Predigt Talkirche, Sonntag, 2. August 2026

Gottesdienst für den neunten Sonntag nach Trinitatis

Text: Jer 1,4-10

Wann haben Sie zuletzt was von Greta Thunberg gehört? Könnte eine Weile her sein, denn die Zeit, wo sie in aller Munde war, liegt nun schon länger zurück. 2018 war’s, da stellte sich die fünfzehnjäh­rige Greta mit einem selbstgemalten Pappschild vor das schwedische Parlamentsge­bäude und begann ihren „Schulstreik für das Klima“. Nur ein Jahr später war daraus eine weltweite Bewe­gung geworden. Greta Thunberg sprach vor der UN-General­versamm­lung und schleuderte der Welt ihr „How dare you!“ ent­gegen. Und den Reichen und Mächtigen auf dem Weltwirt­schafts­­forum diktierte sie ins Mikrofon: „Ich will, das ihr die Panik kriegt“ – und euch endlich so entschieden für den Klimaschutz einsetzt, wie es die dramati­sche Lage erfordert. Viele bewunderten sie für ihren Mut und ihre Un­verblümtheit, aber es schlug ihr auch eine Menge Hass und Häme entgegen. Dann kam Corona, dann kam der Gaza-Krieg, Greta Thunberg schlug sich kritiklos auf die Seite der Palästinenser und ver­lor dadurch an Kredit und Aufmerk­samkeit. Inzwischen denken viele wieder, dass es Wich­tigeres gibt als den Klimaschutz – dabei ist die Lage dramati­scher als je zuvor.

Mich erinnert bei Greta Thunberg manches an den biblischen Prophe­ten Jeremia. Auch der begann seine Wirksamkeit in sehr jun­gen Jahren. Auch seine Botschaft war unbequem und kompromiss­los: „Ihr habt kein Recht mehr, euch auf Gottes Beistand zu beru­fen“, hielt er seinem Volk und dessen Machthabern vor, „denn ihr seid Gott untreu geworden. Ihr habt seine Gebote missachtet, die Armen ausgebeutet und den Bedürftigen nicht geholfen. Und wenn ihr nicht sofort und gründlich umkehrt, müsst ihr die Konsequenzen tragen: Feinde wer­den Jerusalem erobern und zerstören, und ihr werdet in alle Welt zerstreut.“ Allerdings war Jeremia noch weniger Erfolg beschieden als Greta Thunberg. Nur ein paar Getreue hielten zu ihm. Alle anderen hielten ihn für einen Miesmacher und Querulan­ten. Als Jerusalem dann tatsächlich von den Babyloniern belagert wurde und Jeremia das als Gericht Gottes verstand und zur Kapitulation aufforderte, da sperrte man ihn ein wegen „Wehrkraftzer­setzung“. Beim Untergang der Stadt entging er nur knapp dem Tod, danach verlieren sich seine Spuren. Erst später sah man ein, wie wahr seine Worte gewesen waren.

Aber zurück an den Anfang: Im heutigen Predigttext erzählt Jeremia, wie es kam, dass er zum Propheten wurde. Ich lese aus Jeremia 1:

Und des Herrn Wort geschah zu mir: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mut­ter geboren wurdest, und bestellte dich zum Prophe­ten für die Völker.“ Ich aber sprach: „Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predi­gen; denn ich bin zu jung.“ Der Herr sprach aber zu mir: „Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.“ Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflan­zen.“

Was für eine Berufung: schon vor der Zeugung ausersehen zum Prophe­ten Gottes! Und was für ein Auftrag: „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einrei­ßen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. Klingt ein bisschen nach der Kettensäge von Milei oder Musk: Erst muss das Alte radikal beseitigt werden, dann können wir eine bessere neue Welt bauen. Aber Jeremia ist ja kein größenwahnsinniger Staats- oder Konzernchef. Und sein Wir­kungskreis bleibt auf den Kleinstaat Juda beschränkt. Nein, es ist Gott selbst, der zerstört und aufbaut, der über Völker und Königreiche bestimmt. Jeremia soll nur im Namen Gottes davon reden. Und er findet weder sich selber besonders toll, noch diesen Auftrag. „Ich tauge nicht zum Predi­ger, und ich bin doch noch viel zu jung“ – so versucht er der Beru­fung zu entkommen. Auch später hadert er immer wieder mit Gott, will sich seines Amtes entledigen, das ihm nichts als Spott und Ableh­nung einbringt – und muss doch weiter die Worte Gottes ausrich­ten, die ihn sonst innerlich verbrennen würden. Greta Thun­berg hat es leicht dagegen.

Aber sie hat ja auch immerhin die Wissenschaft im Rücken. Die hat in Sachen Klimawandel solide Fakten zu bieten, die dann doch viele Menschen überzeugen. Jeremia hat nur seinen Gott hinter sich. Und er kann niemandem beweisen, dass es tatsächlich Gottes Worte sind, die er weitergibt – zumal er immer nur Unheil zu verkünden hat. Da glaubt das Volk doch lieber den anderen Propheten, die ihnen den Sieg versprechen und von einer glänzenden Zukunft reden. Was hält Jeremia trotzdem aufrecht? Was lässt ihn dann doch seine Berufung anneh­men und ihr treu bleiben, trotz aller Zwei­fel?

Es muss die Zusage sein, die Gott ihm mitgibt: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr“. Auch das sind natürlich nur Worte. Aber sie kommen von dem, der Jeremias ganzes Geschick in seiner Hand hält – schon von Mutterleib an, sogar schon davor. Und deshalb ist auf diese Worte Verlass. Sie geben Jeremia die Kraft, sich auf den Weg zu machen und sein Prophetenamt auf sich zu nehmen. Und sie bewähren sich immer wieder – auch als ihm keiner glaubt, auch als er angefeindet und misshandelt wird, auch als er im Gefängnis landet, ja sogar, als er alles hinschmeißen will. „Ich bin bei dir“ – das kommt immer wie­der neu zum Klingen in seiner Seele. Und dann geht es weiter – durch die Not hindurch und auch wieder aus ihr heraus.

Aber jetzt wird es langsam Zeit, dass meine Predigt bei uns selber ankommt. Denn wir sind ja nicht Jeremia und auch nicht Greta Thun­berg. Uns hat Gott nicht ausgesondert und zum Prophe­ten beru­fen, hat uns nicht über Völker und Königreiche gesetzt, und niemand lädt uns ein, vor den Vereinten Nationen zu sprechen. Wir sind ganz normale Durchschnittsmenschen, die in herausfordernden Zeiten leben und sich da irgendwie durchschlagen müssen – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Hilft uns dabei irgendwas von dem, was Gott dem Jeremia sagt?

Ja, ich denke schon. Denn Gott hat zwar nicht jeden von uns zum Propheten bestimmt. Aber uns allen gelten seine ersten Worten an Jeremia: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib be­reitete.“ Oder wie es in Psalm 139 heißt: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht be­rei­tet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrie­ben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“ Das heißt nicht, dass Gott schon haarklein vorherbestimmt hat, was mal aus uns wird. Er lässt uns die Freiheit, unsere eigenen Entscheidun­gen zu treffen, und die be­stim­men mit, wie unser Leben verläuft. Aber er weiß von Anfang an, was in uns steckt, wel­che Gaben in uns angelegt sind. Und vor allem gilt uns seine Liebe – immer schon. Als noch nie­mand wusste, dass es uns einmal geben würde, hat er uns schon geliebt und zu einem Le­ben an seiner Seite bestimmt. Bei unserer Taufe hat er uns das persönlich zugesagt – so wie Jeremia damals. Aber es galt auch schon, als wir noch nicht mehr als ein Gedanke Gottes wa­ren.

Und weil das so ist, gilt uns auch die Zusage Gottes an Jeremia: „Fürchte dich nicht; denn ich bin bei dir und will dich erretten.“ Jeremias Lebensgeschichte macht deutlich, dass uns Gott damit kein Rundum-sorglos-Paket überreicht. Er bewahrt uns weder vor Leid und Not noch vor Ablehnung und Konflikten. Aber er verspricht uns: In welche Not du auch gerätst: Ich bin bei dir – dann erst recht! Ich halte dich auch dann in meinen Händen und lasse dich nicht fal­len. Und bring dich da durch, bis dein Leben an sein Ziel gelangt.

Jeremia hat das erfahren. Immer wieder klagt er Gott sein Leid, ja er klagt ihn sogar an. Und doch finden sich daneben auch immer wie­der Sätze wie dieser: „Dein Wort ist meines Her­zens Freude und mein Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, Herr, Gott Zeba­oth.“ (Jer 12,16) Ich kann uns nichts Besseres wünschen, als dass auch wir immer wieder sol­che Worte sprechen können – Worte, die uns aufrichten und unseren Blick auf Gott len­ken, der mit uns geht auf allen unseren Wegen. Amen.

Ihr Pastor Martin Klein