Erntedank: Endlich klare Sicht

Vor fünf Jahren habe ich noch eine Brille getragen. Das war für mich eine echte Qual.

Es war nämlich mitten in der Corona-Zeit: Egal ob beim Einkaufen, in der Bahn oder im Hörsaal der Uni, überall musste man Maske tragen.

Und sobald ich meine Maske aufsetzte, beschlugen meine Brillengläser. Meine ganze Sicht war wie in Nebel gehüllt.

Ich konnte zwar ungefähr sehen, was vor mir war, aber eigentlich konnte ich nichts wirklich erkennen. Mir fehlte der klare Blick.

Komisch, dass ich beim Thema Erntedank ausgerechnet daran denken muss.

Aber irgendwie finde ich, es passt ganz gut:

Denn Erntedank ist für mich wie der Moment, in dem ich die Maske abnehmen konnte. Der Moment, in dem die beschlagene Brille wieder klar wird: Dankbar schaue ich auf all das, was Gott mir schenkt.

Ich mache mir bewusst, dass das, was mein Leben trägt, nicht selbstverständlich ist. Gott gibt mir ein Dach über dem Kopf, immer mehr als genug zu essen und nette Menschen um mich herum, die mich unterstützen.

Einmal im Jahr sehe ich das.

Aber es ist wie mit der Brille: Am nächsten Tag, wenn ich wieder raus muss und die Maske aufsetze, ist alles genauso verschwommen wie vorher.

Meine dankbare Weltsicht verschwindet genauso schnell wie die Brillengläser beim Atmen beschlagen.

Ich finde wirklich, Erntedank ist eines der schönsten und wichtigsten Feste im Kirchenjahr. Aber, ehrlich gesagt, an den 364 anderen Tagen merke ich bei mir wenig davon.

In der Hektik des Alltags ist oft kein Platz für Achtsamkeit und Dankbarkeit. Vielleicht kennen das einige von Ihnen auch:

Ich schlinge mein Essen herunter, weil ich schnell wieder zur Arbeit muss. Wenn ich noch etwas brauche, bestelle ich es eben bei Amazon. Und wertvolle Momente mit meinen Lieben genieße ich lange nicht so, wie sie es verdienen. Ich vergesse oft, einfach mal innezuhalten, wahrzunehmen und dankbar dafür zu sein.

Deshalb möchte ich mich dieses Jahr (nicht nur zu Erntedank) erinnern:

Wenn die Brille wieder beschlägt, einfach mal stehen bleiben und mit einem Tuch über die Gläser wischen.

Im Alltag bedeutet das für mich: Bewusst Pausen machen, vorm Essen kurz zur Ruhe kommen, am Ende des Tages überlegen, wofür ich heute dankbar bin und einen schönen Moment nicht sofort abhaken, sondern wirklich wahrnehmen. Ich möchte tagtäglich anerkennen, wie viel ich von Gott geschenkt bekomme.

Klar, die Brille wird wieder beschlagen, aber ich kann meinen Blick immer wieder neu schärfen. Und so bleibt Erntedank dann kein vereinzelter Tag, sondern zieht sich in kleinen Momenten durch das ganze Jahr.

Ich würde mich freuen, wenn dieser Gedanke auch Sie in den nächsten Wochen begleitet und Ihnen, selbst ohne Brille, hier und da zu einer etwas klareren Sicht verhilft.

Vikarin Hanna Schlüter