Licht im Dunkel
und was ich von Suchkranken Menschen darüber lernen kann
Die Tage werden wieder kürzer. Nebel kommt auf. Die Zeit nach einem vielleicht „Goldenen Oktober“ lässt die Menschen melancholisch werden. Es ist das Sinnbild vergehenden Lebens. Und da braucht es einen Hoffnungsschimmer.
Die Lichtsymbolik war darum nicht nur im Christentum von großer Bedeutung. Licht bedeutet Leben. Und den Wert des Lebens spüren wir genau in der Zeit, wenn das Licht fehlt. So wurde es, seit Menschen denken können, immer wieder beschworen. Nach Zeiten der Dunkelheit kommt das Licht zurück.
„Das Volk, das im Finsteren wandelt, sieht ein großes Licht.“ Die Worte des Propheten Jesaja haben darum an Aktualität nichts verloren. Gemeint war das Volk Israel in babylonischer Gefangenschaft. Es wurde die Rückkehr in die Heimat, dem von Gott verheißenen Land, in Aussicht gestellt.
Wie sieht es bei uns heute aus? In unserem Land oder unserer Stadt ? Und nicht zuletzt in unserer Kirche und unseren christlichen Gemeinden aus?
Licht am Horizont? Vom Gefühl her sind wir noch nicht einmal in der tiefsten Finsternis angekommen. Es macht sich eher Frustration oder gar Resignation breit. Da möchte auch ich in meinen Worten noch nicht zu schnell vom eher vertröstenden Wort des „Hoffnungsschimmers“ reden.
Ein Beispiel, mit unserer Situation umzugehen, könnte der Blick auf suchtkranke Menschen sein. In der Sucht kann ich Menschen nur sehr eingeschränkt helfen. Die Sucht bestimmt das ganze Denken und Handeln. Was ich tun kann ist allein die Motivation zum Entzug und die Begleitung in dieser Phase. Das heißt: erst einmal muss die suchtkranke Person in den tiefen Keller. Damit ist die Auseinandersetzung mit der Sucht und allen Problemen des Lebens gemeint, die auch zur Sucht geführt haben. Eine solche ehrliche Bestandsaufnahme ist sehr schwer auszuhalten. Aber sie ist der einzig mögliche Ausweg aus dem Dilemma.
Wenn ich auf die Welt schaue – im Kleinen wie im Großen – erlebe ich eher eine Starre. Wir sind noch nicht im „Keller“ angekommen. Wir sind noch nicht bereit, dorthin zu gehen. Wie Suchtkranke suchen wir die Schuld an der Misere meistens nicht bei uns selbst. Wie kann ich ein schönes Leben haben, ohne an meinem (Sucht)Verhalten etwas zu verändern? Diese Haltung wird uns aber nicht helfen; denn sie wird nicht funktionieren.
Gibt es eine Lösung? Wo können wir das Licht entdecken?
Ich glaube, sie liegt in der Ehrlichkeit. Sie liegt in der Bereitschaft, das Dunkel erst einmal wahrzunehmen, meine eigene Schuld, mein Bedürfnis nach Hilfe und Unterstützung. Die Klage und Erkenntnis über meine eigene Finsternis ist der Schritt, den wir gehen müssen. Und zum Glück ist da einer, der uns die Hand reicht. Gott erspart uns nicht den Weg, aber er bietet uns seine Begleitung an. Die Welt werde ich damit nicht retten, aber ich werde lernen, mit den Tiefen des Lebens umzugehen.
Dann, aber wirklich erst dann, werde ich das Licht wieder am Horizont entdecken können.
Frank Boes, Pfarrer
