Predigt Talkirche, Sonntag, 10.05.2026

Gottesdienst für den Sonntag Rogate


Text: Mt 6,7-13

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns un­sere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Was soll ich über diesen Text noch predigen? Wir kennen ihn doch längst in- und auswendig. Wir beten ihn in jedem Gottesdienst und vielleicht noch ziemlich oft zwischendurch. Sogar die Kon­firmanden kennen ihn meistens schon, wenn sie bei uns anfangen – auch wenn sie sonst wenig über den christli­chen Glauben wissen. Auf der gan­zen Welt gibt es wohl kein anderes Gebet, das so oft und von so vielen Menschen gesprochen wird. In seiner Kürze und Schlichtheit scheint es ganz von allein zu wirken. Warum also noch viele Worte darüber verlieren?

Und doch: Haben wir das, was wir auswendig können, auch noch inwendig in uns? Verbinden wir noch etwas mit dem, was wir da beten? Sind uns die sechs oder sieben Bitten des Vaterunsers noch ein echtes Anliegen? Wie oft ertappe ich mich dabei, dass mein Mund die Wörter abspult, während ich mit den Gedanken ganz wo­anders bin! Jesus würde das wohl „Plappern wie die Heiden“ nen­nen.

Dabei wäre dieses Gebet es wert, dass ich es wie einen kostbaren Schatz behandle. Dass ich mir jedes Wort davon zu Herzen nehme und mich daran aus- und aufrichte. Denn nirgendwo sonst komme ich Jesus so nahe, wie in diesem Gebet, das er selber gesprochen und seinen Jüngern beigebracht hat. Nirgendwo sonst werden die elementarsten Bedürfnisse der Menschen so auf den Punkt und vor Gott gebracht. Nichts verbindet Christen aller Konfes­sionen so sehr wie das Vaterunser. Nirgendwo kommen sich auch Juden und Chris­ten so nahe wie in diesem Gebet des Juden Jesus. Es könnte in einer Synagoge genauso gut gesprochen werden wie in einer Kirche.

Deshalb möchte ich doch wieder einmal genau hinhören, was ich da eigentlich sage, wenn ich das Vaterunser bete. Vielleicht kann es dann aus einer aufgesagten Litanei wieder zu einem echten Gebet werden.

Das beginnt bei der Anrede. Für mich fängt das gedankenlose Ge­plapper schon damit an, dass wir statt „unser Vater“ immer noch „Vater unser im Himmel“ sagen. So redet sonst im Deutschen kein Mensch. Müssen wir denn immer noch die Wörter verdrehen, nur weil vor mehr als 500 Jahren das Gebet des Herrn mal ein lateini­sches „Pater noster“ war, das schon damals keiner mehr verstanden hat? Ich weiß ja, wie schwer uralte Gewohnheiten zu ändern sind. Aber wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich uns ab sofort dazu verpflichten, endlich „unser Vater“ statt „Vater unser“ zu sagen. Schließlich nennen wir uns hier doch evangelisch-reformiert, und die re­formierten Christen deutscher Zunge haben es eigentlich im­mer so gehalten. Wenn wir das nämlich tun würden, dann müssten wir von vornherein beim Reden denken, um nicht wieder in die alte Leier zu verfallen. Vielleicht würde uns dann wieder aufgehen, wie wunderbar das ist, dass wir Gott unseren Vater nennen dürfen. Martin Luther hat das in seinem Kleinen Katechis­mus so formuliert: „Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, auf dass wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lie­ben Vater.“ Besser kann ich es auch nicht sa­gen.

„Geheiligt werde dein Name“ beten wir weiter. Aber was sagen wir damit eigentlich? Ich formuliere es mal so: „Du, Gott, sollst Gott bleiben, und wir wollen nicht mehr als Menschen sein. Menschen, die dich in Ehren halten.“ Wenn wir Gott seine Macht lassen, dann müssen wir Menschen keinem Allmachtswahn mehr verfallen. Wenn wir Gott unseren Herrn sein lassen, dann müssen wir uns nicht mehr zum Herrn über andere aufschwingen. Dann können wir Gott seine Würde lassen und uns nicht mehr als Menschenwürde zumessen – die aber mit aller Konsequenz!

„Dein Reich komme“, beten wir als Nächstes. Und wir sagen damit: Dir, Vater im Himmel, überlassen wir unsere Zukunft. Wir können die heile Welt nicht schaffen, die wir uns alle wünschen. Das müssen wir dir überlassen. Du musst deine Herrschaft durchsetzen, damit endlich die Liebe regiert und nicht mehr der Hass und die Gewalt. Deshalb bitten wir dich: Tu es auch, und hilf uns, jetzt schon Zeichen zu setzen für deine neue Welt.

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Diese Bitte müsste uns eigentlich ziemlich schwer fallen. Ha­ben wir denn kei­nen Willen? Sind wir nicht unser eigener Herr? Können wir nicht frei über unser Leben bestimmen, sogar über unseren Tod? Doch, wir können eine ganze Menge selbst entschei­den. Wir sind keine Mari­onetten, die an irgendwelchen Fäden bau­meln – auch nicht an den Fäden Gottes. Und trotzdem ist es eine Illu­sion, wenn wir meinen, dass wir unser Geschick völlig selbst in der Hand haben könnten. Wir werden immer auch fremdbestimmt: von anderen Menschen, von den Verhältnissen, von den unvorhersehba­ren Zufällen des Le­bens. Und in diesen Zusammenhang gehört diese Bitte: Wenn wir uns schon einem fremden Willen unterwerfen müs­sen, dann möge es der Wille unseres guten Vaters im Himmel sein und nicht irgend­ein blindes Schicksal. Denn nur dann können wir hoffen, dass das, was mit uns geschieht, letztlich zu einem guten Ende führt.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“. Haben wir hier und heute für diese Bitte überhaupt noch eine Berechtigung? Wir, die wir täglich zwischen zig Sorten Brot wählen können? Wir, die wir täglich Brot und andere Lebensmittel in die Tonne kloppen? Wir, die wir so viel essen und trinken, dass unsere Gesundheit darunter leidet? Was wissen wir schon noch vom ursprünglichen Sinn dieser Bitte? Von den Tagelöhnern Palästinas, die heute noch nicht wussten, ob es morgen wieder Arbeit gab und dafür das bisschen Geld, das gerade mal fürs tägliche Brot reichte? Sicher, die ganz Alten unter Ihnen haben solche Zeiten auch noch erlebt. Aber wie lange ist das her! Heute können wir eigentlich nur noch für an­dere ums tägliche Brot beten: Für die, die es tatsächlich nicht haben: in den Kriegsgebieten, in den Slums, in den Dürreregionen der Erde. Und wir müssten die Bitte ergänzen ähnlich wie die nächste: „Unser tägliches Brot gib uns heute, wie auch wir Brot geben denen, die hungrig sind.“ Mittel und Gelegenheit dazu haben wir genug.

„Und vergib uns unsere Schuld“. Das beten wir gern. Wir wissen ja, wie nötig wir es haben, und Gottes Vergebung nehmen wir gern in Anspruch. Aber es geht noch weiter: „wie auch wir vergeben unse­ren Schuldigern.“ Was wäre, wenn Gott hier ein wenig nachbohren würde: „Und was ist mit deinem blöden Nachbarn, deiner aufmüpfi­gen Tochter, deinem sturen alten Vater?“ – „Ach, hör mir doch mit denen auf!“ wären wir dann wohl versucht zu sagen. „Was haben die denn in unserem trauten Zwiegespräch zu suchen?“ – „Sehr viel“, könnte er dann antworten, „denn Vergebung ist keine Ein­bahnstraße. Kannst du denn im Ernst behaupten: ,Ich bin mit Gott im Reinen‘ und gleichzeitig im Unfrieden mit deinen Mitmenschen leben?“ Das passt ebenso wenig zusammen wie ums tägliche Brot bitten und an­dere hungern lassen.

„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“. Das ist die letzte Bitte. Und sie sollte uns daran erinnern, dass wir uns unseres Glaubens nie sicher sein können. Es gibt un­endlich viele Gefahren für das zarte Pflänzchen Gottvertrauen, das Gott uns ins Herz gesetzt hat. So vieles, was dagegen spricht, dass es tatsächlich einen guten Vater im Himmel gibt. So vieles, weshalb wir lieber auf unsere eigenen Kräfte als auf die Macht Gottes vertrauen. So vieles, was uns daran zweifeln lässt, dass Gottes Reich kommt und es mit dieser Welt ein gutes Ende nimmt. So viel Gier nach Geld und Gut. So viel Hass und Unversöhnlichkeit. Da bleibt nur die Hoff­nung und die Bitte, dass Gott uns nie mehr davon zumutet, als wir ertragen kön­nen. Dass der Zweifel nie zur Verzweiflung wird. Dass wir bei allem, was wir ansammeln und behalten nie uns selbst oder Gott verlieren. Dass wir uns nie vom Bösen überwinden lassen, son­dern das Böse mit Gutem überwinden.

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewig­keit. Amen.“ Dieser Schluss des Unservaters stand ursprünglich nicht im Bibeltext. Die katholische Kirche hat ihn deshalb lange Zeit weg­gelas­sen. Aber inzwischen hat man auch dort eingesehen, dass das falsch war. Denn für Jesus wie für alle gläubigen Juden war es eine Selbst­verständlichkeit, dass jedes Gebet mit einem Lobpreis Gottes endete. Das wussten auch noch die ersten Christen, ohne es extra aufschrei­ben zu müssen. Aber für uns Nachgeborene ist es dann doch ganz gut, dass die spätere Überlieferung den abschließenden Lobpreis ei­gens festgehalten hat. Denn sonst würden wir undankba­res Volk es womöglich vergessen. Ohne Lobpreis kann man eigent­lich auch nicht „Amen“ sagen. Denn Amen heißt: „Das ist wahr.“ Und wahr sind nicht unsere Bitten, auch wenn es die des Unserva­ters sind. Sondern wahr ist die Liebe und die Kraft und die Herrlich­keit Gottes. Wenn sie es nicht wären, dann bräuchten wir erst gar nicht zu beten. Wenn da kein guter Vater im Himmel wäre, der uns zuhört, dann wären unsere Gebete bestenfalls autogenes Training. Sie würden höchstens der Selbstberuhigung dienen, aber sie könn­ten nichts be­wirken. Wenn da aber einer ist, bei dem unsere Gebete ankommen, dann können sie wirklich Berge versetzen. Möge es kein Vaterunser mehr geben, bei dem wir das vergessen! Amen.

Ihr Pastor Martin Klein