Predigt Tal- und Wenschtkirche, Sonntag, 15.03.2026

Gottesdienst für den Sonntag Laetare

Text: Jesaja 66,10-14

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie trau­rig gewe­sen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trin­ken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie ei­nen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmen­den Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tra­gen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet wer­den. Ihr werdet‘s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Manche werden sich vielleicht noch an dieses Bild erinnern. Im Herbst 2015 war es Teil einer Ausstellung mit Werken des Künstlers Eberhard Münch in unserem Gemein­dezentrum „mitten­drin“. Vier Wochen lang hing es dort an der Wand und hat mit seinen leuchten­den Farben die Blicke besonders auf sich gezo­gen.

Eberhard Münch hat es zur Jah­reslosung 2016 gemalt, zum Kernvers des heutigen Predigttex­tes: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Aber wie alle seine Werke trägt es keinen Titel. Es geht also nicht darum, was der Künstler uns sagen will, son­dern um das, was wir sehen und entdecken.

Ich sehe da erst einmal einen Sonnenuntergang über dem Meer an ei­nem lauen Sommerabend – vielleicht auch ein wärmendes Kamin­feuer im Winter. Eine vierfache Mutter dagegen fühlte sich damals sofort an den Leib ei­ner hochschwange­ren Frau erinnert. Und der Künstler selbst war von dieser Deutung überrascht, hatte er doch eher die wiegen­den Armbewegungen im Sinn gehabt, mit denen eine Mutter ein kleines Kind trägt und trös­tet. Verschiedene Men­schen, verschie­dene Gedanken. Aber Stich­worte wie Wärme, Nähe und Geborgenheit spielen dabei immer eine Rolle.

Ein ungewöhnliches Bild also zu einem ungewöhnlichen Bibelwort. Denn so ist es nun mal: meistens gebraucht die Bibel männliche Bil­der und Vergleiche, wenn sie von Gott redet. Hirte, Richter, König, Vater: diese Begriffe haben unsere Vorstellung von Gott ge­prägt – so sehr, dass eine Konfirmandin, konfrontiert mit diesem Vers, völlig er­staunt feststellte: „Aber Gott ist doch ein Mann!“

Nein, ist er nicht. Gott ist Gott. Er ist weder Mann noch Frau, weder Vater noch Mutter, weder Hirte noch König. Alle diese Bilder sind hilfreich, wenn wir beschreiben wollen, wer Gott für uns ist und wie er ist. Aber wenn wir ihn auf eins dieser Bilder festlegen, dann kön­nen wir ihn damit nur verfehlen. Deshalb gibt es das zweite Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen, das du anbetest und dem du dienst.“

Auch mit „tröstende Mutter“ ist Gott also nicht angemessen und ausreichend beschrieben. Und doch bin ich froh, dass es in der Bibel auch diese weibli­chen Gottesbilder gibt – selten, aber dafür umso wertvoller. Denn in der Tat: Was kann man Schöneres und Größeres über Gottes Zuwen­dung sagen, als dass sie dem Trost einer Mutter gleicht? Wer könnte denn ein klei­nes oder auch ein großes Menschen­kind besser trösten als eine liebe­volle Mutter? Ich habe es jedenfalls als Kind so erlebt und es als Vater neidlos zugeben müs­sen.

Die Menschen, zu denen der Prophet so spricht, haben diesen bestmög­lichen Trost auch bitter nötig. Sie sind aus dem Exil zurückge­kehrt ins zerstörte Jerusalem, um Stadt und Tempel wieder aufzubauen. Große Hoffnungen und Verheißungen haben sie im Gepäck, aber es geht nicht voran. Immer noch liegt alles in Trüm­mern, immer noch leben nur wenige Menschen in der einst volkrei­chen Stadt, immer noch haben fremde Herren das Sagen. Nichts ist zu sehen von der triumphalen Rück­kehr des Herrn zu seinem Heilig­tum auf dem Berg Zion. Nichts ist zu spüren von einer neuen Heils­zeit für Gottes Volk. Enttäu­schung macht sich breit.

Aber der Prophet redet dagegen an: „Habt Geduld“, mahnt er seine Leute. „Gott hat doch mit euch schon einen neuen Anfang gemacht. Es ist wie bei einer Schwanger­schaft: Das Kind, das Heil Gottes, ist schon unterwegs, ja die Nieder­kunft steht unmittelbar bevor. Sollte Gott es dann nicht auch zu Ende brin­gen, so wie nach langem War­ten, nach Mühen und Schmer­zen das Kind schließlich zur Welt kommt? Und dann ver­gleicht der Prophet Jerusalem mit einer schwan­geren Frau, die schon bald viele Kinder gebären wird. Es wird wieder Leben in die alten Mauern einziehen, und dann wird es den Bewohnern zu eng statt zu leer sein. Schon jetzt ruft er dazu auf, sich mit Jerusalem zu freuen, mitzujubeln über ihre neuen Mutter­freuden. Und schließ­lich überbie­tet er das Bild von der Mut­ter Jerusa­lem noch, indem Gott selber zur Mutter wird: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Mit diesem Trost dürfen wir alle rechnen, seit wir durch Jesus mit zu Gottes Volk gehören. Nicht immer wird durch diesen Trost gleich alles gut. Damals in Mamas Armen war das aufgeschlagene Knie oder der erste Liebeskummer ja auch nicht gleich weg. Aber ihr Trost ließ uns zur Ruhe kommen und Zuversicht schöpfen, dass es wieder gut wird. So ist es auch mit Got­tes Trost. Er schafft nicht so­fort alles Leid und alles Böse aus der Welt und aus unserem Leben. Aber er richtet uns auf und gibt uns die nö­tige Stärke, damit wir mit dem Leid und dem Bösen leben und es irgend­wann überwinden können.

Meine letzte Predigt über diesen Text habe ich im März 2020 gehal­ten. Es war der erste Sonntag des Corona-Lockdowns, und ich stand allein in der Talkirche vor einer Kamera, um den Gottesdienst aufzu­nehmen und online zu stellen. Damals traf das Wort von der trösten­den Mutter auf eine Zeit, in der unsere üblichen Mittel des Trostspendens stark eingeschränkt waren. Besuche bei Alten und Kranken unterlagen strikten Auflagen, Beerdigungen fan­den nur in kleinem Kreis steht, und man musste sich gut überlegen, wen man noch tröstend in den Arm nahm, weil man ja soziale Kon­takte mei­den und bei den unvermeidlichen zwei Meter Abstand halten sollte. „Aber wenn in dem alten Propheten­wort Wahrheit liegt“, habe ich damals gesagt, „dann leben wir trotzdem nicht in trostlosen Zeiten. Denn der Trost unseres Gottes kennt keine geschlos­senen Grenzen und keine Quarantäne. Und er ist auch nicht weniger wirksam, wenn er nicht in unmittelbarem Kon­takt von Mensch zu Mensch vermit­telt werden kann. Gott tröstet auch durchs Telefon, über Radio, Fernse­her und Musikanlage oder via Internet. Er hält uns zusam­men, auch wenn wir uns nicht treffen und nicht Gottes­dienst feiern können. Er hilft uns, miteinander in Kontakt zu bleiben, aneinander zu denken und füreinan­der zu be­ten.“

Ich durfte dann erleben, wie sich meine Worte bestätigten: Erstaun­lich viele Menschen haben sich diesen improvisierten Gottesdienst auf YouTube angesehen – viel mehr, als sonst in die Kirche gekom­men wären. Es gab auch viel mehr positive Rückmeldungen, als ich sonst kriege. Und so war es auch mit allem anderen, was wir als Ge­meinde damals unternommen haben, um miteinander in Verbin­dung zu bleiben. Es wurde dankend angenommen, es hat uns ge­stärkt und beisammen bleiben lassen und es hat uns geholfen, diese schwierige Zeit zu überstehen.

Unsere Gegenwart ist nun wieder auf andere Weise trostlos: Welt­weit gibt es mehr Krieg und Zerstörung als je seit dem zweiten Welt­krieg. Internationales Recht zählt nichts mehr. Während die Folgen des Klimawandels immer deutlicher werden, geht es bei seiner Be­kämpfung eher zurück als voran. Und immer mehr Menschen schei­nen in doppeltem Sinne nicht mehr recht bei Trost zu sein. Sie ha­ben erstens nichts und niemanden mehr, der sie tröstet und ihnen Halt gibt, und deshalb tun sie zweitens verrückte Dinge, die nicht nur anderen, sondern auch ihnen selber schaden: sie überziehen andere Länder mit Krieg, treiben Raubbau an der Natur oder wählen korrupte Populisten in hohe Ämter.

Was fangen wir nun in dieser Lage mit Gottes Verheißung an? „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ – wie kann das heute wahr werden? Ich denke zuerst dadurch, dass wir es für uns selber wahr sein lassen, dass wir bei unserem Gott die Zuflucht und Geborgenheit finden, die wir brauchen – jeder für sich und alle gemein­sam, beim Beten und Singen, in den tröstenden und stärken­den Worten der Bibel, im Gottesdienst, beim Abendmahl. Und wenn wir Trost gefunden haben und wieder wissen, was uns hält, dann lasst uns die Verheißung am Ende des Jesajabuchs mit der Aufforde­rung am Anfang verbinden: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40,1) Wo Menschen der Kopf schwirrt von all den schlimmen Nachrichten, die auf sie niederprasseln, da bringt ihnen die gute Nachricht, dass Gott sie hält und trägt. Wo Menschen nicht mehr wissen, was sie noch glauben sollen, da zeigt ihnen, dass nichts wahrer und gewis­ser ist als Gottes unverbrüchliche Liebe. Wo Menschen niederge­drückt sind von eigenem und fremdem Leid, da richtet sie auf und tragt ihre Last mit, wie Gott es für uns alle getan hat. Und wo Men­schen von dem Gedanken beherrscht sind, dass die Welt nun endgül­tig zugrunde geht, da vermittelt ihnen die Hoffnung auf Got­tes neue Welt, die schon längst unter uns wächst und gedeiht, wenn auch oft im Verborgenen.

Wenn ich nun zum Schluss nochmal auf das Bild von Eberhard Münch schaue, auf die leuchtende Wärme, die es ausstrahlt, dann kommt mir dazu noch ein Bild in den Sinn, das Martin Luther mal gebraucht hat: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe“. Mit so einem Backofen kann man einen großen Raum beheizen, vielleicht sogar ein ganzes Haus. Und Gottes Liebe wärmt und tröstet die ganze Welt. In diesem Sinne wünsche ich uns, dass wir heil und getrös­tet durch diese scheinbar trostlose Zeit kommen. Möge un­sere Mutter im Himmel uns liebevoll auf den Schoß und in die Arme nehmen. Möge unser Vater im Himmel seine Augen nie von uns wenden. Und bis wir uns wiedersehen möge Gott seine schützende Hand über uns halten. Amen.

Ihr Pastor Martin Klein