Gottesdienst für den Sonntag Miserikordias Domini
Text: 1. Petr 2,21-25
Donald Trump ist gestorben und kommt in den Himmel. Wie alle muss er dort vor dem Thron des Höchsten erscheinen, und wie alle darf er Gott eine Frage stellen. Trump bleibt sich treu und fragt: „What the fuck are you doing in my chair? – Was zum Teufel machst du auf meinem Stuhl?”
Man muss befürchten, dass Donald Trump diesen Witz gar nicht verstehen würde. Gehört er denn nicht genau da hin – auf den Platz des Allmächtigen? Als Jesus 2.0 lässt er sich ja schon feiern: in inniger Umarmung mit dem Sohn Gottes vor US-Flagge oder gleich selber als neuer Heiland, der sich über einen verwundeten „Helden“ beugt, während im Hintergrund der Iran oder Kuba oder welches Land auch immer in die Steinzeit zurückgebombt wird. „Und es wurde ihm ein Maul gegeben, und es tat sein Maul auf zur Lästerung gegen Gott, zu lästern seinen Namen und sein Haus und die im Himmel wohnen.“ (Offb 13,5-6) Man sollte vorsichtig sein, diese Beschreibung des Antichristen auf eine bestimmte Person zu deuten. Aber ich kann mir nicht helfen: Seit Kaiser Nero passten sie auf kaum jemanden so gut wie auf Donald J. Trump, den 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.
Aber genug davon. Wenden wir uns lieber dem heutigen Predigttext zu. Denn der zeigt uns das genaue Gegenbild zu Trumps blasphemischem KI-Kitsch. Und er schildert uns, wie es aussieht, wenn man wirklich dem Vorbild Jesu folgt:
Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen. Er hat keine Sünde getan und in seinem Mund fand sich kein Betrug. Als er geschmäht wurde, erwiderte er die Schmähung nicht. Er drohte nicht, als er litt, sondern stellte es dem anheim, der gerecht richtet. Er hat unsre Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen.
Was für ein Loser, dieser Jesus! Lässt sich verhaften und fesseln, verprügeln und verhöhnen, fälschlich verklagen und verurteilen und schließlich ans Kreuz schlagen nicht nur ohne Droh- und Schmähreden, sondern ohne jede Gegenwehr, ohne ein einziges Wort des Protests! In einer Welt, wo angeblich der gewinnt, der zuerst zuschlägt, schlug er noch nicht mal zurück – nicht, weil er nicht konnte, sondern weil er nicht wollte. Denn nur so konnte er ohne Sünde bleiben. Nur so blieb er ganz bei Gott, seinem Vater im Himmel. Nur so konnte er all das Unrecht ertragen und allein auf Gottes Gerechtigkeit vertrauen. Und nur so konnte er unsere Sünde, unsere Trennung von Gott, unsere Gottverlassenheit mit in den Tod nehmen. Ihn hat Gott dafür von den Toten auferweckt. Aber die Gottesferne, die er für uns getragen hat, die ist tot und bleibt tot für alle Zeit und bis in Ewigkeit.
Daran erinnert der erste Petrusbrief seine Leserinnen und Leser – mit geprägten Worten, die sie wohl schon bei ihrer Taufe gehört haben. Und er sagt ihnen damit: für euch gilt das, was diese Worte besagen. Für euch ist Jesus Christus in den Tod gegangen, durch seine Wunden seid ihr geheilt. Mit der Taufe hat Gott euch dieses Heil persönlich zugesprochen. Früher habt ihr fern von Gott gelebt, seid umhergeirrt, orientierungslos wie Schafe ohne Hirten. Aber dieses Leben ist vorbei. Euer altes Ich ist tot. Ihr seid frei davon, und ihr seid frei dazu, ein neues Leben mit Gott zu führen. Ein Leben nach dem Vorbild Christi, ein Leben, das ausgerichtet ist auf Gottes Gerechtigkeit.
Das sind große, bedeutungsschwere Worte – gesprochen zu Menschen, die als Erwachsene zum Glauben gekommen sind und getauft wurden, Menschen, denen klar war, was das für Konsequenzen haben würde in einer Umgebung, die den Christen misstrauisch bis feindselig gegenüberstand. Passen diese Worte noch auf uns, die wir meistens als kleine Kinder getauft worden sind, als Akt einer eingebürgerten und unbestrittenen Tradition? Oder brauchen wir es heute einfacher und schlichter? „Gott hat dich lieb und begleitet dich durchs Leben.“ Darauf beschränkt sich unsere Taufbotschaft meistens. Und das ist ja auch alles andere als falsch.
Aber ich glaube, die alten Worte des ersten Petrusbriefes sind stärker, und sie rücken uns wieder näher. Denn es ist ja inzwischen längst nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder getauft werden, auch wenn ihre Eltern vielleicht noch zur Kirche gehören. Erst recht ist es nicht mehr selbstverständlich, dass sie mit dem christlichen Glauben aufwachsen und selber lernen, als Christen zu leben. Und wenn sie es tun, merken sie irgendwann, dass die Widerstände dagegen größer werden. Nicht nur weil der Zustand unserer Welt unseren Glauben in Frage stellt. Sondern auch weil immer mehr Menschen uns und unser Christsein in Frage stellen. „Wie, du bist noch in der Kirche?“ muss mancher sich inzwischen anhören. „Warum das denn?“
Ein wenig geht es uns also wieder so, wie es den Christen in Kleinasien am Ende des ersten Jahrhunderts erging, und das mag durchaus noch zunehmen. Vielleicht können deshalb die Worte des Briefes, der an sie gerichtet ist, auch uns stärken und Mut machen. Vielleicht können sie uns helfen, in unserer Zeit den Fußstapfen Jesu zu folgen.
„In seinem Mund fand sich kein Betrug“, heißt es da. Lasst uns also Christus folgen und Quellen der Aufrichtigkeit und der Wahrhaftigkeit sein – als Einzelne und als Gemeinde. Ja, auch unter Christen wurde immer viel gelogen und geheuchelt, und das hat unserem Ansehen massiv geschadet – gerade in den letzten Jahren. Aber durch Jesus Christus und in seinen Fußstapfen können wir auch anders, und das muss unser Maßstab sein. Wie soll man denn sonst heute noch Wahrheit und Lüge unterscheiden, wenn nicht mit der Wahrheit Gottes im Rücken? Sie sollte bei uns jederzeit und für jeden zu finden sein. Und es sollte sich herumsprechen, dass Christen ehrliche Leute sind, auf die man sich verlassen kann.
„Er drohte nicht und schmähte nicht zurück“, heißt es weiter. Also lasst uns Christus folgen und einfach nicht mitmachen bei der allgemeinen Verrohung der Sprache. Selbst Männer in hohen Staatsämtern reden ja inzwischen öffentlich so wie Gangster, wenn sie unter sich sind – ganz zu schweigen von all dem Hass und all der Häme, die täglich und weltweit die sozialen Medien zumüllen. Also muss klar sein: Wer Jesu Fußstapfen folgt, der macht da nicht mit, auch nicht beim altmodischen Ablästern von Mund zu Mund. Und wo wir von unserem Glauben her Kritik üben, auch scharfe Kritik, wenn’s sein muss, sollten wir dabei die Grenze zur Beleidigung nie überschreiten.
„Er hat alles dem gerechten Gericht Gottes anheimgestellt“, heißt es dann. Also lasst uns Christus folgen und uns nicht selber zu Richtern und Vollstreckern aufschwingen. Wenn Menschen oder auch Staaten Böses tun, vielleicht sogar uns selber Böses tun, muss für uns der Grundsatz gelten: „Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr.“ Alles Übrige sollten wir der irdischen Justiz überlassen – für Einzelne und für Völker.
„Er ist der Hirte und Aufseher unserer Seelen“, heißt es zum Schluss. Also lasst uns auf Christus blicken und all den selbst ernannten Rettern und Verführern eine Absage erteilen. Denn wer den Fußstapfen Jesu folgt, der lernt es, ihn, den guten Hirten, von den falschen Hirten zu unterscheiden. Die Barmer Theologische Erklärung hat dafür wegweisende Worte gefunden: „Jesus Christus, wie er uns in der heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ Damals vor 90 Jahren war das gegen den Führerkult der Deutschen Christen gerichtet. Es gilt aber genauso gegenüber denen, die heute Jesus Christus für eine gewalttätige politische Agenda einspannen wollen – vom amerikanischen „Kriegsminister“ bis zum russisch-orthodoxen Patriarchen. Denn der gute Hirte führt seine Schafe nicht in die Schlacht. Er führt sie auf grüne Auen und zum frischen Wasser, und er lässt sein Leben für sie – und zwar für alle seine Schafe, auch die aus anderen Ställen. Wohl uns, wenn wir ihm allein folgen und keinem anderen! Amen.
Ihr Pastor Martin Klein