Predigt Tal- und Wenschtkirche, Sonntag, 7. Juni 2026

Gottesdienst für den ersten Sonntag nach Trinitatis

Text: Apg 4,32-37

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apos­tel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

„Ein Herz und eine Seele“ – schöner kann man völlige Harmonie zwischen Menschen nicht ausdrücken. Also ist diese Redewendung ein geflügeltes Wort geworden, wie so vieles aus der Bibel. Aller­dings klingt sie uns heute irgendwie zu schön, um wahr zu sein. Wenn Ehepaare, Familien, Team-Kollegen oder gar Koalitions­partner über sich sagen würden: „Wir sind ein Herz und eine Seele“, dann stünde das sofort unter Ironie- oder Heucheleiverdacht. Und wer in den 1970ern schon ferngesehen hat, dächte sofort an den kleinbürgerlichen Haustyrann Alfred Tetzlaff, der sich ständig mit seinen Kindern stritt und seine Gattin gern „dusse­lige Kuh“ nannte. Titel der Serie: „Ein Herz und eine Seele“.

Und unsere Kirchengemeinde? Trifft es wenigstens auf die zu? Nun, auch da wären wir wohl vorsichtig, es so zu formulieren. Verglichen mit anderen streiten wir uns zwar wenig, die Mitarbeitenden kom­men in der Regel gut miteinander aus, und auch im Presbyterium fassen wir die meisten Beschlüsse einmütig. Aber „ein Herz und eine Seele“? Da hätten wir wohl doch Sorge, wir könnten den Mund zu voll nehmen. Denn natürlich gibt es auch bei uns verschiedene Stand­punkte in Glaubens- und Lebensfragen, mit denen wir gelegent­lich aneinandergeraten. Es gibt unterschiedliche Charak­tere, die nicht immer miteinander harmonieren. Es gibt Geläster, Eifersüchtelei und andere kleine Nickeligkeiten wie überall, wo Men­schen zusammen sind. Und wenn es in den letzten Jahren grö­ßere Konflikte gab, haben wir die zwar ganz gut bewältigt, aber ganz ohne Verluste und persönliche Verletzungen ist es dabei auch nicht abgegangen. Also nein, „ein Herz und eine Seele“ wäre auch über uns zu viel gesagt.

Aber in unserem Text geht es ja nun um die erste christliche Gemein­schaft überhaupt: die Urgemeinde in Jerusalem. Da war Os­tern noch nicht lange her und der Schwung von Pfingsten noch nicht erlahmt. Da war das Wirken des Heiligen Geistes noch deutlich zu spüren. Da spielten Sprach- und Mentalitätsbarrieren noch keine Rolle zwischen den Gläubigen aus aller Herren Länder. Da gab es noch echte Gemeinschaft – bis dahin, dass sie ihre irdischen Güter als gemeinsamen Besitz betrachteten. Und da ließ die Botschaft von Jesus Christus die Gemeinde rasch weiter wachsen.

Trotzdem: Auch damals schon war die Harmonie nicht ungetrübt. Hier wird uns Josef Barnabas als leuchtendes Vorbild präsentiert. Aber gleich im nächsten Kapitel ist von Ananias und Saphira die Rede. Sie verkauften auch einen Acker, aber anders als Barnabas brachten sie eben nicht den gesamten Erlös in die gemeinsame Kasse, sondern behalten heimlich ei­nen Teil für sich. Als das raus­kam, sollen sie tot umgefallen sein. Und noch ein Kapitel später gibt es Streit, weil die Griechisch sprechenden Witwen bei der Armenspei­sung übersehen werden. Zur Lösung des Konflikts werden dann „Griechen“ als Diakone einge­setzt. Aber hinter diesem oberflächli­chen Konflikt liegen tiefgrei­fende Differenzen zwischen „Griechen“ und „Hebräern“, und die haben die junge Christenheit noch lange beschäftigt. In der Apostel­geschichte bekommen wir davon wenig mit, in den Paulusbrie­fen dafür umso mehr.

Wir merken: „ein Herz und eine Seele“, das war schon bei der Urge­meinde bestenfalls eine Momentaufnahme. Solange Menschen hier auf Erden leben, werden sie nie völlig und dauerhaft miteinander harmonieren, und christliche Gemeinden bilden dabei keine Aus­nahme. Sie sind höchstens besonders geschickt darin, Konflikte un­ter den Teppich zu kehren und sie hinter liebevoller Rhetorik zu verste­cken, aber auch das geht selten lange gut.

Doch warum steht es dann überhaupt so im Text? Nur um die Vergan­genheit zu verklären? Nur um ein unerreichbares Ideal aufzurich­ten? Nein, ich denke, mit „ein Herz und eine Seele“ formu­liert Lukas einen Anspruch, den wir durchaus ernstnehmen sollen, und zwar in doppelter Hinsicht:

Erstens ist es nicht irgendwer, sondern „die Menge der Gläubigen“, die Lukas als „ein Herz und eine Seele“ bezeichnet. Anders formu­liert: Die Urgemeinde ist deshalb „ein Herz und eine Seele“, weil und insofern sie einen gemeinsamen Glauben hat. Auch dabei gibt es zwar Unterschiede, der Persönlichkeit und der Prägung. Aber alle haben eine gemeinsame Basis. Alle sind überzeugt, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, dass Jesus der Messias, der Christus ist, den Gott gesandt hat, um sein Volk Israel heil zu machen. Das ist das Entscheidende. Und mehr braucht man nicht, um im Glauben „ein Herz und eine Seele“ zu sein.

Das sollten auch wir uns zu Herzen nehmen. Denn wir sind gut darin, alle möglichen Zusatzbedingungen aufzustellen, die jemand erfüllen muss, um wirklich gläubig zu sein. Für die einen ist es das Wörtlichneh­men der Bibel und die persönliche Entscheidung für Jesus Christus, möglichst mit Ort und Datum. Für andere ist es die Zugehörigkeit zur einzig wahren Kirche – welche auch immer man dafür hält. Für wieder andere ist es die richtige Einstellung zu Frie­den, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Manche machen aus dem christlichen Glauben ein kompliziertes Gebäude – aus Gedan­ken oder aus Vorschriften. Manche sagen freilich auch: Das mit Jesus ist gar nicht so wichtig – Hauptsache, du glaubst irgend­was! Aber durch all das wird man nicht „ein Herz und eine Seele“. Dafür braucht es im Grunde nur einen Satz, den aber ganz be­stimmt: „Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass in Jesus Got­tes Weg zu mir und mein Weg zu Gott beschlossen liegt.“ Mehr nicht. Alle, die das von sich sagen können, gehören zur „Menge der Gläubigen“. Und nur darauf kommt es an, um „ein Herz und eine Seele“ zu sein.

Dazu kommt für Lukas aber noch ein Zweites. Wenn wir sagen: „im Glauben sind wir ein Herz und eine Seele“, aber ansonsten kämpft jeder für sich oder gar gegen alle anderen, dann stimmt etwas nicht. Die Einigkeit im Glauben soll schon auch nach außen sichtbar wer­den. Sie soll Konsequenzen haben im täglichen Leben. Darüber könnte ich jetzt noch lange reden. Aber ich belasse es für heute bei dem Aspekt, der auch im Text im Vordergrund steht: der Frage nach unserem Umgang mit materiellem Besitz.

Die Urgemeinde in Jerusalem war da ganz radikal: „Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Dieser Grundsatz beruhte zwar auf Freiwilligkeit. Und wie weit er tatsächlich umgesetzt wurde, ist schwer zu sagen. Trotzdem blieb er in den ersten Jahrhunderten das Ideal, dem man nacheiferte. Als das Christentum dann Staatsreligion und viele Chris­ten reich und mächtig wurden, wanderte das Ideal in die Klöster ab – bis diese als solche auch ziemlich viel Besitz anhäuften. Die Reformato­ren hielten ebenfalls nicht viel von Gütergemeinschaft. Sie sahen darin Bedrohung der politischen Ordnung. Und dabei ist es im Grunde bis heute geblieben. Wir tragen zwar alle unseren Teil zur christlichen Gemeinschaft bei – durch Spenden und Kirchensteu­ern – aber das meiste behalten wir für uns, auch wenn’s über das hinausgeht, was wir für unseren Lebensunterhalt brauchen.

Nein, keine Sorge: Ich verlange jetzt nicht, dass wir all unser Geld und unsere Immobilien in einen gemeinsamen Topf schmeißen, aus dem dann alle leben. Das haben Christen immer wieder mal ver­sucht, aber es ist selten gelungen und noch seltener lange gutgegan­gen. Aber es dürfte auch bei uns ruhig deutlicher werden, dass wir im Glauben „ein Herz und eine Seele“ sind. Wir alle haben viel einzubrin­gen in das, wovon die Gemeinschaft der Christen lebt – und damit meine ich jetzt nicht nur Geld und Gut. Ich meine auch Gaben und Fähigkeiten, Rat und Tat, Gebet und Zeit. Gott hat uns reich beschenkt und ausgerüstet – nicht damit wir es als reines Privatei­gentum betrachten, sondern damit wir es einsetzen für das, was der „Menge der Gläubigen“ dient. Da passiert ja Gott sei Dank schon viel in unserer Gemeinde. Da gibt es nicht wenige, die großen Einsatz zeigen und viel dazu beitragen, dass „Gemeinschaft“ bei uns kein leeres Wort ist. Aber es gäbe noch viel mehr Menschen, die ihren Teil dazu beitragen könnten. Und je spärlicher unsere gewohn­ten Geldquellen fließen, desto wichtiger wird das werden.

Also, frei nach John F. Kennedy: „Frag nicht, was deine Kirche für dich tun kann, sondern was du für deine Kirche tun kannst!“ Und mit „Kirche“ meine ich jetzt nicht irgendeine abstrakte Institution, sondern ganz konkret die „Menge der Gläubigen“ – hier bei uns und überall, wo es Christen gibt. Lasst uns der Welt zeigen, dass es in Sachen „ein Herz und eine Seele“ nicht bei Ironie und Heuchelei bleiben muss, sondern lasst uns im Glauben an Jesus Christus wirk­lich eins sein und lasst uns gemein­sam konkrete Schritte tun, damit das auch sichtbar wird. Gott wird uns dabei seine Gnade und seinen Segen nicht verwehren. Amen.

Ihr Pastor Martin Klein