„Da weinte Jesus.“
So kurz ist der Bibelspruch für den Monat März. Und ich nehme erstmal zur Kenntnis: Jesus zeigt Gefühl. Ganz normales menschliches Gefühl. Offenbar hat ihm niemand beigebracht, dass ein richtiger Junge nicht weint, dass man peinlich ist und schon verloren hat, wenn man in Tränen ausbricht. Das macht ihn mir sympathisch im wahrsten Sinne des Wortes: Ich kann mit ihm mitfühlen.
Aber dann frage ich mich natürlich: Warum weint er denn? Hat er Schmerzen? Ist er traurig? Tut ihm etwas leid? Fühlt er ohnmächtige Wut? Ist er gerührt? Weint er Freudentränen?
Ich schaue in der Bibel nach, im Johannes-Evangelium, Kapitel 11, Vers 35, und ich stelle fest: Jesus weint am Grab seines Freundes Lazarus. Trauer also. „Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt“, sagen die Leute, die ihn dabei beobachten. Und alle, die schon mal am Grab eines geliebten Menschen standen, können es nachempfinden.
Aber da ist auch noch etwas anderes, irritierendes. Es ist ja nicht irgendwer, der da weint. Es ist Jesus, der Sohn Gottes. So viele Menschen hat er schon geheilt! Hätte er nicht auch Lazarus gesund machen können, bevor er starb? Auch das fragen sich manche, die Jesus weinen sehen. Also doch ohnmächtige Wut? „Lazarus ist tot, seit vier Tagen schon, und nicht mal ich kann ihn noch retten!“ Oder Reue? „Wäre ich doch bloß früher gekommen, dann wäre Lazarus nicht gestorben!“ Genau das hat Martha zu ihm gesagt, Lazarus‘ Schwester. Aber Jesus ist erst mal noch zwei Tage im Ostjordanland geblieben, nachdem er von der Krankheit seines Freundes erfahren hat. Und als er sich endlich auf den Weg machte, war es schon zu spät. Warum nur?
Solche Gedanken liegen uns nahe, aber Jesus widerlegt sie sofort: Er lässt das Grab öffnen und holt Lazarus aus Tod und Verwesung zurück ins Leben. Seine Macht ist die Liebe Gottes, und die ist stärker als der Tod. Das will uns Johannes, der Evangelist, damit sagen. Und das wirft nochmal ein anderes Licht auf Jesu Tränen. Ja, es mögen Tränen der Trauer sein, aber sie sind nicht ohne Trost. Es mögen Tränen der Wut sein – Wie unfair der Tod mit Menschen umspringt! – aber es sind keine Tränen der Ohnmacht. Es mag Jesus leidtun, dass Lazarus gestorben ist, aber er hat nicht vor, es dabei bewenden zu lassen.
Unmittelbar nach diesem Ereignis, so erzählt Johannes weiter, beschließt der Hohe Rat in Jerusalem, dass Jesus sterben muss. Einer, der sogar den Tod besiegt, ist den hohen Herren eine zu große Gefahr für Ruhe und Frieden – und natürlich für ihre Privilegien. Also stirbt Jesus als Aufrührer und Gotteslästerer am Kreuz. Er mag geahnt haben, dass es so kommt, als er Lazarus von den Toten auferweckte. Und vielleicht hat er auch darüber geweint an seinem Grab: dass es keinen anderen Weg gab, den Tod zu besiegen, als durch den Tod hindurch – seinen eigenen Tod.
Umso wichtiger werden seine Tränen für uns: Gott ist in Jesus Mensch geworden, um unser Leid zu teilen und unseren Tod zu sterben, um gerade so den Tod zu besiegen und ihm das Geschäft zu verderben, ein- für allemal. Das sollten wir bedenken, wenn uns das nächste Mal zum Weinen zumute ist – um geliebte Menschen oder auch um den Zustand unserer Welt. Denn seit Jesus starb und auferstand, muss kein Weinen mehr hilflos und trostlos bleiben. Wir weinen um Menschen, für die Gott das ewige Leben bereit behält. Wir weinen über eine Welt, die längst mit Gott versöhnt ist. Solcher Tränen muss sich niemand schämen. Aber die Trauer wird nie das letzte Wort behalten. Und darin liegt Trost im Leben und im Sterben.
In diesem Sinne wünsche ich allen eine gesegnete Passions- und Osterzeit!
Ihr Pastor Klein