Predigt Talkirche, Sonntag, 18. Oktober 2026

Gottesdienst für den zwanzigsten Sonntag nach Trinitatis

Text: Mk 2,23-28

Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: „Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?“ Und er sprach zu ihnen: „Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hun­gerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die nie­mand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?“ Und er sprach zu ihnen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“

„Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst.“ – Wenn ich unsere Konfis nach den zehn Geboten frage, fällt ihnen dieses immer als letztes ein – wenn überhaupt. Auch sonst ist uns das vierte Gebot ziem­lich fremd geworden, mehr noch als die anderen.

Diese Entfremdung hat eine lange Geschichte, und mit dem heutigen Predigttext stehen wir an ihrem Anfang. Denn wenn der Menschen­sohn, also Jesus Christus, Herr über den Sabbat ist, dann relativiert das seine Bedeutung für diejenigen, die zu diesem Herrn gehören. Deshalb hielten schon die frühen Christen ihre Got­tesdienste am Sonntag, dem Tag der Auferstehung, nicht mehr am Sabbat, dem Tag der vollendeten Schöpfung. Deshalb konnte Martin Luther in seiner Erklärung der Zehn Gebote vom „Feiertag“ statt vom Sabbat spre­chen – das „Ruhen von der Arbeit“ erwähnt er nicht einmal. Und deshalb ist inzwischen auch der Sonn­tag fast zu einem Tag wie jeder andere geworden. Nicht dass wir uns nicht gern ausruhen an diesem Tag. Aber wer denkt schon noch ernsthaft daran, dass er damit ein Gebot Gottes befolgt?

Deshalb können wir kaum noch nachvoll­ziehen, worum es in diesem Text geht. Was tun die Jünger denn schon Weltbewegendes? Ein paar Äh­ren ausraufen! Ja, und? Wie kann man sich über solchen Kleinkram bloß so aufregen! Was müssen das für Erbsenzähler ge­wesen sein, diese Pharisäer! Und was haben dann plötzlich der König David und diese seltsamen Schaubrote damit zu tun?

Wenn wir das alles begreifen wollen, müssen wir uns erstmal in die Welt frommer Juden von damals versetzen. So wie heute auch lebten die meisten von ihnen als Minderheit in einer anders- oder gar nicht gläubigen Umgebung. Und wie alle Minderheiten waren sie darum besorgt, ihre Identität zu bewahren – das hieß: ihren Glauben festzu­halten, Gottes auserwähltes Volk zu sein. Deshalb wurden für sie die drei Dinge besonders wichtig, die sie am deutlichsten von ihrer Um­gebung unterschieden: der Glaube an den einen Gott, die Beschnei­dung – und eben die Einhaltung des Sabbats. Letzteres war natürlich das deutlichste Zeichen. Denn Gott konnte man ja nicht sehen, und die Beschneidung in der Regel auch nicht. Aber dass die Juden an einem Tag der Woche konsequent jede Arbeit liegen ließen, auch gegen Widerstände, das konnte auch jeder Nichtjude mitkriegen, und für jeden Juden war es ein unmissverständli­ches Bekenntnis zu sei­nem Gott und seinem Volk. Kein Wunder also, dass das Sabbat­gebot für fromme Juden das wichtigste aller Gebote wurde. Als im 2. Jahr­hundert vor Christus in Palästina ein Aufstand gegen die grie­chisch-syrische Fremdherrschaft losbrach, da ließen sich die Aufständi­schen am Sabbat sogar wider­standslos umbringen, bis sie sich dazu durch­rangen, dass man am Ruhetag immerhin um sein Le­ben kämpfen dürfe.

Vor diesem Hintergrund muss man es sehen, dass die Gemeinschaft der Pharisäer sich bemühte, bis ins Kleinste zu regeln, was am Sab­bat erlaubt war und was nicht. Schließlich glaubten sie, dass der Messias kommen würde, wenn es Israel nur zweimal gelingen würde, einen Sabbat konsequent zu heiligen. Deshalb legten sie genau fest, welche Arbeiten am Sabbat verboten waren – unter anderem Ernten. Deshalb versuchten sie genau zu definieren, was Ernten heißt – und das Ausraufen von Ähren, auch zum sofortigen Verzehr, gehörte ausdrücklich dazu. Deshalb achteten sie peinlich genau darauf, dass sich alle an diese Vorschriften hielten. Und deshalb gerieten sie mit Jesus und seinen Leuten aneinander.

Normalerweise hätten die Jünger die Ähren ruhig ausraufen und die Körner in der Hand zermahlen und essen dürfen. Sie waren arme Leute, und die durften sich auch auf fremden Feldern bedienen, um ihren Hunger zu stillen. Aber nicht am Sabbat. Wofür kochten denn die Pharisäerfrauen am Rüsttag extra für die Armen mit? In jedem Pharisäerhaus hätten Jesus und die Seinen an diesem Tag etwas zu essen bekommen. Stattdessen liefen sie durch die Felder – auch das war schon bedenklich – und erarbeiteten sich ihr Essen selbst. Das war erstens unnötig und zweitens gegen Gottes Gebot.

Und Jesus? Warum ließ er einfach zu, was seine Jünger taten? War ihm der Sabbat denn völlig egal? Nein. Denn auch Jesus war ein frommer Jude und auch er hielt die zehn Gebote heilig. Alle. Aber er verfuhr nach dem Grundsatz, den er im Text nennt: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“

Eigentlich selbstverständlich, sollte man meinen. So sagt es ja auch das vierte Gebot: Der Sabbat ist eine gute Schöpfungsordnung Got­tes. Er gönnt seinen Menschen die Ruhe, die sie brauchen. Das sahen auch die Pharisäer so. Aber sie begründeten damit höchstens Aus­nahmen von der Regel. Zum Beispiel das Recht, sich am Sabbat selbst zu verteidigen oder Leben zu retten. Aber für Jesus gilt das grundsätzlich: Der Sabbat ist eine Gabe Gottes an die Menschen. Wer ihn bis ins Kleinste zu regulieren versucht, der droht das zu ver­gessen. Der macht aus dem gottgegebenen Recht auf Ruhe einen Ruhezwang und verkehrt es damit in sein Gegenteil. Deshalb ist es für Jesus widersinnig, seinen Jüngern das Ährenraufen zu verbie­ten. Genauso widersinnig wäre es gewesen, wenn der Hohepriester da­mals David und die Seinen hätte verhungern lassen – nur weil das einzig erreich­bare Brot leider den Priestern vorbehalten war. Gott will das Leben seiner Menschen, und er will, dass alle alles haben, was sie zum Leben brauchen. Damit das gelingt, muss es auch Ge­bote geben, die allen Menschen ihre Lebensgrundlagen garantieren. Aber wenn aus den Geboten ein Selbstzweck wird, dann werden sie zum Zwang und behindern das Leben statt es zu fördern. Dann gilt die Verallgemei­nerung des Wortes Jesu: „Die Gebote sind um des Menschen willen da und nicht der Mensch um der Gebote willen.“

Ich denke, es ist schon deutlich geworden, dass es kein typisch jüdi­sches Problem ist, wenn Gebote und Vorschriften zum Selbstzweck werden. Das haben Christen zwar immer wieder behauptet, aber da­bei sind sie ihren antijüdischen Vorurteilen aufgesessen. Denn wir sehen ja, dass der Jude Jesus von solcher Prinzipienreiterei frei war – und das nicht als einziger. Und wir sehen hoffentlich auch, dass Christen der sogenannten Gesetzlichkeit genauso erliegen können wie die Phari­säer.

Damit bin ich schließlich bei uns hier und jetzt: Was lehrt uns denn die biblische Auseinandersetzung um eine scheinbar längst überholte Streitfrage? Eine ganze Menge, wie ich finde. Denn dass Gebote, Gesetze und Vorschriften zum Selbstzweck werden und damit die Freiheit zum Leben behindern, das passiert auch heute in allen Le­bensbereichen.

Nehmen wir einfach mal das Geisweider Bürgerfest, das letzte Wo­che wieder stattgefunden hat: Natürlich muss es da so was wie Hygi­ene-Regeln und Sicherheitsbestimmungen geben. Inzwischen sind die aber so zahlreich und kompliziert, dass sie nur noch mit einem Riesen-Aufwand zu erfüllen sind. Immer weniger Ehrenamtliche haben Lust, sich das noch anzutun. Und das ist ja nur ein kleines Bei­spiel. Das ganze Land stöhnt über die Unzahl von Verkehrsschildern oder Bauvorschriften, über immer längere Antragsformulare, über immer höhere Genehmigungsauflagen, über immer mehr Dokumen­tationspflichten. Mancher kommt darüber kaum noch zu seiner ei­gent­lichen Arbeit. Und kaum etwas scheint so schwer zu sein, wie eine Vorschrift, die einmal in der Welt ist, wieder abzu­schaffen – außer durch neue Vorschriften.

Natürlich ist auch unsere Kirche von alledem nicht frei. Auch da braucht es Regeln, damit der Laden funktioniert, klar. Deshalb gibt es eine Kirchenordnung, eine Verwaltungsordnung und manches mehr. Aber auch hier werden Regeln leicht zum Selbstzweck und behindern dann das kirchliche Leben: sie schrecken Außenstehende ab, rauben Mitarbeitern die Motivation, vermiesen manchem viel­leicht sogar den Glauben. Und sie sind besonders schwer zu ändern, weil sie oft uralten und entsprechend hartnäckigen Traditionen fol­gen. Manchmal werden schon kleine Veränderungen zu Glaubens­fragen hochstilisiert, und dann helfen auch die besten Argumente nicht.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich denke, es hat sich da in den letzten Jahren schon vieles zum Positiven verändert. Im Moment ist für Westfalen sogar eine neue Kirchenordnung in Arbeit. Sie wird viel überholten Ballast über Bord werfen, und das völlig zu Recht. Und unsere Gemeinde erlebe ich erst recht nicht so, dass sie an überlebten Traditionen hängt. Im Gegenteil: Manchmal ertappe ich mich schon bei dem Gedanken, dass sie manche Tradition ruhig ein bisschen mehr pflegen könnte!

Aber der Gefahr der Gesetzlichkeit sollten wir uns trotzdem bewusst bleiben. Wir sollten uns immer wieder klar machen, dass etwas, was mir für mein Glaubensleben wert und teuer ist, für einen anderen ein unüberwindliches Hindernis dar­stellen kann. Dass etwas, was mir eine liebgewordene und unver­zichtbare Gewohnheit ist, für einen anderen ein einengender Zwang sein kann. Wenn es dadurch zu Kon­flikten kommt, dann hilft nur eins: Miteinander reden, einander ver­stehen lernen und dann versu­chen, einen gemeinsamen Weg zu fin­den. Und immer daran denken, dass es Gott mit seinen Geboten auf seine Menschen ankommt und nicht umgekehrt. Und seine Men­schen, das sind wir alle – als Nachbarn, als Bürgerinnen und als Christen. Amen.

Ihr Pastor Martin Klein