Gottesdienst für den dritten Sonntag nach Trinitatis
Text: Mi 7,18-20
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.
Mit diesen Worten endet das Buch des Propheten Micha – versöhnlich und hoffnungsvoll. Aber über weite Strecken klingen Michas Worte ganz anders. Da wird Anklage erhoben gegen die Reichen und Mächtigen, die das einfache Volk ausplündern und sich für alles und jedes bestechen lassen. Da wird Kritik geübt an prächtigen Gottesdiensten und Opferfeiern, weil sie im Widerspruch stehen zu dem, was Gott eigentlich von seinem Volk fordert, nämlich „Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (6,8) Es wird Schuld aufgedeckt und Strafe angekündigt: feindliche Heere werden Jerusalem dem Erdboden gleich machen. Nur ein Rest des Volkes wird übrig bleiben, und mit ihm fängt Gott nochmal neu an: nicht mehr in der großen Stadt Jerusalem, sondern im kleinen Bethlehem. Ein neuer Herrscher wird dort herkommen wie einst David, und er wird Israel endlich so regieren, wie es vor Gott recht ist (5,1). Das ist immerhin eine Verheißung. Aber auch in ihr steckt noch Kritik an den verdorbenen Eliten in der Hauptstadt. Für sie ist beim Neuanfang kein Platz mehr.
Auf diese harten Worte folgt nun also der versöhnliche und hoffnungsvolle Schluss. Als er aufgeschrieben und hierher gesetzt wurde, war das Unheil schon eingetreten. Jerusalem war zerstört, seine Bewohner tot, verschleppt und in alle Winde zerstreut. Die von Micha Angeklagten hatten ihre gerechte Strafe bekommen. Aber der versprochene Neuanfang war noch nicht da. Fremde herrschten über das Land, kein neuer König aus Bethlehem. Viele hatten alles verloren und lebten in ärmlichen Verhältnissen. Und viele taten immer noch nicht das „was gut ist und was der Herr von dir fordert“. Auch mit dem Ende der alten Eliten waren Ausbeutung und Korruption nicht aus der Welt.
Wenn ich recht sehe, sprechen die Schlussworte des Michabuchs genau in diese Situation. Denn ihr Verfasser hat eins verstanden: Auch wenn die Schuldigen ihre Strafe bekommen haben, ist die Schuld nicht einfach weg. Denn Strafe ändert die Menschen nicht, erst recht nicht zum Besseren. Selbst wenn die Schuldigen tot sind, treten andere an ihre Stelle und machen genau da weiter, wo ihre Vorgänger aufgehört haben. Deshalb sind Kriege wie die in Gaza, im Libanon, im Iran so sinnlos. Sie kosten viele Menschen das Leben und richten ungeheure Zerstörung an, aber sie machen nichts besser. Sie erzeugen nur immer neuen Hass, neue Vergeltungswünsche, neue Schuld. Und so dreht sich die Spirale der Gewalt endlos weiter. Schuld häuft sich auf Schuld, sie wird immer nur addiert und niemals abgerechnet.
Anders als in der heutigen israelischen Regierung gab es damals in Israel offenbar Menschen, die das begriffen hatten. Und die einen Ausweg sahen aus dem Kreislauf von Schuld und Strafe, nämlich: Vergebung! Und diese Vergebung suchten sie wohlweißlich nicht bei Menschen, sondern bei ihrem Gott: „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils“.
Gott vergibt – an diese Aussage haben wir uns längst gewöhnt. „Vergeben, das ist doch sein Geschäft“, sagte schon der alte Voltaire über den Gott, an den er nicht glaubte. Und wahrscheinlich zuckte er gleichgültig mit den Schultern dabei. Deshalb können wir vielleicht gar nicht mehr nachvollziehen, was für ein Staunen, was für eine Erleichterung und Dankbarkeit hinter diesen biblischen Worten steckt – „Wo ist ein Gott wie du?“
Denn Vergeben, das war damals keineswegs das Geschäft der Götter, an die die Menschen glaubten. Oft werden sie uns als ausgesprochen rachsüchtig geschildert, auf Strafe und Vergeltung erpicht, nicht auf Vergebung. Und wenn sie Erbarmen mit einem Menschen haben, dann aus der Distanz und von oben herab – wie Herrscher, die mal eben mit der Hand wedeln, um einen Schuldigen zu entlassen, wenn sie ausnahmsweise mal Gnade vor Recht ergehen lassen.
Unser Gott ist anders, sagt der Rest des Volkes Israel, der hier redet. Er ist kein römischer Kaiser, der je nach Laune mal den Daumen hebt, mal senkt. Nein, „er hat Gefallen an Gnade!“ Es ist sein Wesen, dass er barmherzig und gnädig ist, geduldig und von großer Güte. Er hat den Vätern und Müttern Israels geschworen, dass er ihnen treu bleiben und Gnade erweisen wird – und das nicht auf Widerruf und nur bei entsprechendem Wohlverhalten, sondern für immer und ewig, trotz aller Untreue, die seine Leute sich immer wieder zuschulden kommen lassen.
Und er macht es sich nicht einfach mit der Vergebung. Sie ist für ihn nicht nur ein Wink mit der Hand oder ein Federstrich. Nein, er tritt unsere Schuld unter die Füße, heißt es im Text – wie einen besiegten Feind nach einem schweren und blutigen Kampf. Dieses brutale Bild mag uns nicht besonders gefallen. Aber es macht anschaulich, was Gott an anderer Stelle sagt: „Mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten. Ich, ich, tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.“ (Jes 43,24f) In die Tiefen des Meeres wirft er sie, heißt es weiter bei Micha. Modern gesprochen: Gott verstaut unsere Sünden in einem sicheren Endlager, aus dem heraus sie nichts und niemanden mehr kontaminieren können. So, und nur so kommt der ewige Kreislauf von Schuld und Strafe an sein Ende.
Das „unter die Füße treten“ und „ins Meer werfen“, das sind ungewöhnliche Bilder, selbst in der bildreichen Sprache des Alten Testaments. Und vielleicht erschließen sie sich erst in ihrer ganzen Tiefe, wenn man vom Neuen Testament her darauf schaut. Denn wieviel Arbeit es für Gott war, unsere Schuld unter die Füße zu treten, was es ihn gekostet hat, unsere Sünden ins äußerste Meer zu werfen, das können wir so richtig erst an Jesus erkennen. Denn damit unsere Schuld wirklich vergeben und gebannt ist, musste Gott selber Mensch werden. Um das Böse zu besiegen, musste er selber sein Leben lassen. Um die Sünde aus unserer Welt und unserem Leben zu entfernen, musste er selber den Tod auf sich nehmen und gerade so seine Macht brechen.
Wenn uns das einmal aufgegangen ist, dann können wir Sünde und Schuld nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen – nach dem Motto: Wir machen alle mal einen Fehler, aber Gott wird da schon drüber wegsehen – ist ja schließlich sein Job. Nein, liebe Leute, so nicht! So nehmt ihr weder Gott ernst, noch eure eigene Situation. Denn mit „Schwamm drüber“ schafft man nichts Böses aus der Welt. Auch nicht damit, dass man zurückschlägt und mit gleicher Münze heimzahlt. Sondern das Einzige, was hilft, ist die Bitte des Vaterunsers: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Auch das sollten wir nicht einfach so daher sagen. Sondern wir sollten uns bewusst machen, welchen hohen Preis Gott für diese Vergebung gezahlt hat – für unsere Schuld und auch für die Schuld der Menschen, denen wir noch etwas zu vergeben haben.
Zugegeben: Unsere Welt macht nicht gerade den Eindruck, als sei das Böse schon besiegt, als würden unser aller Sünden schon in den Tiefen des Ozeans ruhen. Ungnade, Unversöhnlichkeit und Unbarmherzigkeit scheinen immer noch das Feld zu beherrschen. Aber so war es auch zu Michas Zeiten. Trotzdem stimmt er einen Lobpreis an auf den Gott, der die Sünde vergibt. Ist das Realitätsverlust? Oder ist es einfach ein anderer Blick auf die Wirklichkeit – geprägt von dem, was beim gnädigen und barmherzigen Gott längst Wirklichkeit ist? Vielleicht sollten wir es mit diesem anderen Blick einfach mal ausprobieren. Vielleicht sollten wir die Welt einfach mal so sehen, wie die Bibel sie sieht: als in eine Welt, in der das Böse zwar noch da, aber trotzdem längst besiegt ist. Auch für uns selber gilt das, denn wir sind ja ein Teil dieser Welt. Und deshalb müssen wir uns nicht mehr vom Bösen überwinden lassen, sondern können das Böse mit Gutem überwinden: mit Liebe, mit Barmherzigkeit, mit Vergebung. Also lasst es uns einfach tun und sehen, wie weit es uns trägt. Viel weiter, als wir denken, davon bin ich überzeugt – denn Gott hat Gefallen daran. Amen.
Ihr Pastor Martin Klein