Gottesdienst für den Sonntag Laetare
Text: Jesaja 66,10-14
Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet‘s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.
Manche werden sich vielleicht noch an dieses Bild erinnern. Im Herbst 2015 war es Teil einer Ausstellung mit Werken des Künstlers Eberhard Münch in unserem Gemeindezentrum „mittendrin“. Vier Wochen lang hing es dort an der Wand und hat mit seinen leuchtenden Farben die Blicke besonders auf sich gezogen.
Eberhard Münch hat es zur Jahreslosung 2016 gemalt, zum Kernvers des heutigen Predigttextes: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Aber wie alle seine Werke trägt es keinen Titel. Es geht also nicht darum, was der Künstler uns sagen will, sondern um das, was wir sehen und entdecken.
Ich sehe da erst einmal einen Sonnenuntergang über dem Meer an einem lauen Sommerabend – vielleicht auch ein wärmendes Kaminfeuer im Winter. Eine vierfache Mutter dagegen fühlte sich damals sofort an den Leib einer hochschwangeren Frau erinnert. Und der Künstler selbst war von dieser Deutung überrascht, hatte er doch eher die wiegenden Armbewegungen im Sinn gehabt, mit denen eine Mutter ein kleines Kind trägt und tröstet. Verschiedene Menschen, verschiedene Gedanken. Aber Stichworte wie Wärme, Nähe und Geborgenheit spielen dabei immer eine Rolle.
Ein ungewöhnliches Bild also zu einem ungewöhnlichen Bibelwort. Denn so ist es nun mal: meistens gebraucht die Bibel männliche Bilder und Vergleiche, wenn sie von Gott redet. Hirte, Richter, König, Vater: diese Begriffe haben unsere Vorstellung von Gott geprägt – so sehr, dass eine Konfirmandin, konfrontiert mit diesem Vers, völlig erstaunt feststellte: „Aber Gott ist doch ein Mann!“
Nein, ist er nicht. Gott ist Gott. Er ist weder Mann noch Frau, weder Vater noch Mutter, weder Hirte noch König. Alle diese Bilder sind hilfreich, wenn wir beschreiben wollen, wer Gott für uns ist und wie er ist. Aber wenn wir ihn auf eins dieser Bilder festlegen, dann können wir ihn damit nur verfehlen. Deshalb gibt es das zweite Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen, das du anbetest und dem du dienst.“
Auch mit „tröstende Mutter“ ist Gott also nicht angemessen und ausreichend beschrieben. Und doch bin ich froh, dass es in der Bibel auch diese weiblichen Gottesbilder gibt – selten, aber dafür umso wertvoller. Denn in der Tat: Was kann man Schöneres und Größeres über Gottes Zuwendung sagen, als dass sie dem Trost einer Mutter gleicht? Wer könnte denn ein kleines oder auch ein großes Menschenkind besser trösten als eine liebevolle Mutter? Ich habe es jedenfalls als Kind so erlebt und es als Vater neidlos zugeben müssen.
Die Menschen, zu denen der Prophet so spricht, haben diesen bestmöglichen Trost auch bitter nötig. Sie sind aus dem Exil zurückgekehrt ins zerstörte Jerusalem, um Stadt und Tempel wieder aufzubauen. Große Hoffnungen und Verheißungen haben sie im Gepäck, aber es geht nicht voran. Immer noch liegt alles in Trümmern, immer noch leben nur wenige Menschen in der einst volkreichen Stadt, immer noch haben fremde Herren das Sagen. Nichts ist zu sehen von der triumphalen Rückkehr des Herrn zu seinem Heiligtum auf dem Berg Zion. Nichts ist zu spüren von einer neuen Heilszeit für Gottes Volk. Enttäuschung macht sich breit.
Aber der Prophet redet dagegen an: „Habt Geduld“, mahnt er seine Leute. „Gott hat doch mit euch schon einen neuen Anfang gemacht. Es ist wie bei einer Schwangerschaft: Das Kind, das Heil Gottes, ist schon unterwegs, ja die Niederkunft steht unmittelbar bevor. Sollte Gott es dann nicht auch zu Ende bringen, so wie nach langem Warten, nach Mühen und Schmerzen das Kind schließlich zur Welt kommt? Und dann vergleicht der Prophet Jerusalem mit einer schwangeren Frau, die schon bald viele Kinder gebären wird. Es wird wieder Leben in die alten Mauern einziehen, und dann wird es den Bewohnern zu eng statt zu leer sein. Schon jetzt ruft er dazu auf, sich mit Jerusalem zu freuen, mitzujubeln über ihre neuen Mutterfreuden. Und schließlich überbietet er das Bild von der Mutter Jerusalem noch, indem Gott selber zur Mutter wird: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Mit diesem Trost dürfen wir alle rechnen, seit wir durch Jesus mit zu Gottes Volk gehören. Nicht immer wird durch diesen Trost gleich alles gut. Damals in Mamas Armen war das aufgeschlagene Knie oder der erste Liebeskummer ja auch nicht gleich weg. Aber ihr Trost ließ uns zur Ruhe kommen und Zuversicht schöpfen, dass es wieder gut wird. So ist es auch mit Gottes Trost. Er schafft nicht sofort alles Leid und alles Böse aus der Welt und aus unserem Leben. Aber er richtet uns auf und gibt uns die nötige Stärke, damit wir mit dem Leid und dem Bösen leben und es irgendwann überwinden können.
Meine letzte Predigt über diesen Text habe ich im März 2020 gehalten. Es war der erste Sonntag des Corona-Lockdowns, und ich stand allein in der Talkirche vor einer Kamera, um den Gottesdienst aufzunehmen und online zu stellen. Damals traf das Wort von der tröstenden Mutter auf eine Zeit, in der unsere üblichen Mittel des Trostspendens stark eingeschränkt waren. Besuche bei Alten und Kranken unterlagen strikten Auflagen, Beerdigungen fanden nur in kleinem Kreis steht, und man musste sich gut überlegen, wen man noch tröstend in den Arm nahm, weil man ja soziale Kontakte meiden und bei den unvermeidlichen zwei Meter Abstand halten sollte. „Aber wenn in dem alten Prophetenwort Wahrheit liegt“, habe ich damals gesagt, „dann leben wir trotzdem nicht in trostlosen Zeiten. Denn der Trost unseres Gottes kennt keine geschlossenen Grenzen und keine Quarantäne. Und er ist auch nicht weniger wirksam, wenn er nicht in unmittelbarem Kontakt von Mensch zu Mensch vermittelt werden kann. Gott tröstet auch durchs Telefon, über Radio, Fernseher und Musikanlage oder via Internet. Er hält uns zusammen, auch wenn wir uns nicht treffen und nicht Gottesdienst feiern können. Er hilft uns, miteinander in Kontakt zu bleiben, aneinander zu denken und füreinander zu beten.“
Ich durfte dann erleben, wie sich meine Worte bestätigten: Erstaunlich viele Menschen haben sich diesen improvisierten Gottesdienst auf YouTube angesehen – viel mehr, als sonst in die Kirche gekommen wären. Es gab auch viel mehr positive Rückmeldungen, als ich sonst kriege. Und so war es auch mit allem anderen, was wir als Gemeinde damals unternommen haben, um miteinander in Verbindung zu bleiben. Es wurde dankend angenommen, es hat uns gestärkt und beisammen bleiben lassen und es hat uns geholfen, diese schwierige Zeit zu überstehen.
Unsere Gegenwart ist nun wieder auf andere Weise trostlos: Weltweit gibt es mehr Krieg und Zerstörung als je seit dem zweiten Weltkrieg. Internationales Recht zählt nichts mehr. Während die Folgen des Klimawandels immer deutlicher werden, geht es bei seiner Bekämpfung eher zurück als voran. Und immer mehr Menschen scheinen in doppeltem Sinne nicht mehr recht bei Trost zu sein. Sie haben erstens nichts und niemanden mehr, der sie tröstet und ihnen Halt gibt, und deshalb tun sie zweitens verrückte Dinge, die nicht nur anderen, sondern auch ihnen selber schaden: sie überziehen andere Länder mit Krieg, treiben Raubbau an der Natur oder wählen korrupte Populisten in hohe Ämter.
Was fangen wir nun in dieser Lage mit Gottes Verheißung an? „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ – wie kann das heute wahr werden? Ich denke zuerst dadurch, dass wir es für uns selber wahr sein lassen, dass wir bei unserem Gott die Zuflucht und Geborgenheit finden, die wir brauchen – jeder für sich und alle gemeinsam, beim Beten und Singen, in den tröstenden und stärkenden Worten der Bibel, im Gottesdienst, beim Abendmahl. Und wenn wir Trost gefunden haben und wieder wissen, was uns hält, dann lasst uns die Verheißung am Ende des Jesajabuchs mit der Aufforderung am Anfang verbinden: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40,1) Wo Menschen der Kopf schwirrt von all den schlimmen Nachrichten, die auf sie niederprasseln, da bringt ihnen die gute Nachricht, dass Gott sie hält und trägt. Wo Menschen nicht mehr wissen, was sie noch glauben sollen, da zeigt ihnen, dass nichts wahrer und gewisser ist als Gottes unverbrüchliche Liebe. Wo Menschen niedergedrückt sind von eigenem und fremdem Leid, da richtet sie auf und tragt ihre Last mit, wie Gott es für uns alle getan hat. Und wo Menschen von dem Gedanken beherrscht sind, dass die Welt nun endgültig zugrunde geht, da vermittelt ihnen die Hoffnung auf Gottes neue Welt, die schon längst unter uns wächst und gedeiht, wenn auch oft im Verborgenen.
Wenn ich nun zum Schluss nochmal auf das Bild von Eberhard Münch schaue, auf die leuchtende Wärme, die es ausstrahlt, dann kommt mir dazu noch ein Bild in den Sinn, das Martin Luther mal gebraucht hat: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe“. Mit so einem Backofen kann man einen großen Raum beheizen, vielleicht sogar ein ganzes Haus. Und Gottes Liebe wärmt und tröstet die ganze Welt. In diesem Sinne wünsche ich uns, dass wir heil und getröstet durch diese scheinbar trostlose Zeit kommen. Möge unsere Mutter im Himmel uns liebevoll auf den Schoß und in die Arme nehmen. Möge unser Vater im Himmel seine Augen nie von uns wenden. Und bis wir uns wiedersehen möge Gott seine schützende Hand über uns halten. Amen.
Ihr Pastor Martin Klein