Gottesdienst zur Goldenen Konfirmation
Text: Num 6,24-26
Liebe Goldkonfirmandinnen und –konfirmanden!
Ich weiß nicht, was ihr behalten habt, aus eurer Konfi-Zeit – ist ja auch lang her: fünfzig Jahre, ein halbes Jahrhundert! Von dem, was die Herren Biederbeck, Wahnbaeck, Mühlbach, Leckebusch und Adler euch haben beibringen wollen, ist vermutlich nur wenig hängengeblieben. Wenn ihr davon noch etwas wisst, dann eher durch späteren langjährigen Gebrauch als wegen dem, was ihr mal für die „Prüfung“ auswendig gelernt habt.
Man war ja auch gern etwas abgelenkt damals – von den lauten Jungs oder den kichernden Mädchen, von einem Ohrwurm aus dem neusten ABBA-Hit, von den wirklich wichtigen Fragen wie: Wird Gladbach wieder Meister oder vielleicht doch Bayern oder der HSV? Sollen wir beim nächsten Kino-Besuch „Rocky“ anschauen oder doch lieber „Asterix erobert Rom?“ Und – nicht ganz so wichtig – gewinnt Helmut Schmidt die Bundestagswahl oder doch Helmut Kohl? Dazu kam der innere Komplettumbau bei laufendem Betrieb, Pubertät genannt. Da war es auch für gute Pastoren wahrlich nicht leicht, Interesse für Bibel, Gesangbuch und Katechismus zu wecken.
Aber dann gab es diesen einen Punkt, der wahrscheinlich doch allen im Gedächtnis geblieben ist. Das war, als ihr am Konfirmationstag vor den Altar getreten seid, euer Pfarrer euch die Hände aufgelegt und euch den Segen Gottes zugesprochen hat. So ist es jedenfalls mir gegangen, zwei Jahre später: Ich weiß von zwei Jahren Unterricht so gut wie nichts mehr. Aber als ich dann in der Kirche den Segen empfangen habe, da war das für mich ein besonderer, ein unvergesslicher Moment. Und wenn ich richtig beobachte, geht es den heutigen Konfis immer noch so.
Ja, der Segen Gottes, der ist etwas ganz Besonderes, nicht nur bei der Konfirmation. Auch den Brautpaaren bei der Trauung oder den Eltern bei der Taufe geht es hauptsächlich um diesen Segen, selbst wenn sie sonst mit dem Glauben wenig anfangen können. Und ich weiß, dass vielen auch in unseren Gottesdiensten der Schlusssegen das Allerwichtigste ist: Zuspruch und Stärkung für die ganze Woche. Grund genug also, bei der Goldenen Konfirmation mal darüber nachzudenken, was es mit dem Segen eigentlich auf sich hat und was er für unser Leben bedeutet.
Deshalb trifft es sich gut, dass der altehrwürdigste aller Segenssprüche heute Predigttext ist: der so genannte aaronitische Segen aus dem vierten Buch Mose. Einst war er den Priestern Israels vorbehalten. Für uns Christen ist er dagegen nicht an ein spezielles Priesteramt gebunden, wohl aber an das Priestertum aller Glaubenden. Und so beschließe auch ich fast jeden Gottesdienst mit diesen Segensworten:
Der Herrsegne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
„So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“ Mit diesen Worten Gottes geht es in der Bibel weiter. Und sie machen uns erst einmal klar, wer es ist, der da segnet. Denn es sind zwar Menschen, die die Hände heben oder sie jemandem auflegen. Es sind Menschen, die die Segensworte sprechen. Damals bei der Konfirmation war’s ein Pfarrer, aber genauso gut können Eltern und Großeltern ihre Kinder und Enkel segnen, oder Angehörige und Pflegende segnen Kranke und Sterbende. Aber wer auch immer den Segen spricht: es ist immer Gott selber, der segnet. Und sein Segen gilt allen Menschen, so wie er seine Sonne scheinen lässt über Gerechte und Ungerechte. Dieser Segen begleitet auch die Konfirmanden von damals, die heute nicht hier sind, die vielleicht nach der Konfirmation nie wieder in einer Kirche waren. Von Gottes Segen ist niemand ausgeschlossen, und wer das glaubt, der darf es für sich in Anspruch nehmen und auch jedem Menschen zusprechen.
Zweitens fasst dieser alte Segensspruch die Bedeutung des Segens in ein wunderbares Bild: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“. Ich stelle mir dabei eine Mutter vor, die ihr Baby auf dem Arm hält und ihm liebevoll und freundlich lächelnd in die Augen schaut. Ohne solche liebevollen Gesichter – natürlich auch die von Papa, Oma, Opa, Schwester, Bruder – kann sich kein Kind gut entwickeln. Denn lange bevor es richtig denken und sprechen kann, erfährt es so: Ich werde geliebt und ich bin gewollt; bei denen, die mich so anschauen, bin ich geborgen. „Ur-Vertrauen“ nennen das die Psychologen. Und was hier zwischen Menschen entsteht, das entsteht durch den Segen zwischen Mensch und Gott. „Ich achte auf dich“, sagt Gott uns damit. „Ich habe dich gewollt, genauso, wie du bist, und ich habe dich lieb. Mir kannst du vertrauen und bei mir bist du gut aufgehoben. Du warst es in all den Jahren seit deiner Taufe, deiner Konfirmation, und du wirst es auch dann noch sein, wenn du irgendwann alt und gebrechlich wirst.“
Zusammenfassen lässt sich das alles drittens mit dem Wort, mit dem der Segen endet: Schalom. „Frieden“, so wird es meistens übersetzt. Aber es meint noch viel mehr als das. Es meint einen Zustand, in dem wirklich alles heil und gut ist: zwischen Gott und den Menschen, zwischen den Menschen untereinander und auch zwischen den Menschen und der übrigen Schöpfung. Es meint die Schöpfung so, wie Gott sie gemeint hat, so, wie sie am Anfang der Bibel beschrieben wird: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“
Ich weiß natürlich, dass es diese Welt vorfindlich nicht gibt. Dass da kein Friede ist, keine Gerechtigkeit, keine Harmonie zwischen Mensch und Natur. Und auch auf eurem Lebensweg in den letzten fünfzig Jahren war nicht alles heil und gut: da gab es Träume von Beruf, Familie, gelingendem Leben, die sich nicht erfüllt haben oder die irgendwann zerbrochen sind. Da sind geliebte Menschen viel zu früh gestorben, auch etliche von euren Mitkonfirmanden. Da gab und gibt es Krankheiten, Depressionen, Zukunftssorgen. Und wenn mal richtig Frieden ist, dann meistens nicht für lange. So ist unsere unerlöste Welt nun mal beschaffen.
Nur an einer Stelle, in einer Person ist der Schalom doch da, sagt das Neue Testament, und von ihm aus soll und wird er die ganze Welt ergreifen: „In keinem anderen ist das Heil, der Schalom, als allein in Jesus Christus.“ Denn in ihm ist Gott Mensch geworden. Durch ihn hat Gott damit begonnen, die Schöpfung neu und heil zu machen. Und deshalb ist ein Segenswort mehr als ein frommer Wunsch. Es ist auch mehr als eine Bitte. Es geschieht, es wird wirklich, indem ich es ausspreche. Statt „Der Herr segne dich und behüte dich“ könnte man auch übersetzen: „Der Herr wird dich segnen und wird dich behüten“ Es wird geschehen, weil Gott es will und wie wir an Jesus sehen können. Wenn wir das gehört und angenommen haben, dann können wir anders umgehen mit allem, was in uns und um uns kaputt ist. Denn wir wissen dann: Gott wird es heil machen, und er fängt schon jetzt damit an, mitten im Unheil, mitten im Unfrieden. Und damit er das auch hier und jetzt tut, beende ich die Predigt mit einem Segenswort (EG 1002):
Der Herr,
voller Liebe wie eine Mutter und gut wie ein Vater,
er segne dich:
er lasse dein Leben gedeihen,
er lasse deine Hoffnung erblühen,
er lasse deine Früchte reifen.
Der Herr behüte dich:
er umarme dich, wenn du Angst hast,
er stelle sich vor dich, wenn du in Not bist.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir:
wie ein zärtlicher Blick erwärmt,
so überwinde er bei dir, was erstarrt ist.
Er sei dir gnädig:
wenn Schuld dich drückt,
dann lasse er dich aufatmen und mache dich frei.
Der Herr erhebe sein Angesicht über dich:
er sehe dein Leid,
er tröste und heile dich.
Er gebe dir Frieden:
das Wohl des Leibes,
das Heil deiner Seele,
die Zukunft dir und deinen Kindern.
So segne dich der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Ihr Pastor Martin Klein