch
entfällt dann der nächste (bisher nach zwölf Jahren übliche) Schritt
nach A 14. Pfarrerinnen und Pfarrer bleiben im Einkommen etwa einem
Studienrat gleichgestellt. Wer bereits eine höhere Vergütung erhält,
bezieht den über die Endstufe von A 13 hinausgehenden Betrag weiter.
Bei künftigen Gehaltsanhebungen wird diese Zulage jeweils um die
Hälfte des Erhöhungsbetrages gekürzt. Für besondere Funktionen des
Pfarrdienstes ist an eine Zulage gedacht: bei Assessoren in Höhe
der Differenz zu A 14, für Superintendenten in Höhe der Differenz
zu A 15. Die Besoldungen für Mitglieder der Kirchenleitung werden
entsprechend überarbeitet, die Bewertung der Beamtenstellen des
Höheren Dienstes überprüft.

Vorruhestand attraktiver machen

Weitere Entlastung sollen attraktivere Bedingungen
bringen, unter denen Pfarrerinnen und Pfarrer in den Vorruhestand
gehen können. Wer sich dazu entschließt, soll denjenigen Pfarrern
und Kirchenbeamten gleichgestellt werden, die bereits jetzt das
sogenannte vorgezogene Altersruhegeld – mit 63 – beziehen. Damit
sollen Pfarrstellen für die jüngere Generation freigemacht werden.
Alle Entscheidungen, ob und wie weitere Vergünstigungen eingeführt
werden, müssen sich an der Frage nach der Gerechtigkeit gegenüber
der nachwachsenden Generation, Theologen und andere Mitarbeitende,
orientieren. Denn die künftige Pfarrergeneration wird im Ruhestand,
auch wenn er erst mit dem 65. Lebensjahr beginnt, mit deutlich weniger
Geld auskommen müssen.

Kirchenbeitrag für Rentner

Viele Menschen im Ruhestand, die keine Kirchensteuer
zahlen, würden ihre Kirche gerne regelmäßig finanziell unterstützen.
Voraussichtlich wird der Landessynode im November ein Entwurf vorliegen:
Bezieher von Alterseinkünften, die nicht kirchensteuerpflichtig
sind, sollen 0,5 Prozent ihres Einkommens als Kirchenbeitrag entrichten.
Das gilt aber erst ab einem bestimmten Mindesteinkommen. Wichtige
Ausnahme: Wer zu einer der Gemeinden gehört, die bereits ein freiwilliges
Kirchgeld eingeführt haben, wird selbstverständlich nicht noch einmal
zur Kasse gebeten.

2. Bereits in Durchführung

Fundraising

Viele Organisationen, Firmen und Einzelpersonen
sind unter bestimmten Umständen bereit, Geld oder Sachmittel für
ihre Kirche zu geben. Fantasie, Gespür für das Mögliche und Beziehungspflege
können – in Verbindung mit handwerklich guter Arbeit – Geldquellen
auftun, die bisher verschlossen sind. Deshalb durchlaufen seit Dezember
2005 aus jedem Gestaltungsraum zwei Personen eine Ausbildung bei
der Fundraising-Akademie Frankfurt. Nach dem Abschluss im März 2007
werden sie, auch als Multiplikatoren, zur Verfügung stehen.

3. Weitere Informationen zur Kirchensteuer:
www.ekvw.de

Pfarrstellenbesetzung

Pfarrstellenbesetzung

Seit März arbeitet das Pfarrerehepaar Jutta
Petzold und Jörg Hoffmann-Petzold mit einem Beschäftigungsauftrag
in unserer Gemeinde. Nach den Sommerferien werden sie vom 4. in
den 1. Bezirk wechseln. Dieser Wechsel ist notwendig geworden, da
die 4. Pfarrstelle von der Kirchenleitung zur Wiederbesetzung freigegeben
worden ist und nun nach den landeskirchlichen Bestimmungen nicht
mehr mit Vertretungskräften besetzt werden darf.

Wir freuen uns, dass Jutta Petzold und Jörg
Hoffmann-Petzold weiterhin in der Kirchengemeinde Klafeld bleiben.
Sicher werden sie im 1. Bezirk, der seit fast einem Jahr nicht mehr
besetzt ist, schon erwartet und freundlich aufgenommen.

EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“

Alles wird anders: die Reformvorschläge
für die Evangelische Kirche

„Die evangelische Kirche in Deutschland steht
vor großen Herausforderungen“, das stellt der Rat der EKD in seinem
Impulspapier „Kirche der Freiheit – Perspektiven für die evangelische
Kirche im 21. Jahrhundert“ fest (veröffentlicht im Juli 2006). Die
Notwendigkeit zur Veränderung ergibt sich nach Ansicht des Rates
der EKD aus folgenden Problemen: Die Kirchenmitglieder werden immer
weniger und immer älter, die Einnahmen verringern sich dadurch drastisch.
Die Bindung an die Kirche sinkt: Viele Familien nehmen Angebote
wie Taufe und Trauung nicht mehr wahr. Der nächsten Generation fehlt
eine gründliche Kenntnis von Glaubensinhalten und kirchlichen Traditionen.
Die „Fetten Jahre“ sind vorbei: Die Kirche hat zu viele (und damit
zu teure) hauptamtliche Mitarbeiter, Kirchengebäude sind zu groß
oder stehen leer. Die Verwaltung von 23 Landeskirchen ist umständlich
und teuer.

Der Rat der EKD fordert einen „Mentalitätswandel“
in der evangelischen Kirche und macht den Mitgliedern Mut, die anstehenden
Veränderungen mit Hoffnung und Vertrauen in Jesus Christus anzugehen.
Für den Reformprozess werden vier Grundsätze genannt:

  1. „Geistliche Profilierung“: Die Kirche
    verkündet das Evangelium.
  2. „Schwerpunktsetzung“: Die Kirche muss
    nicht alle Aufgaben wahrnehmen.
  3. „Beweglichkeit in den Formen“: Die Kirche
    wirkt auf verschiedene Art und Weise.
  4. „Außenorientierung“: Die Kirche will
    Menschen dazugewinnen.

In so genannten „Leuchtfeuern“ formuliert
der Rat der EKD eine Vision für das Jahr 2030: Die evangelische
Kirche überzeugt durch eine hohe und vergleichbare Qualität ihrer
Kernangebote (Taufe, Trauung). Dadurch kommen 10 statt wie bisher
durchschnittlich 4 Prozent der Mitglieder in den Sonntags-Gottesdienst,
50 Prozent nehmen die Kernangebote wahr. Ein Viertel der Gemeinden
wird zu „Profilgemeinden“ mit besonderen Zielgruppen. Hauptamtliche
Mitarbeiter erhalten mehr Fortbildung. Kindern und Jugendlichen
wird mehr Grundlagenwissen vermittelt: 90 Prozent der Kinder eines
Jahrgangs kommen in den ersten sechs Lebensjahren mit biblischen
Geschichten, christlichen Symbolen und kirchlichen Traditionen in
Berührung. Ein Kanon von 12 Geschichten und 12 Liedern wird festgelegt.
Die Kirche geht mit eigenen Themen an die Öffentlichkeit. Das Finanzsystem
wird umgestellt: Im Jahr 2030 kommt ein Fünftel der Einnahmen aus
zusätzlich eingeworbenen Mitteln. 60 Prozent der Mitglieder zahlen
einen Beitrag (heute: 30 Prozent). Die Zahl der Landeskirchen wird
von 23 auf acht bis zwölf reduziert.

Diese Vorschläge sollen in den Gemeinden und
auf einem Kongress im Januar diskutiert werden. Der ganze Text umfasst
110 Seiten und ist im Internet unter www.ekd.de zu finden.

Anne Kampf, Freudenberg


Information der Gemeindeglieder

Information der Gemeindeglieder aus „gemeinde jetzt“,
Augabe:Sept./Okt.
2006

Liebe Gemeindeglieder,

am 13.06.2006 hatten wir Sie zu einer Gemeindeversammlung ins
Lutherhaus eingeladen, um Ihnen die vom Presbyterium erarbeitete
neue Gemeindestruktur vorzustellen. Sicherlich hatte nicht jeder
die Gelegenheit an diesem Termin teilzunehmen, deshalb möchte ich
Ihnen nachfolgend den Prozess und die Beschlüsse zu dieser Gemeindestruktur
darstellen.

Das Presbyterium beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit
der finanziellen Situation. Im Dezember 2004 wurde dem Gremium von
drei Mitgliedern des Bau- und Finanzausschusses erste Überlegungen vorgestellt, die eine
weit reichende Änderung der Gemeindestruktur beinhaltete. Da eine
solche Entscheidung gut vorbereitet sein muss, entschloss sich das
Presbyterium eine fünfköpfige Steuerungsgruppe, in der alle Bezirke
vertreten waren, einzurichten. Am 21.04.2005 fand dann eine Informationsveranstaltung
über die finanzielle Situation für alle Haupt- und Nebenamtlichen
sowie leitend Ehrenamtlichen statt. Gleichzeitig erarbeitete die
Steuerungsgruppe einen Fragebogen, bei der Sie alle aufgefordert
waren Ihre Meinung bzgl. der Gottesdienste und der Gemeindearbeit
abzugeben.

Bei einem Studientag mit Herrn Pfarrer Dusza (Gemeindeentwicklung)
wurde dann ein erstes Ergebnis erzielt, dass anschließend in der
Steuerungsgruppe weiterentwickelt, im Presbyterium vorgestellt und
in der Maisitzung endgültig beschossen wurde.

Was führte zu dieser Entscheidung?

  1. sinkende Gemeindegliederzahlen
    1963 hatte die Kirchengemeinde noch 13.900 Gemeindeglieder. Im
    Jahre 2006 trotz Sohlbach/Buchen und Kölsbachgrund 8247. Aufgrund
    von Demographie müssen wir in 2012 von nur noch 7226 Gemeindegliedern
    ausgehen. Austritte spielen in diesem Zusammenhang nur eine untergeordnete
    Rolle.
  2. sinkende Kirchensteuereinnahmen
    Allein in den letzten vier Jahren sind die Kirchensteuereinnahmen
    von 532.000 € um 120.000 € zurückgegangen und die mittelfristige Prognose
    geht bis 2012 von einem weiteren Verlust von 188.000 € auf dann nur
    noch 224.000 € aus. Das sind in 10 Jahren fast 60% weniger Einnahmen.
  3. MitarbeiterInnen
    Wir beschäftigen einen Küster in Vollzeit, sieben Küsterinnen
    mit insgesamt 73,6 Stunden, drei Raumpflegerinnen mit 14 Stunden,
    einen Gemeindepädagogen in Vollzeit, zwei Verwaltungsangestellte
    mit insgesamt 37,25 Stunden sowie fünf KirchenmusikerInnen mit 29,8
    Stunden.
    In unseren sieben Tageseinrichtungen für Kinder arbeiten 39 Erzieherinnen
    mit unterschiedlichen Stundenzahlen, vier Hauswirtschaftskräfte
    mit insgesamt 20,5 Stunden und 5 Hauswartinnen und Hausmeister mit
    zusammen 61 Stunden.
  4. Gebäude
    Neben den sieben Tageseinrichtungen für Kinder unterhält die
    Gemeinde eine Kirche, sechs Gemeindezentren (Hoher Rain ist zurzeit
    vermietet), ein Gemeinderaum und fünf Pfarrhäuser (zwei vermietet)
  5. Instandhaltungs- und Investitionsstau
    Um auf Dauer alle Gebäude zu unterhalten müssten ca. 3,4 Millionen
    Euro aufgewandt werden. (Lutherhaus: 1,4 Mio. / Talkirche: 1,5 Mio.
    / Wenscht: 0,2 Mio. / Birlenbach 0,1 Mio. und Pfarrhäuser 0,18 Mio.)
  6. Darlehenskosten
    Für das neueste Gemeindehaus in Sohlbach-Buchen, dass wir aufgrund
    der Überlastung von dem einzigen Pfarrer für Buschhütten zum 01.01.2005
    übernommen haben, müssen in den nächsten 8 Jahren ca. 20000 € pro
    Jahr an Zinsen und Tilgung gezahlt werden.
  7. Einsparungen
    In den letzten Jahren wurde immer wieder innerhalb des Haushaltes
    verschiedene Einsparungen vorgenommen, die in Summe über 100.000

    einbrachten.
  8. Gemeindeumfrage
    Bei der Umfrageaktion im letzten Sommer konnte als Ergebnis festgehalten
    werden, (genaue Information erfolgte bereits in einer Ausgabe von
    „Gemeinde jetzt“) dass die Gemeinde großen Wert auf die Arbeit mit
    Kindern und Jugendlichen legt.
  9. Haushalt 2006
    Ich möchte Ihnen grob die wesentlichsten Zahlen unseres Haushaltes
    darlegen:

Kirche, Gemeindezentren und
Pfarrhäuser abzgl.
Mieteinnahmen

307.000

Kosten für die
Tageseinrichtungen für
Kinder

171.000

Arbeit mit Kindern und
Jugendlichen 

  61.000

Gemeindearbeit und
Sonstiges  

  57.000

Kosten für
Verwaltung  

  54.000

Diakonie und
Vereine 

  16.000 €

Summe
Ausgaben

666.000

Summe Kirchensteuer einschl. nicht projektbezogene Spenden 

412.000

Haushaltsdefizit
2006

234.000

 

     10.  Haushaltssicherung

Aufgrund des oben genannten Haushaltsdefizits ist der Ausgleich
des Haushaltes nicht zu erreichen, so dass nach §67a der Verwaltungsordnung
unverzüglich ein Haushaltssicherungskonzept durch Beschluss des
Leitungsorgans (Presbyterium) aufzustellen ist. Die Haushaltssicherung
dient zur nachhaltigen Sicherstellung kirchlicher Aufgabenerfüllung.
Sie ist jährlich fortzuschreiben und soll höchstens vier Jahre umfassen.
Dies bedeutet, dass auch in den nächsten drei Jahren weiterhin Defizite
in Höhe von mindestens 234.000€ anfallen und ausgeglichen werden
müssen.

Das Presbyterium hat aufgrund dieser prekären Situation einstimmig
bei zwei Enthaltungen folgendes Gemeindekonzept beschlossen:

  1. Aufgabe von 4 Gemeindehäusern
    (Lutherhaus, Birlenbach, Setzen, Sohlbach) zum 01.10.2007
  2. Aufgabe des Gemeindezentrum
    Wenscht zum 01.10.2011
  3. Verkauf bzw. Vermietung
    von Pfarrhäusern
  4. Erhalt und kurzfristige
    Umgestaltung der Talkirche einschließlich evtl. Nutzung des Pfarrhauses
    und eines Anbaus an die Talkirche
  5. Anmietung von Räumen in
    Vereins- und Bürgerhäusern für die ältere Generation (Frauenhilfe)
  6. Organisation eines Bus-
    bzw. PKW-Dienst für den Gottesdienstbesuch
  7. Erhalt der Gemeindepädagogenstelle
    für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
  8. Neukonzeption Konfirmandenarbeit
  9. Aufgabe der Tageseinrichtung
    für Kinder am Hohen Rain wegen Demographie bereits mit Stadt Siegen
    zum 01.08.2007 vereinbart
  10. Abgabe der Trägerschaft für
    4 Tageseinrichtungen für Kinder (Hüttental, Schießberg, ‚Wenscht
    und Sohlbach) zum 01.08.2010 (früher, falls die finanziellen Rahmenbedingungen
    negativ geändert werden)
  11. Erhalt der Trägerschaft von
    2 Tageseinrichtungen für Kinder (Talkirche und Setzen)

Jedem einzelnen Mitglied des Presbyteriums ist die Tragweite
dieses schmerzlichen Beschlusses sehr wohl bewusst. Ich persönlich
bin in der Talkirche getauft worden, in der Wenschtkirche konfirmiert
und in der Kirche in Birlenbach getraut. Innerhalb der Arbeit mit
Kindern und Jugendlichen habe ich in Gruppen im Lutherhaus, am Hohen
Rain und im Wenscht mitgearbeitet. So wird auch jeder Einzelne von
Ihnen eine besondere Beziehung zu einzelnen Gebäuden haben.

Wir sollten aber diese dramatische Finanzlage auch als eine Chance
sehen. Denn eine Konzentration bietet, auch auf dem Hintergrund
von in Zukunft nur noch drei Pfarrstellen, die Möglichkeit den Zusammenhalt
innerhalb der Bezirke, der durch verschiedene gemeinsame Aktivitäten
auf einen guten Weg ist, weiter auszubauen.  Die Gruppen und
Chöre, sowie die Gemeindearbeit kann auch mit weniger Gebäuden weitergeführt
werden. Deshalb beabsichtigen wir im zweiten Halbjahr Gespräche
mit den Leitern zu führen.
In einem weiteren Schritt beabsichtigen wir die Erarbeitung einer
Gottesdienst- und Gemeindekonzeption, bei der Sie gerne mitarbeiten
können.
Wir bitten Sie um Verständnis für unsere Entscheidung, aber wenn
wir auch in Zukunft noch verlässliche Gemeindearbeit leisten wollen,
bleibt aus Sicht des Presbyteriums keine andere Wahl.

Hartmut Heinbach (Finanzkirchmeister)