Info: Oekum. Bibelwoche

Bibelwoche

Gern hätten wir Sie an dieser Stelle zur
Bibelwoche eingeladen. Seit 1998 haben wir die Bibelwoche alle zwei
Jahre im November gemeinsam mit der katholischen Nachbargemeinde
St. Joseph durchgeführt. Viele, die an den Bibelabenden im Lutherhaus
und im Pfarrheim St. Joseph teilgenommen haben, werden sich gern
daran erinnern. Die Bibelabende erfordern allerdings eine intensive
Vorbereitung, und die können wir aufgrund der personellen und strukturellen
Veränderungen in beiden Gemeinden in diesem Jahr nicht leisten.
Darum haben wir uns, wenn auch mit Bedauern, entschlossen, die ökumenische
Bibelwoche 2006 ausfallen zu lassen.

Gemeindefahrt 2007

Vorankündigung

Im nächsten Jahr wird es wieder
eine Gemeindefahrt geben.

Vom 9. bis 15. September 2007 geht es nach
Wien.

Auf der Hinfahrt besuchen wir die Drei-Flüsse-Stadt
Passau. Dort sind eine Stadtbesichtigung und eine Übernachtung vorgesehen.
Am 2. Tag gibt es eine Schifffahrt durch die Wachau, abends Ankunft
in Wien. In den nächsten Tagen werden wir diese faszinierende Kulturstadt
mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten kennenlernen. Ein Ausflug führt
uns nach Baden (bei Wien), durch das Helenental, nach Schloß Mayerling,
Stift Heiligenkreuz und durch den Wiener Wald zurück. Genauere Angaben
können Sie den nächsten Gemeindenachrichten entnehmen. Diese Angaben
mögen für die Vorplanungen genügen.

B. Schäfer

Gemeindetag für Weltmission

Gemeindetag für Weltmission
am 03. September 2006 im Wenscht

Schon am 2.September konnte man aus der Kirche
im Wenscht Trommeln und afrikanische Musik hören, denn da wurde
abends um 18.00 Uhr für den Gottesdienst am 3.September geprobt.

Am Sonntagmorgen ging es dann
auch um 9 Uhr schon los. Nach und nach trafen die  Mitglieder
der afrikanischen Gemeinde aus Ghana „New Birth of Believers Ministries“,
die für ihren Gottesdienst sonntags die Räume in der Gerberstraße
nutzen, in ihren schönen afrikanischen Gewändern ein und die Kirche
im Wenscht wurde für den Gottesdienst hergerichtet.

 

Der Altar bekam ein bunt gewebtes Tischtuch
„Kente-Cloth“ aus Ghana und hier und da wurden Holzschnitzereien
aufgestellt. Dann ging es auch schon los mit Trommeln und Singen.
Obwohl bis Sonntagmorgen nicht klar war, ob die zweite afrikanische
Gemeinde „Gemeinde Gottes“ die die Räume am Hohen Rain gemietet
hat, an dem gemeinsamen Gottesdienst teilnehmen konnte oder nicht,
traf auch Pastor Kalambayi mit seinem Sohn, seiner Frau und einigen
Mitgliedern im letzten Moment noch ein. Die Kirche füllte sich mit
über 170 Leuten und es war ein schöner Gottesdienst zu dem alle
sowohl die Gemeinde Klafeld mit Orgelmusik, als auch die beiden
afrikanischen Gemeinden mit Keyboard, Trommeln und Gesang beitrugen.
Die Gemeinde aus Ghana zeigte ein kurzes Theaterstück: Hier ging
es darum, wieso Afrikaner hier ihre eigenen christlichen Gemeinden
gründen und es wurden die Unterschiede aufgezeigt, bzw. das, was
ein Afrikaner hier in Deutschland im Gottesdienst vermisst.  So
konnte der Afrikaner, der von Pastor Sarfo gespielt wurde, dem deutschen
Gottesdienst zunächst sprachlich nicht wirklich folgen und er konnte
überhaupt nicht verstehen, wie man einen Gottesdienst nach einer
Stunde beenden kann und  fand es auch schwer, während des Gottesdienstes
die meiste Zeit ruhig sitzen zu müssen. Er wollte sich lieber zwischendurch
mal tanzend durch die Kirche bewegen dürfen und sei es auch nur
zum Kollektengang. Mancher Klafelder saß da schmunzelnd in seiner
Kirchenbank.


Aber zur Feier des Tages durften dann
auch die Klafelder zu afrikanischer Musik mehr oder weniger tanzend
ihre Kollekte nach vorne bringen. Während des Gottesdienstes wurden
Dias von Kirchen und Gottesdiensten aus Ghana gezeigt. Sodann überreichte
Herr Erich Hoffmann auch noch Geschenke an unsere Gemeinde, die
er in diesem Jahr von der Reise der Jugendgruppe nach Tansania aus
Bagamoyo mitgebracht hatte. Auch von Bagamoyo konnte man Dias sehen.
Nach dem Gottesdienst, der diesmal zur Freude der Afrikaner nicht
nur eine Stunde dauerte, wurden in der Kirche weiterhin Dias aus
Ghana gezeigt und es gab ein leckeres afrikanisch-deutsches Mittagsbuffet
mit der Gelegenheit sich beim Probieren der verschiedenen Speisen
näher zu kommen und sich besser  kennen zu lernen. Nicht nur
die Mitglieder unseres Partnerschaftsausschusses, sondern auch andere
Gemeindemitglieder finden, dass es ein gelungener Tag war und man
einen solchen gemeinsamen Gottesdienst eigentlich noch einmal feiern
müsse.

Ute Kwarteng

vom
Gottesdienst ? (bitte Button anklicken)

Missionar auf Zeit – 1 –

Missionar auf Zeit

Wie viele von Ihnen sicher wissen, ist Dominik
Winkel, aus unserer kath. Schwester-Gemeinde
im Wenscht, seit Mai
diesen Jahres im fernen Indien als Missionar auf Zeit (MaZ).
In
unregelmäßigen Abständen erreichen uns Berichte aus Indien per e-mail
(neudeutsch: Newsletter). Damit Sie an den spanndenden und interessanten
Erfahrungen teilhaben können, habe ich an dieser Stelle die Nachrichten
aus Fernost in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt.
Viel
Spaß beim Lesen.

 


Missionar auf Zeit   – 1

MaZ in Indien – Newsletter
1

Liebe Interessenten des MaZ-Indien-Newsletters!

Mein Abflug steht kurz bevor, die Nervosität
steigt! Bevor ich am 30. Mai das Land verlasse, teste ich hiermit
die Funktionsfähigkeit des Newsletter-Systems.Ich hoffe es ist in
Ordnung, wenn ich der Einfachheit halber alle Empfänger pauschal
mit "Du" anrede – dahinter verbirgt sich keine Respektlosigkeit…

Der Newsletter wird nicht regelmäßig kommen
– du darfst gespannt sein und immer voller Hoffnung sein…
Alle
vergangenen Newsletter werden übrigens auf der Gemeindehomepage
archiviert. Zusätzlich zum Newsletter werden auf der Homepage –
je nachdem wie ich es schaffe – auch Berichte und Bilder aus Indien
veröffentlicht. Also immer mal wieder auf der Homepage vorbeischauen
– es lohnt sich! Bilder selbst werde ich in dem Newsletter nur selten
mitsenden, wenn überhaupt. Die Bilder finden dann eher ihren Platz
direkt auf der Homepage.

www.st-marien-geisweid.de

Wer mich in Indien erreichen möchte, kann
das am besten über E-Mail tun:

dominic.winkel@gmx.de

Wer mir mal schreiben möchte (oder mir ein
Paket mit deutschen Leckereien schicken möchte…), kann das natürlich
gern tun:

Nesakkaram (SEEDS)
11, 1st cross road,
Lake Area, Nungambakkam, Chennai – 600 034

Nun zur vergangenen Aussendungsfeier am 12.
Mai:
So viel Resonanz hätte ich ganz und gar nicht erwartet,
umso mehr bin ich schlicht überwältigt von dem, wie die Aussendungsfeier
und das folgende Beisammensein verlaufen sind. Es gab große Überraschungen
und bewegende Momente, die mir mit Sicherheit noch lange positiv
im Gedächtnis bleiben und die ich mit nach Indien tragen werde.
Vielen Dank für die schönen Wünsche, für die tollen Geschenke und
großzügigen Gaben!

Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, besonders
denen, die bei der Aussendungsfeier am 12. Mai geholfen haben, ganz
herzlich zu danken!!

Es sind zu nennen (Reihenfolge durcheinander!)

  • Die beiden Rückkehrerinnen Michaela Werthebach
    und Katharina Weber-Yamoah für ihre Vorbereitung und spannenden
    und anschaulichen Informationen
  • Organist Marius Hartmann für das klasse
    Orgelspiel
  • dem Bläserkreis des CVJM Geisweid unter
    Leitung von Jürgen Katz, der einen super Klang präsentierte,
    extra einen Termin verschoben hat und sich es nicht nehmen ließ,
    ein von mir komponiertes Stück aufzuführen
  • meinem" Flötenchor, der mit fast
    allen Ehemaligen gekommen ist und ohne mein Wissen Stücke geprobt
    und dann aufgeführt hat, das hat mich schlicht umgehauen! Hier
    vor allem Danke an die spontane Chorleiterin Verena Linker!
  • all denen die eine Fürbitte vorbereitet
    haben
  • Anne Krause für den Dienst in der Kirche
  • unseren beiden duften Obermessdienerinnen
    Linda Gerloff und Verena Linker
  • Vikar Michael Melcher für seine Hilfestellung
    und tollen Ideen bei der Vorbereitung der Messe und für die
    Zelebration
  • Pfarrer Karl-Hans Köhle für seine Unterstützung
    und seine Bereitschaft, an dem Freitagabend mitzuzelebrieren
  • Gerlinde Linker, unsere "Video-Diva"
  • meinem Freund Thorsten Wroben fürs Filmen
    und Fotografieren
  • dem PGR für sein großes Entgegenkommen
    und die Vorbereitungen für die Feier, besonders zu nennen Martina
    Geitzhaus, Michael Neuser, Irene Koll und Christine Bänfer
  • Benjamin Kempfe, der Grillmeister der
    KJG mit seinem spontanen Kollegen Laurenz Lohmeyer
  • den fleißigen Küchenhelferinnen
  • den starken Frauen und Männern, die auf-
    oder abgebaut haben
  • und alle die, dich sich sonst mit ihrem
    Einsatz beteiligt haben
  • und alle die die ich vergessen habe zu
    erwähnen

Mein besonderer Dank gilt natürlich all denen,
die durch ihr Kommen und / oder ihrem persönlichen Segenswunsch
gezeigt haben, dass ich ihnen wichtig bin!! Danke auch an alle,
die leider nicht kommen konnten, aber in Gedanken mit bei der Feier
gewesen sind!

Wenn alles klappt, kommt der nächste Newsletter
direkt aus Chennai!

Viele herzliche Grüße,

Dominic Winkel

Datum: 22.05.2006, Autor: Dominic
Winkel



MaZ in Indien – Newsletter
2

Dominic Winkel als "Missionar
auf Zeit" in Indien

Liebe Interessenten des MaZ-Indien-Newsletters!

Es ist gleich 19:30 Uhr, ich sitze hier ganz
in der Nähe meiner Unterkunft in einem Internet-Cafe und tippe diesen
ersten Newsletter aus Indien!

"Reise und Ankunft"

Die beiden Flüge, Düsseldorf-Dubai, Dubai-Chennai
liefen problemlos. Ich habe entweder geschlafen, lecker gegessen
oder mich den tollen Geschenken aus der Heimat gewidmet, einige
durfte ich ja erst im Flugzeug öffnen, dafür haben sie mich umso
mehr positiv umgehauen…
Vor dem Flughafen stand eine riesige
Menschenmenge, und irgendwo leuchtete mir auf weissem Papier mein
Name entgegen… Der Mann stellte sich als Joseph vor, im Taxi gings
dann nach Nungambakkam Lake Area. Ich wurde sehr nett empfangen,
Bruder Joy zeigte mir alles und ich richtete mich in meinem eigenen
Zimmer ein, das direkt neben dem grossen Schlafraum der Jungen liegt,
der auch als Aufenthaltsraum oder Spielraum etc. genutzt wird. Vor
allem die Kinder, besonders die Mädchen begrüssten mich alle sehr
freundlich und neugierig, ich glaube sie haben mich sehr schnell
und problemlos in die Gemeinschaft aufgenommen.

"Wetter"

Inzwischen habe ich mich schon ein bisschen
daran gewöhnt, fast den ganzen Tag ueber in der Hitze zu schwitzen,
nachts mit offenen Fenstern und rauschendem Ventilator zu schlafen
und trotzdem morgens schweissnass aufzuwachen. Also das Klima ist
schon ziemlich krass, bin natürlich gerade zur heissesten Zeit gekommen.
Ein bisschen kann man es vergleichen mit der Mittagshitze in einem
deutschen Ausnahme-Supersommer kurz vor Gewitter… Aber wie gesagt,
ich gewöhne mich langsam und lerne mit der Hitze umzugehen. Z.B.
trinke ich inzwischen ungefaehr 3 Liter Wasser am Tag, habe eine
eigene Wassertonne im Zimmer mit ungefahr 25 Litern.

"Essen"

Also das Essen ist einfach super, eben typisch
indisch, meistens Reis, dazu verschiedene Sossen mit Fleisch oder
Gemüse, auch mal Nudeln oder ähnliches, also bisher sehr abwechslungsreich
und lecker, sicherlich wird eine Phase kommen in der ich mich nach
deutscher Küche sehne, aber im Moment geniesse ich die Mahlzeiten
des hauseigenen Koches. Was die Schärfe anbetrifft, wundere ich
mich im Moment selbst: Natürlich ist alles sehr scharf (vergleichbar
mit türkischem Doener extra scharf), aber ich habe bisher nichts
ausgelassen und vertrage es bisher ohne Probleme, sowohl während
des Essens als auch nachher, ich hoffe das bleibt so.

"Die Arbeit"

Erst heute ist der Direktor, Father Jesu,
von einem Ausflug zurückgekehrt, gleich werden wir evtl. meine Aufgabenbereiche
besprechen. Bisher bin ich ausführlich in die Arbeit von Nesakkaram
eingeführt worden, seit Beginn 1989 haben die Projekte stetig zugenommen,
Strassenkinder ist also nur ein Arbeitsbereich von vielen.  Es
gibt auch eine Homepage, wo einiges aufgeführt ist, schaut doch
mal rein:

www.childucare.org

Die Homepage ist sehr professionell, da waren
indische Experten am Werk, die um einiges praktischer ausgebildet
sind als ich, was Web-Design und Web-Programmierung anbetrifft…
Das
muss vorerst genügen, Abendessen ruft und ich möchte nicht zu spät
kommen. Also bis jetzt ist noch Gewöhnungsphase angesagt, aber bisher
ohne Probleme!

Viele herzliche Grüsse nach Deutschland,

Dominic

Datum: 03.06.2006, Autor: Dominic
Winke
l



MaZ in Indien – Newsletter
3

Liebe Interessenten!

Dies wird nun ein etwas längerer Bericht,
teile ihn deswegen extra in Kapitel ein. Ausserdem werde ich dann
wohl vorerst eine Pause einlegen, denn meine Befürchtung, nicht
so genau zu wissen was ich hier tun kann, hat sich wohl eher ins
Gegenteil verkehrt, im Moment bin ich mehr als 12 Stunden am Tag
aktiv, eingeschlossen einige wenige Pausen.

Erst einmal vielen Dank an alle, die sich
bei mir mal gemeldet haben! Ich komme gar nicht damit nach, jede
einzelne E-Mail persönlich zu beantworten, und bitte da um Geduld
und Nachsicht.

INHALT

  • Nesakkaram / SEEDS – die Hintergründe
  • Mein Tagesablauf
  • Abends am Strand
  • Slum-Mythos wurde Wirklichkeit
  • Abschliessende Bemerkungen

"Nesakkaram / SEEDS – die Hintergründe"

Father Jesu, der Direktor und Gruender von
Nesakkaram, Bruder Joy und die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
(insgesamt sind es ca. 45 inklusive Fahrer, Koch etc.) geben sich
grosse Mühe, mir die Arbeit und die Organisation zu erklären und
mir möglichst alle meine Fragen zu beantworten. Im Folgenden versuche
ich nun grob etwas von dem zusammenzutragen, was ich gelesen und
gehört habe, sicherlich nicht hundertprozentig korrekt, aber ich
hoffe annähernd:

Der Franziskaner Jesu war Ende der 80er Jahre
in einem Zug in der Nähe von Chennai unterwegs, als er auf einen
kleinen Jungen traf, der im Zug saubermachte und dafür von den Reisenden
Kleingeld verlangte. Father Jesu sprach mit diesem Jungen und fasste
aus dieser Begegnung heraus den Entschluss, mehr für die Kinder
in Chennai zu tun. Alles fing erst sehr klein an, 1989 wurde das
Projekt Nesakkaram, auf deutsch grob üebersetzt "sorgende Hände",
unter dem offiziellen englischen Namen "Streets Elfins Education
and Development Society" (SEEDS) gegründet.

Inzwischen sind es viele Projekte, die von
Nesakkaram aus gesteuert werden. Der Hauptsitz von SEEDS befindet
sich ca. 6 km entfernt vom Zentrum von Chennai in einem Viertel
der Reichen in Numgambakkam, Lake Area. Das dreistöckige Gebaeude
mit Dachterasse ist für indische Verhältnisse in einem sehr guten
Zustand, im Erdgeschoss befinden sich einige Büroräume, im ersten
Stockwerk Schlafräume, Fernsehzimmer, Küche und Esszimmer, im zweiten
Stock ein weiterer Schlafraum meiner!), ein grosser Mehrzweckraum
und ein Raum mit kleiner Kapelle fuer die Messfeiern der Brüder.

Nesakkaram ist klassisch hierarchisch organisiert:
An der Spitze der Direktor Father Jesu, unter ihm Bruder Joy, dann
folgen drei sogenannte Coordinators (Koordinatoren), die für vier
"Clusters" (man könnte übersetzen Bezirke) in Chennai
zuständig sind. Sie sind meistens auch gleichzeitig für bestimmte
Fachbereiche wie Gesundheit oder Bildung verantwortlich. Die Bezirke
wurden selbst festgelegt, sie verteilen sich auf Süd- und Zentralchennai
und teilen sich wiederum in jeweils 5-6 "Centres" (man
könnte sagen Unterbezirke) auf, für jeweils zwei von ihnen ist ein
Organiser (Organisator) zuständig. Nahezu gleichzusetzen mit den
Centres sind die "Areas" (= Slum-Gebiete oder Gebiete
mit vielen Armen / Benachteiligten), in jedem Area gibt es einen
Lehrer, meistens ein Student. Ganz unten in der Hierarchie kommen
schliesslich so Leute wie ich, die "Volunteers". Ich bin
nicht der einzige "Fremdling" bei Nesakkaram, bis gestern
waren zwei Mädels aus Holland (insgesamt 3 Monate) und zwei aus
Dänemark (nur eine Woche) ebenso im Projekt tätig.

SEEDS beinhaltet aktuell u.a. folgende Projekte:

  • Strassenkinder und Kinder aus Slums:
    Natrlich besteht die erste Prioritaet darin, das Überleben der
    Kinder zu sichern, doch direkt danach legt SEEDS vor allem Wert
    auf Bildung, um die Kinder aus dieser Umgebung herausholen zu
    können. Deshalb bekommen die Kinder, die morgens in eine Schule
    gehen, nachmittags in jeweils einem Area noch zusätzlich Unterricht,
    abends findet darüberhinaus eine Art Abendschule für die Kinder
    und Jugendlichen statt, die nicht zur Schule gehen können (z.B.
    weil sie für die Familie arbeiten gehen) bzw. die herausgeworfen
    wurden oder sich weigern. Täglich werden auf diese Weise rund
    1.700 benachteiligte Kinder in Chennai von Nesakkaram unterstützt.
  • Ausreisser-Kinder: SEEDS kümmert sich
    auch um Kinder, die von zu Hause vertrieben wurden oder aufgrund
    von Streit oder Gewalt in der Familie ausgerissen sind. Der
    Bahnhof Egmore ist Endstation für die Züge von auswärts, hier
    befindet sich ein kleines Büro von SEEDS, von wo aus diese Kinder
    identifiziert und angesprochen werden. Die Kinder kommen in
    Numgambakkam unter (zur Zeit ca. 45), sie werden in Chennai
    zur Schule geschickt, schlafen und essen im Haus, während sich
    die Mitarbeiter darum bemühen, mit der Familie Kontakt aufzunehmen.
    Im besten Fall werden die Kinder zurück in ihre Familie integriert.
  • Selbsthilfegruppen für Frauen: SEEDS
    hilft auch unterdrückten oder benachteiligten Frauen, die sich
    durch die Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe z.B. finanziell
    unabhängig machen, indem sie kleine Arbeitsgemeinschaften bilden
    und so ihr eigenes Geld verdienen können.
  • Ausbildung und Arbeitssuche: Neben der
    Schulausbildung leistet SEEDS auch Unterstützung bei einer nötigen
    Ausbildung und der damit verbundenen Jobvermittlung für die
    Jugendlichen.
  • Tsunami-Hilfe: An dem riesigen Badestrand
    von Chennai erinnert rein optisch eigentlich nichts mehr an
    die schlimme Katastrophe im Dezember 2004, aber besonders die
    Fischer leiden immer noch unter der Zerstörungskraft der Riesenwelle,
    denn sie haben fast alles verloren. SEEDS hilft in einem Dorf
    den Fischerfamilien, wieder Lebensmut zu bekommen und neu zu
    beginnen, bietet eine Abendschule für die Kinder an.
  • Unterstützung für die Eingeborenen: SEEDS
    hilft einem Eingeborenen-Dorf und errichtet demnächst über 20
    Steinhaeuser für die Familien, die bis jetzt in Hütten aus Holz
    und Blättern leben.

"Mein Tagesablauf"

Im Moment geht es darum, dass ich mir möglichst
viele Bereiche anschaue, um mich nachher auf einen zu konzentrieren.
Ausserhalb der offiziellen Arbeitszeit (10 Uhr bis 18 Uhr inklusive
Mittagspause, Abendschule ist natürlich noch später) lebe ich das
Leben im Haus mit, d.h. morgens verabschiede ich die Kinder, frühstücke
mit Father Jesu und Bruder Joy und mit evtl. weiteren Gästen, esse
mit ihnen zu Mittag, und direkt nach der Arbeit ist von 18-20 Uhr
Hausaufgabenhilfe fuer die Kinder angesagt (ich kann natürlich nur
beim Englischen weiterhelfen), 20 Uhr Abendessen, danach bis 21:30
Uhr Spielzeit mit den Kindern. Am Wochenende finden schon mal Aktionen
oder Touren statt, leider ist aber auch häufig der Fernseher an
und der ist natürlich dann für die Kinder umso interessanter.

Die Mädchen schlafen unten im Haus, ca. 30
der Kinder sind Jungen, und die schlafen nachts auf einer Decke
im grossen Mehrzweckraum direkt vor meiner Tuer, das heisst ich
bin voll im Geschehen integriert…

"Abends am Strand"

Sonntagabend hat mich ein Junge zum Badestrand
von Chennai geführt. Nach dem Tsunami war der angeblich schon nach
ca. einer Woche wieder aufgeräumt. Unglaublich, welche Menschenmassen
sich auf diesem riesigen Sandstrand tummeln. Allerdings liegt hier
kaum einer wie wir das kennen, entweder sitzen die Leute oder stehen.
Da nackte Haut verpönt ist, ausserdem die Inder kein Sonnenbad nötig
haben, gibt es also hier auch nicht das Phaenomen des Massenbrutzelns
in der Sonne. Dafür wird abends mehr gespielt  (Ballspiele),
die Kinder lassen Drachen steigen, an Verkaufsständen werden Waren
angeboten und in der Dämmerung kann man die Liebespärchen beobachten,
die sich händchenhaltend eng aneinandergeschmiegt Liebesbekundungen
ins Ohr fluestern. Man sollte wissen: Auch Küssen in der Öffentlichkeit
ist stark verpönt!

"Slum-Mythos wurde Wirklichkeit"

Zweimal bin ich nun in einem Slum gewesen:
Dieser "Mythos" ist also für mich nun in eine eigene,
seltsame Wirklichkeit aufgegangen. Seltsam sage ich deshalb, weil
man ja ein sehr starres Bild von einem "Slum" im Kopf
hat, das bei mir stark durchgerüttelt wurde. Natürlich muss man
dazu sagen, dass die Slums in Chennai sich vermutlich erstens von
Slums in anderen Ländern und zweitens von Slums in anderen Staedten
stark unterscheiden.

Die zwei Areas in Chennai, die ich besucht
habe, bestehen aus einer Ansammlung von bis zu 60 Hütten oder Verschlägen,
die aus Holz und Blättern oder sogar aus Stein bestehen, auch hier
gibt es wieder Unterschiede je nach Area. Beide Areas befinden sich
in Flussnähe, zwischen den Häusern verlaufen lehmige Trampelpfade,
rundherum lagern sich oft Berge von Müll an. Die einfachsten Hütten
muss man kriechend durch ein Loch betreten, sie haben einen Lehmboden
oder sind mit Holzplatten ausgelegt. Die Dächer sind spitzwinklig
und bestehen aus Palmenblättern. Die besseren Häuser sind aus Stein,
haben sogar teilweise Türen und annähernd normale Einrichtung, meine
damit bunt zusammengewürfelte Möbelstücke. Gekocht wird draussen
auf offenen Feuerstellen, d.h. zur Essenszeit steigt Rauch auf über
den Slums, und überall brodelt und zischt es in den metallenen Schüsseln
und Töpfen. Als erstes begrüssen einen die Kinder, freundlich lachend
laufen sie hinter einem her, viele haben mitbekommen dass die Weissen
zur Begrüssung die Hand geben, und deswegen musste ich oft viele,
viele Kinderhände schütteln, und jeder Händedruck wird wie ein Grossereignis
gefeiert. Manchmal kam ich mir echt vor wie in den klassischen Dokumentationen
der Europaeer, der im Nirgendwo ein Eingeborenen-Dorf besucht.

Die Erwachsenen sind ebenso freundlich, aber
zurückhaltender, geht man auf sie zu, lachen sie einen an und versuchen
in sehr gebrochenem Englisch Fragen zu stellen. Besonders die Männer
starren mich schon mal an wie einen Ausserirdischen, daran habe
ich mich aber inzwischen gewöhnt. Gestern bin ich sogar von einer
Familie zum Abendessen eingeladen worden, allerdings war es schon
sehr spät und wir, Coordinator Mr. Pandian und ich mussten doch
recht zügig nach Hause. Indien ist das Land der krassen Widersprüche,
auch in den Slums. Viele Hütten sind mit elektrischem Strom ausgestattet
und, kaum zu glauben, aber wahr, sogar mit Kabelfernsehen. Erst
habe ich mich gewundert, woher diese Gesänge aus den Hütten kommen,
bis ich gestern dann die Fernseher selbst gesehen habe, sogar in
den ärmlichsten Hütten flimmert es bunte Bilder. Natürlich habe
ich die Mitarbeiter und auch Father Jesu gefragt, wie das sein kann,
jeder hat mir eine andere Antwort gegeben: "Fernsehen ist ihnen
eben wichtig!" oder  "Sie haben nichts ausser dem
Fernsehen, das ist ihr einziges Medium!" oder "Sie haben
zwar kaum etwas zu essen, aber keiner will auf das Fernsehen verzichten,
gerade dann  wenn die Frau oder der Mann von der schweren und
schlecht entlohnten Arbeit zurückkommt!" Wie sie aber letztendlich
an die Fernseher kommen und wer die wild verlegten Kabel hergeschafft
hat, habe ich nicht so ganz verstanden. Angeblich bieten bestimmte
Firmen das an, verbunden mit Ratenzahlungen oder Kreditsystemen,
teilweise müssen das die Familien nicht bezahlen, oder aber sie
stürzen sich in Schulden. Doch trotz alledem habe ich die Slums
erfahren als eine Umgebung, in der ein Leben nicht viel unwürdiger
sein kann. Die Kinder sind bewundernswert fröhlich, aber sie spielen
im Dreck und im Müll, viele bekommen nicht genug Essen und werden
medizinisch nicht versorgt. Die Erwachsenen versuchen irgendwie,
Ordnung in dieses Chaos aus Dreck und Gestank zu bringen, etwas
zu schaffen, das man annähernd als häuslich und familiaer bezeichnen
kann. Wenn die Frauen oder Maenner arbeiten, dann für einen Hungerlohn
von den Reichen, nicht selten müssen die Kinder ebenfalls erste
Arbeiten verrichten. Immerhin besuchen einige der Kinder die Schule
und/oder auch die Klassen von Nesakkaram, aber sie werden es alle
sehr schwer haben, aus dieser Umgebung herauszukommen.

"Abschliessende Bemerkungen"

Am Sonntag war ich zum ersten mal in einer
katholischen Messe, ein sehr tolles Ereignis, vorgestern habe ich
spontan Kindern aus einem Slum eine Englischstunde gehalten, und
heute habe ich gleich zwei Projekte besucht: Ein Fischerdorf, das
durch den Tsunami zerstört wurde, und ein Ureinwohner-Dorf, in dem
Nesakkaram demnächst über 20 Häuser errichten wird. Dazu mehr im
nächsten Newsletter, der wie gesagt erst nach längerer Schreibpause
kommen wird, da ich kaum Zeit habe. Doch ich denke hiermit gibt
es erst mal genug Material!

Ansonsten freue ich mich weiterhin über viele
liebe Grüsse aus der Heimat, dankeschön! Die Gebete haben bisher
alle volle Wirkung entfaltet, mir geht es weiterhin erstaunlich
prächtig, habe immer grossen Hunger, ich denke ein gutes Zeichen!

Da ich die Bilder erst bearbeiten und brennen
und dann im Internet-Cafe per stockender Verbindung hochladen muss,
erweist sich der Bilderservice als äusserst mühsam, ich bitte um
Verständnis. Aber erste Bilder wird es die nächsten Tage auf jeden
Fall geben, ich hoffe spätestens am Wochenende, also immer mal wieder
auf die Homepage St. Marien gehen und in die Bildergalerie hineinschauen.

Meine herzlichsten Grüsse nach Deutschland,
wo es nun wohl endlich Sommer wird!

Dominic

Datum: 10.06.2006, Autor: Dominic
Winkel


Missionar auf Zeit – 2 –

Missionar auf Zeit   –
2 –

MaZ in Indien – Newsletter
4

Liebe Interessenten!

Habe mich doch entschlossen, die Pause nicht
ganz so lang werden zu lassen, denn gerade in der Anfangszeit bin
ich mit vielen Eindruecken konfrontiert, die ich euch nicht vorenthalten
möchte, um euch möglichst aktiv an dieser Reise zu beteiligen! Schreibe
die Newsletter inzwischen auf meinem Laptop vor, d.h. ich kann mir
also verteilt auf mehrere Tage ganz viel Zeit und Ruhe dafür nehmen
– immer wieder nutze ich die Pausen, um neue Informationen hinzuzufügen.
Ich weiss, dass bei vielen von euch der Alltagsstress den Tag bestimmt
und einige gar nicht dazu kommen werden, alles zu lesen. Ausserdem
erscheint für mich manche Kleinigkeit oder Banalität hier sehr bedeutsam,
während manche von euch wahrscheinlich darüber lächeln werden. Umso
mehr gebe ich mir Mühe, detailliert meine Sicht zu schildern, um
euch auch an meinen Erfahrungsprozessen teilhaben zu lassen. Hier
also Newsletter Nummer 4!

INHALT

  • FUSSBALL – Begeisterung schlägt hohe
    Wellen – bis nach Indien!
  • Neues aus Nesakkaram
  • Erziehung auf indisch – und ein fünf-Dollar-Witz
  • Hübsch oder hässlich, harmlos oder giftig
    – die Fauna in Chennai City
  • Nachtrag: Besuch des Fischerdorfes und
    der Ureinwohner am 8.6.
  • Einige interessante Fakten zu Indien
  • Bilder!
  • Und zum Nachtisch: Indische Erotik

"FUSSBALL – Begeisterung schlägt Wellen
– bis nach Indien!"

Indiens beliebteste Sportart ist Kricket,
aber die Fussball-WM in Deutschland sorgt auch hier für Begeisterung
und manch einer denkt an die Zeit zurück, als Indien fussballerisch
in Asien richtig gut war, bevor die FIFA Fussballschuhe zur Pflicht
machte, denn die Inder spielten lieber barfuss. Momentan steht Indien
glaube ich auf dem 134. Platz der Weltrangliste. Oft werde ich auf
der Strasse auf Fussball angesprochen: Als ich mich z.B. in einem
Laden nach einer indischen SIM-Karte für mein Handy erkundigte,
kam erst die Frage nach meiner Herkunft, und dann die Bemerkung:
"World Cup! Yeah!"Ich habe bisher keine indische Zeitung
gesehen, die nicht über die aktuellen Fussballspiele berichtet,
und im Fernsehen überträgt ein indischer Sender jedes Spiel live.
Von Gästen des Hauses habe ich erfahren, dass sich in manchen indischen
Städten wohl sogar Fussball-Fangruppen vor Fernsehern versammeln
und mit Begeisterung die Atmosphäre geniessen. Vor allem das Eröffnungsspiel
der Deutschen wurde hochgelobt (ich erinnere mich an eine Schlagzeile:
"No Ballack, no problem"), die Eröffnungsfeier dagegen
war nicht so nach dem Geschmack der indischen Journalisten, ein
Kritiker bezeichnete die Feier als eine misslungene Karnevalsveranstaltung.
Der bekannteste deutsche Spieler ist Ballack. Deutschland wird als
Favorit hoch gehandelt, ansonsten sind viele Inder aber eher Brasilien
zugeneigt, fast jeden Tag ist irgendwo in einer Zeitung ein Bild
von Ronaldinho zu sehen.Auch im Hause Nesakkaram herrscht ein bisschen
WM-Atmosphäre: Father Jesu ist sehr interessiert, wir unterhalten
uns oft über Fussball. Abends sitzen wir teilweise zu zehnt, also
Father Jesu, einige von den Jungs und ich vor dem Fernseher und
verfolgen gespannt das Spiel. Blöd nur die Zeitverschiebung: Beim
Spiel der Deutschen gegen Polen musste ich von 0:30 Uhr bis 2:30
Uhr ausharren, natürlich war ich allein vor dem Fernseher, aber
das Warten hat sich ja gelohnt!

Im Gespräch mit Coordinator Nathan im Büro
kamen wir dann auf die Idee: Ja warum denn die Begeisterung nicht
nutzen und den Jungs zeigen wie’s geht? Zehn Minuten später hatte
ich eine Pfeife in der Hand und wenige Tage später – nach Absprache
mit Father Jesu – stand ich Freitag vor einer Woche auf dem Kricket-Sportplatz,
um mich herum ca. 16 Jungs von Nesakkaram zwischen 12 und 18 Jahre
alt. Unter den neugierigen Blicken der Kricket-Spieler verwandelte
sich das Sportgelände in einen Fussball-Trainingsplatz und ich feierte
meine Premiere als Fussballtrainer. Am Anfang wollte ich es nicht
übertreiben, also standen eine Dreiviertelstunde lang übungen wie
Ballkontrolle oder Schusstraining auf dem Programm, und die letzte
Viertelstunde durften sich die Jungs dann in einem ersten Match
messen. Abgesehen von einigen disziplinarischen Problemen (einmal
musste ich äusserst laut werden, als einige Jungs meinten sie könnten
quasi demokratisch über das von mir bereits gepfiffene Tor abstimmen)
hat es richtig Spass gemacht.

Vergangenen Freitag fand dann das zweite Training
statt, und trotz sprachlicher Hürden konnte ich doch erfolgreich
vermitteln, wie Freilaufen und Zuspiel im Zweierteam funktioniert.
Leider hatten wir wieder nur einen Ball zur Verfügung – nächstes
Mall sollen es sechs werden, ich hoffe das klappt – und die Jungs
hatten teilweise schon nach zehn Minuten keine Lust mehr auf Übungen
und wollten einfach spielen. Die Disziplin liess mehr und mehr nach,
und als zunehmend meine Anweisungen statt ausgeführt laut diskutiert
wurden, musste ich nach der zweiten Verwarnung das Training abbrechen
mit dem Hinweis "Keine Disziplin – kein Fussball!" Fast
alle waren äusserst verdutzt, als ich mit dem Ball in der Hand schnellen
Schrittes den Platz verließ. Im Haus dann später waren die Reaktionen
unterschiedlich: Einige trauten sich nicht mehr in meine Nähe, andere
kamen grinsend auf mich zu, streckten mir die Hand entgegen und
entschuldigten sich. Bei vielen konnte ich mir nun Respekt verschaffen.
Insgesamt kann man das Training also nicht als misslungen betrachten
– stattdessen haben Spieler und Trainer viel dazu gelernt, und zwar
nicht nur in Sachen Fussball! Ich bin überzeugt: Das nächste Training
wird besser! Bleibt zum Schluss nur noch zu sagen: Da wir alle gemeinsam
die Daumen drücken werden,  MUSS Deutschland einfach gewinnen.

"Neues aus Nesakkaram"

Seit ca. einer Woche wird laut gehämmert in
Nesakkaram: Der hintere Teil des Gebäudes, als Anbau zu bezeichnen,
wird im Moment abgerissen. Im Erdgeschoss befanden sich die Räume
der Mädchen und im ersten Stockwerk Küche und Esszimmer. Die Mädchen
schlafen nun auch oben vor meiner Tür, die älteren Jungs sind auf
die Dachterasse umgezogen. Gegessen wird nun im Fernsehzimmer (der
Fernseher läuft nun dauernd während der Essenszeit, beim Fussball
lass ich mir das natürlich gefallen…), die Küche ist nun im ehemaligen
Vorratsraum untergebracht. Dafür, dass die Arbeiter nur jeweils
einen Hammer zur Verfügung haben, mit dem sie auf Wände und die
Decken einschlagen, geht der Abriss erstaunlich schnell voran. Maschinen
besitzen sie keine, wie ich in Erfahrung brachte, es würden höchstens
mal Bulldozer eingesetzt, aber die kommen ja nicht hinter das Haus.
Der ganze Schutt wird von Frauen und Männern in Schüsseln geschaufelt
und auf dem Kopf balancierend zur Strasse und zum Lastwagen gebracht,
eine Schubkarre habe ich bisher keine gesehen.

Mittwochabend hat mich dann doch eine erste
Krankheit erwischt: Eine wunderschöne Halsentzündung mit Schluckbeschwerden
und was sonst dazugehöhrt. Einen Coordinator hatte es ebenso erwischt,
genauso eine der Aufpasserinnen der Kinder. Wie ich erfuhr, ist
die Krankheit zu dieser Zeit in Indien nicht unüblich, na denn,
auch in dieser Sache scheine ich mich also schon anzupassen… Dank
einer Salzwasser-Gurgel-Kur und einem "Urlaubstag" am

Donnerstag, den ich zum grössten Teil mit
meinem Laptop im Bett verbracht habe, ist jetzt am Sonntag, während
ich dies hier schreibe, kaum mehr was von der Krankheit zu spüren
und ich fühle mich wieder annähernd topfit!

Vergangenen Samstag veranstaltete Nesakkaram
in einem der Cluster in Egmore eine grosse Show auf einem Schulgelände.
Alle Kinder aus den Slums aus diesem Cluster waren eingeladen –
um die 300 Kinder – und bekamen ein buntes Programm dargeboten:
Verschiedene Taenze der Tanzgruppen aus den Clustern (auch das ist
Teil der Arbeit von Nesakkaram: Tanzunterricht fuer die Kinder aus
den Slums) und ein Puppenspiel, das die Organisators und Coordinators
zusammen erarbeitet hatten. Zum Schluss bekamen alle Kinder Süssigkeiten
und die

gesponserten Notizbücher für die Schule geschenkt.
Das bunte Fest sollte hauptsächlich der Motivation der Kinder dienen,
zur Schule zu gehen und sich die Möglichkeit zu schaffen, aus den
Slums herauszukommen. Einige Schulabgänger wurden geehrt, sowohl
Presse als auch lokales Fernsehen waren vor Ort. Noch am selben
Abend haben wir den Bericht gesehen – grausam schlechte Kamerabilder
und der Schnitt ebenso schlecht, das war nicht nur meine Meinung.
Der Grund: Der Sender sei ein freier Sender und qualitativ eben
nicht so gut… Einen von zwei Zeitungsberichten habe ich gelesen:
Aus meiner Sicht guter Journalismus, wenn auch nicht gerade unbedingt
sehr spannend erzählt.In meinen Augen war die Veranstaltung wenig
kindgerecht, die Kinder, die meisten im Grundschulalter, mussten
die ganze Zeit unter den strengen Blicken der Organisator und Educator
auf dem Boden ausharren und dem Puppenspiel ebenso lauschen wie
der langen Rede eines Gastes. Es gab also keinerlei Spiel oder Aktion
oder eine Möglichkeit für die Kinder, sich zu bewegen oder aktiv
zu beteiligen. Die Erwachsenen schliesslich waren alle dermassen
überzeugt von der in ihren Augen gelungenen Aktion, sodass ich mich
mit meiner Meinung gänzlich zurückgehalten habe. Kinder in Indien
ist sowieso ein Thema für sich – mehr dazu im nächsten Kapitel.

"Erziehung auf indisch – und ein fünf-Dollar-Witz"

Die vergangenen Wochen bin ich fast jeden
Tag mit dem Bus in eines der Slumgebiete zu dem Schulgebäude gefahren,
vor dem der abendliche Unterricht stattfindet. Teilweise war ich
sehr verärgert, da die beiden jungen Studenten (vor dieser Schule
werden die Kinder aus insgesamt zwei Slums unterrichtet, deshalb
auch zwei Educators) erst sehr spät kamen und ich mit der zunehmend
grossen Kinderschar allein fertig werden musste, insgesamt dürften
es so um die 60 Kinder aus beiden Slums sein. Einmal wartete ich
von 16 Uhr bis um ca. 17:45 Uhr, bis ich dann plötzlich einen der
Educator bei einigen Kindern sitzen sah. Er hatte mich noch nicht
mal begrüsst, keine Ahnung seit wann er da sass, er meinte er hätte
noch einen Freund getroffen und ausserdem habe es einen grossen
Stau gegeben. Dann sagte er es sei ja schon spät und ich könnte
ja jetzt nach Hause fahren. Okay!

Es gestaltet sich als schwierig für mich,
mich so in den Unterricht einzubringen, dass ich meine eigenen hohen Erwartungen erfüllen kann. Wer
mich näher kennt der weiss, dass ich keine halben Sachen mag und in manchen Dingen schnell
einen perfektionistischen Drang entwickele. Hier musste ich jetzt schnell feststellen,
dass mich genau das nur unzufrieden macht, deshalb schraube ich inzwischen viele Erwartungen
zurück und lass mich einfach nur überraschen – vieles läuft nun sehr viel angenehmer. Schon vor
meiner Abreise wusste ich, dass genau dieser Prozess eintreten würde, und doch musste ich
natürlich hier erst einmal anecken…
Der Unterricht selbst läuft ungefähr so ab:
Ab frühestens 16 Uhr geht der Educator in den Slum, trommelt die Kinder zusammen und spricht auch
mit einigen Eltern. Jedes Slumgebiet hat einen Treffpunkt, wo dieser Unterricht stattfindet.
Nach und nach trudeln die Kinder ein, manche mit einem Buch unter den Arm, andere halten eine
Flasche mit Wasser in der Hand. Dann versucht der Educator nach und nach Ordnung in die
Kinderschar zu bringen, was sich im Freien – keine Raumbegrenzung, keine Tische oder Stühle,
keine Tafel, einfach ein sandiger Platz voller Kinder.. – schon mal als sehr schwierig erweist. Der
Unterricht, den ich bisher beobachten konnte, bestand meistens aus einer Mischung aus Hausaufgabenhilfe
und einem kleinen Vortrag des Educator, z.B. ueber Buddhismus. Ich habe
mich bisher hauptsächlich damit beschäftigt, bis zum Eintreffen der Educators für ein bisschen
Ruhe zu sorgen, manchen mit Englisch weiterzuhelfen oder mich mit einigen Kindern zu unterhalten
und neue tamilische Wörter zu lernen, die nicht in meinem Tamil-Kauderwelschbuch zu finden sind.
Die meisten Kinder sind einfach nur superlieb
und neugierig, unglaublich fröhlich und begrüssen mich oft sehr stürmisch mit den Worten "Hello,
Sir! Good Morning, Sir! (Evening kennen viele noch nicht…) How are you, Sir?" Viele
haben noch nie einen Hellhäutigen gesehen. Einmal, als ich im Gespräch vertieft auf dem Boden sass,
spürte ich eine kleine Hand an meinem Arm und konnte dann beobachten, wie ein kleines Maedchen
mit grossen Augen staunend meinen Arm betastete und mit den Fingern meine Adern
nachzeichnete.
Umso schlimmer sehen mit meinen Augen betrachtet
die Erziehungsmethoden sowohl in Nesakkaram als auch draußen in den Areas aus.
Die Erwachsenen pflegen fast durchgängig einen sehr robusten Umgang mit den Kindern.
Kleinere Klapse sind an der Tagesordnung, aber auch kräftigere Schläge auf den Kopf oder
Rücken sind durchaus üblich, einer der Educator nimmt sich auch gern schon mal einen Stock
zur Hilfe. Ältere Kinder kennen das nicht anders und gehen dann genauso mit Schlägen und Stöcken
auf jüngere Geschwister oder Schüler los, wenn die nicht ruhig sind. Eine meiner Missionen
vor Ankunft des Educator bestand dann darin, immer wieder die Stöcke einzusammeln, zu zerkleinern
und wegzuwerfen, sehr zum Staunen der Kinder, die auch irgendwann zu begreifen schienen,
was ich ihnen klarmachen wollte. Nachdem heute (Montag) wieder der Educator einen Stock zur
Hilfe nahm, und zwar einen sehr grossen, habe ich es nicht mehr mit ansehen können und mich
von der Klasse entfernt – ich war kurz davor, ihm den Stock zu entreissen und ihn zu fragen ob es
ihm Spass machen würde Kinder zu schlagen, wollte ihn aber nicht vor seiner Klasse bloss stellen.
Leider ist er direkt nach dem Unterricht mit einigen Kindern in den Slum zurück gekehrt, sodass
ich meine drängenden Fragen an ihn erst später loswerden kann.Wenn bei uns Kinder weinen, ist oft schnell
Hektik und Sorge angesagt, doch da es hier nur so von Kindern überall wimmelt, weint ständig
irgendwo ein Kind und es scheint auch keinen sonderlich zu interessieren. Die Mädchen machen
eigentlich selten Probleme, die Jungs dagegen sind dauernd in irgendwelche Rangeleien
oder spielerische Kämpfe verwickelt, übrigens gilt dasselbe für die Kinder in Nesakkaram.
Manch einer der Jungen legt auch eine erstaunliche Hartnäckigkeit an den Tag, die
ich in dieser Form bisher nur in Indien erlebt habe: So war ein Junge aus einem Area z.B. in der
Lage, zehn andere Jungs um sich zu scharen, um dann pausenlos auf mich einzureden und mit
immer demselben Witz und leichten Variationen (irgendwie ging es darum, dass er spielerisch
andere Kinder an mich verkaufen wollte und dafür fünf Dollar verlangte) die anderen Jungen
bei Laune zu halten. Fünf Minuten machte es mir Spass, zehn Minuten konnte ich es ertragen
und mit schiefem Lächeln weiter mitspielen, aber dann war meine Geduld doch am Ende. Nur mit
viel Kreativität gelang es mir schliesslich, diese Truppe noch möglichst sanft aufzulösen. Am
nächsten Tag versuchte derselbe Junge es wieder, und wieder standen nur Sekunden nach seiner
Ankunft zehn Jungs grinsend um mich herum und in ihre Gesichter stand die Frage geschrieben
"Wie das Spiel wohl diesmal ausgehen wird?" Es war schnell vorbei: Ich griff auf dem Boden
nach Sand und Steinen, drückte sie in die Hand des Jungen, die wieder nach den altbekannten fünf
Dollar verlangte, und bemerkte: "Now you are a rich man!" Das Gelächter der zehn Jungen
half, dem fünf-Dollar-Witz endlich ein Ende zu bereiten. Ich glaube dieser Junge würde ein
guter Rikscha-Fahrer in Touristengebieten – mit seiner Hartnäckigkeit könnte er wahrscheinlich
gut Geld verdienen. Ich musste an meine erste Indien-Tour mit meiner älteren Schwester denken,
als ein Rikscha-Fahrer mehr als eine Stunde neben uns ausharrte (oder waren es zwei Stunden?),
um mit allen möglichen Tricks an seine Provision vom Hotel zu kommen, die wir nicht
zahlen wollten.Weder die Erziehungsmethoden noch das zuletzt
geschilderte Verhalten des Jungen möchte ich verurteilen. Ich kann auch nichts dazu sagen,
wie die Erziehung in den Familien und in der Schule aussieht, da ich hier noch keinen Einblick
hatte, obwohl ich z.B. von einem Coordinator erfahren habe, dass einige Lehrer in bestimmten Schulen
durchaus die Kinder schlagen. Aber trotzdem möchte ich euch auch diese Seite der Kinder
und allgemein der Erziehung aus meiner Perspektive geschildert nicht vorenthalten
– gehört sie doch zum vollständigen Bild mit dazu!

"Hübsch oder hässlich, harmlos oder giftig
– die Fauna in Chennai City"

Ich erinnere mich an viele Reaktionen zu Hause,
als ich erzählte dass ich nach Indien gehen: "Igitt! Da gibt es doch ganz viele eklige und gefährliche
Tiere!" Deshalb hier nun einiges zur Tierwelt: Inzwischen hatte ich mit einigen tierischen
Bewohnern in Nesakkaram Kontakt: Am nervigsten von allen und eben nicht ungefährlich sind
die Moskitos, sie sind immer da, auch wenn man sie erst bemerkt, wenn sie schon längst zugestochen
haben. Manche Arten können z.B. Dengue-Fieber (Viruserkrankung) oder Malaria
(verursacht durch einzellige Parasiten, die die roten Blutkörperchen zerstören) übertragen,
deshalb versuche ich immer Stiche zu vermeiden, aber einen 100%igen Schutz gibt es nicht.
Moskitos haben äesserst gute Sinnesorgane: Sie können Menschen anhand des steigenden Kohlendioxidgehalts
in der Luft auf 16 Meter Entfernung aufspüren, ausserdem werden sie
vom Fussgeruch des Menschen angelockt. Nur die Weibchen der Stechmücken saugen Blut, Schwellung
und Juckreiz des Stiches werden durch den in die Wunde injizierten Speichel der
Mücke verursacht. Dann krabbeln im Haus überall Ameisen herum, die grössten Exemplare, ähnlich
unserer Waldameise, sind harmlos, dagegen ist der Biss der kleinsten Sorte (ungefaehr
nur 2 Millimeter gross) umso schmerzhafter, einmal hatte ich mich auf einem Tisch aufgestützt,
auf dem einige dieser kaum wahrzunehmenden Ameisen herumliefen – ca. 15 Minuten brannte
meine Hand als ob ich auf eine heisse Herdplatte gepackt haette… Einige recht grosse Käfer
habe ich auch schon gesehen, einen Hundertfüssler, dann einige Spinnen, aber nur ganz kleine.
Die Kakerlaken sind  im Haus nur im Keller zu finden, wobei mich eines nachts eine im Zimmer besuchte,
sie war wohl über die Palme durch mein Fenster gekommen. Wollte gerade ins Bett gehen,
als sie vor meinen Füssen herkrabbelte, ein schönes grosses ausgewachsenes Exemplar, zusammen
mit den langen Fühlern hatte sie ungefaehr die Länge einer Hand. Mit Hilfe
einer entzweigesägten Plastik-Colaflasche konnte ich sie schliesslich in die Falle locken und nach
draussen befördern. Kakerlaken bzw. Schaben stechen und beissen zwar nicht, es ist auch
bisher wohl nicht sicher erwiesen, ob sie Krankheiten übertragen können, trotzdem wollte ich nicht
unbedingt so einen Untermieter haben. Ehrlich gesagt weicht bei dieser Sorte auch mein biologisches
Interesse einem leichten Anflug von Ekel…Geschlossene Fenster und Glasscheiben in den
Häusern sind in Indien äusserst unüblich, deshalb kommen auch grössere Tiere zu Besuch
wie z.B. die Katzen, die sich hauptsächlich zur Essenszeit zwischen den Gitterstäben hindurchquetschen,
am Tisch einfinden und dann maunzend um Futter betteln. Eine Katzenmutter
habe ich jetzt häufiger mit ihrem ein Monat alten Jungen gesehen, die beiden streunen meistens
im Büro herum, wo sie sich sicher fühlen. Vier Junge hatte sie zur Welt gebracht, wie mir
Brother Joy berichtete (im Gegensatz zu Father Jesu mag er Katzen, weshalb die auch oft in seinem
Zimmer Unterschlupf finden), doch zwei sind gestorben und eins hat sie aufgefressen, nun
ist nur das eine übrig. Auch Geckos laufen schon mal im Haus herum, einmal krabbelte im grossen
Raum einer an der Wand entlang, als die Kinder abends gerade Hausaufgaben machten.
Mit Hilfe einiger Jungs, einem Besen und einem Eimer haben wir den Gecko eingefangen und
draussen freigelassen, der kleine Kerl war nach der Jagd ganz am Ende… Zum Spass habe ich
im Beisein einiger Kinder die Hand zum Mund geführt (das indische Zeichen für Essen) und
mir den Bauch gerieben, seitdem glauben immer noch manche, wir in Deutschland würden Geckos
essen (das gepflegtes Pils dazu nicht zu vergessen)…
Draussen begegnen einem dann hauptsächlich
Hunde, massenweise Krähen und viele Greifvoegel, die in grosser Höhe ihre Kreise
ziehen. Und natürlich die heiligen Kühe, die oft mitten auf der Strasse stehen oder sich inmitten
von Müllbergen von Speiseresten ernähren. Auch Skorpione soll es im Stadtgebiet geben, und
zwar wohl die schwarzgefärbte Gattung mit einem besonders starken Gift, das unter Umständen
für den Menschen tödlich sein kann. Als ich mich danach erkundigte, erklärte Brother Joy wie
immer grinsend, dass die Skorpione auch schon mal in den Garten des Hauses kaemen, um dort nach
Insekten zu jagen, wenn auch selten. Ich beschloss spontan, den Garten zu meiden. Skorpione
sind aber – dies zur Beruhigung – erstens nachtaktiv und zweitens sehr scheu, einen
Menschen greifen sie nur an, wenn sie sich bedroht fühlen.

"Nachtrag: Besuch des Fischerdorfes und
der Ureinwohner am 8.6."

Die Bilder sind ja bereits online, die meisten
mit Beschriftungen, sodass ich nur wenig nachtragen muss:
Das Fischerdorf, das durch den Tsunami fast
komplett zerstört wurde, heisst Kattupallikuppam. Nesakkaram hilft auch hier den Kindern, indem
eine Abendschule angeboten wird. Die rund 60 Wohnhäuser, die im Moment aufgebaut werden,
werden mit Hilfe einer anderen indischen Organisation finanziert. Nesakkaram hilft
aber vielleicht bei der Errichtung eines Versammlungshauses – danach wurde zumindest
Father Jesu beim Besuch angesprochen, er muss noch auf die Genehmigung der Gelder warten.
Die Bootstour war einfach klasse: Wir sind mit einem Fischerboot aufs Meer hinausgefahren
und konnten anderen Fischern bei ihrer Arbeit zusehen. Auf einem Bild bin ich mit Father
Jesu zu sehen, auf dem anderen stehe ich inmitten der Fischer, neben mir der zustaendige Nesakkaram-Coordinator
Visuvanathan.
Auch der Besuch des Ureinwohner-Dorfes am
selben Tag war äusserst interessant. Keiner kümmerte sich um die am Stadtrand in ärmlichsten
Hütten lebenden Familien, bis Father Jesu auf sie stiess. Mit Finanzmitteln der Missionszentrale
der Franziskaner sollen für die Familien ganz in der Nähe der Hütten rund 20 neue Steinhäuser
errichtet werden. Der Besuch diente vor allem dazu, die Aufteilung auf die Häuser vorzunehmen
– keine einfache Sache, es wurde lange und auch schon mal lauter diskutiert.
Das Thema Ureinwohner in Indien wird oft unter
den Teppich gekehrt, heute leben grob geschätzt rund 70 Mio. der "Adivasi"
aufgeteilt in ca. 450 Stammesgruppen in Indien. Indien ist gross, deshalb gab es zwischen den Hindus
und den Adivasi wohl selten Streit, doch gerade im Laufe der neueren Geschichte sind viele Ureinwohner
enteignet oder ausgebeutet worden, und nicht selten leugnet das die Regierung.

"Einige interessante Fakten zu Indien"

Fläche:           3,2
Mio. km² (BRD: 357.000 km²)
Einwohner:    1,07 Milliarden
=> das sind ca. 16% der gesamten Weltbevoelkerung! (BRD: 82 Mio.)

 – Stadt / Land:    28% / 72%
(BRD: 88% / 12%)
– Tamil Nadu:    62,11 Mio.
(Bundesstaat, Hauptstadt ist Chennai)
– Chennai (Madras):    6,4
Mio. (viertgrösste Stadt Indiens)
– Mumbai (Bombay):    16 Mio.
(grösste Stadt Indiens, BRD: Berlin: 3,4 Mio.)

Wachstumsrate:    1,44% (BRD:
0,02%)
Alphabetisierung:    56% (BRD:
99%)

Religionen:

  • Hindus:            82%
  • Muslime:         12%
  • Christen:           2,3%
  • Sikhs:                2%
  • Buddhisten:     0,7%
  • Dschainisten:  0,4%
  • andere             0,6%

Sprachen:    24, die von mdst.
1 Mio. Menschen gesprochen werden + weitere Sprachen und Dialekte

Gesetzl. Mdst.lohn:    54,28
Rupien pro Tag (= ca. 1 EURO)

  • rund ein Drittel der indischen
    Bevöelkerung hat zum Überleben weniger als 1 US$ am Tag, vor allem die ländliche
    Bevölkerung ist betroffen
  • demgegenüber stehen rund 61.000
    Millionäre (in US$)

Kinderarbeiter:    80-115 Mio.
schätzen Menschenrechtsorganisationen, obwohl Kinderarbeit gesetzlich verboten ist. Höchste Rate weltweit!

  • Branchen:    Landwirtschaft,
    Lumpensammeln, Haushaltshilfe, Teppichweberei, Ziegelei, Prostitution, Zigarettenherstellung,
    Produktion von Feuerwerkskörpern, Seidenindustrie

Prostituierte:    ca. 10 Millionen,
davon geschätzt 20% unter 18 Jahre

  • Kinderprostitution ist ein grosses
    Problem in Indien, es herrscht ein reger "Handelsverkehr"
    zwischen den benachbarten
    Ländern und Indien. Oft ist es so, dass sich die Frauen in  finanzielle Abhängigkeit
    zu ihren Kunden begeben; die Männer bezahlen die Wohnung und das Essen und nehmen
    dafür die Dienste der Frau in Anspruch. Oft haben die Prostituierten Kinder,
    die Mädchen werden dann sehr schnell an die Kunden und an die Prostitution herangeführt.
    Männliche Touristen, die sich in Indien an Kindern vergehen, stammen in den meisten
    Fällen aus den USA und  – aus Deutschland.

AIDS:        2005
rund 5,1 Mio. registrierte HIV-Positive, nur Südafrika hat mehr
im Weltvergleich

Filmindustrie:    Indiens Filmindustrie
ist noch vor Hollywood die grösste der Welt, Bollywood bezeichnet dabei nur die Produktionen aus
Mumbai (Bombay, deswegen auch statt dem ’H’ ein ’B’) und Kolkata (Kalkutta), die Filme aus
Chennai haben mit Bollywood nichts zu tun

"Bilder!"

Wer die Bilder noch nicht gesehen hat, sollte
das unbedingt nachholen! Sie sind zu finden in der Galerie der Gemeindehomepage. Habe mir viel
Muehe gemacht und fast jedes Bild beschriftet, jetzt hoffe ich noch auf entspechende Zugriffszahlen!

"Und zum Nachtisch: Indische Erotik"

Man könnte sagen eine Schönheit aus der Heimat
brachte mich durch eine Bemerkung auf die Idee, noch ein paar Dinge zum Thema "Küssen
verboten" und Frauen in Indien zu schreiben: Mann und Frau gehen, auch wenn sie verheiratet
sind, in der Öffentlichkeit eher auf Abstand. Händchenhalten ist nicht üblich, schon gar
nicht Arm in Arm. Küsse zwischen Liebenden in der Öffentlichkeit sind eigentlich völlig tabu.
Wenn in einem indischen Film geküsst wird, dann sieht man jeweils nur die Hinterköpfe. Man könnte
also sagen dass Sex im engsten Sinne in der indischen Öffentlichkeit nicht vorkommt.
Genauso gehört dazu, dass nackte Haut zu zeigen
in Indien äusserst verpönt ist (insbesondere bei Frauen, Männer dürfen schon mal mehr
zeigen). Männer tragen meistens lange Hosen und dazu ein Hemd, Frauen den Sari, der sehr geschickt
die weiblichen Kurven verhüllt und kaum Haut ans Licht lässt. Ist für uns kaum vorstellbar,
leben wir doch in einer Welt, in der hautenge Jeans, tiefe Ausschnitte und Striptease-Shows
zum Alltag gehören.
Nackte Haut zu zeigen ist nicht verboten,
man könnte also durchaus als Touristin den Versuch starten, im Bikini am Strand herumzulaufen,
doch zu empfehlen ist das nicht. Ich kann nicht vorhersagen, was dann passieren würde, aber
ich könnte mir gut vorstellen, dass sich die Frauen wahrscheinlich sehr aufregen und weiter am
Bild der "billigen weissen Frau" basteln würden, während die Männer ihre Augen nicht von der
halbnackten Frau lassen könnten und diese wohl auch nach einer Weile durchaus bedrängen würden.
Natürlich können die Inder auch Filme aus dem Westen sehen, und das ist auch der Grund,
dass sich leider in mehr und mehr Köpfen das Bild festsetzt, weisse Frauen seien billig
und für alles zu haben (in welchem Film wird schliesslich nicht geküsst oder nach zehn Minuten schon
im Bett "gekuschelt"…). Dies führt vermehrt in den grossen Städten Indiens dazu, dass Frauen
aus Europa oder den USA von indischen Männern bedrängt werden. Mein Reiseführer ist deshalb
auch nicht gerade sparsam mit Tipps für weibliche Touristen. Als noch freizügiger
gelten in Indien übrigens die Afrikaner.Natürlich ist in Sachen nackter Haut auch
in Indien Bewegung, gerade in den Grossstädten: In den Medien, besonders im Internet, im TV und
in Magazinen fallen mehr und mehr die Hüllen bzw. gelangen "Aussichten" aus dem Westen
nach Indien, auch das Thema Sexualitaet an sich ist nicht mehr absolutes Tabuthema. Gleichzeitig
werden natürlich die Fundamentalisten immer lauter mit ihren Beschwerden: Erst gestern
(Mittwoch) wurde in den TV-Nachrichten berichtet, dass sich einige über die Schuluniform der
Mädchen beschwert haben: Der Rock, der einige Zentimeter über das Knie reichte, sei ihnen
nicht lang genug. Während übrigens die Anzahl der Liebesheiraten gegenüber den sonst üblichen
arrangierten Ehen ansteigt, steigt auch in den grossen Städten nach und nach die Zahl der
Scheidungen.Das Thema ist natürlich viel komplexer als
ich hier in den paar Zeilen beschreiben kann, aber vielleicht konnte ich ein paar Ansätze liefern,
und jeder möge sich seine eigene Meinung darüber bilden. So sehr man versucht ist, vieles als
überholt oder anti-freiheitlich einzuordnen, kann man dieser Lebensweise aber auch viele positive
Aspekte abgewinnen – das ist zumindest mein Eindruck im Moment. Gerade in Indien prallt
ja in krasser Weise langbewährte Tradition auf moderne Einflüsse, umso interessanter finde
ich es die Reaktionen und Folgen zu beobachten.

Viele herzliche Gruesse aus Indien,

Dominic

Datum: 01.07.2006, Autor: Dominic Winkel