Gottesdienst zum Jahresabschluss
Text: Hebr 13,8
(Euro-Schein und –Münze) Das was ich hier in Händen halte, sind inzwischen alte Bekannte: Euro-Scheine und -Münzen. Seit genau 24 Jahren sind die jetzt im Umlauf. Und obwohl es immer noch Menschen geben soll, die lieber die alte D-Mark wieder hätten, haben wir uns doch in Wirklichkeit längst an dieses Geld gewöhnt. Allen Unkenrufen zum Trotz ist auch der Euro eine recht stabile Währung geworden. Und dass wir für einen Österreich, Italien- oder Spanienurlaub kein Geld mehr tauschen müssen, zeigt uns, dass ein einigeres Europa auch viel Gutes hat.
Doch inzwischen ist schon wieder alles anders. Münzen aus Metall und Scheine aus Papier finden immer seltener Verwendung. Das häufigste Zahlungsmittel sieht inzwischen so aus (Scheckkarte) oder so (Smartphone). In Skandinavien ist das Bargeld schon fast ganz verschwunden. Hierzulande hängen viele noch daran, aber zumindest größere Beträge zahlt auch bei uns kaum noch jemand Cash auf die Hand. Viele tragen im Alltag gar kein Bargeld mehr bei sich. Also verschwinden überall die Münzautomaten, die Banken machen ihre Kassenschalter zu, und auch für unsere Kollekten müssen wir uns so langsam etwas einfallen lassen. Immerhin kann man jetzt schon mal per QR-Code für die Sanierung der Talkirche spenden, und per Online-Banking geht es natürlich auch.
Ich gebe zu, dass ich mich auch nur langsam an diese neue Art von Zahlungsverkehr gewöhne. Aber auch ich weiß inzwischen zu schätzen, dass online vieles einfacher und schneller geht, und herkömmliche Diebe kommen an mein Geld auch nicht mehr dran. Alles in allem ist das also wirklich mal eine Entwicklung zum Guten – finde ich jedenfalls.
Leider kann man das von den Veränderungen der Zeit- und Weltgeschichte nicht immer sagen. Wer hätte zum Beispiel noch vor einem Jahr gedacht, dass es dem neuen US-Präsidenten so schnell gelingen würde, die amerikanische Demokratie zu zerrütten – vom Verhältnis zu Europa ganz zu schweigen? Wer hätte noch vor fünf Jahren damit gerechnet, dass Krieg in Europa wieder eine Realität wird, mit der man rechnen und für die man sich wappnen muss? Oder dass in Deutschland nochmal so viele Menschen eine rechtsextreme Partei wählen würden?
Wir sehen also: Nichts auf Erden ist von Dauer, und manchmal löst ein einziges Ereignis eine Kettenreaktion aus, die den Wandel der Zeiten rasant beschleunigt – zum Guten oder zum Bösen. Diese Einsicht ist zwar nicht neu. Aber sie hat sich in den letzten Jahren vielfach neu bestätigt.
Wenn wir uns das vor Augen führen, dann müsste uns der heutige Predigttext eigentlich aufhorchen lassen. Er besteht nur aus einem kurzen Satz, eigentlich sogar nur aus einem Schlagwort, aber dieses Schlagwort hat es in sich:
Jesus Christus gestern und heute derselbe und auch in Ewigkeit.
Gewohnheiten kommen und gehen. Gesellschaftsordnungen zerfallen. Sogenannte starke Männer steigen auf und gehen unter. Berühmtheiten sterben und werden vergessen. Normale Menschen sowieso. Aber Jesus Christus bleibt heute derselbe, der er gestern war, und wird weiter derselbe bleiben bis in Ewigkeit. Ist das wahr? Ist das der feste Halt, den wir brauchen im Wandel der Zeiten, auf dem Weg von einem Jahr ins andere?
Zunächst ist dieser Satz ein Wort des Zuspruchs und der Ermunterung. Er steht im letzten Kapitel des Hebräerbriefes. Ein unbekannter Verfasser richtet sich mit diesem Brief an müde gewordene Christen der zweiten und dritten Generation: Die aufregenden und mitreißenden Zeiten der Apostel sind vorbei, und in den christlichen Gemeinden sind Alltag und Routine eingekehrt. Man hat sich mit den Verhältnissen arrangiert, auch wenn sie manchmal widrig sind, man lebt und glaubt im gewohnten Trott und man regt sich nicht mehr besonders auf, wenn einige der Gemeinde den Rücken kehren, weil der alte Schwung nicht mehr da ist. Kurz: Man hat sich mit dem Werden und Vergehen abgefunden und droht den Blick zu verlieren für das, was bleibt.
Wir merken an dieser Beschreibung, dass die Lage der Christen hier und heute gar nicht so viel anders ist: Auch sie zehren oft nur noch von einer großen Vergangenheit, und die Vorräte werden knapp. Die Bibel? Hat man im Regal stehen und auf dem Altar liegen, aber ihr Inhalt ist nur noch in Bruchstücken bekannt und bewegt nicht mehr besonders. Die Glaubenszeugen der Vergangenheit – Bonifatius, Luther, Bodelschwingh, Bonhoeffer und wie sie alle heißen? Werden in Ehren gehalten, aber sie sagen den meisten nicht mehr viel. Das Glaubensbekenntnis? Wird im Gottesdienst gesprochen, aber nicht mehr im Alltag, weil vielen dafür die eigenen Worte fehlen. Kirchenaustritte? Schade um die Kirchensteuern, aber was andere glauben oder nicht mehr glauben können, kann uns doch egal sein. Christliche Werte? Ihr Schwinden wird zwar oft bedauert, aber es wird wenig getan, um das zu verhindern.
Wollte Gott, der islamistische Terror der letzten Jahrzehnte hätte wenigstens das erreicht, uns aus dieser Haltung aufzuschrecken. Denn das, was da immer wieder geschieht, muss gerade sogenannte „Gläubige“ zutiefst beunruhigen: Da handeln nämlich Menschen, die sind felsenfest überzeugt von dem, was sie glauben, wie verquer es uns auch vorkommen mag. Die kennen ihren Koran, und glauben genau zu wissen, was er von ihnen fordert, und sie sind zu allem entschlossen. Mit einem hilflosen „Aber wir glauben doch alle an einen Gott“ kommt man dagegen nicht an. Aber auch nicht mit Angst und pauschalen Vorurteilen. Beides zeigt im Grunde nur, dass Christen, die von bescheidenen Restbeständen ihres Glaubens leben, einem selbstgewissen oder gar militanten Islam nichts entgegenzusetzen haben.
Es sei denn, wir besinnen uns auf das, was der Hebräerbrief auch uns zuruft: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Wenn unser christlicher Glaube aus seinem Winterschlaf erwachen soll, dann müssen wir wieder lernen, was das heißt: wer Jesus Christus für uns ist und was seine Gegenwart im Fluss der Zeiten bedeutet. Ein lohnendes Thema für das neue Jahr. Aber für heute müssen ein paar Anstöße zum Nachdenken genügen:
Man kann in die Aussage aus Hebräer 13 an verschiedenen Stellen ein „ist“ einfügen. Das erste gleich zwischen den ersten beiden Worten: „Jesus ist Christus“, das heißt: Jesus ist der Messias, er ist Gottes Sohn, er sitzt zur Rechten Gottes als Herr der Welt. Christen von heute schweigen davon gern. Manchmal aus falsch verstandener Rücksichtnahme: Wir wollen ja uns mit Juden und Muslimen gut verstehen, aus unbestritten guten Gründen. Und die können das nun mal nicht glauben, dass Gott einen Sohn hat und Mensch wird. Aber wie sollen sie uns und unseren Dialog mit ihnen ernst nehmen, wenn wir mit dem Herzstück unseres christlichen Glaubens hinterm Berg halten? Was halten wir auf der anderen Seite den Atheisten entgegen, die auch immer militanter auftreten? Die halten Gott ja für einen autoritären Tyrannen, der Menschen knechtet und niederdrückt, und lehnen ihn deshalb ab. Aus christlicher Sicht ist das ein übles Zerrbild. Aber haben wir noch überzeugende Argumente dagegen?
Das Problem ist wohl, dass viele Christen es selber nicht mehr so recht glauben können, dass Jesus der Christus ist. Jesus als Vorbild der Nächstenliebe – okay. Jesus als einer, der Gott besonders nahe gekommen ist – auch gut. Aber Jesus als Gottes Sohn? Gott als Mensch? Schwer zu glauben, das ist wahr. Aber ich bin mir sicher: Wenn wir uns nicht darüber Gedanken machen, wie wir das heute glauben und in Worte fassen können, dann ist das Christentum, zumindest das europäische, bald ein abgeschlossenes Kapitel der Religionsgeschichte, ein Stück Weltkulturerbe, das die UNESCO unter Schutz stellen muss, damit es nicht zu Staub zerfällt.
Aber ich bin auch überzeugt, dass es so weit nicht kommen muss. Denn das zweite „ist“ lässt sich vor „derselbe“ einfügen: „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.“ Mich erinnert das daran, wie Gott sich dem Mose vorgestellt hat, damals am brennenden Dornbusch: „Ich bin, der ich bin“ oder „ich werde sein, der ich sein werde“. Diese Aussage ist keine Einladung, philosophisch über die Unwandelbarkeit Gottes zu spekulieren. Sondern sie will uns etwas zusprechen: „Für euch bin ich immer da und immer derselbe“. Und das heißt im Sinne des Hebräerbriefs: „Ich bin für euch immer so, wie ich mich euch in Jesus gezeigt habe“. Einer, der nicht auf euch herabschaut, sondern sich mit euch auf Augenhöhe begibt. Einer, der die Menschen liebt – bedingungslos. Einer, dem es an die Nieren geht, wenn er Menschen leiden sieht. Einer, der Trauer in Freude, Angst in Zuversicht und Verzweiflung in Hoffnung verwandeln kann. Einer, der lieber stirbt als auch nur einen Menschen verloren gehen zu lassen. Einer, der den Tod besiegt, weil er das Leben selber ist.
Weil er davon überzeugt war, konnte der Verfasser des Hebräerbriefs seinen Lesern neuen Mut machen: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Weil er daran glaubte, konnte Martin Luther singen: „Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, / der uns schenkt seinen ein’gen Sohn. / Des freuet sich der Engel Schar / und singet uns solch neues Jahr.“ Weil er darauf vertraute, konnte Dietrich Bonhoeffer dichten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Und mit diesem Zuspruch im Rücken können auch wir getrost ins Jahr 2026 nach Christi Geburt gehen. Auch in diesem Jahr wird Jesus Christus derselbe sein und bleiben – und wir mit ihm. Amen.
Ihr Pastor Martin Klein