Predigt Wenschter Sommerfest, 14. Juni 2026

Gottesdienst für den zweiten Sonntag nach Trinitatis

Text: Mt 11,25-30

„Wir laden Sie herzlich ein“, „Du bist herzlich willkommen“: diese und ähnliche Sätze bekomme ich ziemlich oft zu hören und zu lesen – Sie wahrscheinlich auch. Deshalb wird es Ihnen auch ähnlich ge­hen wie mir: Wenn ich alle diese Einladungen annehmen würde, käme ich sonst zu gar nichts mehr. Also muss ich eine Auswahl tref­fen und das herausfiltern, was mir besonders wichtig ist. Gleich in den Rundordner wandern Ein­ladungen, die gar nicht an mich per­sönlich gerichtet sind, z.B. Post­wurfsendungen, die mich zu irgend­einer Verkaufsveranstaltung zer­ren wollen oder maschinelle Briefe, die meinen Namen aus irgendei­ner Datenbank haben. Beim Rest schaue ich dann erstens nach, wozu ich eingeladen werde. Handelt es sich zum Beispiel um irgend­einen steifen Empfang, der unter Garan­tie todlangweilig wird, dann bin ich froh, wenn ich mich irgend­wie drücken kann. Bin ich dagegen zu einem Fest ein­geladen, von dem ich weiß, dass ich da eine Menge netter Leute treffe – zur Wenschter Sommer-Party zum Beispiel – dann komme ich natürlich gern. Und zwei­tens achte ich darauf, wer mich einlädt. Wenn meine Schwester demnächst ihren 75. Geburtstag feiert, bin ich natürlich mit Freuden dabei. Wenn mich dagegen ein Brautpaar, das ich sonst gar nicht kenne, nach der Trauung noch zur Hochzeitsfeier einlädt, dann denke ich mir, dass die das jetzt nur aus Höflichkeit tun und gar nicht so unglücklich sind, wenn ich dankend ablehne.

Ich erzähle das alles, weil auch der heutige Predigttext eine Einla­dung ist. Und dabei sollten wir ebenfalls genau darauf achten, wer einlädt, wer eingeladen wird und wozu eingeladen wird. Ich lese Matthäus 11, 25-30:

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach:

Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen ver­borgen hast und hast es Unmündigen offen­bart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir überge­ben von meinem Va­ter, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater, und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe fin­den für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Wer hier einlädt, ist schnell geklärt: Jesus ist es, der ruft: „Kommt her zu mir alle!“ Aber damit ist noch nicht gesagt, ob diese Einla­dung für uns noch aktuell und wichtig ist. Denn wenn Jesus nur eine historische Figur war, die von ca. 5 vor bis 30 nach Christus in Paläs­tina lebte, dann hat sich seine Einladung inzwischen längst erledigt. Wenn wir von einem römischen Kaiser hören, der das Volk von Rom zu Brot und Spielen ins Kolosseum eingeladen hat, juckt uns das ja auch nicht mehr.

Anders sieht es aus, wenn wir das glauben, was Jesus hier über sich selber sagt: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und nie­mand kennt den Sohn als nur der Vater, und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“ Mit dem Vater ist na­türlich Gott gemeint, und zu diesem Vater hat Jesus als „der Sohn“ ein ganz be­sonderes, einmaliges Verhältnis. Als das so aufgeschrieben wurde, gab es zwar noch nicht die Lehre vom dreieinigen Gott, Vater, Sohn und heiligem Geist, wie sie später in der christlichen Theologie for­muliert wurde. Aber diese Worte aus Matthäus 11 kommen dem schon recht nahe. Gott und Jesus ken­nen sich gegenseitig so gut und sind so eng miteinander verbunden wie niemand sonst. Wer Jesus hört und sieht, der hört und sieht Gott. Seine Einladung ist also Got­tes Einladung. Wir sollten das beden­ken, damit wir ihren Wert rich­tig einschätzen können. Wenn hier nur Jesus redet, dann ist die Ein­ladung für uns höchstens noch von historischem Wert. Wenn aber Gott so zu uns spricht, dann ist die Einladung nicht nur hochaktuell, sondern dann ist es die großar­tigste, erstaunlichste und wichtigste Einladung, die wir jemals bekom­men werden. Niemand, der davon wirklich überzeugt ist, käme auf die Idee, Gottes Einladung abzulehnen.

Aber sind wir denn überhaupt alle eingeladen? Anscheinend gilt der Ruf Jesu ja ganz bestimmten Leuten und anderen nicht. Die Weisen und Klugen haben offenbar keine Einladung erhalten, wohl aber die Unmündigen, die Bildungsfernen, die kindlichen Gemüter, die Dum­men, die in der großen PISA-Studie des Lebens immer wieder durch­fallen: die Sozialfälle, die schwer Erzieh- und Vermittelbaren, die Schwierigen, die Außenseiter. Die, die nie in einen Gottesdienst ge­hen, weil sie glauben, dass sie da nicht hingehören oder sogar nicht willkommen sind. Die, die nicht dem Bild des durchschnittlichen „treuen Gemein­deglieds“ entsprechen, weil sie weder wohl situiert, noch höher ge­bildet, noch über 60 sind.

Auch die Gesunden und Unbeschwerten werden nicht angespro­chen, sondern die „Mühseligen und Beladenen“: die, die unter ihrer Last zusammenbrechen, aber auch die, die erzwungenes Nichtstun quält, die Workaholics, aber auch die Kurzarbeiter und Arbeitslosen, die Pflegebedürftigen, aber auch die Angehörigen, die sie pflegen, die Hungernden, aber auch die Wohlstands­-Kranken. Sie alle lädt Jesus zu sich und zu Gott ein, damit sie ausruhen und aufatmen kön­nen.

Trotzdem hätten wir Jesus falsch verstanden, wenn wir uns nicht eingeladen fühlten nur, weil wir vielleicht zu den besagten „treuen Gemeindegliedern“ gehören oder weil uns gerade keine großen Sor­gen drücken. Wir haben die Einladung dann zwar im Moment nicht so dringend nötig, aber sie gilt auch uns. Und es kann ja jeder­zeit eine Situation eintreten, wo auch wir wieder zu den „Unmündigen“ oder den „Mühseligen“ gehören.

Also halten wir fest: Gott ist es, der uns einlädt, und zwar uns alle, besonders aber diejenigen, die sonst niemand einladen würde. Es wäre demnach nur noch die Frage zu klären, wozu wir eigentlich eingeladen sind.

Die Antwort auf diese Frage ist überraschend. Denn in unserem Pre­digttext lädt uns Gott durch Jesus keineswegs zu einem Fest ein, sondern zu einem Arbeitseinsatz: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir“. Für die, die es vielleicht nicht mehr wissen: Ein Joch bekommen Pferde oder Ochsen aufgelegt, wenn sie einen Wagen ziehen sollen. Mag das Joch auch gut gepolstert sein und der Wagen nicht zu schwer geladen haben, es bleibt trotzdem Arbeit, ihn von der Stelle zu bewegen. Mag Jesu Joch auch sanft und seine Last leicht sein, es bleibt doch dabei, dass er uns zum Tragen und Lernen auf­fordert. Und das ist und bleibt anstrengend – sowohl für den Grips als auch für die Knochen.

Wie würden Sie reagieren, wenn ich Sie im Namen der „Siedlergemein­schaft Wenscht aktiv“ herzlich einladen würde, hier nach dem Fest noch beim Abbauen und Aufräumen zu helfen – heute Abend oder morgen früh? Okay, einige von Ihnen sind wahr­scheinlich sowieso dabei. Aber die anderen würden wohl eher dan­kend ablehnen: „Ich muss doch zur Arbeit, zur Schule, zum Einkau­fen, zum Arzt. Das machen meine Knie, meine Bandscheiben, mein Rheuma nicht mehr mit. Können das denn nicht die dynamischen Jung-Rentner machen, die noch fit sind und Zeit haben?“ So ähnlich könnte ich mir die Reaktion der „Mühseligen und Beladenen“ bei Jesus auch vorstellen: „Ich hab doch schon mein Päckchen zu tra­gen. Und jetzt soll ich auch noch etwas für Jesus tun und von ihm lernen? Was soll denn daran erqui­ckend sein?“

Allerdings könnte die Reaktion auch ganz anders aussehen. Viel­leicht sind die „Mühseligen und Beladenen“ heilfroh über diese Ein­ladung zur Arbeit: „Endlich mal jemand, der uns nicht nur als Emp­fänger von Sozialleistungen wahrnimmt! Endlich einer, der uns ernst nimmt, uns etwas zutraut, uns eine Aufgabe gibt. Endlich einer, der uns das tun lässt, was wir – noch – tun können. Endlich einer, der deutlich macht: „Mir seid ihr etwas wert.“

Ich finde, darüber müssten wir in Sachen Arbeit und Soziales in un­serem Land noch viel stärker nachdenken, statt immer nur zu schimp­fen und zu jammern und unsere Besitzstände zu verteidigen: Wie kommen wir dahin, dass die vielen Menschen, deren frühere Arbeit jetzt Maschinen und Computer und demnächst die KI ma­chen, wieder gebraucht werden und sinnvolle Aufgaben finden? Und wie kriegen wir Leute, die arbeiten wollen, dahin, wo Arbeitge­ber dringend Leute suchen? Aber noch näher liegt mir natürlich die Frage, wie wir die Einladung Jesu eigentlich in unseren Kirchen und Gemeinden umsetzen. Wo gibt es Menschen, die unter ihren Aufga­ben leiden und für sich keinen Gewinn mehr daraus zie­hen? Wie können wir sie entlasten? Wo gibt es andere, die gern mit anpacken würden, aber nicht wissen wo und wie? Wo gibt es Men­schen, die sich nutzlos vorkommen und erst noch entdecken müssen, dass sie gebraucht werden? Wie können wir besser vermitteln, dass es schön ist und Freude macht, etwas gemeinsam zu tun? Wie finden wir den richtigen Rhythmus zwischen Ruhe und Arbeit, zwischen Ausruhen und Kraftschöpfen bei Gott und Einsatz in Gottes Namen für unsere Mitmenschen? Das alles und noch mehr gibt mir die Ein­ladung Jesu zu denken. Aber nur wenn ich die Einladung annehme, werde ich auch Antworten darauf finden. Möge Gott dafür sorgen, dass wir das tun. Amen.

Ihr Pastor Martin Klein