Predigt Tal- und Wenschtkirche, Sonntag, 24. Mai 2026

Gottesdienst für den Pfingstsonntag

Text: Apg 2,1-21

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in Apostelgeschichte 2,1-21. Aber ich möchte Ihnen heute mal nicht den Text in seiner ganzen Länge vorlesen, sondern lieber eine Geschichte darüber er­zählen.

Die Hauptperson dieser Geschichte ist ein junger Mann namens Ti­mon. Zu der Zeit, als Jesus durch Galiläa und Judäa zog, lebte Timon in Antio­chia in Syrien. Das war damals eine der größten Städte der Welt. Antiochia hatte einen bedeutenden Hafen, und viele Fernstra­ßen tra­fen dort zusammen. Die Händler der Stadt kauften und ver­kauften Waren aus aller Herren Länder. Antiochia war eine Stadt, in der man reich wer­den konnte. Deshalb zogen viele Menschen dort­hin, um ihr Glück zu machen. Auch Timons Großeltern waren so nach Antiochia gekommen. Sie waren Juden aus Galiläa gewesen. Arm waren sie angekommen und hatten einen kleinen Ge­würzladen aufgemacht. Wenn man fleißig und geschäftstüchtig war, konnte man damit in Antiochia gut verdienen, und Timons Großeltern und Eltern waren beides. Inzwischen war Timons Vater einer der größten Ge­würz­im­porteure der Stadt und besaß ein ordentliches Vermögen.

Timon war Jude wie seine Vorfahren. Aber vom jüdi­schen Glauben wusste er nicht viel. Seine Eltern konnten noch He­brä­isch und Ara­mäisch, die Sprachen der alten Heimat. Aber Timon war schon in Antiochia geboren. Er verstand nur Griechisch. Seine Eltern wünschten sich trotzdem, dass ihr Sohn ein treues Mitglied der jüdi­schen Gemeinde werden sollte; denn sie hielten am alten Glauben fest, auch wenn sie vor lauter Arbeit selten Zeit fanden, in die Syna­goge zu gehen. Mit vierzehn schickten sie Timon deshalb zur Bar-Mizwa in eine griechischsprachige Synagoge. Seitdem konnte Timon immerhin die Zehn Gebote auswendig. Aber was der Rabbi sonst noch alles erzählt hatte, war ziemlich an ihm vor­beigerauscht. Er war mit den Gedanken mehr im Theater oder bei den Wettkämpfen im Stadion gewesen, wo er mit seinen griechischen Freunden oft hin­ging.

Seinen Eltern war das gar nicht recht. Als Timon sechzehn war, un­ternahmen sie deshalb einen neuen Versuch: Sie schickten ihn in die Lehre zu einem Geschäftspartner in Jerusalem. Vielleicht würde er ja in der alten Heimat dem Glauben seiner Väter näher kommen. Timon hatte natürlich keine Lust. Im Vergleich mit Antiochia war Jerusalem ein Provinznest. Aber noch musste er seinen Eltern gehor­chen, also machte er sich auf die Reise.

Timon kam kurz vor Schawuot in Jerusalem an, einem der großen Wallfahrtsfeste, die im Tempel von Jerusa­lem gefeiert wurden. Wie immer waren viele Juden aus aller Welt zum Fest ge­kom­men: aus Persien und Mesopotamien, Syrien und Kleinasien, Ägyp­ten und Libyen, Griechenland und Italien und vielen anderen Län­dern.

Wider Erwarten war Timon von der Stadt durchaus beeindruckt. Er beobachtete die vielen Men­schen, staunte über die prächtigen Bau­werke, und er genoss sogar die Feierlichkeiten im Tempel, auch wenn er wenig davon ver­stand. Oft zog er auf eigene Faust durch die Gas­sen der Stadt, um neue Entdeckungen zu machen.

Eines Morgens – es war am Haupttag des Festes – verirrte er sich in eine kleine Seitengasse, die er bisher noch nie betreten hatte. Dort traf er auf eine große Menschentraube, die sich vor der Tür eines Hauses drängte. Aus dem Haus hörte er laute, fröhliche Stimmen. Neugierig reckte er den Hals. Er wollte sehen, was da los war, aber er konnte nichts erkennen. Er tippte also seinen Vorder­mann auf die Schulter und fragte auf Griechisch: „Weißt du, was da los ist?“

Er hatte Glück. Der Mann verstand seine Sprache. „Keine Ahnung“, sagte er. „Ich weiß nur, dass sich in dem Haus die Anhänger von Je­sus treffen. Bei denen muss irgendwas Besonderes passiert sein.“ „Jesus? Wer ist denn das? Von dem habe ich ja noch nie gehört!“

„Jesus war so ein umherziehender Prediger aus Galiläa“, antwortete der Mann. „Manche sa­gen, dass er auch Wunder getan hat. Aber hier in Jerusalem hat er gefährli­che Reden geschwungen und den Tempel­betrieb gestört. Da hat der Hohe Rat ihn verhaften lassen und den Römern ausgeliefert. Die haben ihn dann als Aufrührer ans Kreuz geschla­gen. Beim Passa-Fest war das, vor sieben Wochen. Aber seine Freunde aus Galiläa sind seltsamerweise immer noch hier. Sie treffen sich re­gelmäßig in diesem Haus. Ich frag mich, worauf die noch warten. Ich hätte mich an ihrer Stelle längst aus dem Staub ge­macht.“

„Also, wenn du mich fragst“, sagte Timon, „klingt das nicht so, als ob die nur zusammen sind, um ihren Herrn und Meister zu betrauern. Ich tippe eher auf ein fröhliches Saufgelage.“

„Stimmt“, sagte der andere. „Darüber hab ich mich auch schon ge­wundert. Am frühen Morgen schon Wein trinken, das ist eigentlich nicht ihre Art.“

Als sie noch so redeten, rief plötzlich jemand: „Schaut mal, da steht einer von denen am Fenster!“ Alle, auch Timon, schauten auf das Fenster im Obergeschoss. Dort stand ein Mann mit Bart in einfa­cher Kleidung. Er hob die Hand, als ob er eine Rede halten wollte. „Das ist Petrus, ein Fischer vom See Genezareth“, erklärte Timons Nach­bar. „Seit Jesus tot ist, ist er der Anführer bei denen. Mal hören, was er zu sagen hat.“ Petrus hob noch einmal die Hand, dann kehrte lang­sam Ruhe ein.

„Ihr Frauen und Männer von Jerusalem, hört mir zu! Meine Freunde und ich, wir sind nicht betrunken, wie ihr denkt. Was mit uns heute geschehen ist, hat der Prophet Joel vor langer Zeit angekün­digt. Durch ihn hat Gott gesagt: In den letzten Tagen will ich meinen Geist ausgießen auf alle Menschen. Dann werden Junge und Alte, Männer und Frauen anfangen, im Namen Gottes zu reden. Und wer dann zu Gott umkehrt, der soll gerettet werden. Damit das ge­schieht, hat Gott Jesus geschickt. Die Römer haben ihn umgebracht, und viele von euch waren damit einverstanden. Aber Gott hat Jesus von den Toten auf­erweckt. Er lebt, wir haben ihn selbst gesehen. Er hat uns verspro­chen, dass er Gottes Geist zu uns senden wird, und das ist heute ge­schehen. Deshalb freuen wir uns und sagen es allen, die uns zuhö­ren.“

Timon war verblüfft. Er fragte seinen Vordermann: „Du hast doch gesagt, der ist aus Galiläa. Woher kann er dann so perfekt Grie­chisch?“

„Wieso Griechisch?“ fragte der. „Er hat doch Aramäisch gespro­chen.“

„Aramäisch?“ sagte eine Frau neben ihnen. „Nein, das war Ara­bisch.“

„Nein, persisch“, meinte ein Dritter.

„Also, ich hab Latein gehört“, sagte ein römischer Soldat, der auch in der Menge stand.

„Das kann doch nicht möglich sein“, sagte Timon. „Dann hätte ja je­der von uns ihn in seiner eigenen Sprache gehört.“

„Dann muss tatsäch­lich Got­tes Geist auf ihm sein“, sagte ein alter Mann. „Gott hat alle Men­schen geschaffen und versteht alle Spra­chen.“

Da kam Timon ein Gedanke: „Aber wenn du Recht hast, wenn tat­sächlich Gott durch ihn spricht, dann muss es ja auch stimmen, was er von diesem Jesus gesagt hat und von der Umkehr zu Gott.“ Und ohne groß nachzudenken rief er laut über die Köpfe der Leute hin­weg: „Petrus! Wenn es so ist, wie du sagst, was sollen wir denn dann tun?“

Petrus antwor­tete: „Kehrt um und vertraut auf den Gott eurer Mütter und Väter, den Gott Israels. Und lasst euch taufen auf den Namen von Jesus Christus. Dann seid ihr eure Schuld los und seid nicht mehr von Gott ge­trennt. Und dann kommt Gottes guter Geist auch zu euch.“

Wieder verstand Timon, was Petrus sagte, genau wie alle anderen, jeder in seiner Sprache. Und viele folgten der Aufforderung von Pet­rus. Sie ließen sich von ihm und seinen Freunden auf den Namen von Jesus Christus tau­fen. Timon war einer von ihnen. Er hatte tatsäch­lich in Jerusalem den Gott seiner Vorfahren gefunden, aber ganz an­ders, als seine El­tern sich das vorgestellt hatten. Er blieb in Jerusalem und schloss sich der Gemeinschaft um Petrus an. Er hörte von ihnen noch viel mehr über Jesus. Regelmäßig trafen sie sich, erzählten, sangen und beteten und feierten zusammen das Abendmahl. Später wurde Timon einer der ersten Diakone und kümmerte sich um die Armen und Kranken der Gemeinde. Erst als die Christen aus Jerusa­lem verjagt wurden, ging er zurück nach Antiochia und erzählte den Menschen dort wei­ter, was er in Jerusalem erlebt hatte. Und weil der Geist Gottes bei ihm war, konnte er das so über­zeugend tun, dass sich viele von sei­nem Glauben an­stecken ließen, Juden und Griechen.

Was Timon erlebt hat, war das Fest, das wir Pfingsten nennen: der Geburtstag der Kirche. Und wo sich Menschen heute anstecken las­sen vom Geist Gottes und vom Glauben an Jesus Christus, da ge­schieht heute noch das Gleiche: da verstehen sich plötzlich Men­schen, die sich vorher nie verstanden haben, da entsteht Gemein­schaft zwischen Alten und Jungen, Männern und Frauen, Reichen und Armen. Und wo Christen sich zum Gottesdienst versammeln, wo Menschen getauft wer­den und das Abendmahl gefeiert wird, da ist Gott mit dabei – auch hier und heute. Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir davon auch et­was spüren und erleben. Amen.

Ihr Pastor Martin Klein