Zwei Hände sind auf diesem Bild zu sehen. Nur zwei Hände, sonst nichts. Aber es sind sprechende Hände.
Man sieht deutlich, dass sie zu zwei verschiedenen Personen gehören.
Die rechte Hand wirkt älter, aber nicht alt. Sie ist kräftig, aber nicht klobig. Es könnte die Hand eines Bildhauers sein. Eine Hand, die es gewohnt ist, Marmorblöcke in Statuen zu verwandeln – mit kraftvollen und doch behutsamen Hammerschlägen. Trotz des ausgestreckten Zeigefingers wirkt die Hand entspannt und nicht verkrampft. Sie scheint jemandem zu gehören, der weiß, was er will und der mit ruhiger Energie sein Ziel verfolgt. Er kann Befehle erteilen und zugleich gelassen bleiben, weil er weiß, dass geschehen wird, was er sagt.
Die andere Hand scheint die eines jungen Mannes zu sein. Auch sie ist kräftig und wohlgeformt, aber sie wirkt feingliedriger und glatter. Sie zeigt keine Spuren einer bestimmten Tätigkeit. Man kann sich vorstellen, dass diese Hand ganz verschiedene Dinge tun könnte. Ein Instrument spielen vielleicht. Schreiben. Oder jemanden streicheln. Aber sie könnte auch eine Waffe halten oder sich zur Faust ballen. Noch weiß diese Hand nicht, welche Tätigkeiten sie einmal ausüben wird, was sie aus ihren vielen Möglichkeiten machen wird. Sie wirkt willenlos. Der Zeigefinger der anderen Hand scheint sie in der Schwebe zu halten und zu sich hinzuziehen.
In der Mitte des Bildes kommen sich die beiden Zeigefinger sehr nahe. Fast berühren sie sich, aber eben nur fast. Man spürt: Diese Hände sind sich ähnlich und doch verschieden. Sie gehören zusammen, sie sind aufeinander bezogen, aber sie bleiben doch getrennt. Der Abstand ist winzig, aber er ist doch da. Er könnte größer werden, aber kaum noch kleiner.
Vielleicht wissen Sie schon, zu welchem Bild die beiden Hände gehören. Sie entstammen einem berühmten Fresko von Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom. Das Bild stellt die Erschaffung Adams dar, den Moment, wo Gott sein menschliches Ebenbild zum Leben erweckt. Es zeigt viel von der hohen Würde des Menschen: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8,6). Es zeigt, welche Gaben und Möglichkeiten in jedem Menschen stecken. Aber es zeigt zugleich die Gefahr in der der Mensch steht, wenn er den Abstand zur Hand Gottes größer werden lässt, wenn er zulässt, dass getrennt wird, was zusammen gehört, wenn er die Gaben und Fähigkeiten missbraucht, die Gott ihm verliehen hat.
Zwei Hände. Mehr nicht. Und doch sagen sie unendlich viel über das Verhältnis von Gott und Mensch.
Vom Neuen Testament her kann ich mir noch ein anderes Bild vorstellen. Eine Hilfe suchende Hand, die von einer anderen, stärkeren Hand gepackt wird. Das wäre dann die Hand Jesu, in dem Gott selber Mensch geworden ist. Die Hand, die Kranke heilt und Sünder aufrichtet, die zwischen Gott und Mensch alles in Ordnung bringt. Nur so kann ich mir vorstellen, dass die beiden Hände sich noch näher kommen. Dass sie sich wirklich berühren und dass der Mensch zu der Bestimmung gelangt, die Gott ihm zugedacht hat. Und dann versteht es sich eigentlich von selbst, dass wir die Hand auch ergreifen, die Gott zu uns ausgestreckt hat. Zeigen wir also wahre Menschlichkeit und schlagen wir ein!
Es grüßt Sie herzlich
Ihr Pastor Klein